Seite 2: Brandreden und Hackfleisch-Aberglaube

Die neue Alte Taktik
Zwi­schen­bi­lanz: 6 Spiele, 5 Nie­der­lagen | Brand­rede und Spie­ler­sit­zung

Es gibt Momente in einer Saison, da kann alles kippen. Nach dem fünften Spieltag ist es an der Land­wehr soweit. In Lug­inger bro­delt es, die Ein­zel­ge­spräche haben nichts gebracht. Trainer und Manager knöpfen sich nach­ein­ander die Mann­schaft vor, erklären mit deut­lich erhöhtem Laut­stär­ke­pegel, jetzt müsse wieder malocht werden. In Mün­chen spräche man von einer Brand­rede. In Ober­hausen geht es jedoch nicht um Schlag­zeilen – allein schon man­gels Bou­le­vard – son­dern um die men­tale Neu­for­mie­rung der Mann­schaft. 

Manager Hans-Günter Bruns ent­scheidet in dieser Phase, mehr Ein­fluss auf den Trainer zu nehmen. Bisher hat er davon abge­sehen, weil es ihn in seiner Zeit als Coach selbst gestört hätte. Doch warum, sagt sich Bruns, sollte man einen Neu­ling in dem Job nicht ein wenig unter­stützen? Men­to­ring“ nennt man das in großen Unter­nehmen, anderswo Lernen von den Alten“. Der Manager coacht also jetzt den Trainer, der Trainer die erfolg­lose Mann­schaft. Die Spieler müssen sich noch einmal haar­klein die 90 Minuten der letzten Nie­der­lage beim FSV Frank­furt anschauen. 

Mit Erfolg: Einigen Spie­lern geht erst da auf, wie weit sie von den Gegen­spie­lern ent­fernt standen. Es ist die Phase, in der man auch zum ersten Mal einen Spieler Trainer“ sagen hört – und nicht mehr Vor­gänger Bruns, son­dern Lug­inger ist gemeint. Im Trai­ning ändert er die Marsch­route. Er rückt ab vom selbst ein­ge­führten 4 – 4‑2-System. Externe Kri­tiker könnten ihm unter­stellen, Bruns habe jetzt doch wieder das Sagen. Das reak­ti­vierte 3−5−2 war dessen Stan­dard­system. Letzt­end­lich macht der Chef der Maloche“, wie Lug­inger im Mar­ke­ting­deutsch der Klub­krea­tiven heißt, aber alles richtig. Selbst in der zweit­höchsten deut­schen Spiel­klasse gibt es nur wenige Mann­schaften, die hinten mit einer Drei­er­kette spielen. Wenn aber jemand mit dieser For­ma­tion auf­läuft, fehlen den meisten Teams die spie­le­ri­schen Mittel, um erfolg­reich zu reagieren. 

Zur glei­chen Zeit beweisen die Säulen der Mann­schaft, dass sie eben­falls ver­ant­wort­lich han­deln können, zumin­dest außer­halb des Platzes. Benny Rei­chert, Ter­ra­nova und Markus Kaya trom­meln die Mann­schaft in der Kabine zusammen. Die Spieler sagen sich die Mei­nung offen ins Gesicht, es fallen ehr­liche, bis­weilen harte Worte. Die jün­geren Kol­legen haben Kaya schnell als obersten Motzki aus­ge­macht. Was nun pas­siert, ist bemer­kens­wert: Der Füh­rungs­spieler akzep­tiert die interne Kritik und gelobt vor der Voll­ver­samm­lung Bes­se­rung. Was Bruns anstrebte, als er in seiner Trai­ner­zeit die Spieler an der langen Leine hielt, scheint zu funk­tio­nieren. Selbst­re­gu­lie­rung durch selbst initi­ierte Manö­ver­kritik – ein über­trag­bares Exempel? In Ober­hausen funk­tio­niert es auch, weil die meisten Spieler aus NRW stammen oder der deut­schen Sprache mächtig sind. So hat es Bruns vor­ge­geben, als er den Klub 2006 seiner Erzie­hung unter­warf.

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Spieler und Frauen im Theater: Der Prä­si­dent steht als chi­ne­si­sche Schlampe“ auf der Bühne.

Dominik Asbach

Ich kenne 20 bes­sere Maß­nahmen, als den Trainer zu ent­lassen“

Heim­spiel mit Hack­fleisch
Die Wende: 2:1 gegen den Spit­zen­reiter aus Kai­sers­lau­tern | Der Kapitän kehrt zurück
Wie eng die Bande unter­ein­ander sind, zeigt sich auch daran, dass die Mann­schaft zusammen ins Theater geht: in Kalte Colts und heiße Herzen“, das neue Thea­ter­stück des Prä­si­denten. Fünf Spieler treffen sich zudem regel­mäßig, um gemeinsam zu kochen. Frei­tag­abend sitzen Dimi Pappas, Musa Celik und Ben­jamin Schüßler bei den Rei­chert-Brü­dern am Küchen­tisch und kneten Hack­fleisch, auch vor dem Spiel gegen Kai­sers­lau­tern. Ein Glücks­ri­tual aus der letzten Saison. Damals wurde nach gemein­samer Ham­burger-Zube­rei­tung fast immer gewonnen. Pappas ist beson­ders aber­gläu­bisch: Er trägt schon mal Unter­hosen, die er auch beim letzten Sieg anhatte. 

Manager Bruns lässt sich von ersten internen Miss­tönen nicht irri­tieren. Er hat solche Situa­tionen im Fuß­ball schon zigmal erlebt. Ihn regen die Fans maßlos auf, die im Inter­net­forum des Klubs bereits nach wenigen Wochen gegen den Trainer und das Gesamt­kon­zept schießen. Er sagt: Jemanden, der ›Trainer raus!‹ ruft, würde ich aus dem Sta­dion schmeißen!“ Am Sonntag vor dem Spiel gegen Kai­sers­lau­tern läuft alles wie immer: Erst um 12:45 Uhr treffen sich die Spieler im Sta­dion, 75 Minuten vor Anpfiff. Kein Gedanke daran, vor einem Heim­spiel in ein Hotel abzu­tau­chen oder zusammen Mittag zu essen. 40 Minuten vor dem Spiel beginnt das Warm­laufen, zehn Minuten vorher spricht der Trainer. 

Manchmal muss ein Kol­lege Pappas auch noch sagen, wie sein heu­tiger Gegen­spieler heißt. In der Kabine wird gerne geflachst, dass der Deutsch-Grieche kaum einen Spieler in der zweiten Liga kenne. So kommt er gar nicht erst auf die Idee, zu respekt­voll bei der Grät­sche vor­zu­gehen. Kai­sers­lau­tern macht es ihnen an diesem Nach­mittag leicht. Semmler ist über­rascht: Der Spit­zen­reiter lässt die Heim­mann­schaft gewähren, spielt selbst nur lange Bälle. Mit der Gran­dezza des jungen Becken­bauers treibt Benny Rei­chert den Ball vor sich her, sorgt bei seinem Come­back dafür, dass end­lich wieder ein Spiel­aufbau statt­findet. Zuvor war die Leder­kugel hinten bevor­zugt raus­ge­dro­schen worden. Dass der Kapitän die Deckung sta­bi­li­siert, macht allen Mut. Es ist noch immer nicht so, dass man ange­kommen wäre im Pro­fi­fuß­ball, aber es fühlt sich irgendwie besser an. Die Mög­lich­keit, die wir jetzt haben“, sagt Markus Kaya, hat uns der liebe Gott geschenkt.Die dürfen wir nicht ein­fach so her­geben.“

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Sport­vor­stand Thomas Dietz und Manager H.G. Bruns als stille Beob­achter.

Dominik Asbach

Schluss mit lieber Herr Lugi“
Aus­wärts­sieg bei 1860 | Die Eman­zi­pa­tion von Bruns voll­zieht sich
Der Trainer ist wieder lockerer drauf. Es war zwar Kon­sens, den Coach auch nach fünf wei­teren Nie­der­lagen nicht infrage zu stellen – doch Lug­inger hat dem Braten nicht getraut. Im rechten Moment kann er sich auf die Mit­wir­kenden ver­lassen. Der Prä­si­dent bleibt bei der ver­ein­barten Linie, ver­breitet offensiv die Bot­schaft: Ich kenne immer 20 bes­sere Maß­nahmen, als den Trainer zu ent­lassen.“

Die Geduld zahlt sich aus: Das Trai­ning ist inten­siver als zu Bruns’ Zeiten. Noch unter­schied­li­cher ist, wie sich die beiden am Spiel­feld­rand ver­halten. Wäh­rend Bruns bereits auf dem Trai­ner­stuhl für die Buddha-Nach­folge trai­nierte, ver­än­dert sich das Coa­ching von Lug­inger: In den ersten Spielen lässt er die Nacken­schläge fast regungslos über sich ergehen. Mög­li­cher­weise hat er sich in dieser Phase zu sehr an mir ori­en­tiert“, sagt Bruns später. Die Trai­ner­wer­dung ist im Spiel gegen den FC Augs­burg zu beob­achten. Lug­inger ent­scheidet an diesem Abend, dass er von außen mehr ein­greifen muss, weil seine uner­fah­rene Mann­schaft mehr Hil­fe­stel­lung braucht. Er will das nach außen sichtbar machen. Mitten in der zweiten Halb­zeit tritt er einen Taxofit“-Koffer um, der vom Mas­seur lachend wieder auf­ge­hoben wird.

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Trai­nings­la­ger­ri­tuale: die Pool­taufe der Neuen

Dominik Asbach

Mono­tonie & Trai­nings­alltag
Win­ter­pause: Trai­nings­lager im Hotel Alfamar“ in Alb­ufeira / Por­tugal
Sonst sorgt Thomas Dietz stets mit harter Hand dafür, dass nie­mand, der dort nichts zu suchen hat, mit im Mann­schafts­hotel näch­tigt. Wir sind ja keine Schau­stel­ler­truppe“, sagt der Sport­vor­stand, nachher haben wir den halben Auf­sichtsrat und die Spon­soren mit an Bord.“ Wäh­rend in der Punk­te­serie abge­schottet wird, demons­triert der Klub im Trai­nings­lager aber unge­wöhn­liche Basis­nähe. Nicht nur der Pres­se­spre­cher ist mit dabei, auch die Fans wohnen im selben Hotel wie die Spieler: Ich kann mir nicht vor­stellen, dass es das bei anderen Pro­fi­mann­schaften gibt“, sagt Kaya. 

In den acht Tagen des Trai­nings­la­gers in Por­tugal hat die gute, alte Lie­ge­stütze Hoch­kon­junktur, auch 29 Spring­seile werden groß­zügig ein­ge­setzt. Mor­gens beginnt alles mit einem Strand­lauf, an Vor- und Nach­mittag folgt jeweils eine län­gere Trai­nings­ein­heit, abends stehen Mas­sage und Pflege auf dem Pro­gramm, wahl­weise an der Bar oder an der Play­sta­tion. Und so geht es jeden Tag. Die Spieler laufen unge­niert mit Stol­len­schuhen – oder auch mal nackt – durch die ste­rilen Hotel­flure. Wäh­rend Novize Moritz Stop­pel­kamp rituell in den Hotel­pool gestoßen wird, liegt Benny Rei­chert auf der Mas­sa­ge­liege mit Meer­blick und träumt bereits vom idealen Sai­son­ab­schluss. 

Er sagt: Dann geht’s nach Malle, schön am Strand rum­liegen und Schampus trinken!“ Die ersten Buchungen werden schon in diesen Tagen getä­tigt. Pappas ist Kas­sen­wart, Kaya bucht die Flüge, Tim Rei­chert blockt die Zimmer. Doch letzt­end­lich ist es wie überall: Längst nicht alle wissen, gegen wen das erste Test­spiel steigt, dabei hätte ein Blick auf die RWO-Home­page genügt. Lütt­mann bedient sich abends zuvor am Büffet und fragt über­rascht: Was, wir haben morgen ein Spiel, gegen wen denn?“ Je länger das Trai­nings­lager dauert, desto größer werden die Beschwerden über das Essen. Zeug­wart Gert Lan­ders spricht längst von der Kaserne Alfamar“. 

Ter­ra­nova tele­fo­niert nur einmal am Tag mit seiner Frau. Man hat sich ja eh nichts zu sagen, ist hier halt doch nur auf dem Trai­nings­platz.“ Sören Pirson, die neue Nummer eins, muss seine Freundin am Telefon sogar fragen, was für ein Wochentag eigent­lich gerade sei. Einer der jün­geren Spieler sitzt abends in seinem Hotel­zimmer, chattet über ein Flirt-Portal mit einer unbe­kannten Schön­heit und ver­ab­redet sich mit ihr für nach dem Trai­nings­lager – nicht allein zum Händ­chen­halten. Nach acht Tagen voller Trai­ning und Tris­tesse gibt es keinen, der sich nicht auf die Heim­kehr freut. Fuß­ball­profi mag ein Traum­beruf sein, im Trai­nings­lager ist er es nicht.