11FREUNDE wird 20!

Kommt mit uns auf eine wilde Fahrt durch 20 Jahre Fuß­ball­kultur: Am 23. März erscheint DAS GROSSE 11FREUNDE BUCH“ mit den besten Geschichten, den ein­drucks­vollsten Bil­dern und skur­rilsten Anek­doten aus zwei Jahr­zehnten 11FREUNDE. In unserem Jubi­lä­ums­band erwarten euch eine opu­lente Werk­schau mit unzäh­ligen unver­öf­fent­lichten Fotos, humor­vollen Essays, Inter­views und Back­stages-Sto­ries aus der Redak­tion. Beson­deres Leckerli für unsere Dau­er­kar­ten­in­haber: Wenn ihr das Buch bei uns im 11FREUNDE SHOP bestellt, gibt’s ein 11FREUNDE Notiz­buch oben­drauf.

Hier könnt ihr das Buch vor­be­stellen.

Außerdem prä­sen­tieren wir euch an dieser Stelle in den kom­menden Wochen wei­tere spek­ta­ku­läre Repor­tagen, Inter­views und Bil­der­se­rien. Den Anfang macht die Lang­zeit­re­por­tage über Rot-Weiß Ober­hausen aus dem Jahr 2008/2009.

11 Freunde Das große 11 Freunde Buch Kopie

Nach der Maloche
17. Mai 2009: Die Mis­sion ist erfüllt | RWO schafft den Klas­sen­er­halt am 33. Spieltag
Die Schlag­wörter für das letzte Heim­spiel sind auf der Flip­chart nach­zu­lesen. In der Hand­schrift von Trainer Jürgen Lug­inger steht dort: Lei­den­schaft! Sie­ges­wille! Nach dem Schluss­pfiff – Rot-Weiß Ober­hausen schlägt den SC Frei­burg mit 1:0 – dauert es nur ein paar Sekunden, bis die Fans das Spiel­feld stürmen. Der Sta­di­on­spre­cher ruft noch schnell: Passt mir auf den Benny auf, der ist an Krü­cken!“

Soviel Zeit muss sein im Schatten des Gaso­me­ters: Ben­jamin Rei­chert ist der Kapitän der Klee­blätter – und wieder mal ver­letzt. Dann kann end­lich gefeiert werden: Der Erste in der Spie­ler­ka­bine ist Stamm­tor­wart Chris­toph Semmler, der heute als zweiter Mann auf der Bank gesessen hat. Sein Jubel ist ver­halten. Er hätte gerne selbst im Tor gestanden, mehr als ein halbes Jahr nach seinem Kreuz­band­riss. Die anderen Spieler eilen hoch in den leeren VIP-Raum. Ver­tei­diger Daniel Embers, nackter Ober­körper und Bade­lat­schen, klet­tert wage­mutig aus einem Fenster und steigt auf das Sta­di­on­vor­dach. Dort erwischt ihn eine Bier­du­sche nach der anderen, wie den Front­mann bei einem Punk-Kon­zert.

Die Fans unten haben vom Klub 3000 Liter Frei­bier spen­diert bekommen. Wäh­rend Embers klatsch­nass wieder rein­klet­tert, schaut Ersatz­stürmer Julian Lütt­mann auf der anderen Seite aus dem Fenster: ins mitt­ler­weile leere Sta­dion. Ein letzter Blick zurück, er wird den Klub ver­lassen. Es gibt jetzt eigent­lich nur noch eine Frage zu klären: Wo steckt Ver­tei­diger Dimi­trios Pappas?

Aus­wei­tung der Kampf­zone

Sommer 2008: Absteiger Nummer eins | Sai­son­motto : Malo­cher­schicht, die II.“
Rot-Weiß Ober­hausen ist in den letzten beiden Jahren zweimal auf­ge­stiegen – im Eil­tempo ging es von der vierten in die zweite Liga. Im Sommer 2008 startet RWO als ärmster Zweit­li­gist in die neue Spiel­zeit, weist mit 3,267 Mil­lionen Euro den geringsten Etat aus. Der Schnitt in der Liga liegt bei acht Mil­lionen. Geld schießt Tore, sagt man – wenn das stimmt, haben sie keine Chance. 

Doch genau die wollen sie nutzen, das Unmög­liche schaffen: den Klas­sen­er­halt. Bei genauer Betrach­tung wäre es zumin­dest keine Über­ra­schung, wenn sie als ein neues Tas­mania Berlin mit einem Nega­tiv­re­kord in die Bun­des­liga-Geschichte ein­gingen. Heri­bert Bruch­hagen von Ein­tracht Frank­furt, der jedes Jahr auf die Schluss­ta­belle wettet und die Plat­zie­rungen für zemen­tiert hält, sagt: Nur fürs Pro­to­koll: RWO hat keine Chance, keine.“ Der Klub baut sich aus dem Wett­be­werbs­nach­teil ein Image, preist die Kum­pel­werte ver­gan­gener Tage. In der Ober­liga lau­tete das Motto Son­der­schicht“, im Fan-Shop gibt es neu­er­dings Mini-Malocher“-Shirts in XXS und auf dem Mann­schaftsbus steht Malo­cher­schicht, die II.“. Die zwei gekreuzten Hämmer, das Symbol der Berg­männer, gehören längst ebenso zur Cor­po­rate Iden­tity wie das ori­gi­näre Klee­blatt. 

Der Bus ist übri­gens das aus­ran­gierte Gefährt des 1. FC Köln. Die Ober­hau­sener haben ihn günstig auf­ge­kauft und neu lackiert. Kurz vor dem ersten Meis­ter­schafts­spiel treffen wir uns mit Prä­si­dent Hajo Som­mers und Manager Hans-Günter Bruns. Unsere Frage lautet: Dürfen wir den Zweit­li­ga­klub eine Saison lang begleiten? Mit dem Team ein­tau­chen in die Spie­ler­ka­bine, ins Trai­nings­lager, in den Mann­schaftsbus – in guten und in schlechten Zeiten? Zwei Tage später, zurück in Berlin, die Zusage. Die Ober­hau­sener sind zwar skep­tisch, Trainer Lug­inger regel­recht reser­viert. Womög­lich fürchtet er, dass sein Schei­tern nachher auch für jeden Außen­ste­henden sichtbar sein wird. Warum die RWO-Granden trotzdem mit­ma­chen? Sie wollen wissen, ob sie sich und ihrer Phi­lo­so­phie auch im Pro­fi­alltag treu bleiben.

Zur Geschichte

Zur Saison 2008/09 kehrte Rot-Weiß Ober­hausen nach Jahren im Ama­teur­be­reich in die zweite Liga zurück. Ober­hausen, das klang für uns in der Redak­tion nach erdiger Ruhr­pott-Romantik, nach Fuß­bal­lern, wie sie gar nicht mehr gebaut werden. Wie fragten uns, wie es wäre, so einen Klub nach der Rück­kehr ins Pro­fi­ge­schäft ein Jahr zu begleiten? Wie würden die han­delnden Per­sonen mit dem erhöhten Druck zurecht kommen? Zumal ein paar illustre Gestalten in bei RWO in der Ver­ant­wor­tung standen: Prä­si­dent Hajo Som­mers, der in der Stadt ein Theater führte, Manager HG Bruns, ein frü­herer Natio­nal­spieler, und Coach Jürgen Lug­inger, Ex-Schalke-Profi.


Redak­teur Thorsten Schaar und Foto­graf Dominik Asbach hef­teten sich für uns an die Fersen der grauen Zweit­liga-Maus. Sie lüm­melten bei Goal­getter Mike Ter­ra­nova in der Wohn­stube auf dem Sofa des frisch­be­zo­genen Ein­fa­mi­li­en­hauses. Bangten mit Spiel­ma­cher Benny Rei­chert, der immer wieder von Ver­let­zungs­sorgen geplagt wurde. Saßen mit im Teambus auf dem Weg zu Aus­wärts­spielen und ließen in der Kabine die Korken knallen, als RWO am 33. Spieltag den Klas­sen­er­halt fei­erte. Als der Klub am Bet­zen­berg auf­lief, wollte ein Ordner die 11FREUNDE-Leute erst nicht durch­lassen und fragte Ober­hau­sens Co-Trainer Oliver Adler, ob er Schaar und Ans­bach kenne. Adler geis­tes­ge­gen­wärtig: Unser Tor­wart und der Links­außen!” Unser Blick ins Innen­leben einer Pro­fi­mann­schaft am Ende der Nuller Jahre erschien in 11FREUNDE#92 im Juli 2009. Heute spielt RWO längst wieder in der Regio­nal­liga, Coach ist der dama­lige Tor­jäger Mike Ter­ra­nova.

Wir müssen auf­passen, dass wir heute nicht sechs, sieben Stück kriegen“

Sturm­frei bei Ter­ra­novas
Pokal­nie­der­lage gegen Lever­kusen | Liga-Fehl­start: 0:3 in Koblenz, 1:4 auf St. Pauli

Der RWO-Tor­jäger hat sturm­freie Bude, seine Frau ist aus­ge­flogen – prompt gon­delt die halbe Mann­schaft abends nach Gel­sen­kir­chen-Süd. Mike Ter­ra­nova hatte sie wochen­lang mit Handy-Fotos seines kürz­lich erwor­benen Ein­fa­mi­li­en­hauses genervt. Wann lädst du uns end­lich ein?“, hieß es immer wieder in der Kabine. Jetzt ist es soweit: Einen Tag nach dem Heim­sieg gegen Ingol­stadt ver­ab­reden sich die Spieler zum gesel­ligen Poke­r­a­bend bei ihm. Die Weg­be­schrei­bung des stolzen Grund­be­sit­zers ist schlicht: Das schönste Haus in der Straße“. 

Es ent­puppt sich als ein typi­scher Nach­kriegsbau, solide reno­viert. Die Innen­ein­rich­tung hat der 31-Jäh­rige neu ange­schafft: die weiße Leder­gar­nitur, Glas­vi­trinen und den obli­ga­to­ri­schen Flach­bild­fern­seher. Geht ein Fuß­ball­profi zu Ikea und sagt: Einmal alles!“ Zur Begrü­ßung wählen die Gäste ein leichtes Opfer für ihre noto­ri­schen Scherze: Ter­ra­novas Tor­jäger-Tro­phäe von der Wup­per­taler Hal­len­meis­ter­schaft, die stolz sichtbar im Wohn­zimmer steht. 

Der Stürmer ist ein vor­bild­li­cher Gast­geber, wenn auch kein erfah­rener: Er hat so viel Salz­ge­bäck ein­ge­kauft, dass er die ganze Straße ver­sorgen könnte – eine Woche lang. Bevor die Jetons – in einem Metall­köf­fer­chen mit­ge­bracht – aus­ge­teilt werden, läuft die Premiere“-Zusammenfassung vom Wochen­ende im Heim­kino. Plötz­lich sitzen da sieben RWO-Profis, die zweite Liga schauen, als wäre es nicht ihre eigene. Es ist ein biss­chen wie: Wir gucken uns mal die Großen an. Die Spieler müssen sich noch an die neue Welt gewöhnen, noch sind sie nicht ange­kommen.


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Knab­be­reien bis zum Abwinken: Mike Ter­ra­nova (r.) und Dimi Pappas rei­chen Gum­mi­bär­chen zum Poke­r­a­bend im frisch reno­vierten Ter­ra­nova-Heim.

Dominik Asbach

Gar­di­nen­pre­digt nach AC/DC
Das Mil­l­erntor auf St. Pauli ist aus­ver­kauft, die Gegen­ge­rade bebt schon vor dem Spiel. Ein ohren­be­täu­bender Lärm! Keeper Semmler will seinen Mit­spie­lern etwas zurufen, doch sie ver­stehen ihn ein­fach nicht. Vor zwei Jahren spielten sie zusammen in Spel­dorf und Straelen: vor ein paar hun­dert Zuschauern. Kein Wunder, dass die Blicke einiger angst­er­füllt sind. Dazu dröhnt AC/DC aus den Boxen.

Die Ent­schei­dungs­träger rea­li­sieren den Klas­sen­un­ter­schied auf der Tri­büne. Manager Bruns sagt nach zehn Minuten zum Prä­si­denten: Wir müssen auf­passen, dass wir heute nicht sechs, sieben Stück kriegen.“ Nach dem Schluss­pfiff sieht Vor­stand Thomas Dietz acht Profis, die ihr Trikot ehr­furchts­voll mit dem Gegner tau­schen. Er bestellt den Mann­schaftsrat ein. Ein paar Tage später sitzen fünf Spieler im Kon­fe­renz­raum der Immo­bi­li­en­firma Dietz. Auf dem Tisch steht ein Wimpel mit dem Wappen des Ring Deut­scher Makler“.

Die Zusam­men­kunft gerät zu einer Mischung aus Gar­di­nen­pre­digt und Moti­va­ti­ons­se­minar. Der Haus­herr, eine Mischung aus Frank-Walter Stein­meier (optisch) und Werner Hansch (verbal), gibt den bad cop und good cop in Per­so­nal­union. Zwei Stunden lang beschwört er die Tugenden der letzten beiden Jahre, die Kampf­stärke. Zu ver­lieren habe man in der zweiten Liga nichts, aber auch nichts zu ver­schenken. Und es sollten doch bit­te­schön alle Spieler – wie ver­trag­lich ver­ein­bart – ab sofort Uhl­sport-Schuhe anziehen oder wenigs­tens andere Logos abkleben. Die Bot­schaft seines Mono­logs: Wer Zweit­li­ga­profi sein will, muss sich auch so ver­halten.

Fluppen in der Mecker­ecke
Hajo Som­mers steht auf dem Sta­di­on­vor­platz, trägt Jeans und Turn­schuhe, wie immer. Bevor sich der RWO-Prä­si­dent in einen Anzug zwängen würde, müsste ihm schon der Himmel auf den Kopf fallen. Seit er aus dem Ober­hau­sener Unter­grund auf­ge­taucht ist, wird der ehe­mals kon­tur­lose Klub von den Medien zum St. Pauli des Ruhr­ge­biets“ ver­klärt. Ich hasse den Ver­gleich“, sagt Som­mers, der in der Anti-AKW-Bewe­gung aktiv war und das linke Jugend­zen­trum Druck­luft“ mit­ge­gründet hat. 

Er setzt sich bis heute wäh­rend des Spiels nicht auf die VIP-Tri­büne, son­dern hockt weiter auf seinem alten Platz, mit Kappe und Schal. Der Prä­si­dent geht dahin, wo es weh tut. In der Halb­zeit steht er auf der Konvent“-Tribüne mitten in der Mecker­ecke. Im Pott werden solche Dis­kus­sionen zwi­schen Prä­si­dent und Publikum unprä­ten­tiös mit einem Hömma“ ein­ge­leitet. Wäh­rend der 90 Minuten hat Som­mers immer die Hand am Tabak, raucht gerne mal 20 Selbst­ge­drehte. Wenn die Gäs­te­fans ein Feu­er­werk abfa­ckeln, denkt er an die klamme Klub­kasse und mög­liche Sank­tionen. Der Schau­spieler auf dem zweiten Bil­dungsweg gefällt sich aber durchaus in der Rolle des Schmud­del­kindes. 

Genau zwei Tage nach der Ein­rei­chung der Lizenz­un­ter­lagen, so erzählt er, habe sich ein Mit­ar­beiter aus der zustän­digen Abtei­lung bei der Deut­schen Fuß­ball Liga (DFL) bei ihm gemeldet und gefragt, ob man die Zahlen wirk­lich ernst meine. Den offi­zi­ellen Treffen der DFL bleibt Som­mers grund­sätz­lich fern. Wann sollte er die Fahrt nach Frank­furt auch ein­schieben bei seinem dop­pelten Spiel­plan? Die Tätig­keit bei RWO erle­digt der Thea­ter­mann als Nebenjob, unbe­zahlt, wie die anderen Kol­legen im Vor­stand. Die Kon­stel­la­tion beugt gewissen Über­re­ak­tionen vor und ver­hin­dert über­trie­benen Trans­fe­reifer. Die Kol­legen akzep­tieren auch, dass Som­mers im Herbst nur von acht bis zehn Uhr zu errei­chen ist, vor der Thea­ter­probe.

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RWO-Prä­si­dent Hajo Som­mers (l.) im Mecker­block:
Ich kenne immer 20 bes­sere Maß­nahmen, als den Trainer zu ent­lassen.“

Dominik Asbach

Die neue Alte Taktik
Zwi­schen­bi­lanz: 6 Spiele, 5 Nie­der­lagen | Brand­rede und Spie­ler­sit­zung

Es gibt Momente in einer Saison, da kann alles kippen. Nach dem fünften Spieltag ist es an der Land­wehr soweit. In Lug­inger bro­delt es, die Ein­zel­ge­spräche haben nichts gebracht. Trainer und Manager knöpfen sich nach­ein­ander die Mann­schaft vor, erklären mit deut­lich erhöhtem Laut­stär­ke­pegel, jetzt müsse wieder malocht werden. In Mün­chen spräche man von einer Brand­rede. In Ober­hausen geht es jedoch nicht um Schlag­zeilen – allein schon man­gels Bou­le­vard – son­dern um die men­tale Neu­for­mie­rung der Mann­schaft. 

Manager Hans-Günter Bruns ent­scheidet in dieser Phase, mehr Ein­fluss auf den Trainer zu nehmen. Bisher hat er davon abge­sehen, weil es ihn in seiner Zeit als Coach selbst gestört hätte. Doch warum, sagt sich Bruns, sollte man einen Neu­ling in dem Job nicht ein wenig unter­stützen? Men­to­ring“ nennt man das in großen Unter­nehmen, anderswo Lernen von den Alten“. Der Manager coacht also jetzt den Trainer, der Trainer die erfolg­lose Mann­schaft. Die Spieler müssen sich noch einmal haar­klein die 90 Minuten der letzten Nie­der­lage beim FSV Frank­furt anschauen. 

Mit Erfolg: Einigen Spie­lern geht erst da auf, wie weit sie von den Gegen­spie­lern ent­fernt standen. Es ist die Phase, in der man auch zum ersten Mal einen Spieler Trainer“ sagen hört – und nicht mehr Vor­gänger Bruns, son­dern Lug­inger ist gemeint. Im Trai­ning ändert er die Marsch­route. Er rückt ab vom selbst ein­ge­führten 4 – 4‑2-System. Externe Kri­tiker könnten ihm unter­stellen, Bruns habe jetzt doch wieder das Sagen. Das reak­ti­vierte 3−5−2 war dessen Stan­dard­system. Letzt­end­lich macht der Chef der Maloche“, wie Lug­inger im Mar­ke­ting­deutsch der Klub­krea­tiven heißt, aber alles richtig. Selbst in der zweit­höchsten deut­schen Spiel­klasse gibt es nur wenige Mann­schaften, die hinten mit einer Drei­er­kette spielen. Wenn aber jemand mit dieser For­ma­tion auf­läuft, fehlen den meisten Teams die spie­le­ri­schen Mittel, um erfolg­reich zu reagieren. 

Zur glei­chen Zeit beweisen die Säulen der Mann­schaft, dass sie eben­falls ver­ant­wort­lich han­deln können, zumin­dest außer­halb des Platzes. Benny Rei­chert, Ter­ra­nova und Markus Kaya trom­meln die Mann­schaft in der Kabine zusammen. Die Spieler sagen sich die Mei­nung offen ins Gesicht, es fallen ehr­liche, bis­weilen harte Worte. Die jün­geren Kol­legen haben Kaya schnell als obersten Motzki aus­ge­macht. Was nun pas­siert, ist bemer­kens­wert: Der Füh­rungs­spieler akzep­tiert die interne Kritik und gelobt vor der Voll­ver­samm­lung Bes­se­rung. Was Bruns anstrebte, als er in seiner Trai­ner­zeit die Spieler an der langen Leine hielt, scheint zu funk­tio­nieren. Selbst­re­gu­lie­rung durch selbst initi­ierte Manö­ver­kritik – ein über­trag­bares Exempel? In Ober­hausen funk­tio­niert es auch, weil die meisten Spieler aus NRW stammen oder der deut­schen Sprache mächtig sind. So hat es Bruns vor­ge­geben, als er den Klub 2006 seiner Erzie­hung unter­warf.

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Spieler und Frauen im Theater: Der Prä­si­dent steht als chi­ne­si­sche Schlampe“ auf der Bühne.

Dominik Asbach

Ich kenne 20 bes­sere Maß­nahmen, als den Trainer zu ent­lassen“

Heim­spiel mit Hack­fleisch
Die Wende: 2:1 gegen den Spit­zen­reiter aus Kai­sers­lau­tern | Der Kapitän kehrt zurück
Wie eng die Bande unter­ein­ander sind, zeigt sich auch daran, dass die Mann­schaft zusammen ins Theater geht: in Kalte Colts und heiße Herzen“, das neue Thea­ter­stück des Prä­si­denten. Fünf Spieler treffen sich zudem regel­mäßig, um gemeinsam zu kochen. Frei­tag­abend sitzen Dimi Pappas, Musa Celik und Ben­jamin Schüßler bei den Rei­chert-Brü­dern am Küchen­tisch und kneten Hack­fleisch, auch vor dem Spiel gegen Kai­sers­lau­tern. Ein Glücks­ri­tual aus der letzten Saison. Damals wurde nach gemein­samer Ham­burger-Zube­rei­tung fast immer gewonnen. Pappas ist beson­ders aber­gläu­bisch: Er trägt schon mal Unter­hosen, die er auch beim letzten Sieg anhatte. 

Manager Bruns lässt sich von ersten internen Miss­tönen nicht irri­tieren. Er hat solche Situa­tionen im Fuß­ball schon zigmal erlebt. Ihn regen die Fans maßlos auf, die im Inter­net­forum des Klubs bereits nach wenigen Wochen gegen den Trainer und das Gesamt­kon­zept schießen. Er sagt: Jemanden, der ›Trainer raus!‹ ruft, würde ich aus dem Sta­dion schmeißen!“ Am Sonntag vor dem Spiel gegen Kai­sers­lau­tern läuft alles wie immer: Erst um 12:45 Uhr treffen sich die Spieler im Sta­dion, 75 Minuten vor Anpfiff. Kein Gedanke daran, vor einem Heim­spiel in ein Hotel abzu­tau­chen oder zusammen Mittag zu essen. 40 Minuten vor dem Spiel beginnt das Warm­laufen, zehn Minuten vorher spricht der Trainer. 

Manchmal muss ein Kol­lege Pappas auch noch sagen, wie sein heu­tiger Gegen­spieler heißt. In der Kabine wird gerne geflachst, dass der Deutsch-Grieche kaum einen Spieler in der zweiten Liga kenne. So kommt er gar nicht erst auf die Idee, zu respekt­voll bei der Grät­sche vor­zu­gehen. Kai­sers­lau­tern macht es ihnen an diesem Nach­mittag leicht. Semmler ist über­rascht: Der Spit­zen­reiter lässt die Heim­mann­schaft gewähren, spielt selbst nur lange Bälle. Mit der Gran­dezza des jungen Becken­bauers treibt Benny Rei­chert den Ball vor sich her, sorgt bei seinem Come­back dafür, dass end­lich wieder ein Spiel­aufbau statt­findet. Zuvor war die Leder­kugel hinten bevor­zugt raus­ge­dro­schen worden. Dass der Kapitän die Deckung sta­bi­li­siert, macht allen Mut. Es ist noch immer nicht so, dass man ange­kommen wäre im Pro­fi­fuß­ball, aber es fühlt sich irgendwie besser an. Die Mög­lich­keit, die wir jetzt haben“, sagt Markus Kaya, hat uns der liebe Gott geschenkt.Die dürfen wir nicht ein­fach so her­geben.“

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Sport­vor­stand Thomas Dietz und Manager H.G. Bruns als stille Beob­achter.

Dominik Asbach

Schluss mit lieber Herr Lugi“
Aus­wärts­sieg bei 1860 | Die Eman­zi­pa­tion von Bruns voll­zieht sich
Der Trainer ist wieder lockerer drauf. Es war zwar Kon­sens, den Coach auch nach fünf wei­teren Nie­der­lagen nicht infrage zu stellen – doch Lug­inger hat dem Braten nicht getraut. Im rechten Moment kann er sich auf die Mit­wir­kenden ver­lassen. Der Prä­si­dent bleibt bei der ver­ein­barten Linie, ver­breitet offensiv die Bot­schaft: Ich kenne immer 20 bes­sere Maß­nahmen, als den Trainer zu ent­lassen.“

Die Geduld zahlt sich aus: Das Trai­ning ist inten­siver als zu Bruns’ Zeiten. Noch unter­schied­li­cher ist, wie sich die beiden am Spiel­feld­rand ver­halten. Wäh­rend Bruns bereits auf dem Trai­ner­stuhl für die Buddha-Nach­folge trai­nierte, ver­än­dert sich das Coa­ching von Lug­inger: In den ersten Spielen lässt er die Nacken­schläge fast regungslos über sich ergehen. Mög­li­cher­weise hat er sich in dieser Phase zu sehr an mir ori­en­tiert“, sagt Bruns später. Die Trai­ner­wer­dung ist im Spiel gegen den FC Augs­burg zu beob­achten. Lug­inger ent­scheidet an diesem Abend, dass er von außen mehr ein­greifen muss, weil seine uner­fah­rene Mann­schaft mehr Hil­fe­stel­lung braucht. Er will das nach außen sichtbar machen. Mitten in der zweiten Halb­zeit tritt er einen Taxofit“-Koffer um, der vom Mas­seur lachend wieder auf­ge­hoben wird.

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Trai­nings­la­ger­ri­tuale: die Pool­taufe der Neuen

Dominik Asbach

Mono­tonie & Trai­nings­alltag
Win­ter­pause: Trai­nings­lager im Hotel Alfamar“ in Alb­ufeira / Por­tugal
Sonst sorgt Thomas Dietz stets mit harter Hand dafür, dass nie­mand, der dort nichts zu suchen hat, mit im Mann­schafts­hotel näch­tigt. Wir sind ja keine Schau­stel­ler­truppe“, sagt der Sport­vor­stand, nachher haben wir den halben Auf­sichtsrat und die Spon­soren mit an Bord.“ Wäh­rend in der Punk­te­serie abge­schottet wird, demons­triert der Klub im Trai­nings­lager aber unge­wöhn­liche Basis­nähe. Nicht nur der Pres­se­spre­cher ist mit dabei, auch die Fans wohnen im selben Hotel wie die Spieler: Ich kann mir nicht vor­stellen, dass es das bei anderen Pro­fi­mann­schaften gibt“, sagt Kaya. 

In den acht Tagen des Trai­nings­la­gers in Por­tugal hat die gute, alte Lie­ge­stütze Hoch­kon­junktur, auch 29 Spring­seile werden groß­zügig ein­ge­setzt. Mor­gens beginnt alles mit einem Strand­lauf, an Vor- und Nach­mittag folgt jeweils eine län­gere Trai­nings­ein­heit, abends stehen Mas­sage und Pflege auf dem Pro­gramm, wahl­weise an der Bar oder an der Play­sta­tion. Und so geht es jeden Tag. Die Spieler laufen unge­niert mit Stol­len­schuhen – oder auch mal nackt – durch die ste­rilen Hotel­flure. Wäh­rend Novize Moritz Stop­pel­kamp rituell in den Hotel­pool gestoßen wird, liegt Benny Rei­chert auf der Mas­sa­ge­liege mit Meer­blick und träumt bereits vom idealen Sai­son­ab­schluss. 

Er sagt: Dann geht’s nach Malle, schön am Strand rum­liegen und Schampus trinken!“ Die ersten Buchungen werden schon in diesen Tagen getä­tigt. Pappas ist Kas­sen­wart, Kaya bucht die Flüge, Tim Rei­chert blockt die Zimmer. Doch letzt­end­lich ist es wie überall: Längst nicht alle wissen, gegen wen das erste Test­spiel steigt, dabei hätte ein Blick auf die RWO-Home­page genügt. Lütt­mann bedient sich abends zuvor am Büffet und fragt über­rascht: Was, wir haben morgen ein Spiel, gegen wen denn?“ Je länger das Trai­nings­lager dauert, desto größer werden die Beschwerden über das Essen. Zeug­wart Gert Lan­ders spricht längst von der Kaserne Alfamar“. 

Ter­ra­nova tele­fo­niert nur einmal am Tag mit seiner Frau. Man hat sich ja eh nichts zu sagen, ist hier halt doch nur auf dem Trai­nings­platz.“ Sören Pirson, die neue Nummer eins, muss seine Freundin am Telefon sogar fragen, was für ein Wochentag eigent­lich gerade sei. Einer der jün­geren Spieler sitzt abends in seinem Hotel­zimmer, chattet über ein Flirt-Portal mit einer unbe­kannten Schön­heit und ver­ab­redet sich mit ihr für nach dem Trai­nings­lager – nicht allein zum Händ­chen­halten. Nach acht Tagen voller Trai­ning und Tris­tesse gibt es keinen, der sich nicht auf die Heim­kehr freut. Fuß­ball­profi mag ein Traum­beruf sein, im Trai­nings­lager ist er es nicht.

Das Meis­ter­schafts­spiel
Rück­run­den­start: elf Punkte aus fünf Spielen | Der neue Keeper lässt Semmler ver­gessen 
RWO-Tor­wart Sören Pirson gilt als unver­dächtig, irgend­einem fal­schen Gla­mour anzu­hängen. Zum Spiel reist er schon mal mit einer blauen Karstadt“-Plastiktüte an. Beim Inter­view danach schwatzt er der Premiere“-Assistentin die Woll­decke ab: Für meinen Hund“. Ansonsten geht er jeden Mitt­woch zu Conny, die bei der Geburt offen­sicht­lich von Tana Schanzara getrennt wurde. Die Knei­pen­wirtin betreibt Hen­nings Bier­stube“ in Essen-Kray, ein öffent­li­ches Wohn­zimmer in Gel­sen­kir­chener Barock. 

Mitt­woch­abend vor dem Spiel in Kai­sers­lau­tern trifft sich Pirson dort mit seiner neuen Freundin. Sie hat zwei üppige Gyros-Teller in einer weißen Plas­tik­tüte mit­ge­bracht, von der Bude um die Ecke. Das Ein­zige, was jetzt noch fehlt, ist das Besteck. Conny sagt: Sören, hol’s dir hinter der Theke weg, du weißt ja, wo es liegt.“ Wäh­rend RWO wich­tige Punkte für den Klas­sen­er­halt sam­melt, startet Pirson eine zweite Kar­riere. Ende März hat er sich einem anderen Klub ange­schlossen, er ist jetzt Mit­glied der Dart­mann­schaft Ghost­bus­ters IV“. In der gemüt­li­chen Bier­schwemme gibt es auch die Teams Ghost­bus­ters I“, Ghost­bus­ters II“ und Ghost­bus­ters III“. Pirson muss also in der vierten Mann­schaft ran. Irgend­wann musste es ja soweit kommen. Der Schnapper“, wie man hier zum Tor­hüter sagt, ist sowieso ständig in seiner Stamm­kneipe. 

Die heu­tige Ein­heit dauert sogar länger als das Trai­ning an der Land­wehr, von 20 bis 23 Uhr. Gute Pfeile“, sagt er immer wieder bei­läufig. Das ist der gewohnte Gruß unter Dar­tern, ähn­lich dem Gut Holz“ der Kegler. Pir­sons Augen leuchten, wann immer er vom ersten Meis­ter­schafts­spiel“ spricht. Er meint die Begeg­nung am Dienstag, das Heim­spiel von Ghost­bus­ters IV. Der Termin liegt günstig: zwi­schen den Liga-Spielen gegen den 1.FC Kai­sers­lau­tern (Sonntag) und den Club“ aus Nürn­berg (Don­nerstag). Weil er jetzt noch öfter kommt, richtet er sich bei Conny gleich mal ein Spar­fach ein. Nor­male Gäste zahlen pro Besuch fünf Euro ein, Groß­ver­diener müssen zehn ablie­fern. Im Dezember wird das Geld gemeinsam auf den Kopf gehauen, dann steigt in der Kneipe die Party des Jahres. Wäh­rend Schla­ger­barde Olaf Hen­ning singt und ein wei­terer Gast in Jog­ging­hose ein­läuft, sagt der Berufs­sportler glück­lich: Bei Conny inter­es­sierts keinen, ob du Fuß­ball­profi bist oder nicht!“

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Chris­toph Semmler in der Reha: Woan­ders steht der Stamm­tor­wart schneller wieder im Tor.“

Dominik Asbach

Der Was­ser­läufer
Chris­toph Semmler hat nach seinem Kreuz­band­riss die Schat­ten­seiten des Geschäfts erlebt. Er war nur wenige Tage ver­letzt, da infor­mierte ihn schon nie­mand mehr über den Thea­ter­be­such beim Prä­si­denten. Ich wäre schon gerne mit­ge­gangen“, sagt er wäh­rend seines Auf­ent­halts in der Media-Park-Klinik in Köln. Etwa acht Wochen später, im Februar, tritt die kör­per­liche Wie­der­her­stel­lung des Stamm­tor­warts in die nächste Phase.

Um neun Uhr trifft sich Semmler mit Diplom-Sport­wis­sen­schaftler Tobias Dudeck im Kölner Zoll­stockbad. Ein typi­sches Stadtbad, der Chlor­ge­ruch ist kaum aus­zu­halten. Ein paar ältere Semester stehen im Halb­kreis beim Früh­sport zusammen, zwei Bade­meister lang­weilen sich in weißen Plas­tik­stühlen. Beim Aqua-Jog­ging im Sprung­be­cken kämpft ein Bun­des­liga-Tor­wart um seine Gesun­dung, wäh­rend neben ihm alte Frauen auf grünen Schwimm­nu­deln reiten. Der Patient hat jedoch keinen Blick für die begna­deten Körper, er ist nur auf ein Ziel fokus­siert.

Dudeck, sechs Monate lang so etwas wie sein Per­sonal Trainer, sagt, der Sport­stu­dent sei ein wiss­be­gie­riger Streber. Er wün­sche sich, jeder ver­letzte Profi würde ähn­lich für sein Come­back schuften. Er kann es beur­teilen, er hat schon mit Lukas Sin­kie­wicz, Patrick Helmes und Mat­thias Scherz gear­beitet. In jedem Muskel seines Gesichts ist zu erkennen, wie sehr sich Semmler quält. So hart der Mann mit dem blauen Aqua-Jogger-Gürtel kämpft, so wenig scheint er von der Stelle zu kommen. Er schiebt den Unter­kiefer nach vorne, pumpt die Backen auf und beißt auf die Zähne, bis das Gesicht rot anläuft. Eine Bahn von 25 Metern kann die Hölle sein, wenn man nicht vor­wärts kommt.

Für das Pro­be­trai­ning vor dem Come­back, not­wendig für die Kran­ken­ver­si­che­rung, schiebt er Extra­schichten auf einer Bolz­wiese vor dem Sta­dion in Mün­gers­dorf. Doch obwohl er am 28. Spieltag erst­mals wieder auf der Bank sitzt, wird er keinen Ein­satz mehr bekommen. Ob es über­haupt noch einmal ein offenes Duell wird, ist eben­falls frag­lich. Pirson hat sich fest­ge­spielt. Lug­inger lässt via Zei­tungs­in­ter­view mit­teilen, also nicht im per­sön­li­chen Gespräch, dass der Her­aus­for­derer im Kasten bleibt. Dass so etwas nicht unter vier Augen bespro­chen wird, emp­findet man­cher bei RWO als eine Schwäche des Trai­ners, die meisten halten es aber für normal in diesem Geschäft. Semmler akzep­tiert die Spiel­re­geln wider­willig, ver­sucht fortan, sich im Trai­ning anzu­bieten. Er sagt ent­täuscht: Woan­ders steht der Stamm­tor­wart schneller wieder im Tor.“

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Stamm­kneipe in Essen: Ersatz­tor­wart und Tre­sen­fliege Sören Pirson (Ghost­bus­ters IV)

Dominik Asbach

Wer hat schon für Mal­lorca bezahlt, wer nicht?“

Im Wach­turm des H.G. Bruns
Wäh­rend Dietz im sozialen Gefüge unter dem Spitz­namen Der weiße Hai“ fir­miert, hat Manager Bruns in Ober­hausen viele Namen. Die Spieler sagen respekt­voll der Herr Bruns“, man­cher ver­steigt sich zu einem iko­nen­glei­chen H.G. Bruns“, nur Duz­freund Dietz ver­traut auf Günter“. Liebe Kinder haben viele Namen“, sagt ein Sprich­wort. Wenn man den Sport­di­rektor im Februar 2009 in seinem Büro besucht, trifft man eher auf einen treu­sor­genden Groß­vater. 

Ein Stapel von Bewer­bungs­un­ter­lagen liegt auf seinem Schreib­tisch. Bruns küm­mert sich darum, dass die Spieler der U23-Mann­schaft ihre zweite Kar­riere nicht ver­nach­läs­sigen. Der Klub sieht die Kicker nicht als Spe­ku­la­ti­ons­ka­pital, er will Hil­fe­stel­lung geben. Das Kalkül: In der Zeit, in der ihm der Manager einen Prak­ti­kums­platz besorgt, kann sich der Spieler auf den Fuß­ball kon­zen­trieren. Der oberste Pro­jekt­leiter thront in seinem Büro über dem Trai­nings­ge­lände wie auf einem Hoch­sitz. Eigent­lich liegt der Übungs­platz direkt vor seiner Nase, doch die Fens­ter­scheiben haben 35 Jahre auf dem Buckel. Er muss in einen Neben­raum gehen, um wirk­lich etwas zu erkennen. 

Jedesmal, wenn es die Zeit erlaubt, eilt er jedoch nach unten, lehnt sich in vor­ge­beugter Hal­tung auf die Balus­trade und führt dabei einen seiner gestreiften Strick­pull­over spa­zieren. In dem Kabuff hat der pas­sio­nierte Beob­achter tat­säch­lich ein ideales Refu­gium gefunden, fernab von jeg­li­chem Medi­en­ge­töse. Wenn er doch einmal mit dem DSF“ spräche, würde das bestimmt ein häufig geklickter You­tube-Schnipsel. In diesen Tagen wird am Great Bar­rier Reef der ver­meint­lich beste Job der Welt“ ver­geben, als Ranger auf einer Luxus­insel. Unver­ständ­lich für den Manager. Er hat ihn doch längst, den besten Job der Welt. 

Gestört wird er eigent­lich nur, wenn eine der beiden Geschäfts­stel­len­damen seine Deutsch­land-Tasse mit dem Kaffee her­ein­bringt. Dass Bruns die täg­liche Trai­nings­ar­beit manchmal fehlt, sieht man nur daran, dass sein Lei­bes­um­fang wächst. Mit­ar­beiter mun­keln, er habe seit Sai­son­be­ginn über 20 Kilo­gramm zuge­legt. Strahlte er bis­lang nur die Ruhe und Weis­heit eines Bud­dhas aus, so ist er jetzt auf dem besten Weg, diese Rolle auch kör­per­lich aus­zu­füllen. Bruns, der ange­treten ist, den eta­blierten Klubs den Spiegel vor­zu­halten, stellt in dieser Zeit tri­um­phie­rend fest, dass das 3 – 5‑2-System seinen Zweck erfüllt. Er sagt: Einige Gegner können über­haupt nichts mit unserer Spiel­weise anfangen.“

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Wir haben alles – außer Kohle“: Mar­ke­ting in Ober­hausen.

Dominik Asbach

Der Spieler des Monats“
Nie­der­lage in Fürth: Auf­stiegs­träume“ geplatzt | RWO ist jen­seits von Gut und Böse
Es sind genau elf Stufen, die hin­ab­führen in die Kata­komben, in denen sich die Spieler werk­täg­lich umziehen. Wer größer ist als 1,90 Meter, läuft Gefahr, an die Decke zu stoßen. Die Tafel im Flur ist beschmiert: Wer hat schon für Mal­lorca bezahlt, wer nicht?“ Stamm­spieler Embers preist hier mit­tels einer unschein­baren Visi­ten­karte seine Dienste als Ver­si­che­rungs­ver­treter an.

Links und rechts der Tafel befinden sich die Türen der beiden Kabi­nen­räume, in einem hängt eine elek­tri­sche Dart­scheibe aus dem Super­markt. Der Stra­fen­ka­talog auf einem weißen DIN-A4-Zettel stammt noch aus der Saison 2006/07. Und das Pin-Up-Girl, sauber aus­ge­schnitten aus einer Bou­le­vard­zei­tung, schaut mitt­ler­weile auch etwas ver­gilbt aus der Wäsche. Noch schlimmer ist es um die Anti-Doping-Richt­li­nien bestellt. Die hat jemand mit unter die Dusche genommen, das rote Büch­lein ist auf­ge­quollen und es fehlen Seiten.

Wo Ober­hau­sens Kampf­spaten Dimi Pappas sitzt, ist nicht zu über­sehen. Er hat seinen Platz groß­flä­chig tape­ziert: herz­wär­mende Fan­post von Melli („Ich würde dich gerne ein biss­chen näher kennen lernen, viel­leicht bei einem Kaffee oder einer Cola?“), das her­aus­ra­gende Ergebnis der letzten Sprint­tests als Kur­ven­dia­gramm und eine Ehren­ur­kunde, für den Spieler des Monats März 2007“.

Über den Bänken befindet sich rund­herum eine Hut­ab­lage, auf der sich im Laufe der Jahre aller­hand ange­sam­melt hat: Body­builder-Pulver in großen Dosen, Chuck-Norris-DVDs und eine ver­staubte Fla­sche Fürst von Met­ter­nich“. Die Spieler sind meis­tens bereits eine Stunde vor dem Trai­ning in der Kabine und bleiben auch hin­terher gerne noch länger. Dann werden abstruse Pläne geschmiedet, etwa wenn Pappas in die Runde wirft, wie es wohl wäre, eine Cock­tailbar zu eröffnen. Man darf sich den Trash-Talk wie auf einer ewigen Klas­sen­fahrt vor­stellen – und das Team als Kum­pel­truppe. Offen­siv­spieler Markus Heppke, im Januar aus Schalke dazu­ge­stoßen, sagt: Ich war zwei Tage hier und wollte nicht mehr weg.“

Unter Tage bei Familie Lan­ders
Das fami­liäre Gefühl, das in Ober­hausen gepflegt wird, hat in einem Fall sogar einen kon­kreten Hin­ter­grund: Marcel Lan­ders trifft bei jedem Trai­ning auf seine Eltern. Die sind keine ehr­gei­zigen Ten­nis­eltern, die den Jungen über­allhin begleiten, son­dern selbst Klub­an­ge­stellte. 1986 hat Schnurr­bart­träger Gert Lan­ders als Jugend­trainer ange­fangen, 1996 wurde er Zeug­wart. Im selben Jahr heu­erte auch seine Frau bei RWO an und wäscht seither die Tri­kots. Sie sagt: Wir waren eh immer an der Land­wehr.“ Bei der Taufe des heu­tigen Zweit­li­ga­ki­ckers Marcel trug der Pastor einen RWO-Schal. 

Das Ehe­paar Lan­ders arbeitet – als wollte man dem Struk­tur­wandel trotzen – unter Tage. Ihr über­schau­bares Zeug­wart­reich schließt sich direkt an die beiden Spie­ler­ka­binen an. Sohn Marcel und Bayer 04-Leih­gabe Kim Fal­ken­berg sitzen nach dem Trai­ning mit am großen Tisch. Zwei Deutsch­land-Kaf­fee­tassen, eine Keks­dose und eine grüne Plas­tik­tisch­decke – fertig ist die Wohl­fühl-Oase. Die Lan­ders sind die guten Seelen an der Land­wehr. Anne Lan­ders sorgt bei den Profis jeder­zeit für einen zünf­tigen Nähr­stoff­haus­halt. Ihre Spe­zia­li­täten sind Fri­ka­dellen, Muf­fins und Waf­feln. 

Hinter den Lan­ders hängen zahl­reiche Fund­sa­chen aus den zurück­lie­genden RWO-Jahren: eine selbst gemalte Ter­ra­nova-Auto­gramm­karte, ein Blitzer-Foto von Pappas im alten Mer­cedes-Benz und – natür­lich – der nackte Hin­tern des Prä­si­denten, eine Szene aus seinem letzten Thea­ter­stück. Tor­wart­trainer Beh­rendt, noch in Unter­wä­sche, trinkt seinen Fil­ter­kaffee aus einem weißen Plas­tik­be­cher. Geho­bener Büro­humor trifft Schre­ber­garten-Gemüt­lich­keit. In dieser Umge­bung kann keine kühle Stim­mung auf­kommen oder gar Grö­ßen­wahn. Wer in die angren­zende Wasch­küche von Anne Lan­ders will, übt sich in Demut. Man muss unter jedem Tür­rahmen in die Knie gehen. Über einem Ein­gang hängt sogar ein Gebots­schild: Esel, duck dich!“ 

Der hin­tere Keller wird als Tro­cken­raum genutzt. Es sieht aus wie in einem U‑Boot: Hei­zungs­rohre laufen kreuz und quer durch den Raum, flan­kiert von unde­fi­nier­baren Arma­turen und Räd­chen, dazwi­schen weiße Polo-Shirts. Dass die Tri­kots kei­nes­falls mit einer schnel­leren Indus­trie­ma­schine gewa­schen werden, son­dern mit einer her­kömm­li­chen Schleuder, ist aus­nahms­weise nicht dem schmalen Budget des Zweit­li­ga­klubs geschuldet. Das stan­des­ge­mäße Modell, mit dem die übrige Bun­des­liga wäscht, ist ein­fach zu groß, um es in die engen Kata­komben zu wuchten.

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Kaf­fee­pause mit Keks­dose: Mutter, Sohn und Vater Lan­ders halten Fami­li­enrat in der Zeug­wartecke.

Dominik Asbach

Von Bushido an die Baby­wiege
Wenn man mit Jürgen Lug­inger zusam­men­sitzt, greift er gerne zur Sta­di­on­zei­tung, ver­weist auf den aktu­ellen Gegner und deutet beim Kader auf die Sparte letzter Verein“. Oft stehen dort dann große Klubs. Bei Julian Lütt­mann steht: Sport­freunde Lotte. Wenn seine Kol­legen unter­ein­ander über Abstau­ber­tore spre­chen, ver­wenden sie wie selbst­ver­ständ­lich den Begriff Lütti-Tor“.

Bei Aus­wärts­spielen und im Trai­nings­lager teilt sich Lütti“ das Zimmer mit Terra“. Er ist der klas­si­sche Ergän­zungs­spieler. Ein Indiz dafür, dass Lütt­mann den­noch ein typi­scher Fuß­baller der Spiel­zeit 2008/09 ist: der rie­sige Chro­no­graf an seinem Hand­ge­lenk, der pro­blemlos auch an einer Zim­mer­wand seinen Zweck als Zeit­aus­kunft erfüllen würde. In der Kabine ten­diert der Neid­faktor dar­über jedoch gegen Null. Kauft sich jemand ein aus­ge­fal­lenes T‑Shirt, das den all­ge­meinen Geschmacks­test besteht, trägt bald auch ein anderer so eines, womög­lich gar das­selbe.

Wer in den Sport­wagen von Lütt­mann steigt, hört Forever Young“ von Bushido und Karel Gott. Wenn das der Fuß­ball­gott wüsste! Der 26-Jäh­rige beherrscht die großen Gesten des Geschäfts: Als er im November den ent­schei­denden Treffer gegen Hansa Ros­tock erzielt, übri­gens explizit kein Lütti-Tor“, ent­scheidet er sich spontan für die Baby­wiege“ als Jubel­geste. Seine Freundin ist schwanger, wie die Kol­legen kurz zuvor bei einem Mann­schafts­abend erfuhren. Lütt­mann ist zum Ende der Hin­runde über­ra­schend RWOs bester Tor­schütze – mit vier Tref­fern. Es läuft also ver­hält­nis­mäßig gut für ihn, aber trotzdem lässt sich auch für ihn nichts Kon­kretes planen.

Schon in der dritten Liga war­tete das Manage­ment von RWO bis zum Früh­jahr, um Lütt­mann eine Ver­trags­ver­län­ge­rung anzu­bieten – für gerade mal ein wei­teres Jahr. Trotz Fami­li­en­zu­wachs bleibt das Paar vor­erst in seiner Zwei­ein­halb-Zimmer-Woh­nung. Wer weiß schon, was noch alles bis Sommer 2009 pas­siert? Solche Gedan­ken­spiele bleiben aber selbst in dieser Mann­schaft, die in Teilen oft sogar noch die Frei­zeit mit­ein­ander ver­bringt, unaus­ge­spro­chen. Über Geld wird in der Kabine nicht gespro­chen, man weiß nur das Gehalt von seinen engsten Kum­pels“, sagt Dimi­trios Pappas.

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Hier putzt der Profi noch selbst (oben): Schuh­pflege nach dem Trai­ning an der Land­wehr.

Dominik Asbach

Dem Fritz nicht sein Wetter
In Kai­sers­lau­tern erst­mals vor über 30 000 Zuschauern | Zur Beloh­nung: Pizza und Bier

Sams­tag­vor­mittag wird an der Land­wehr trai­niert, obwohl das Schild Platz gesperrt“ immer noch her­um­steht. Dann geht es unter die Dusche, anschlie­ßend ins Klub­heim. Das Essen für die Männer im Trai­nings­anzug ist keine Über­ra­schung: Es gibt Nudeln mit Toma­ten­sauce, wie immer. Koh­le­hy­drate, sagt Lug­inger. Zeug­wart Lan­ders hat genauso rou­ti­ne­mäßig den Steck­brief von Schieds­richter Robert Har­mann aus­ge­druckt. Man weiß zwar nicht, wofür es gut ist, dass jetzt alle dessen Hobbys kennen („Wirt­schaft, Lesen, Sport“), aber es wird schon irgendwie helfen. 

Im Mann­schaftsbus sind die Plätze fest ver­teilt: Vorne die Trainer und die Medi­ziner, in der Mitte das lite­ra­ri­sche Duo und hinten die Poker­spieler. Was in der Mitte wirk­lich gelesen wird, hängt von der Tages­form ab. Sören Pirson ver­schlingt The Boys From The Mersey“, ein Buch über die schlag­kräf­tigsten Liver­pool-Fans der sieb­ziger und acht­ziger Jahre. Timo Uster, sonst eigent­lich immer am Laptop, liest auf der Hin­fahrt das Män­ner­ma­gazin Maxim“, die unver­meid­liche Style-Bibel der Profis. 

Ohne Stopp geht es auf den Betze. Die Poker­profis von der Rück­bank hören noch nicht einmal auf zu spielen, als die Stadt­grenze pas­siert wird. Ist ja keine Stadt­be­sich­ti­gung hier! Oder doch? Co-Trainer Oliver Adler sagt kurz vor dem Bet­zen­berg: Jungs, schaut euch das an! Dafür spielt ihr Fuß­ball.“ Kaum im Hotel ange­kommen, schlen­dern Kim Fal­ken­berg und Chris­to­pher Nöthe zur WM-Spiel­stätte rüber. Zurück im Foyer erzählen sie Benny Rei­chert vom Ham­mer­sta­dion“. 

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Im Bauch des U‑Boots: Zeug­wart Gert Lan­ders im Tro­cken­raum in den Kata­komben an der Land­wehr.

Dominik Asbach

Betreuer Helmut Bor­mann ist sogar noch näher dran, er fährt Sonn­tag­früh wie immer vor der Mann­schaft ins Sta­dion, bestückt die fens­ter­lose Kabine mit dem not­wen­digen Gerät. Die Schuhe, ins­ge­samt 36 Paar, reiht er gründ­lich in der Dusche auf. Das Schuh­werk düns­tete sonst den ein­ge­la­gerten Fuß­schweiß dort aus, wo sich die Spieler mental vor­be­reiten sollen. Der 61-jäh­rige Betreuer, der früher als Kon­ditor, Pipe­line-Iso­lierer und Dach­de­cker sein Geld ver­dient hat, sucht sich immer einen Spieler aus, dem er ein paar Kuschel­tiere als Glücks­bringer zukommen lässt. Diesmal trifft es Marcel Lan­ders. 

Später, zurück vor dem Hotel: Bevor der Bus ange­lassen wird, spre­chen etliche Profis noch mit den Liebsten daheim. Bruns schüt­telt den Kopf und sagt: Was für uns immer das Bier am Abend war, ist für die Spieler heut­zu­tage das Handy.“ Die Hin­fahrt zum Sta­dion ist eigent­lich die kür­zeste der Saison, wird aber zur Odyssee. Auf der Fahrt­strecke von zwei Minuten kommt der Bus plötz­lich vom Weg ab, kurvt auf einmal durch das angren­zende Phi­lo­so­phen­viertel, ent­fernt sich zuse­hends weiter vom Sta­dion. Lug­inger schaut immer wieder auf die Uhr, die Stim­mung wird frostig. Als der Bus­fahrer etwas zu seiner Ver­tei­di­gung vor­bringen will, wird er abge­watscht. Der Chef der Maloche“ ruft: Drück auf die Tube, gib Gas!“ 

54 U0829

Stan­dard­si­tua­tion, auch im Fritz-Walter-Sta­dion: Die Stink­stiefel warten auf ihren Ein­satz.

Dominik Asbach

Drück auf die Tube, gib Gas!“

Mit jeder Minute, die ver­streicht, ohne dass man dem Sta­dion näher kommt, wird das Schweigen im Bus bedroh­li­cher. Man könnte eine Steck­nadel fallen hören. Es gibt einen klaren Zeit­plan, der ein­ge­halten werden muss. Letzt­end­lich braucht man für eine Ent­fer­nung von 700 Metern erstaun­liche 17 Minuten. Irgend­wann hat der Fahrer dann doch die rich­tige Zufahrt gefunden. Die Trai­nings­an­zug­träger stehen vor einem modernen Glas­aufzug, der auch in einem 5‑S­terne-Hotel hängen könnte. 

Pappas betritt etwas ungläubig die Kapsel, in der bereits ein lie­bens­wür­diger Con­cierge wartet. In der zweiten Liga muss man nicht einmal mehr selbst den Knopf drü­cken! Der Mann, der im Jahr 2007 noch in der Ober­liga spielte, wird die vier Stock­werke zur Umkleide hoch­ge­fahren: von Etage ‑4 auf 0. So schnell wie die glä­serne Kabine durch das Innere des Fritz-Walter-Sta­dions schießt, scheinen auch die letzten zwei­ein­halb Jahre ver­gangen zu sein. Bei der Platz­be­ge­hung zückt Thomas Schlieter sein Handy, dreht sich damit einmal um 180 Grad und hält den his­to­ri­schen Ort fest, an dem er erst­mals vor mehr als 30 000 Zuschauern auf­laufen wird. 

Nach dem Spiel, das mit einem beacht­li­chen 1:1 endet, geben sich die Spieler wieder gewohnt boden­ständig, ordern bei einem lokalen Pizza-Taxi einen Mann­schafts­satz Teig­waren. Hinten spielen sie Poker, vorne kreist das Fla­schen­bier. Der Manager hat den größten Durst, sagt vor jeder Bestel­lung zu Betreuer Bor­mann: Helmut, ist Wer­bung!“ Sie fahren ab diesem Wochen­ende etwas kom­for­ta­bler, erst­mals laufen an Bord Pre­miere“ und DSF“. In der Hin­runde schaute man hier noch Filme wie Bal­ler­mann 6“ auf DVD oder hörte die Bun­des­liga-Kon­fe­renz im Radio. Doch der neue Decoder ist irgendwie nicht richtig ein­ge­stellt, wes­halb abwech­selnd Trainer und Mas­seur im Gang stehen, am tech­ni­schen Gerät her­um­fum­meln und dabei wirken, als würden sich Mr. Bean und Buster Keaton als Fern­seh­tech­niker ver­su­chen. Ohne großen Erfolg: Das Bild fällt immer wieder aus. 

Immerhin, der kurze Bericht vom eigenen Spiel ist eini­ger­maßen zu erkennen. Als Ter­ra­nova gezeigt wird, wie er sich nach seinem Tor vor der FCK-Kurve Hörner auf­setzt, lacht der ganze Bus. Eine Stim­mung wie im Samba-Zug. Doch wieder einmal ist es ein Bei­trag, der sich primär am FCK ori­en­tiert. Markus Heppke äußert von hinten Medi­en­kritik: Mensch, jetzt sag doch auch mal etwas über RWO!“

Der Natio­nal­spieler
Nie­der­lagen gegen Nürn­berg und Ros­tock | Mit­glie­der­kam­pagne 1904“ startet
Seit zwei­ein­halb Jahren tin­gelt RWO-Ver­tei­diger Timo Uster als Lob­byist durch Ober­hausen. Dietz baut ihn zum Mar­ke­ting­mann auf. Uster macht seinen Job, wie man es von ihm auf dem Platz gewohnt ist: über­legt, kom­pe­tent, intel­li­gent. Im Gespräch streut er zwi­schen­durch ein paar Fach­aus­drücke ein, die den Ein­druck fes­tigen, dass er gut auf­ge­stellt“ ist. Wäh­rend andere Spieler vor allem für die eigene Zeit nach der Kar­riere planen, ist die Per­spek­tive von Uster eng mit dem Klub ver­zahnt. 

Bereits jetzt besitzt er ein eigenes Büro an der Land­wehr, direkt neben dem des Pres­se­spre­chers. Er küm­mert sich um die Mit­glie­der­ver­wal­tung. Wäh­rend Ter­ra­nova und Kaya aus­wärts in der Hotelbar ihr kleines Bier trinken, trifft man Uster alleine in der Lobby. Immer mit dabei: sein Laptop. Ein Kol­lege, der zufällig vorbei schlen­dert, ruft: Timo, lebst du eigent­lich noch? Wir sehen dich gar nicht mehr.“ Uster hat mit 34 Jahren sein Debüt in der zweiten Liga gefeiert, es war ein Geschenk des Him­mels. Dass er noch einmal in dieser Spiel­klasse spielen würde, war so rea­lis­tisch wie Lothar Mat­thäus als Bay­ern­trainer. 

Er outet sich als Jünger der Glau­bens­lehre von Buddha Bruns, ist dankbar, im hohen Fuß­bal­ler­alter noch etwas gelernt zu haben. Wäh­rend er mit Ober­hausen von der vierten in die zweite Liga klet­terte, hat er sich auf ein Aben­teuer ein­ge­lassen. Als Ex-Profi Antoine Hey gam­bi­scher Natio­nal­trainer wurde, klin­gelte bei Uster eines Tages das Telefon. Seine Groß­el­tern stammen aus Gambia. So reiste der Spät­be­ru­fene wäh­rend der Ober­liga-Saison 2006/07 als Nomi­nierter zu zwei Län­der­spielen, nach Luxem­burg und Saudi-Ara­bien. Ein ein­ma­liges Erlebnis, doch wegen der Dop­pel­be­las­tung“ trat er als Natio­nal­spieler im Anschluss an die beiden Spiele gleich wieder zurück. Seine letzte Ver­trags­ver­län­ge­rung hat er mit Dietz münd­lich ver­ein­bart. Nur weil die DFL irgend­wann ein Schrift­stück sehen wollte, wurde das Ganze dann doch noch schrift­lich fixiert. Er sagt: Ich hätte auch ohne Ver­trag gespielt.“ 

Uster arbeitet gerade an einem Gut­schein­heft für RWO-Mit­glieder. Die aktu­elle Mit­glie­der­kam­pagne heißt: Wir geben alles – für 1904 Mit­glieder.“ 1904 ist das Grün­dungs­jahr von Rot-Weiß Ober­hausen. Zuletzt ist die Kam­pagne sehr erfolg­reich gelaufen. Sehr erfolg­reich heißt in Ober­hausen, dass sie 60 neue Mit­glieder brachte. Der aktu­elle Zwi­schen­stand liegt irgendwo zwi­schen 1100 und 1200. Das ist selbst in einer 220 000-Ein­wohner-Stadt reich­lich wenig, wie Uster zugibt. Er gibt sowieso nie­manden, der irgend­wel­chen Uto­pien hin­ter­her­läuft. Er sagt: Irgend­wann werden auch in Ober­hausen die nor­malen Gesetze des Geschäfts greifen.“

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Die Lümmel von der letzten Bank: der Mann­schaftsbus als rol­lendes Casino.

Dominik Asbach

Das Kaf­fee­kränz­chen
Der Geschäfts­führer geht von Bord | Trick­se­reien mit der DFL
Das Theater von Hajo Som­mers war früher ein Hal­lenbad. Wo einst vom Becken­rand gesprungen wurde, schwingt der Prä­si­dent heute selbst den Wisch­mopp und besei­tigt die Spuren des Vor­abends. Hinter der Theke hat er bereits Fil­ter­kaffee auf­ge­setzt, als der Manager um zehn Uhr die Bühne betritt. Som­mers und Bruns treffen sich seit zwei­ein­halb Jahren vor jedem Heim­spiel hier im Ebertbad, meis­tens zwei Tage vorher. Die Tages­ord­nungs­punkte lauten: Kaf­fee­trinken unter dem Kron­leuchter, herz­li­ches Läs­tern über Vor­stand und Auf­sichtsrat sowie Spieler in die Pfanne kloppen“. 

Das Treffen ist also das Gegen­teil einer tro­ckenen Sit­zung, ein iro­ni­scher Spruch jagt den nächsten und nichts dringt nach außen. Der Gast­geber nutzt die exklu­sive Gesprächs­si­tua­tion, um etwas über Fuß­ball zu lernen. Er sagt: Raute war für mich eigent­lich immer ein Blatt aus der vierten Klasse.“ Wäh­rend Som­mers groß­zügig Kaffee nach­schenkt, erzählt Bruns vom Spiel auf dem Bet­zen­berg, von Spiel­sys­temen und Jubel­gesten. Som­mers hat heute aber andere Pro­bleme. Es gibt wieder einmal Stress mit den Frank­fur­tern. Die DFL hat den Klub ges­tern ange­schrieben und gebeten, einmal zu erklären, wo denn der Geschäfts­führer abge­blieben sei. Denn RWO-Geschäfts­führer Gerd Kehr­berg hat das Hand­tuch geworfen. Bereits im Februar sagte er: Ich weiß nicht, ob ich hier noch gebraucht werde. Der Klub ver­trägt keine sechs Häupt­linge.“ 

Die Wahr­heit ist: Er hatte nie eine Chance bei RWO. Die Vor­stands­herren sind selbst viel zu sehr ins Tages­ge­schäft ver­wi­ckelt. Wäh­rend der Saison bekommt man zu hören: Wenn du den Kehr­berg fragst, kannst du auch den Platz­wart fragen.“ Der Mann, der ohnehin nur einen Hono­rar­ver­trag als externer Berater besessen hat, widmet sich längst einer neuen Geschäfts­idee. Pünkt­lich zur WM 2010 hat er sich die Lizenz für die Vuvu­zela gesi­chert, die afri­ka­ni­sche Plas­tik­trom­pete. Er wit­tert einen Erfolg ähn­lich wie mit den Deutsch­land-Fähn­chen zur WM 2006, will nicht weniger als zehn Mil­lionen Trom­peten für 27 Länder fer­tigen. Es scheint fast so, als wolle der vor­mals nor­malste RWO-Funk­tionär am Ende doch noch mit seinen schrul­ligen Ex-Kol­legen kon­kur­rieren. Prä­si­dent Som­mers impro­vi­siert. 

Kur­zer­hand wird die Geschäfts­stel­len­lei­terin auf dem Papier beför­dert, zur füh­renden Geschäfts­stel­len­lei­terin“. Ob die DFL diese For­mu­lie­rung schlu­cken wird, steht auf einem anderen Blatt. In Ober­hausen wird jeden­falls kein Geschäfts­führer mehr ein­ge­stellt, zumin­dest solange Som­mers und Kol­legen das Sagen haben. Heute kommen die beiden Kaf­fee­tanten, wie immer in bester Plau­der­laune, plötz­lich auf das Thema, wann die Füh­rungs­crew denn eigent­lich zurück­treten müsse. Som­mers zieht an seiner Selbst­ge­drehten und sagt: Eigent­lich müsste ich genau jetzt auf­hören.“ Bruns schlägt vor: Oder viel­leicht sollten wir nächstes Jahr noch in die erste Liga auf­steigen. Dann haben wir es wirk­lich allen gezeigt, dann hören wir auf!“ Schal­lendes Gelächter.

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Nach­hilfe vor jedem Heim­spiel: Hans-Günter Bruns und Hajo Som­mers im Ebertbad.

Dominik Asbach

Der Klub ver­trägt keine sechs Häupt­linge“

Will­kommen in Bennys Biotop!
Benny Rei­chert, der Kapitän von RWO, wohnt in einer ehe­ma­ligen Berg­bau­di­rek­toren-Villa, und äußerst ver­kehrs­günstig. Nur die Konrad-Ade­nauer-Allee trennt das elter­liche Haus von Schloss Ober­hausen, Kai­ser­garten und Sta­dion Nie­der­rhein. Der Sohn ist mitt­ler­weile 25 Jahre alt und lebt immer noch daheim. Seine Hobbys heißen: Fuß­ball, Familie und Coun­ter­strike“. 

Einst reprä­sen­tierte er die Speer­spitze der bun­des­deut­schen Ego-Shooter-Szene, unter dem Pseud­onym Kane“. Sie waren ein Clan damals, wie das unter Elek­tro­sport­lern heißt, welt­weit bekannt, welt­weit unter­wegs. Wenn man in der Saison 2008/09 das hei­me­lige Domizil des Profis betritt, steht man sofort im geräu­migen Wohn­zimmer. Vater Rei­chert liest gerade den Sport­teil der Bild“-Zeitung, Mutter Rei­chert klebt Zei­tungs­ar­tikel in ein Foto­album. Die kleine Bil­der­ga­lerie, die ent­lang der Kel­ler­treppe ange­bracht ist, beginnt mit einem Wer­be­plakat für ein RWO-Match. Motiv: der nackte Hin­tern des Prä­si­denten. Wäh­rend der Kapitän die erste Etage bewohnt, leben zwei Mit­spieler – Bennys Bruder Tim und Kim Fal­ken­berg – in den Gar­ten­hütten, die in ihrer Art an den Bun­galow des Acht­ziger-Jahre-Ermitt­lers Magnum erin­nern. 

Fal­ken­berg, vor der Saison aus Lever­kusen an die Emscher gewech­selt, hat seine Ein-Zimmer-Laube mit Fami­li­en­an­schluss“ gar nicht erst für ein län­geres Bleiben ein­ge­richtet. Ein ein­zelner Bil­der­rahmen mit dem Foto seiner Freundin steht auf der Fens­ter­bank. T‑Shirts und Socken liegen gewa­schen, gefaltet und gesta­pelt auf dem Glas­tisch. Im Ein­gangs­be­reich hängt eine Krei­de­tafel, die an die nächsten Ter­mine bei der Sport­för­der­kom­panie der Bun­des­wehr erin­nert – und an aus­ste­hende Prä­mien aus Lever­kusen. Der U20-Natio­nal­spieler, ein typi­scher Per­spek­tiv­spieler der Marke Bruns, ist im Sommer als Nach­mieter von Dimi Pappas ein­ge­zogen, der eine andere Woh­nung gefunden hat. Pappas wohnt jetzt über dem RWO-Fan-Shop. Der Start­vor­teil für die tem­po­rären Unter­mieter in der Gar­ten­ko­lonie liegen auf der Hand: Wer in der Spieler-WG lebt, ist schneller inte­griert. Rei­chert und Pappas teilten sich sogar den PKW: einen alten Mer­cedes-Benz.

Pokern mit Angelo Vier
Heim­nie­der­lage gegen Wehen-Wies­baden | Der Manager streitet sich mit Spie­ler­be­ra­tern

Angelo Vier, der Berater von Leis­tungs­träger Benny Rei­chert, steht am Trai­nings­platz an der Land­wehr. Prompt ist der Ex-RWO-Profi von alten Kol­legen umringt: Mann­schafts­arzt und Mas­seur fragen nach Zustand von Schulter und Knie. Zwi­schen­durch winkt ihm die füh­rende Geschäfts­stel­len­lei­terin. Und nach dem Trai­ning geht kaum ein Spieler an ihm vorbei, ohne ihn zu begrüßen. 

Das Trai­ner­team ver­weilt etwas länger, macht gute Miene zum geschäf­tigen Spiel. Schließ­lich ist Vier gekommen, um ihnen even­tuell den Kapitän weg­zu­nehmen. Manager Bruns sagt: Ich habe in all den Jahren im Fuß­ball gelernt: Jeder ist zu ersetzen. Aber wenn der Benny gehen würde, würde mich das per­sön­lich treffen.“ Das erste Gespräch mit dem Kapitän haben Bruns und Dietz gemeinsam geführt, beim zweiten sitzen nur Sport­vor­stand und Spieler zusammen. Rei­chert bekommt – ebenso wie die anderen Stützen Fal­ken­berg und Tim Kruse – eine lockere Frist von drei Wochen gesetzt. Solange sei das Ver­trags­an­gebot gültig. 

Dietz hat seine Haus­auf­gaben gemacht, fährt anschlie­ßend in den Urlaub. Doch kurz nach dem Kai­sers­lau­tern-Spiel weiß Rei­chert immer noch nicht, was er machen soll. Tauscht er die Boden­stän­dig­keit und die Freunde, die er in seiner Hei­mat­stadt hat, gegen die sport­liche Per­spek­tive eines anderen, eines auf­stre­benden Zweit­li­gisten? Wohin wech­selt jemand, der mit 25 Jahren den Status eines Charly Körbel besitzt? Und wech­selt er über­haupt? Einer der Bosse sagt zuver­sicht­lich: In Ober­hausen ist er bei den Mädels beliebt, außerdem ist er ein biss­chen faul – was soll er woan­ders?“ 

Und dass Angelo Vier halt gerne etwas pokere. Bruns klagt der­weil bei jeder Gele­gen­heit über sein erhitztes rechtes Ohr. Er spricht täg­lich mit min­des­tens 15 Spie­ler­ver­mitt­lern, kann sich kaum deren Namen merken. Bei den Gesprä­chen erlebt er manche Über­ra­schung: Bevor Fal­ken­berg seine Ent­schei­dung, nach Fürth zu wech­seln, offi­ziell mit­teilt, werden Bruns bereits Nach­folger für ihn ange­boten. Und wenn über diese Gerüch­te­börse bezüg­lich des Augs­burger Stür­mers Imre Szabics ein monat­li­ches Grund­ge­halt von 35 000 Euro kol­por­tiert wird, fragt sich Ober­hau­sens oberster Wer­te­ver­walter schon einmal: Haben die noch alle auf der Latte?“ 

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Jungs, wie habe ich das gemacht? – Mike Ter­ra­nova erzählt den Kol­legen nach dem Klas­sen­er­halt noch einmal anschau­lich, wie er zum 1:0 gegen den SC Frei­burg ein­netzte.

Dominik Asbach

Er rechnet dann gerne schnell zusammen, dass fünf Augs­burger Arbeit­nehmer soviel ver­dienen wie hier der ganze Kader. Wenn ihm etwas in seiner Posi­tion als Manager übel auf­stößt, dann sind das die all­täg­li­chen Unsitten des Trans­fer­ge­schäfts. Gerade hat er eine Schwarze Liste ange­legt. Darauf stehen jene Spie­ler­be­rater, die nicht mehr in Ober­hausen anrufen dürfen. Einer, der dreimal aus dubiosen Gründen abge­sagt hat, um jeweils mit anderen Klubs zu ver­han­deln, und der sich dann – kurz vor dem vierten Termin – von der Auto­bahn mel­dete („Wir sind gerade auf dem Weg zu Werder Bremen“), bekam bereits die volle Breit­seite ver­passt: Jetzt pass mal auf! Egal was pas­siert, auch wenn du Ronald­inho für 5000 Euro im Monat hast, ruf mich nie wieder an!“ 

Im nächsten Jahr soll alles anders werden, radikal anders: Dann wird in Ober­hausen jedem Spieler genau eine ein­zige Offerte unter­breitet, eine klar defi­nierte zeit­liche Frist gesetzt und dann kann sich der Spieler ent­scheiden, ob er bei RWO spielen will oder nicht. Dar­über sind sich Vor­stand und Manager einig. Was kurz nach Bruns’ Wut­aus­bruch ein­tru­delt, ist die Zusage des Kapi­täns. Benny Rei­chert ruft bei Dietz an und wil­ligt end­lich ein. Der Klub ist für ihn an seine mone­tären Grenzen gegangen. Mit Erfolg. Die Zusage kommt gerade recht­zeitig. Der Manager, in dieser Zeit unge­wöhn­lich schnell genervt, hatte näm­lich fast schon wieder den Hörer in der Hand, um dem Kapitän mit­zu­teilen, dass er end­gültig am Ende seiner Geduld sei bei diesem Ver­trags­poker. Selbst wenn ihm das per­sön­lich beson­ders weh getan hätte! Hans Günter Bruns geht es – wie so oft – auch ums Prinzip.

Ich erkenne den Kaya ja gar nicht mehr wieder“

Spiel­ana­lyse bei Turn­vater Jahn
Lug­inger sitzt in seiner Trai­ner­ka­bine. Es ist eine dieser Kabinen, in denen sich früher Schul­klassen umge­zogen haben, bevor es zu den Bun­des­ju­gend­spielen ging, getrennt nach Geschlech­tern. Etwa zehn kleine Jungs oder Mäd­chen mit­samt ihrer Turn­beutel fänden hier Platz. In der Mitte steht ein breiter Schreib­tisch, an der Wand hängt ein Spiel­feld der Firma Top Coach“: mit elf roten und elf gelben Magneten. Eine wei­tere Magnet­wand weist aus, welche Spieler der­zeit im Trai­ning und welche abwe­send oder ver­letzt sind. Der Fern­seher hat höchs­tens ein Fünftel der Maße von Ter­ra­novas Heim­kino und stammt aus einer Zeit, als Bruns noch unter Franz Becken­bauer in der Natio­nalelf auf­lief. Es riecht muffig, wie es in feuchten Umklei­de­ka­binen nun einmal riecht. 

Jeden Tag ziehen sich hier Trainer, Co-Trainer und Tor­wart­trainer gemeinsam um und suchen nach dem absol­vierten Pensum die Nass­zelle auf. Die sport­liche Duft­note, die Lug­inger nach der heu­tigen Dusche auf­ge­legt hat, wirkt wie ein Raum­er­fri­scher. Seine Mann­schaft schien schon gerettet – dann folgte eine kraft­lose Schwä­che­pe­riode, gekrönt von der Heim­nie­der­lage gegen Wehen-Wies­baden, den abge­schla­genen Tabel­len­letzten. Was in diesem Spiel nicht gelang, muss am 33. Spieltag gegen Frei­burg funk­tio­nieren. Die letzten Punkte müssen her. Im abschlie­ßenden Sai­son­spiel geht es nach Mainz! 

Lug­inger ist mit der Spiel­vor­be­rei­tung beschäf­tigt, diesmal sind es vier Flip­charts, mit Filz­stift hand­schrift­lich beschrieben. Inhalt: die geg­ne­ri­sche Mann­schafts­auf­stel­lung, die tak­ti­sche For­ma­tion, Dreier- oder Vie­rer­kette. Bei hünen­haften Gegen­spie­lern ist mit­unter auch die Kör­per­größe aus­ge­wiesen. Ach­tung: kopf­ball­stark. Wer den Trainer einmal beim Ein­richten der ein­zelnen Sta­tionen für ein Zir­kel­trai­ning beob­achtet hat, der weiß, wie akri­bisch er sein kann. Im Trai­nings­lager hatte sein Team den VfB Stutt­gart eine Halb­zeit lang an die Wand gespielt, zur Halb­zeit 2:0 geführt. Es funk­tio­nierte alles, was er in den Tagen zuvor mit der Mann­schaft ein­geübt hatte. 

Erst als am Ende munter aus­ge­wech­selt wurde und Bastürk und Simak die Fäden ziehen konnten, verlor man schließ­lich noch mit 2:3. Nach dem Spiel plauschte er von Jung­trainer zu Jung­trainer mit Markus Babbel, stellte sich dann den Fragen der drei mit­ge­reisten Jour­na­listen. Frage: Es gibt ja viele Trainer, die im Trai­nings­lager lieber ver­lieren…“ Ant­wort: Was sind das für Trainer? Ich will immer gewinnen.“ Einer seiner größten Erfolge in dieser Saison ist, dass er einen Schlüs­sel­spieler zurück in die Spur gebracht hat. 

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Der durs­tige Mann: Wäh­rend im VIP-Zelt bereits gefeiert wird, kämpft Malo­cher Dimi Pappas um 90 Mil­li­liter.

Dominik Asbach

In der Hin­runde hatte er Markus Kaya kurz­zeitig auf die Bank ver­bannt, weil er nicht gut trai­nierte. Kurz vor Sai­son­ende sagt Kaya, ganz geleh­riger Schüler: Ich habe damals ver­standen, dass ich Gas geben muss, dass ich in jedem Trai­ning und in jedem Test­spiel zeigen muss, was ich kann.“ Mitt­ler­weile ist er mit sieben Tref­fern der beste Tor­schütze der Ober­hau­sener.

Er ist der Spieler, der auch im Spiel immer wieder mit den Kol­legen spricht, ihnen wei­ter­hilft, ein Erfolg der kon­tro­versen Mann­schafts­sit­zung nach dem fünften Spieltag. Wäh­rend Ter­ra­nova schreit, um die Mann­schaft zum Erfolg zu bringen, bevor­zugt Kaya mitt­ler­weile die ruhige Ansprache. Ein Erst­liga-Trainer ruft in diesen Tagen ver­wun­dert bei Lug­inger an und sagt: Ich erkenne den Kaya ja gar nicht mehr wieder.“ Ein wei­terer kluger Schachzug von Lug­inger war es, Oliver Adler, einst Kult­spieler in Ober­hausen, als Co-Trainer zurückzuholen.Er gilt intern bald als der beste Psy­cho­loge.

Bier­du­schen & Doping­proben
Immer mehr Spieler finden den Weg vom Innen­raum in die weiß geka­chelte Kabine. Es dauert ewig, bis das erste Pils-Tablett her­ein­ge­tragen wird. Bier­freund Bruns läs­tert schon: Im letzten Jahr in Berlin stand zu dem Zeit­punkt schon alles 20 Zen­ti­meter unter Wasser.“ Es braucht einige Minuten, bis der Klas­sen­er­halt in den Köpfen ankommt. Die Spieler sitzen mit ihren roten Klas­sen­er­halts-Shirts auf den Bänken, nur Kim Fal­ken­berg trägt noch das RWO-Trikot. Schüs­sler und Embers schalten als Erste in den Fei­er­modus. 

Nach 15 Minuten rela­tiver Stille steigt der Laut­stär­ke­pegel. Büro­kauf­mann Embers ist es vor­be­halten, den ersten 0,3‑Liter-Plastikbecher von hinten über das Haupt des Trai­ners zu schütten. Lug­inger steht später minu­ten­lang unter dem fest instal­lierten Haar­trockner, wie man ihn aus Hal­len­bä­dern kennt. Wäh­rend Benny Rei­chert, der sich beim letzten Spiel in Duis­burg wieder einmal schwer ver­letzte, die Kabine mit Krü­cken betritt und mit einem aus­ge­las­senem Happy Bir­thday“ begrüßt wird, sitzt Unter­mieter Fal­ken­berg voll­kommen kon­ster­niert in einer Ecke. Sein Blick geht ins Leere. Er hat gerade erfahren, dass sein neuer Klub Greu­ther Fürth nicht in die erste Liga auf­steigen wird. Schon wieder nicht“, feixt Bruns in sicherer Ent­fer­nung. 

Der Manager ist in Fei­er­laune, sagt: Wir treffen uns am Besten erst am Samstag vor der Abfahrt nach Mainz wieder!“ Doch das ist mit dem Trainer nicht zu machen. Lug­inger setzt das nächste Trai­ning für Dienstag an. Nur einer fehlt auf der großen Party: Wo ist Maxi-Malo­cher Dimi­trios Pappas? Er hatte es schon geahnt, als er jubelnd vom Platz kam. Er sah Mas­seur Andreas Münker auf sich zustürmten. Das durfte doch nicht wahr sein! Musste er denn aus­ge­rechnet heute zur Doping­probe aus­ge­lost werden? 

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Dominik Asbach

Ihm ist zwar klar, dass er nichts mehr ändern kann, aber trotzdem ist es keine freund­liche Begrü­ßung, die der Doping­arzt zu hören bekommt. Pappas schimpft wie ein Rohr­spatz. Er ist total aus­ge­pumpt und ahnt schon das Schlimmste. Und so kommt es dann auch, unwei­ger­lich. Urinstau. Wäh­rend sich Tor­wart Sören Pirson nach immerhin einer Stunde in die Truppe ein­reihen kann, ver­bringt Pappas seinen Sonn­tag­nach­mittag in einer kleinen Neben­ka­bine, zusammen mit zwei Prü­fern, einer Plas­tik­dose und letzt­lich acht Fla­schen Bier. Keiner der gewohnten Tricks half, weder das zwi­schen­zeit­liche Duschen noch das Geräusch lau­fenden Was­sers schaffen Abhilfe. 

Nur das weiße Hand­tuch umge­bunden, sitzt er noch um kurz nach 18 Uhr da, mit gla­sigen Augen, ernst­haft ver­zwei­felt. Erst zwei­ein­halb Stunden nach dem Abpfiff gelingt es ihm, die gefor­derten 90 Mil­li­liter ord­nungs­gemäß abzu­lie­fern. Der Deutsch-Grieche ist lat­ten­stramm, tau­melt durch den Kabi­nen­gang. Jung­profi Moritz Stop­pel­kamp muss ihn nach Hause bringen. Es ist bereits das sech­zehnte Mal in dieser Saison, dass sich Spieler von Rot-Weiß Ober­hausen dem Test stellen müssen. 1860 Mün­chen zum Bei­spiel wurde nur viermal aus­ge­wählt. Manager Bruns sagt: Das ist wieder typisch. Glauben die denn tat­säch­lich, dass wir den Jungs etwas in ihr Wasser mischen?“

Wir sind so, wie euer Magazin heißt, nur noch ein paar mehr“

Auf Wie­der­sehen in Bennys Biotop!
Dort, wo in dieser Saison die unge­wöhn­lichste Spieler-WG Deutsch­lands lebte, wird nach dem Klas­sen­er­halt noch weiter gefeiert: im Eltern­haus der Rei­cherts. Co-Trainer Oliver Adler erreicht am späten Sonn­tag­abend ein tele­fo­ni­scher Notruf. Er wird ange­wiesen, umge­hend 20 Cheese­burger und 20 Fla­schen Bier vor­bei­zu­bringen. Die Spieler trinken sich schon mal warm für die abschlie­ßende Tour an den Bal­ler­mann. Langsam wird man sich bewusst, was man geleistet hat. Die ver­meint­liche Witz­truppe der Liga, in der Stürmer Tuncay Aksoy in der Hin­runde nebenher als Stra­ßen­bahn­fahrer arbei­tete, hat der ganzen Branche die lange Nase gezeigt. Zweimal hin­ter­ein­ander auf­ge­stiegen, am Ende Tabel­len­neunter. 

In einer Welt von wis­sen­schaft­li­cher Spiel­ana­lyse, immer auf­wän­di­gerer Leis­tungs­dia­gnostik und lizen­zierter Kapi­tal­ge­sell­schaften, haben sie sich mit ihren Methoden behauptet. Ein Spiel­system, auf das viele keine Ant­wort hatten, ehr­liche Worte unter Män­nern in der Krise und ein Zusam­men­halt, über den Mit­tel­feld­spieler Tim Kruse sagt: Wir sind so, wie euer Magazin heißt, nur noch ein paar mehr.“ Die Maloche hat sich gelohnt! Und es wäre fast ein Trep­pen­witz der Geschichte, wenn Rot-Weiß Ober­hausen damit zu einem Bei­spiel würde in einer über­tem­pe­rierten Branche. Heri­bert Bruch­hagen kann jeden­falls über­legen, wie er seine Wett­schulden abträgt. Wie hatte er zu 11 FREUNDE gesagt? Nur fürs Pro­to­koll: Die haben keine Chance, keine.“ Rot-Weiß Ober­hausen hat sie genutzt.