Heiko Bonan, Sven Radicke, ges­tern kam es im Ber­liner Pokal­fi­nale zwi­schen dem BFC Dynamo und Anka­raspor Kulübü 07 zu Aus­schrei­tungen. Was ist genau pas­siert?

Heiko Bonan: Man muss vorweg sagen: Es ging in diesem Spiel um sehr viel. Weil unser Sai­son­ziel, der Auf­stieg in die Regio­nal­liga, schon länger nicht mehr machbar war, hat sich im BFC-Umfeld alles auf dieses eine Spiel fokus­siert. Wir wollten die Saison mit dem Einzug in den DFB-Pokal retten. Und weil wir noch drei Minuten vor Ende der Partie mit 0:1 hinten lagen, entlud sich die Ent­täu­schung in Wut.

Sven Radicke: Der erste Feu­er­werks­körper flog etwa in der 87. Minute. Es folgte eine Durch­sage vom Sta­di­on­spre­cher, das zu unter­lassen. Doch dann schoss schon die nächste Rakete in die Luft. Nach dem Abpfiff klet­terten die Leute über den Zaun und durchs Fluchttor.



Wieso stand das Fluchttor offen?

Radicke: Ein Ver­sagen der Sicher­heits­firma, die auch die Ordner gestellt hat. Schon am Nach­mittag bei der Ein­wei­sung wurde darauf hin­ge­wiesen, dass das Tor sicher ver­rie­gelt werden und dass sich das Gros der Ordner bei einem Rück­stand des BFC vor dem Fan­block pos­tiert. Das ist nicht pas­siert. Ein Groß­teil der Ordner kam erst zur Hilfe, als die Fans auf dem Platz waren.

Wie schlimm treffen die Aus­schrei­tungen den Verein?


Bonan: Das ist bitter, ganz klar. Finan­ziell kann man das noch nicht bezif­fern, der Image­schaden dürfte aber eh schlimmer sein. Die Vor­ur­teile, die viele gegen den BFC hegen, wurden wieder bestä­tigt. Doch muss man ein­schränken: Es sind ja nicht alle 3000 BFC-Fans auf dem Platz gewesen. Das waren maximal 60 bis 70 Ver­mummte. Und als die zurück in die Kurve liefen, wurden die von den echten BFC-Fans aus­ge­pfiffen. Es ist nicht zu beschö­nigen, doch man muss end­lich mal dif­fe­ren­zieren. In den Medien wird aber nun pau­scha­li­siert bis zum bit­teren Ende.

Radicke: Wir wissen aus sicheren Quellen, dass der Groß­teil der Ran­da­le­stifter nicht aus Berlin kam. Zum Bei­spiel der­je­nige, der den ersten Feu­er­werks­körper abschoss, auch der­je­nige, der das Fluchttor öff­nete – die gehörten nicht einmal zur erwei­terten Fan­szene des BFC. Da stehen manchmal etliche Leute aus dem Umland im Block, auch aus anderen Städten, Chem­nitz, Jena oder Leipzig. Das sind Fuß­ball- und Kra­wall­tou­risten. Die kamen ges­tern nach Berlin, weil sonst nichts mehr los ist. Die Sai­sons sind ja längst beendet.

Wurde das Spiel eigent­lich als Sicher­heits­spiel ein­ge­stuft?

Bonan: Warum?

Der BFC hat viele Fans im rechten Spek­trum. Der Gegner Anka­raspor Kulübü ist eine deutsch-tür­ki­sche Mann­schaft.

Bonan: Wenige Wochen zuvor hatten wir ein Punkt­spiel gegen Anka­raspor Kulübü und da gab es kei­nerlei Vor­fälle. Nicht mal Rufe gegen BAK-Spieler. Von daher gab es keinen Anlass, das Spiel als bri­sant ein­zu­stufen. Die Gewalt ges­tern rich­tete sich auch ges­tern nicht gegen die BAK-Spieler oder die wenigen geg­ne­ri­schen Fans. Ich bin mir sicher: Die Aus­schrei­tungen waren nicht ras­sis­tisch moti­viert.

Son­dern?

Bonan: Die Gewalt­täter waren ein­fach elek­tri­siert und über alle Maßen gefrustet. Die Wut rich­tete sich gegen die eigenen Spieler, gegen die Mann­schaft, die nicht in der Lage war, die Sai­son­ziele zu errei­chen.

Macht man sich als Trainer Sorgen um die Sicher­heit der Spieler?

Bonan: Nein.

Sie nahmen also an, dass sich die Gewalt eher gegen Sachen und nicht gegen Men­schen rich­tete?

Bonan: Ich habe es jeden­falls noch nie erlebt, dass Spieler von Fans ver­kloppt wurden.

Sie fühlten sich auch nicht bedroht?

Radicke: Inwie­fern bedroht?

60 bis 70 Ver­mummte stehen mit einem Mal auf dem Platz – nicht gerade ein Zei­chen, dass man nun gemeinsam Tee trinken geht.

Radicke: Kein Spieler wurde bedroht. Und kein Spieler braucht sich hier Sorgen zu machen. Die Jungs bekommen alle ihr Geld – etwas, das gerade in Berlin nicht immer üblich ist. Wir haben die Spieler also immer gut behan­delt. Und die Mann­schaft hat ein­fach ver­sagt. So muss man es sagen.

Was tut der BFC gegen die Gewalt­be­reit­schaft im Block?

Radicke: Zunächst muss man fest­halten, dass es in den letzten fünf Jahren keine Aus­schrei­tungen mehr gegeben hat. Das liegt auch daran, dass ein steter Dialog zwi­schen Fans und Verein statt­fand und ‑findet. Wir haben einen Fan­be­auf­tragten und einen Fan­beirat, in dem fast alle Fan­gruppen mit einem Mit­glied ver­treten sind. Monat­lich gibt es eine Sit­zung, in der die Fan­gruppen ihre Wün­sche und Ziele äußern und auf Pro­bleme auf­merksam machen können.

Und das tun sie?

Auf jeden Fall. Die BFC-Fans sind wirk­lich daran inter­es­siert, dass hier was pas­siert: Sie haben etwa geholfen, das Ver­eins­heim aus­zu­bauen, die Tri­büne wurde in Eigen­ar­beit reno­viert, das Sta­dion teil­weise saniert. Das wäre ohne die Fans nie­mals mög­lich gewesen. Mitt­ler­weile wird der BFC sogar als Vor­bild zitiert. Häu­figer wurden wir explizit vom Poli­zei­ver­band für die Fan­ar­beit gelobt. Und gerade des­wegen ist der gest­rige Vor­fall noch erschre­ckender.