Marius war der Chef der 3c. Ohne Frage. Die Gründe dafür sind an einer Hand abzu­zählen: Sein Vater war Zahn­arzt, er hatte einen eigenen Raum für seine zahl­rei­chen Mask- und He-Man-Figuren, am Wochen­ende räumte er auf den Ten­nis­plätzen Nie­der­sach­sens sämt­liche Tro­phäen ab und er bekam die ersten Lie­bes­briefe von der Klas­sen­schön­heit Carola. Was er sagte, war Gesetz, obwohl noch nie­mand von uns wusste, was ein Gesetz eigent­lich genau ist. Und: Marius war Anhänger von Ein­tracht Frank­furt. Ich war Schalke-Fan und ein Nie­mand.

Eines Tages, als ich mich in der großen Pause mal wieder für meinen Klub recht­fer­tigen musste und mir auf­grund der grau­samen Mann­schaft um Richard Made­mann und Egon Flad keine schlüs­sigen Argu­mente ein­fielen, kam Marius mit einem Wort um die Ecke, dass ich noch nie in meinem Leben gehört hatte. Werde doch Ein­tracht-Fan“, hauchte er mir zu. Es klang wie ein süßes Ver­spre­chen. Die Mann­schaft ist echt cool.“ Cool? Wovon zur Hölle sprach dieser Ten­nis­schnösel über­haupt? Ich hatte keine Ahnung – und nickte den­noch als benutzte ich dieses Wort täg­lich beim Abend­essen mit den Eltern. Mama, das But­ter­brot ist cool.“

Ich zer­brach mir tage­lang den Kopf dar­über, was Marius mit diesem Wort­un­getüm meinte und fasste einen Ent­schluss: Um her­aus­zu­finden, was cool sei, musste ich diese Ein­tracht-Mann­schaft spielen sehen. Glück­li­cher­weise kam es am fol­genden Wochen­ende zum Duell Frank­furt gegen S04. Es wurde einer der schaurig-schönsten Momente meines noch jungen Lebens, denn Ein­tracht Frank­furt fegte den FC Schalke mit 5:0 aus dem Wald­sta­dion.

Wehendes Haar, Huft­schwünge, Steil­pässe – Fuß­bal­lerotik vom Main

Ich saß mit offenem Mund vor dem hei­mi­schen Röh­ren­fern­seher und sah kopf­schüt­telnd die Sport­schau. So etwas Schönes hatte ich tat­säch­lich noch nie gesehen. Andreas Möller schwebt mit galanten Hüft­schwüngen durch das Mit­tel­feld, Uwe Bein schob seine Steil­pässe so genau durch die Abwehr als lägen sie auf Schienen. Dazu das wehende Haar von Lothar Sippel, die schlichte Kalt­schnäu­zig­keit des bul­ligen Axel Kruse, die so kom­pro­miss- wie regungs­lose Abwehr­ar­beit von Uwe Bin­de­wald und Man­fred Binz. Die Schalker schnaubten ledig­lich hin­terher wie aus­ran­gierte Acker­gäule. Diese Ein­tracht spielte den per­fekten Fuß­ball. Oder anders gesagt: Diese Ein­tracht war ver­dammt cool – zumin­dest aus der Sicht eines Neun­jäh­rigen.

Woche für Woche war­tete ich nun am frühen Sams­tag­abend nicht mehr auf das Gerumpel der Königs­blauen, son­dern auf das schwarz-rote Ver­spre­chen aus Frank­furt. Und ich wurde nicht ent­täuscht, denn diese Teu­fels­kerle spielten sich an die Tabel­len­spitze, zau­berten mit Toni Yeboah einen wei­teren Der­wisch aus dem Hut. Für mich gab es zum Geburtstag nur einen Wunsch: Ein Jersey der Ein­tracht! Nur dieses Stück Stoff konnte mir die Aura der Cool­ness ver­passen, mich vom Nie­mand in die Spähren eines Con­nais­seurs der schönen Lebens­dinge kata­pul­tieren. Meine Eltern erhörten meinen Wunsch und so konnte ich fortan beim täg­li­chen Kick auf dem Schulhof zumin­dest äußer­lich glänzen. 

Arm in Arm mit Marius

Plötz­lich war es ganz ein­fach: Durch meinen Wandel zur Ein­tracht wurde ich schlag­artig in den inneren Kreis von Marius auf­ge­nommen. Wir waren die Adler-Clique, zogen mit coolen Gang durch die Dorf­straßen, fielen uns mon­tags lachend in die Arme, plau­derten von Yeboahs-Vol­ley­kra­cher, Ralf Webers Blut­grät­sche, kicherten über die Werder‑, Bayern- und Glad­bach-Fans, diese Unwis­senden, die immer noch ihren Hol­zer­truppen hin­terher wim­merten. Ich ergötze mich am Erfolg einer Mann­schaft, zu der ich vor wenigen Wochen noch gar kein Ver­hältnis hatte. Ich labte am Schönen, am Coolen, am süßen Geschmack des Erfolgs und ver­wan­delte mich in einen zweiten Marius.

Diese Arro­ganz trug mich durch ein ganzes Jahr und sollte seinen Höhe­punkt mit dem Gewinn der Meis­ter­schaft am 38. Spieltag finden. Ros­tock, dieser Absteiger aus dem Osten, würde unter den zür­nenden Sturm­läufen der Angriffs­beaus Möller, Bein, Yeboah zu Staub zer­fallen. Marius lud mich zu sich nach Hause zum Sport­schau gucken ein. Er zeigt mir seinen Spiel­zeug­raum, seine Ten­nis­po­kale, er hatte Cola und Flips aus der Küche sti­bitzt. Es war das Para­dies. Wir beide trugen unsere zweite Haut: die schlichten, schwarz-roten Längs­streifen mit dem Sam­sung-Schriftzug. Es sollte die ulti­ma­tive Sause werden. Sie wurde es nicht.

Das Trikot ver­schwand im Bett­kasten

Vor unseren Augen zer­brach die, ach so coole, Ein­tracht-Elf in seine Ein­zel­teile. Gelähmt vom Druck ver­spielten Binz und Co. den sicher geglaubten Titel gegen den Abstiegs­kan­di­daten aus Ros­tock. Das Häss­liche hatte mal wieder gesiegt. Die Flips schmeckten plötz­lich nach Pappe, die Cola brannte im Hals wie glü­hend heiße Lava, Marius mate­ri­eller Über­fluss bedrückte mich. Ich musste raus aus dem gol­denen Käfig und rannte nie­der­ge­schlagen aus dem Haus. Zuhause ange­kommen schlich ich in mein Zimmer, streifte schwei­gend mein Ein­tracht-Trikot ab und ver­steckte es im Bett­kasten. 

Nach dem Abend­essen schaute ich noch einmal im Video­text nach. Hatte ich mich viel­leicht getäuscht? Nein, Ros­tock – Frank­furt 2:1. Ich schal­tete auf die nächste Seite: Schalke – Kai­sers­lau­tern 2:0. Tor­schütze: Egon Flad. Spä­tes­tens jetzt ahnte ich: Schön­heit und Ele­ganz zählen im Fuß­ball nichts, wenn man im ent­schei­denden Moment ver­sagt. Eine Erkenntnis, die sich auch auf meine spä­teres Leben über­tragen lassen sollte: Marius habe ich irgend­wann aus den Augen ver­loren. Es heißt, er habe mit dem Ten­nis­spielen auf­ge­hört, mit dem Schul­ab­schluss soll es auch Pro­bleme gegeben haben. Ob er auch heute noch Ein­tracht-Fan ist, weiß ich nicht.