Spä­tes­tens seit dieser Saison lässt sich nicht mehr leugnen, dass sich der Trai­ner­markt kaum mehr vom Markt für Spieler unter­scheidet. Übungs­leiter hopsen munter von Verein zu Verein. Ablö­se­summen im hohen sie­ben­stel­ligen Bereich werden zur neuen Nor­ma­lität.

Selbst Leih­ge­schäfte gibt es nun auf den Trai­ner­bänken. Nach der Ent­las­sung von Peter Bosz hat Bayer Lever­kusen Hannes Wolf ver­pflichtet. Wohl gemerkt als Inte­rims­trainer. Nach der Saison soll Wolf wieder seinen Posten als U18-Natio­nal­trainer ein­nehmen.

Ob Wolf tat­säch­lich zum DFB zurück­kehrt? Seine Ergeb­nisse als Lever­ku­sener Coach impo­nieren: Der 3:1‑Erfolg gegen Ein­tracht Frank­furt am Wochen­ende war Wolfs dritter Sieg im fünften Spiel. Was hat sich unter dem Leih­trainer ver­bes­sert? Und wieso gewannen seine Lever­ku­sener so deut­lich gegen Cham­pions-League-Kan­didat Frank­furt? Fünf Gründe.

1. Lever­kusen gewinnt mehr Zwei­kämpfe

Zwei­kampf­werte sind wie Wurst: Schmeckt dem Fuß­ball-Fan, was genau drin­steckt, möchte er aber nicht wissen. Die Sta­tistik-Anbieter haben höchst unter­schied­liche Defi­ni­tionen eines Zwei­kampfs. Mal zählen Kopf­ball-Duelle in den Wert hinein, mal nicht. Über­haupt sind Zwei­kämpfe im sta­tis­ti­schen Sinne selten das, was der durch­schnitt­liche Fuß­ball-Fan als Zwei­kampf wertet; es ist schlicht schwer, eine ein­heit­liche Defi­ni­tion zu finden. Ent­spre­chend stark schwanken die Werte von Anbieter zu Anbieter, von Spiel zu Spiel.

Inter­es­sant wird es erst, wenn die Zwei­kampf­quote extrem hoch oder niedrig ist; dann lässt sich kaum ein Mess­fehler als Aus­rede her­an­ziehen. Genau das war der Fall am Wochen­ende beim Spiel zwi­schen Bayer Lever­kusen und Ein­tracht Frank­furt: Über die Anbieter hinweg lag Lever­ku­sens Zwei­kampf­quote bei über 60%, teil­weise sogar bei 70%. Lange Rede, kurzer Sinn: Die Lever­ku­sener gewannen die ent­schei­denden direkten Duelle. Und das aus­ge­rechnet gegen ein Frank­furter Team, das sich in dieser Saison auf Kampf und Zwei­kampf spe­zia­li­siert hat.

2. Erhöhte defen­sive Sta­bi­lität unter Wolf

Das führt zu einem wesent­li­chen Punkt, den Trainer Wolf ver­bes­sert hat: Der neue Coach legt einen hohen Fokus auf die defen­sive Sta­bi­lität. Seine Lever­ku­sener Mann­schaft rückt wesent­lich umsich­tiger nach vorne als unter Vor­gänger Peter Bosz. Sowohl die Abwehr­spieler als auch die Mit­tel­feld­spieler rücken erst nach, sobald der Ball sicher im finalen Drittel ankommt.

Auch das Pres­sing ist weniger ris­kant. Um nicht Gefahr zu laufen, Konter zu kas­sieren, rückt die Mann­schaft nach einem kurzen Gegen­pres­sing geschlossen zurück. Hinten ver­bleiben stets fünf bis sechs Akteure als Absi­che­rung – die soge­nannte Rest­ver­tei­di­gung. In den fünf Par­tien unter Wolf kas­sierten die Lever­ku­sener gerade einmal vier Tore, zwei davon beim 0:2 gegen Bayern.

3. Ver­bes­serte Ball­zir­ku­la­tion

Bosz mag der Ruf eines wage­mu­tigen Offen­siv­geistes anhängen. Tat­säch­lich war die Ver­tei­di­gung aber nicht Bayers Schwach­punkt unter Bosz. In 26 Bun­des­liga-Spielen hatten die Lever­ku­sener unter dem Nie­der­länder gerade einmal 31 Gegen­tore kas­siert.

Das Pro­blem war die Offen­sive: Magere 43 Treffer erzielte Lever­kusen. Zieht man die zwölf Treffer nach ruhenden Bällen ab, zeigt sich: Bayer traf zu selten aus dem Spiel heraus. Boszs Ball­be­sitz­spiel lief häufig ins Leere. Zu lange passten sich die Innen­ver­tei­diger den Ball zu, zu selten gelangte man in gefähr­liche Räume. Gerade das Flü­gel­spiel hatte nicht mehr die Wucht der ver­gan­genen Jahre.

Unter Wolf ist das Spiel direkter und zugleich struk­tu­rierter geworden. Er hat eine klare Vor­stel­lung, wie sein Team das Spiel auf­bauen soll. Schon in Stutt­gart und Ham­burg ließ er häufig S‑Formationen spielen: In der Abwehr agiert hierbei eine nomi­nelle Fün­fer­kette, bei der ein Akteur jedoch wesent­lich offen­siver auf­tritt als auf der anderen Seite. Wolfs Teams haben eine klare Auf­bau­seite und eine Ver­la­ge­rungs­seite, von wo aus sie in den Straf­raum gelangen wollen. Auf dieses System setzt er auch in Lever­kusen.

4. Wolfs For­ma­tion hat per­fekt gepasst gegen Frank­furt

Am Sams­tag­abend hatte Bayer das große Glück, dass ihr Gegner sich als das per­fekte Opfer ent­puppte. Lever­ku­sens S‑Formation ging voll­ends auf: Als Rechts­außen begann Karim Bel­la­rabi. Er zog sich nur in die eigene Fün­fer­kette zurück, wenn der Ball weit in der Lever­ku­sener Hälfte war. Ansonsten suchte er per­ma­nent den Weg nach vorne. Er pos­tierte sich dabei bewusst hinter Filip Kostic. Frank­furts Links­außen wir­belt gerne in der geg­ne­ri­schen Hälfte, ver­nach­läs­sigt dabei aber man­ches Mal die Defen­siv­ar­beit.

Lever­kusen gelang beides: Defensiv nahm der her­über­rü­ckende Jona­than Tah Dribbler Kostic aus dem Spiel. Offensiv nutzte Bel­la­rabi die Lücken hinter Kostic. Zu Toren kam Lever­kusen indes erst, nachdem Wolf Bel­la­rabi durch den noch offen­si­veren Moussa Diaby ersetzt wurde. Der Rechts­außen legte zwei Tore auf – und ließ damit Wolfs Stra­tegie auf­gehen.

5. Wolf schlachtet die hei­ligen Kühe

Dass Diaby von der Bank kam, ist indes keine Selbst­ver­ständ­lich­keit. Unter Bosz war der Fran­zose gesetzt – egal wie schwach seine Leis­tungen waren. Ähn­li­ches galt für Kapitän Charles Aran­guiz. Wolf hat keine Bedenken, die frü­heren Leis­tungs­träger auf die Bank zu setzen – selbst wenn das bedeutet, ein junges wie spiel­starkes Mit­tel­feld aus Kerem Demirbay (27), Exe­quiel Pala­cios (22) und Flo­rian Wirtz (17) auf­zu­stellen.

Der Leih­coach fürchtet sich nicht vor lang­fris­tigen Folgen seiner Per­so­nal­ent­schei­dungen. Er weiß: Am Sai­son­ende darf er nur wei­ter­ma­chen, wenn die Ergeb­nisse stimmen. Der Trend ist sein Freund. Wer weiß, viel­leicht hat Lever­kusen sogar eine Kauf­op­tion bei Wolf ver­han­delt. Wun­dern täte es kaum jemanden mehr in dieser selt­samen Fuß­ball­welt.