In Zeiten wo jeder Laufweg des frisch zuge­kauften Zweit­liga-Reser­visten zur Toi­lette via Satellit berechnet und anschlie­ßend im Hun­derts­tel­se­kunden-Takt aus­ge­wertet werden kann, wo also der Fuß­ball so glä­sern und so erklärbar scheint, ist dieser Mann ein Phä­nomen: Für Thomas Müller vom FC Bayern gelten die Gesetze der Moderne nicht. Müller ist der letzte deut­sche Fuß­baller der alten Schule. Er sieht nicht aus wie ein Profi, er bewegt sich nicht wie ein Profi, manchmal gibt er noch nicht mal Inter­views wie ein Profi – und trotzdem führt er nach vier Spiel­tagen die Scorer­liste der Bun­des­liga mit vier Toren und drei Tor­vor­lagen an. Wie soll man den Erfolg dieses Mannes nur erklären? Es macht die Sache nicht leichter, dass nicht einmal Müller selbst weiß, in welche Schub­lade man Müller ste­cken kann. Der Mün­chener tz“ hat er 2010, wäh­rend der für ihn so glor­rei­chen WM, erzählt: Man findet keinen Spieler, der ähn­lich komisch spielt wie ich.“

Ball­an­nahme mit der Ele­ganz einer Beton­mauer

Am Wochen­ende, beim Aus­wärts­spiel der Bayern auf Schalke, hat man diesen so wun­der­li­chen Spiel­stil wieder in voller Blüte erleben dürfen. Müller stakste über das Spiel­feld, als habe er den Stamm­platz für dieses Pres­tige-Duell bei der Tom­bola des Haupt­spon­sors gewonnen. Spielten ihm die Kol­legen Pässe zu, trat Müller am Ball vorbei oder ver­suchte das Spiel­gerät mit der Ele­ganz einer Beton­mauer zu stoppen. Es war in der Tat: komisch. Aber irgendwie auch tra­gisch. Wer am Samstag bis zur 55. Minute das erste Müller-Spiel seines Lebens sah, der wird sich gefragt haben, was diesen über­eif­rigen Hun­ger­haken mit den Streich­holz­bein­chen in Gottes Namen dazu qua­li­fi­zierte, bei diesem Spiel auf dem Rasen zu stehen, statt im Ober­rang zu sitzen. Müller wäre ja nicht Müller, wenn er das nicht selbst bemerkt hätte. So trom­pe­tete er nach dem Spiel munter in die Mikro­phone, dass man da auch in der Kreis­klasse mit mir geschimpft“ hätte. Doch die Mit­spieler, der Trainer und selbst die Kreis­klassen-Spieler auf der Tri­büne hielten sich mit den Schimpf­ka­no­naden zurück. Sie kennen ihren Müller ja. Über­haupt haben sie reich­lich Müller-Erfah­rung. Der große, der legen­däre Gerd, war früher 89 Minuten nicht zu sehen und schoss dann doch den 2:1‑Siegtreffer. Und der kleine, der immerhin schon ein biss­chen legen­däre Thomas, spielt 55 Minuten wie ein Tom­bola-Gewinner und ist dann plötz­lich: Welt­klasse.

Am Samstag benö­tigte Müller exakt drei Minuten, um die Partie gegen den FC Schalke zu Gunsten der Bayern zu ent­scheiden. Erst hauchte er den Ball so gefühlig in den Lauf von Toni Kroos, dass der Zeit und Raum für einen herr­li­chen Schlenzer hatte, dann schoss Müller ein Tor, das so raf­fi­niert nur von den besten Fuß­bal­lern der Welt erzielt werden kann. Tunnel gegen Chris­tian Fuchs, Links­ver­tei­diger der öster­rei­chi­schen Natio­nal­mann­schaft, Außen­rist-Pike-Schlenzer-Drü­cker gegen Lars Unner­stall, Nach­folger von Manuel Neuer. Wun­der­schön. Uner­klär­lich. Einer der komi­schen Thomas-Müller-Momente.

Müller ist einer bei dem es auch dann läuft, wenn es nicht läuft“

Der 23 Jahre alte Offen­siv­spieler“, hat sich die FAZ“ an einer Müller-Deu­tung ver­sucht, weiß nicht immer, warum er wohin rennt oder warum er wie schießt“. Das ist so nun auch wieder nicht richtig. Thomas Müller weiß ganz genau, was er will. Er ist ja nicht grundlos Ange­stellter beim FC Bayern. Im Gegen­teil: Viel­leicht weiß Müller ein­fach viel zu viel, dann über­for­dert der Geist den Körper, die Streich­holz­bein­chen vehed­dern sich in der guten Idee, die Füße ver­mas­seln die Ball­an­nahme, weil der Kopf schon beim Tor­ab­schluss ist. Näher kommt dem Mül­ler­schen Spiel dann schon die Inter­pre­ta­tion der Süd­deut­schen Zei­tung“. Mül­lers Spiel könne alles gleich­zeitig sein: flüssig, zäh, gas­förmig, brö­ckel­hart.“ Müller sei einer bei dem es auch dann läuft, wenn es nicht läuft“.

Der Weis­heit letzter Schluss ist aller­dings auch das nicht. Bis­lang sind sämt­liche Satel­liten, sind alle Jour­na­listen an einer ver­nünf­tigen Erklä­rung seiner Klasse geschei­tert. Thomas Müller bleibt die Wun­der­tüte der Bun­des­liga, ein Rätsel, ein Fuß­baller ohne dazu­ge­hö­rige Schub­lade. Irgendwie ein komi­scher Vogel.