Was ist neu: Die Erwar­tungs­hal­tung. Sowohl inner­halb des Klubs als auch bei den Fans. Sie wird im Gegen­satz zur ver­gan­genen Saison gedämpfter sein. Der Nahtod und die kar­dio­pul­mo­nale Reani­ma­tion durch Waturo Endo am letzten Spieltag haben das Bewusst­sein in Stutt­gart aber­mals ver­stärkt, dass Erst­li­ga­fuß­ball hier schon länger nicht mehr selbst­ver­ständ­lich ist. Ehe er sich versah, hatte sich der VfB, der mit Ambi­tionen auf Europa in die letzte Saison gegangen war, plötz­lich im Keller der Liga wie­der­ge­funden. Wo er in stau­bigen Kisten den Rea­lismus wie­der­ge­funden hat.

Was ist so geblieben (ver­dammt nochmal): Pro­bleme, die in Kel­lern auch vor­zu­finden sind: das Gerümpel der Vor­mieter: Die alten Seil­schaften“, wie sie sie in Stutt­gart nennen, also Men­schen, die mit­ent­scheiden wollen, die aus ver­krus­teten Struk­turen ent­sprungen sind und häufig eng mit dem Haupt­sponsor Mer­cedes Benz ver­bunden sind. Umso erstaun­li­cher ist der ein­ge­schla­gene sport­liche Weg, der gegen­sätz­li­cher kaum sein könnte. Zwar ist Thomas Hitzl­sperger aus dem Tri­um­virat der Moderne aus­ge­schieden, das er zusammen mit Sven Mis­lintat und Pel­le­grino Mata­razzo gebildet hat, das Kon­zept aber bleibt das gleiche. Mit Iden­ti­fi­ka­tion, Kon­ti­nuität und einer Phi­lo­so­phie, die auf junge Spieler setzt, will der Klub erfolg­reich sein. Dafür soll auch das dia­man­tene Auge von Sven Mis­lintat sorgen. Als erste Amts­hand­lung auf dem Trans­fer­markt hat er der ohnehin schon jüngsten Bun­des­liga-Mann­schaft einen 22-jäh­rigen Kolum­bianer aus der grie­chi­schen Liga für die Mit­tel­stürmer-Posi­tion bereit­ge­stellt, der so unbe­kannt ist, dass Archäo­logen auf dem gesamten Pla­neten ob dieser Ent­de­ckung in Schnapp­at­mung ver­fallen sind. Ach so: Außerdem knab­bert Mis­lintat gerade an einem kroa­ti­schen 20-Jäh­rigen von NK Osijek herum, einem 18-Jäh­rigen Fran­zosen aus der Ligue 2 und einem U17-Natio­nal­spieler Gua­te­malas, der in Los Angeles spielt. Klas­si­sches Prenz­lauer-Berg-Syn­drom: Dein Lieb­lings­film ist der, den keiner kennt.

Was fehlt: Was­ser­stands­mel­dungen um Sasa Kalajdzic jeden­falls nicht. Der Öster­rei­cher klemmt im Wech­sel­wahr­schein­lich­keits-Rechner irgendwo zwi­schen Borussia Dort­mund (37 Pro­zent), Bayern Mün­chen (43 Pro­zent), Man­chester United (39 Pro­zent) und Ajax Ams­terdam (42 Pro­zent) fest. Sprich: Pla­nungs­si­cher­heit auf der Stürm­er­po­si­tion geht den schwä­bi­schen Stra­te­gie­freaks der­zeit noch ab. Doch selbst für den Fall der Fälle, sollte Kalajdzic den VfB kurz­fristig ver­lassen, wird Sport­di­rektor Mis­lintat bereits einen min­der­jäh­rigen Sturm­hühnen aus Tuvalu auf dem Zettel haben, der am ver­gan­genen Wochen­ende gegen den FC Nanu­maga dop­pelt getroffen hat und dessen Ablö­se­summe bei stei­gendem Mee­res­spiegel kon­ti­nu­ier­lich sinkt, weil der pazi­fi­sche Insel­staat Tuvalu als eines der ersten Länder über­haupt Gefahr läuft, wegen der Kli­ma­krise zu ver­sinken. Wie gesagt: An Was­ser­stands­mel­dungen fehlt es nicht.

Wenn dieser Klub ein Getränk wäre: Dann wäre er Berentzen Saurer Apfel. Ist eher was für junge Leute. Die oben­drein gerne eine Spur Übermut in einen Abend bringen. Berentzen Saurer Apfel kann für Furore sorgen, kann aber auch den Kopf gehörig zum Kreisen bringen. Sicher ist nur eins: am Ende kotzt immer einer. Im besten Falle Kon­fetti.

Das 11FREUNDE-Orakel: Trotz Erst­runden-Aus im Pokal gegen die 2022 noch immer sieg­losen Dresdner und einer 0:3‑Heimniederlage gegen Leipzig zum Liga-Auf­takt ver­lebt der VfB Stutt­gart eine ruhige Saison. Jeden­falls für Stutt­garter Ver­hält­nisse. Die Spiel­zeit ver­läuft ziem­lich genau in der Mitte von 5:1‑Siegen im West­fa­len­sta­dion mit anschlie­ßender Kon­fet­ti­kot­zerei und wochen­langem Murks­ball, mit dem erst in letzter Sekunde auf flat­ternden Herz­klappen das ret­tende Ufer erreicht wird. Ver­ein­facht: irgendwo bei Hof­fen­heim und Mainz. Also auf Platz 11. Dem zuletzt leicht unter­setzt daher­kom­menden Sven Mis­lintat wird eine etwas leich­tere Kost ganz beson­ders zugu­te­kommen, also gerne hier und da ein­fach mal ein Null­num­merle in Augschbuag. In diesem Sinne: En Guada, liebe Schwaben!