Je mehr man über die WM 1978 in Argen­ti­nien erfährt, desto klarer wird: Dieses Tur­nier hätte nie­mals statt­finden dürfen. Einer der Gründe ist ein freund­lich aus­se­hender Gebäu­de­kom­plex am nörd­li­chen Ende der belebten Ave­nida del Libertador in Buenos Aires. Die Anlage liegt in unmit­tel­barer Nähe des River-Plate-Sta­dions, wo viele Spiele der Welt­meis­ter­schaft aus­ge­tragen wurden, unter anderem auch das Finale. In diesem Sta­dion haben Stars wie Mario Kempes, Osvaldo Ardiles und Leo­poldo Luque das Publikum ver­zau­bert. Die gera­dezu hys­te­ri­schen, in Him­mel­blau geklei­deten Heim­fans schrien ihre Freude heraus, als die argen­ti­ni­sche Mann­schaft Tor um Tor schoss. Als Argen­ti­nien schließ­lich im Finale gegen Hol­land tri­um­phierte, strömten Mil­lionen Fans auf die Straßen, um den Sieg ihrer Elf mit einer natio­na­lis­ti­schen Inbrunst zu feiern, wie man sie nie zuvor in der Geschichte des Spiels gesehen hatte.



Im besagten Gebäu­de­kom­plex an der Ave­nida sah die Lage der­weil ganz anders aus. Die Anstalt ist vor kurzem nach­träg­lich in eine Gedenk­stätte umge­wan­delt worden, doch der ursprüng­liche Name prangt noch immer an der Gebäu­de­front: Escuela de Mecá­nica de la Armada, kurz ESMA – die Mari­ne­aka­demie. Ein schmie­de­ei­serner Zaun, der wie eine Kin­der­zim­mer­ta­pete mit Booten ver­ziert ist, schmückt die von mäch­tigen Bäumen und neo­klas­si­zis­ti­schen Säulen gesäumte groß­zü­gige Zufahrt. Folgt man einer kleinen Sei­ten­straße, gelangt man zu einem L‑förmigen Gebäu­de­block. Was sich hier in den späten 70ern abspielte, bietet Stoff für jede Menge Alp­träume.

Der Ball ist immer rein“

Diego Mara­dona war 1978 noch zu jung, um im WM-Auf­gebot zu stehen. Doch Jahre später hat er einen ein­präg­samen Satz gebraucht, um die Inte­grität des Sports zu betonen. Er gab zu, viele Fehler gemacht zu haben, bestand aber darauf, dass der Fuß­ball an sich unschuldig sei. Wie er es poe­tisch for­mu­lierte: Der Ball ist immer rein.“ Die Welt­meis­ter­schaft 1978 bewies jedoch das Gegen­teil: Der Ball kann genauso gut blut­ver­krustet sein.

Im März 1976 ergriff das argen­ti­ni­sche Militär nach einem weithin begrüßten Staats­streich die Macht. Nach zwei Jahren andau­ernder Anar­chie unter Prä­si­dentin Isabel Perón glaubten die meisten Argen­ti­nier nai­ver­weise, dass es von nun an nur noch bergauf gehen konnte. Eine Welle von Ent­füh­rungen und Anschlägen der revo­lu­tio­nären Linken hatte einen bös­ar­tigen Gegen­terror von rechts her­vor­ge­rufen. Ver­brannte, von Kugeln durch­siebte Lei­chen säumten fast täg­lich die Straßen von Buenos Aires. 1975 hatte es 1500 poli­ti­sche Morde gegeben, doch nun sollte es noch viel schlimmer kommen. Argen­ti­nien hatte bereits reich­lich Erfah­rung mit Mili­tär­dik­ta­turen gesam­melt. In der Ver­gan­gen­heit hatte man Umstürzler ledig­lich ein­ge­sperrt, irgend­wann waren sie wieder frei und kämpften weiter. Das neue Regime, unter­stützt von der katho­li­schen Kirche und aus­ge­stattet mit einem ähn­li­chen Wer­te­system wie die Nazis, hatte einen anderen Plan: die phy­si­sche Ver­nich­tung aller, die ihnen in die Quere kamen. Staats­prä­si­dent Jorge Rafael Videla eröff­nete im Juni 1978 fei­er­lich das Tur­nier und über­reichte nach dem Finale den WM-Pokal. Drei Jahre zuvor hatte er die Phi­lo­so­phie der Regie­rung so beschrieben: Es müssen in Argen­ti­nien so viele Men­schen wie nötig sterben, damit das Land wieder sicher ist.“

Nie­mand weiß genau, wie viele Men­schen das Regime abschlachten ließ, bevor es 1983 nach dem ver­lo­renen Falk­land­krieg gestürzt wurde. All­ge­mein wird von 30.000 Toten gespro­chen. Die ESMA wurde zum betrieb­samsten der ins­ge­samt 340 Kon­zen­tra­ti­ons­lager. Einer der sadis­tischsten Fol­terer nannte sich selbst Men­guele“, in Ver­eh­rung des berüch­tigten Nazi-Arztes Dr. Men­gele. Die Opfer wurden von Zivil­po­li­zisten gebracht, nachdem sie brutal aus ihren Häu­sern geschleift worden waren. Unter Folter ver­rieten sie die Namen ihrer Gefährten, die dann eben­falls ent­führt wurden. Bald waren bei­nahe alle 2000 Mit­glieder der beiden stärksten linken Grup­pie­rungen tot. Doch der Terror nahm kein Ende und rich­tete sich gegen eine immer länger wer­dende Liste von Gruppen: Gewerk­schaftler, Stu­denten, Anwälte, Künstler, Schrift­steller, links­ge­rich­tete Priester, Juden, Psy­cho­ana­ly­tiker und Schul­kinder. Teil­weise wurden ganze Fami­lien aus­ge­löscht.

Von den 4700 Män­nern, Frauen und Jugend­li­chen, welche die ESMA betraten, über­lebten nur wenige. Der Begriff Men­schen­rechts­ver­let­zung“ reicht nicht aus, um dem Geschehen gerecht zu werden. Männ­liche Gefan­gene wurden oft gleich bei der Ankunft kas­triert, Folter war all­ge­gen­wärtig – ob mit elek­tri­schen Schlag­stö­cken, mit Hunden, durch Water­boar­ding oder Ver­ge­wal­ti­gung. Es gibt keine Worte, die die Gräu­el­taten beschreiben können, die an weib­li­chen Gefan­genen, ins­be­son­dere den schwan­geren Frauen, begangen wurden. Die meisten Gefan­genen wurden anschlie­ßend umge­bracht, ihre Lei­chen zer­teilt und ver­graben oder auf dem Sport­platz ver­brannt. Zur Zeit der Welt­meis­ter­schaft hatte man sich eine neue Ent­sor­gungs­me­thode aus­ge­dacht: Todes­flüge“. Mit Drogen betäubte Gefan­gene wurden aus der Stadt aus­ge­flogen und bei leben­digem Leib in den Atlantik geworfen. Wenn Ange­hö­rige ver­suchten, Erkun­di­gungen über den Ver­bleib ihrer Liebsten ein­zu­holen, leug­neten die Mili­tärs jedes Wissen. Es hieß dann ledig­lich, die Leute seien desa­pa­re­cidos, Ver­schwun­dene“.

Wäh­rend der WM ver­mischten sich die Freu­den­schreie der Zuschauer mit den gewohnten Schreien hinter den Mauern der ESMA. Bizar­r­er­weise wurden Gefan­gene zum Teil sogar ein­ge­laden, sich mit ihren Pei­ni­gern Spiele anzu­schauen. Am Abend des Finales betrat der Chef-Fol­terer Jorge el tigre“ Acosta den Raum. Die Über­le­bende Gra­ciela Daleo erin­nert sich: Er umarmte jeden Ein­zelnen von uns und rief: ›Wir haben gewonnen, wir haben gewonnen!‹ Ich dachte, wenn er gewonnen hat, haben wir doch ver­loren. Wenn dies ein Sieg für ihn ist, ist es eine Nie­der­lage für uns.“ Die Wachen befahlen dann einigen Gefan­genen, in einen grünen Peu­geot 504 ein­zu­steigen, und Acosta fuhr mit ihnen durch die Massen, die fre­ne­tisch den Sieg Argen­ti­niens fei­erten. Daleo fragte ihre Bewa­cher, ob sie auf­stehen dürfe, und reckte ihren Kopf aus dem Auto­dach. Ich stand auf und sah hinaus. Ich konnte nicht glauben, was ich sah. Ströme von Men­schen, die sangen, tanzten und schrien. Ich begann zu weinen, weil ich wusste, dass es nie­manden inter­es­sieren würde, wenn ich rief, dass ich eine Ver­schwun­dene sei. Das war der beste Beweis, dass ich auf­ge­hört hatte zu exis­tieren.“

An dieser Stelle könnte man viel­leicht das Plä­doyer gegen die Aus­tra­gung der WM 1978 abschließen. Doch da war noch mehr. Der bri­ti­sche Jour­na­list Brian Glanville, der sich aus­führ­lich mit der Auf­ar­bei­tung des Tur­niers beschäf­tigt hat, schreibt: Es gab schmut­zige Geschäfte am Schei­deweg, viele schmut­zige Geschäfte.“ Der argen­ti­ni­sche Jour­na­list Eze­quiel Fernández Moores behauptet: Die WM 1978 war die offen­sicht­lichste poli­ti­sche Mani­pu­la­tion im Sport seit den Olym­pi­schen Spielen 1936.“ Ein­fach aus­ge­drückt: Jene Männer, die Mas­sen­morde planten und anord­neten, planten auch das Tur­nier. Sie stellten sicher, dass es ihren Inter­essen diente, und mani­pu­lierten die WM, um das Ergebnis zu erzielen, was ihnen am besten in den Kram passte: Argen­ti­nien als Welt­meister. Immerhin hielt sich die Euphorie nach diesem Tri­umph länger als das dik­ta­to­ri­sche Regime. Es herrscht noch immer Unei­nig­keit dar­über, wie viel der Durch­schnitts­ar­gen­ti­nier von den Vor­gängen wusste und wie viel Mit­schuld ihn trifft.

Natür­lich bin ich gegen diese WM. Sie ist eine natio­nale Kata­strophe.“


Andrew Graham-Yooll, ein ehe­ma­liger Nach­rich­ten­re­dak­teur des Buenos Aires Herald“, bekam bit­ter­böse Briefe von Fami­li­en­an­ge­hö­rigen, in denen er ange­feindet wurde, weil er in diesem schreck­li­chen neuen linken Blatt“ – gemeint war der Guar­dian“ – so böse Dinge“ über Argen­ti­nien schrieb. Ein Ver­wandter ver­si­cherte ihm, kein Mensch würde in Argen­ti­nien umge­bracht, alle sollten kommen und einen schönen asa­dito (ein Stück Grill­fleisch, Anm. d. Red.) genießen“. Die Außen­welt erfuhr von dem Schre­cken nur über Men­schen­rechts­gruppen, allen voran Amnesty Inter­na­tional“. Mit Aus­nahme der Madres de la Plaza de Mayo (Mütter, die Aus­künfte dar­über ein­for­derten, was mit ihren Kin­dern pas­siert ist) und einigen wenigen linken Kam­pa­gnen in Europa hat nie­mand gegen die Aus­tra­gung der Welt­meis­ter­schaft 1978 pro­tes­tiert. Die Argen­ti­nier hatten sogar die ame­ri­ka­ni­sche PR-Firma Boston Mar­steller ange­heuert, um ihr Image im Aus­land auf­zu­po­lieren und die Leute zuhause davon zu über­zeugen, dass alles in bester Ord­nung war und jeder, der etwas anderes behaup­tete, ein Vater­lands­ver­räter. Als Men­schen­rechts­gruppen darauf drängten, die WM an einem anderen Ort aus­zu­tragen (die Nie­der­lande wurden als Option gehan­delt), wurde dies von den Gene­rälen als euro­päi­scher Ver­such dis­kre­di­tiert, nicht in Süd­ame­rika spielen zu müssen, wo sie noch nie gewonnen hatten. Der große argen­ti­ni­sche Schrift­steller Jorge Luis Borges stand allein auf weiter Flur, als er kundtat: Natür­lich bin ich gegen diese WM. Sie ist eine natio­nale Kata­strophe.“

Als Brian Glanville nach den ersten Vor­run­den­spielen schrieb, dass es wirke, als würden die Schieds­richter Argen­ti­nien bevor­teilen, wurde er von Kol­legen und ehe­ma­ligen Freunden aufs übelste beschimpft. Fernández Moores glaubt, dass sich die Ziele der Junta im Laufe des Tur­niers änderten. Zu Beginn war sie in erster Linie daran inter­es­siert, der Welt zu zeigen, dass sie imstande war, eine Ver­an­stal­tung dieser Grö­ßen­ord­nung zu orga­ni­sieren. Als ihr Team jedoch immer weiter kam und die Jubel­feiern auf den Straßen größer wurden, ent­schieden die Gene­räle, dass Argen­ti­nien das Tur­nier auch gewinnen musste. So wurde die Bühne bereitet für die ent­schei­dende Zwi­schen­run­den­partie gegen Peru, das wahr­schein­lich skan­da­lö­seste Spiel in der Geschichte der Welt­meis­ter­schaften.

Das Orga­ni­sa­ti­ons­ko­mitee der WM stand unter dem Vor­sitz des rück­sichts­losen Carlos Lacoste, einem Pro­tegé von Admiral Emilio Edu­ardo Mas­sera, dem Ober­be­fehls­haber der Marine in der Mili­tär­junta. Es war Mas­sera, der das Fol­ter­zen­trum in der ESMA ins Leben gerufen hatte und in den ersten Jahren auch bei der Durch­füh­rung half. Lacoste ver­dankte seine Posi­tion der Ermor­dung des vorigen Amts­in­ha­bers General Omar Actis. Er wurde später des Mordes an Actis ange­klagt, das Ver­fahren aber im Rahmen einer Gene­ral­am­nestie für Jun­ta­mörder und Fol­terer ein­ge­stellt. Lacostes Komitee hatte beschlossen, dass Bra­si­lien, Argen­ti­niens Rivale für einen Platz im Finale, sein letztes Spiel in der Zwi­schen­run­den­gruppe am Nach­mittag spielen musste. So konnte Argen­ti­nien einige Stunden später mit dem Wissen antreten, mit min­des­tens vier Toren Dif­fe­renz gegen Peru gewinnen zu müssen, um ins End­spiel zu kommen.

Die Argen­ti­nier gewannen schließ­lich mit 6:0. Ein durchaus über­ra­schendes Resultat, hatte Peru doch Schott­land und den Iran in Grund und Boden gespielt und Hol­land immerhin ein Remis abge­trotzt. Wenn man sich das Spiel heute noch einmal anschaut, muss man Glanville recht geben, dass die Peruaner offen­sicht­lich gekauft“ waren. In den ersten 15 Minuten spielten sie kraft­voll auf, waren sogar das bes­sere Team und ver­gaben einige gute Chancen. Dann aber hörten sie urplötz­lich auf zu laufen, zu passen und zu grät­schen. Argen­ti­nien begann ein Tor nach dem anderen zu schießen, ohne dabei von perua-nischen Abwehr­spie­lern nen­nens­wert gestört zu werden.

Die meisten Argen­ti­nier behaupten noch heute, dass es ein faires Match gewesen sei. BBC-World-Kolum­nist Raúl Fain Binda winkt ab, wenn er auf ver­meint­liche Abreden ange­spro­chen wird: Das sind doch nur Gerüchte, gibt es irgend­welche Beweise? In Argen­ti­nien war das damals kein Thema, und das ist es auch heute nicht.“ Wenn man sich das Peru-Spiel noch einmal ansieht, ist aber die inter­es­san­tere Frage, wie es mani­pu­liert wurde. Die Ent­hül­lungs­jour­na­listin María Laura Avi­gnolo ver­öf­fent­lichte 1986 in der Sunday Times“ einen ersten detail­lierten Bericht dar­über und sah sich in der Folge mit ernst zu neh­menden Mord­dro­hungen kon­fron­tiert. Ihre Thesen wurden später von David Yallop in seinem Buch Wie das Spiel ver­loren ging“ (über Kor­rup­tion bei der FIFA) unter­mauert.
Laut Yallop befahl General Videla Lacoste, das Ergebnis zu mani­pu­lieren. Dar­aufhin ver­han­delte Lacoste mit drei lei­tenden Funk­tio­nären der perua­ni­schen Dele­ga­tion. Man einigte sich auf den Preis: 35.000 Tonnen Getreide sollten nach Peru ver­schifft werden und eine Zah­lung von 50 Mil­lionen Dollar an Perus Macht­haber gehen. Dazu bot ein füh­rendes Mit­glied der Junta drei perua­ni­schen Spie­lern je 20.000 Dollar. Carlos Ares, Jour­na­list einer der Junta wohl­ge­son­nenen Zei­tung, die direkten Zugang zur Mann­schaft hatte, war mehr und mehr davon über­zeugt, dass das Spiel mani­pu­liert wurde. Als er diesen Ver­dacht öffent­lich äußerte, drohte Lacoste, ihn umzu­bringen. Ares flüch­tete darauf nach Spa­nien.

Als Argen­ti­nien das vierte Tor schoss, ging die Bombe hoch

Vor dem Spiel besuchte General Videla – begleitet von dem ehe­ma­ligen US-Außen­mi­nister Henry Kis­singer, der sowohl den Fuß­ball als auch latein­ame­ri­ka­ni­sche Dik­ta­toren liebte – das perua­ni­sche Team in der Kabine. Er schärfte ihnen ein, wie wichtig die latein­ame­ri­ka­ni­sche Soli­da­rität sei. Die Spieler hatten nie zuvor einen Dik­tator aus der Nähe gesehen und waren ein­ge­schüch­tert. Laut Fernández Moores ist eines der wich­tigsten Indi­zien für einen Betrug, dass just in dem Moment, als Argen­ti­nien das vierte Tor schoss, im gut gesi­cherten Haus von Juan Aleman eine Bombe hoch­ging. Aleman war ein Beamter des Wirt­schafts­mi­nis­te­riums, der sich den Zorn Lacostes zuge­zogen hatte, weil er die WM als Geld­ver­schwen­dung bezeich­nete. Er über­lebte das Attentat und war von Lacostes Schuld über­zeugt, da nur jemand, der wusste, dass es ein viertes Tor geben würde, die Bombe in eben diesem Moment zünden lassen konnte.

Im fol­genden Finale sind viele der argen­ti­ni­schen Ver­gehen nor­malem“ unsport­li­chen Ver­halten zuzu­schreiben. Die Mann­schaft kam zu spät aus der Kabine und pro­tes­tierte gegen René van de Kerk­hofs Hand­man­schette, Kapitän Daniel Pas­sa­rella rammte Johan Nees­kens den Ellen­bogen ins Gesicht, und man spielte auf Zeit. Aber auch die Hol­länder spielten schmutzig und begingen Dut­zende von Fouls. Für Brian Glanville bleibt das Spiel aus einem anderen Grund ein Rätsel: Die Argen­ti­nier waren nach 90 Minuten tot. Dann kamen sie zur Ver­län­ge­rung wie neu­ge­boren aus der Kabine. Wie das mög­lich war, weiß ich ein­fach nicht. Sie waren mit Abstand das sprit­zi­gere Team in der Ver­län­ge­rung und gingen weitaus mehr Tempo. Doch sollten sie tat­säch­lich irgend­welche Auf­putsch­mittel genommen haben, wäre es schwierig gewesen, das so kurz vor der Ver­län­ge­rung zu tun. Und wenn sie sie vorher genommen hatten, warum ent­fal­tete sich die Wir­kung so spät? Ich weiß es ein­fach nicht, aber ich finde die ganze Sache nach wie vor sehr dubios.“ Der Buch­autor Jimmy Burns behauptet, meh­rere Infor­manten hätten ihm ver­raten, dass ein Groß­teil der argen­ti­ni­schen Spieler derart mit Drogen voll­ge­pumpt war, dass sie nach dem Abpfiff wei­ter­rennen mussten, weil sie so auf­ge­dreht waren“. Laut David Yallop standen viele der argen­ti­ni­schen Spieler das gesamte Tur­nier über unter Dro­gen­ein­fluss und flogen nur des­halb nicht auf, weil sie Urin­proben ihrer Betreuer abgaben.

Inmitten des kol­lek­tiven Freu­den­tau­mels waren selbst die Opfer der Unter­drü­ckung ver­wirrt. Rechts oder links, Fol­terer oder Opfer, alle Argen­ti­nier lieben den Fuß­ball. Der Schrift­steller Pacho O‘Donnell ver­folgte die WM aus seinem Exil in Madrid am Fern­seh­gerät. Er war sich nicht sicher, ob er Tränen der Freude oder der Trauer ver­goss, als Kempes und Ber­toni in der Ver­län­ge­rung trafen. Im Vor­feld und wäh­rend des Finales hatten einige hol­län­di­sche Spieler befürchtet, dass sie die Stadt nicht lebendig ver­lassen würden, wenn sie gewännen. Fernández Moores glaubt jedoch, dass die Nie­der­länder sicher waren und sich viel­mehr das Regime in Gefahr befand. In den Jahren der Dik­tatur war es ver­boten, sich auf der Straße auf­zu­halten. Wäh­rend der WM war das ganze Land auf den Straßen und tanzte, sang und fei­erte. Ich glaube, dass das Mili­tär­re­gime gestürzt worden wäre, hätte Argen­ti­nien ver­loren.“
So aber schwammen die Gene­räle auf einer Welle der Begeis­te­rung. Der Ein­marsch auf den Falk­land­in­seln 1982 war zu einem großen Teil der Ver­such, das Gefühl natio­na­lis­ti­scher Ein­heit wie­der­her­zu­stellen, das die WM 1978 frei­ge­setzt hatte. Es wäre ihnen sicher auch gelückt, wenn sie den Krieg gewonnen hätten. Jimmy Burns war zu jener Zeit in Buenos Aires und beob­ach­tete, wie die Schi­zo­phrenie von 1978 jetzt den gegen­tei­ligen Effekt her­vor­rief. Als Argen­ti­nien 1982 den Titel wäh­rend des Falk­land­krieges ver­tei­digen wollte, sah ich die­selbe kol­lek­tive Ver­blen­dung. Im staat­li­chen Fern­sehen wurde über den Krieg berichtet, als han­dele es sich um ein Fuß­ball­spiel. Gleich­zeitig waren sich alle sicher: ›Wir holen den Pokal!‹ Und dann dieser unglaub­liche Zufall: In dem Moment, als der Traum zer­platzt – Argen­ti­nien ver­liert gegen Bra­si­lien, und Mara­dona sieht Rot – fallen die bri­ti­schen Truppen in Port Stanley ein, und das gesamte mili­tä­ri­sche Ver­tei­di­gungs­system stürzt ein wie ein Kar­ten­haus.“

Argen­ti­nien hat nie einen ähn­li­chen Pro­zess durch­laufen wie die Ent­na­zi­fi­zie­rung in Nach­kriegs­deutsch­land oder die Wahr­heits- und Ver­söh­nungs­kom­mis­sion in Süd­afrika. Es gibt keine all­ge­mein akzep­tierte Ver­sion dessen, was geschehen ist. Es gab zunächst nur neun Pro­zesse gegen Junta-Führer, und es wurde eine Reihe von Amnes­tien gewährt, die erst vor kurzem rück­gängig gemacht wurden. Dem­entspre­chend bleibt der schmut­zige Krieg“ ein schwarzes Loch, in den das moderne argen­ti­ni­sche Politik- und Kul­tur­leben hin­ein­ge­saugt wird.

Wenn es um die Welt­meis­ter­schaft 1978 ging, zogen es die meisten Argen­ti­nier bis­lang immer vor zu leugnen, dass das Tur­nier eine dunkle Seite gehabt hat. Statt­dessen sahen sie die WM als einen Moment der Freude und Erleich­te­rung in einer dunklen Zeit. Ein Ereignis, das nichts mit den Gene­rälen zu tun hatte, ja, dem sogar ein Ele­ment von Trotz gegen das Regime inne­wohnte. Immerhin hatte Trainer César Luis Menotti sich nach dem Finale gewei­gert, Videlas Hand zu schüt­teln. Man trös­tete sich damit, die Euphorie auf den Straßen als einen Aus­druck der Erlö­sung von der Unter­drü­ckung und nicht als patrio­ti­schen Eifer zu inter­pre­tieren. Zudem gab es ein Ele­ment in der angriffs­ori­en­tierten Taktik des Teams, das von Frei­heit kün­dete. Jimmy Burns: Da war so etwas Unge­zähmtes in ihrer Spiel­weise, das nicht zur Uni­for­mität und Regle­men­tie­rung der argen­ti­ni­schen Junta passte. Die große Aus­nahme war natür­lich Pas­sa­rella, dessen Auf­treten bei­nahe schon faschis­tisch war.“

Raúl Fain Binda glaubt: Das ein­fache Volk begann zu jener Zeit zu begreifen, was vor sich ging. Sie werden nicht das Ausmaß erfasst haben, aber sie rochen, dass etwas faul war und waren gegen die Junta.“ Was den Fuß­ball betraf, so gab es die poli­ti­sche Situa­tion auf der einen Seite und die sport­liche auf der anderen. Men­schen finden viele Wege, mit einer bru­talen Dik­tatur klar­zu­kommen. Es wäre etwas anderes, wenn Menotti und die Spieler Mario­netten der Junta gewesen wären. Doch das waren sie nicht. Die Leute waren also einer­seits glück­lich, anderes lehnten sie ab. Ich ver­stehe nicht, warum man darauf besteht, beide Seiten zu ver­mi­schen.“ Graham-Yooll sieht das anders. Das Tur­nier war eine Schande. Die Leute gestehen sich nicht gerne ein, dass es 1976 beim Putsch durchaus auch Begeis­te­rung gab. Pro­ji­ziert auf die WM heißt das, die Leute wollten nicht zugeben, dass alle mit dem argen­ti­ni­schen Sieg mehr als zufrieden waren und es ihnen egal war, ob es sich um Schie­bung han­delte.“

Menotti ist ein stolzer Mann“


Und wie soll man die Rolle César Luis Menottis bewerten? Bis heute haben die Geschichts­schreiber es gut mit ihm gemeint. Er gilt gemeinhin als Mann mit Prin­zi­pien, der die Anfor­de­rungen des Regimes und seines Gewis­sens geschickt aus­ta­rierte. Raúl Fain Binda sagt, das Regime erwar­tete mehr Unter­stüt­zung von ihm, aber er ging sehr gut damit um, und das wusste jeder in Argen­ti­nien“. Menotti selbst meinte, dass der Welt­meis­ter­titel das Beste war, was er für die Demo­kratie tun konnte. Der Sieg gehörte dem Volk, nicht der Junta. Jimmy Burns hin­gegen geht mit dem Trainer hart ins Gericht: In meinen Augen ist er in vollem Umfang mit­schuldig.“ In vollem Umfang? Keine mil­dernden Umstände? Nein, kei­nes­wegs. Er hätte gleich zu Beginn oder spä­tes­tens am Ende eine Pres­se­kon­fe­renz nutzen können, um eine Stel­lung­nahme abzu­geben. Er hätte ein Poli­tikum daraus machen können, aber das hat er nicht getan. Aus reinem Stolz. Menotti ist ein stolzer Mann, und er wurde bei diesem Tur­nier zur wich­tigsten Person Argen­ti­niens.“

Fernández Moores schätzt Menottis Rolle kom­plexer ein. Ja, er war ein Mann der Linken mit engen Bezie­hungen zur Kom­mu­nis­ti­schen Partei. Doch die KP Argen­ti­niens war von der Sowjet­union ange­halten, Videla zu unter­stützen, und das, obwohl viele ein­fache Mit­glieder umge­bracht wurden. Der­weil spielte Menottis Fuß­ball­phi­lo­so­phie der Junta in gewisser Weise auch in die Karten. Das Militär behaup­tete, ›es gibt eine argen­ti­ni­sche Lebens­weise, und die ist die beste der Welt‹. Des­halb gefiel es ihnen, wenn Menotti von der ›argen­ti­ni­schen Art‹ sprach.“ Moores zufolge hielten Menotti und sein Team den­noch deut­li­chen Abstand zum Regime. Menotti sagte seinen Spie­lern immer wieder: ›Wir spielen für das Volk, die WM gehört dem Volk.‹ Und daran hielten sie sich. Die Spieler sagten nie ›Videla ist gut, Videla ist nett‹. Sie wurden mani­pu­liert, doch sie waren keine Mario­netten.“

Langsam aber sicher beginnt sich die Sicht auf die WM 1978 zu ver­än­dern. Gaston Bira­bens beein­dru­ckender Film Cau­tiva“ („Die Gefan­gene“) war ein erstes Zei­chen für diesen Wandel. Darin geht es um das gestoh­lene Kind einer desa­pa­re­cida, ein Thema, das schon oft auf­ge­griffen wurde. Doch Biraben nutzte als Erster die Welt­meis­ter­schaft als Kulisse. Der Film beginnt mit Aus­schnitten aus dem staat­li­chen Fern­sehen, die Höhe­punkte des End­spiels zeigen. Erst viel später ver­steht der Zuschauer den alp­traum­haften Zusam­men­hang. Es stellt sich heraus, dass eine poli­ti­sche Gefan­gene in der Nacht des großen Finales in einem Fol­ter­zen­trum ein Kind gebiert. Die Mutter ver­schwindet, und das Kind wird einem Mili­tär­an­ge­hö­rigen über­geben und von dessen Familie groß­ge­zogen. Der Film folgt dem Mäd­chen, wie es im Teen­ager­alter mit seiner tra­gi­schen Geschichte kon­fron­tiert wird.
In der neuen poli­ti­schen Ära der Kirch­ners sind die Argen­ti­nier offener für die Aus­ein­an­der­set­zung mit der Ver­gan­gen­heit, doch das Gedächtnis funk­tio­niert immer noch selektiv. Ein gutes Bei­spiel dafür war Das andere Finale“, das im Juni dieses Jahres vom Frie­dens­no­bel­preis­träger Adolfo Pérez Esquivel orga­ni­siert wurde, um an das End­spiel vor 30 Jahren zu erin­nern. Sie mar­schierten von der ESMA zum River-Plate-Sta­dion und hielten Fotos der Ermor­deten in die Höhe. Im Sta­dion wurde vor der eher beschei­denen Kulisse von 5000 Men­schen ein Bene­fiz­spiel für die Opfer aus­ge­tragen. Bemer­kens­wer­ter­weise nahmen sogar drei Stars der Mann­schaft von 1978 teil: René Houseman, Leo-poldo Luque und Ricardo Villa. Auf der Tri­büne, wo einst Videla und Mas­sera saßen, wurde eine Fahne mit den Namen von Tau­senden ihrer Opfer dra­piert.

30 Jahre nach dem Tur­nier wurden allein die Dik­ta­toren und ihre Hand­langer ange­pran­gert. Die Fami­lien der Opfer hielten sich mit ihrer Kritik an der argen­ti­ni­schen Gesell­schaft der Zeit auf­fällig zurück. Nie­mand kri­ti­sierte die Spieler, nie­mand erwähnte die Betrugs­vor­würfe. Houseman umarmte die Mütter und Groß­mütter der Plaza de Mayo. Villa bestritt, dass er von den Dik­ta­toren instru­men­ta­li­siert worden sei. Luque sagte, er fühle sich sehr glück­lich, an all dem teil­haben zu können und auf das Feld zurück­zu­kehren, das mir so viel Freude geschenkt hat“.

Fernández Moores behauptet, dass sich in Sachen Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung langsam, aber sicher etwas tut. Doch nur wenige Argen­ti­nier mögen die Pro­ble­matik mit Außen­ste­henden dis­ku­tieren. Dieses Land liebt den Fuß­ball und ist sehr natio-nalis­tisch. Keiner wäscht seine schmut­zige Wäsche gerne in der Öffent­lich­keit, den­noch glaube ich, dass die Leute sich ein wenig schuldig fühlen wegen dem, was 1978 pas­siert ist. Tief im Inneren wissen sie, dass es keine sau­bere Ver­an­stal­tung war. Es war nicht richtig, dass wir so aus­ge­lassen gefeiert haben, wäh­rend andere leiden mussten. Wir fragen uns: Was haben wir damals getan? Wie konnten wir nur so ego­is­tisch sein? Des­halb erin­nern wir uns lieber an die WM 1986 in Mexiko. Da spielten wir in einem anderen Land und konnten beweisen, dass wir wirk­lich die Besten sind. Nicht wegen Videla, son­dern weil wir gute Fuß­baller hatten und guten Fuß­ball gespielt haben.“


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