Ste­phan Schip­pers, am Mitt­woch wird in Frank­furt über das DFL-Kon­zept Sta­di­on­er­lebnis“ ent­schieden. Fan-Initia­tiven pro­tes­tieren seit Wochen gegen eine Umset­zung. Nun mehren sich die kri­ti­schen Stimmen der Ver­eins­ver­treter. Zuletzt hat der HSV-Vor­stands­vor­sit­zende Carl Jar­chow gesagt, dass sein Klub das Papier ablehnen wird. Wie stehen Sie zu dem Kon­zept?
Wir hoffen, dass die Mit­glie­der­ver­samm­lung des Liga­ver­bandes das Papier bestä­tigt und es ver­ab­schiedet wird. Wir werden dafür stimmen.
 
Die aktiven Fans glauben, dass dieses Kon­zept das Ende der Fan­kultur sein wird, wie wir sie heute kennen. Sie teilen diese Befürch­tungen also nicht?
Wir glauben nicht, dass dieses Papier dazu geeignet ist, die Fan­kultur zu zer­stören. Im Gegen­teil: Wir werden es mit diesem Kon­zept schaffen, den fried­li­chen Sta­di­ongän­gern – und das sind mehr als 99 Pro­zent – ein sicheres Fuß­ball­spiel wei­terhin zu ermög­li­chen.
 
Die aktiven Fans monieren, dass sie nicht in die Erar­bei­tung der Thesen invol­viert waren. Wie sehen Sie die Genese des Papiers?
Es gibt sicher­lich Kri­tik­punkte. Grund­sätz­lich denken wir aber, dass die Erar­bei­tung richtig war. Wenn ich auf einem grünen Feld starte und dann sage: Lasst uns mal alles sam­meln, was euch ein­fällt“, komme ich nie zu einem Ergebnis. Wenn ich aber einen Katalog mit Grund­ge­danken ver­sende und die Ver­eine auf­for­dere, diesen mit ihren Fans zu dis­ku­tieren und Mei­nungen oder Gedan­ken­gänge dazu zu äußern, bin ich zuerst einmal auf einem guten Weg. Zumal sich durch diese Dia­loge ja de facto Ände­rungen ergeben haben.
 
Haben Sie mit den Fans von Borussia Mön­chen­glad­bach gespro­chen?
Es hat einen regen Aus­tausch mit dem Fan­pro­jekt und den Fan­be­auf­tragten gegeben. Wir haben die ver­schie­denen Fas­sungen des Kon­zepts aus­giebig dis­ku­tiert, einige Thesen wurden auch kri­ti­siert. Noch immer gibt es Punkte, die man im Laufe des ange­strebten Pro­zesses ver­fei­nern kann.
 
Welche Punkte halten Sie wei­terhin für dis­kus­si­ons­würdig?
Dem Kon­zept zufolge sollen die ersten Ergeb­nisse in drei Jahren eva­lu­iert werden. Wir finden, dass man das schon sehr viel früher machen kann. Ansonsten können wir mit den drei Kern­aus­sagen sehr gut leben. Das Papier posi­tio­niert sich gegen Ras­sismus, gegen Gewalt und plä­diert für die Ein­hal­tung der gesetz­li­chen Bestim­mungen. Dar­unter fällt auch das Verbot von Pyro­technik. Dar­über hinaus ver­bes­sert es ins­ge­samt die Rah­men­be­din­gungen, zum Bei­spiel durch regel­mä­ßige Schu­lungen der Ord­nungs­kräfte. 
 
Die Fans ziehen drei andere Kern­aus­sagen aus dem Papier: Es geht zum Bei­spiel um eine Reduk­tion der Gäs­te­karten, wenn ein Spiel als Risi­ko­spiel“ dekla­riert wird. Die Fans tragen Sorge, dass die Heim­ver­eine so die Mög­lich­keit haben, will­kür­lich Risi­ko­spiele“ aus­zu­rufen, um mehr Tickets für Heim­fans zur Ver­fü­gung zu haben. Wie stehen Sie zu der Aus­sage?
Zunächst einmal war diese Reduk­tion bis­lang auch ohne DFL-Papier mög­lich, denn in Para­graph 32 der Richt­li­nien zur Ver­bes­se­rung bei Bun­des­li­ga­spielen ist dieser Punkt bereits ver­an­kert. Im aktu­ellen Papier ist sie eher zugunsten der Fans ver­fei­nert worden, denn Gegen­stand dieses Punktes sind nicht mehr nur die Steh- son­dern auch die Sitz­plätze. So wie in der Ver­gan­gen­heit auch werden aber Ver­eine und Ver­bände sehr behutsam mit der Mög­lich­keit der Reduk­tion umgehen, und diese nicht will­kür­lich ein­setzen.
 
Wei­terhin fehlt den Fans in dem Papier ein klares Bekenntnis zu den Steh­plätzen.
Liga­prä­si­dent Rein­hard Rau­ball hat mehr­fach betont, dass die Steh­plätze nicht zur Dis­po­si­tion stehen. Ist das etwa ein halb­her­ziges Bekenntnis? Auch wir finden nicht, dass die Abschaf­fung ein pro­bates Mittel ist, um die Sta­dien zu befrieden. Aber dies ist auch in keiner Weise Gegen­stand des Antrags­pa­ketes. Im Gegen­teil: Die Steh­plätze gehören zur Fuß­ball­kultur!

Haben die Ver­eine und Ver­bände nicht die Macht, sich gegen die Politik zu stellen? Der DFB ist immerhin der größte Sport­ver­band der Welt.
Hier geht es nicht um irgend­eine Kon­fron­ta­tion, son­dern einzig um die Wei­ter­ent­wick­lung und Sicher­heit der Spiele. Wenn wir es als Ver­eine schaffen, dass wir gemeinsam die gefor­derten Min­dest­stan­dards ver­an­kern, dann ist die Abschaf­fung der Steh­plätze kein Thema in der Politik. Denn auch die Politik hat kein Inter­esse, die Fuß­ball­kultur anzu­greifen, nur weil einige wenige das fried­liche Sta­di­on­er­lebnis gefährden.
 
Fern vom ZIS-Sta­tis­tiken und Medi­en­hys­terie: Ist ein Fuß­ball­sta­dion heute nicht viel sicherer als in den acht­ziger oder neun­ziger Jahren?
Ich bin auf der Bökel­straße groß geworden, und manchmal konnte ich da rich­tige Klop­pe­reien beob­achten. Die Stim­mung im und um das Sta­dion ist heute eine ganz andere, sie ist fried­li­cher, da gebe ich Ihnen recht.
 
Muss es dann über­haupt ein Sicher­heits­kon­zept geben?
Ja. Wir glauben, dass es wichtig ist. Es kommen im Schnitt über 44.000 Zuschauer zu den Spielen der Ersten Liga. Die Fans haben ein Recht darauf, das Fuß­bal­l­er­lebnis sicher zu genießen. Eine Lizen­sie­rung bei­spiels­weise, wie sie bereits im Nach­wuchs­be­reich durch­ge­führt wird, könnte auch hier eine pro­bates Mittel sein, um die Qua­lität und Sicher­heit in den Sta­dien zu erhöhen.
 
Aber eine hun­dert­pro­zen­tige Befrie­dung eines Fuß­ball­spiels ist Utopie.
Das stimmt auch. Wir kennen auch den Okto­ber­fest-Ver­gleich, und wenn die Zahlen nicht lügen, dann liegt die Ver­letz­ten­quote dort weit über der einer gesamten Bun­des­li­ga­saison. Mas­sen­ver­an­stal­tungen bergen Risiken. Ein Fuß­ball­spiel ist aller­dings ver­gleichs­weise unge­fähr­lich. Doch sollen wir uns darauf aus­ruhen? Wir plä­dieren für prä­ven­tive Arbeit und für einen Dialog mit Fans, so wie wir ihn seit Jahren in Glad­bach mit dem AK Fan­dialog “ hand­haben. Doch es gibt auch das Tag­werk – und da werfen immer noch Chaoten Ben­galos aufs Spiel­feld oder suchen Aus­schrei­tungen. Des­halb ist neben der prä­ven­tiven Arbeit auch die Über­wa­chung und Auf­klä­rung sehr hilf­reich.
 
Ein wei­terer Kri­tik­punkt der Fans sind die Voll­kon­trollen vor einem Sta­di­on­be­such.
Aber doch nur im abso­luten Extrem­fall als Ultima Ratio. Wir haben manchmal das Gefühl, dass dem einen oder anderen Ver­eins- oder Fan­ver­treter das bestehende Regel­werk und das über­ar­bei­tete Antrags­paket gar nicht en detail bekannt sind.
 
Den­noch: Ent­steht durch einen sol­chen Passus nicht eine Droh­ku­lisse?
Die Mög­lich­keit der inten­siven Per­so­nen­kon­trolle besteht doch heute schon, je nach Ein­schät­zung der Polizei und der Ver­eine. Das Kon­zept sieht doch keine Ver­schär­fung vor, son­dern nur eine Ver­bes­se­rung der Rah­men­be­din­gungen. Die Ent­schei­dung, wer dort kon­trol­liert wird, obliegt wei­terhin den Heim­ver­einen und den Ord­nungs­kräften vor Ort. Und die sind auch hier ange­wiesen, Fin­ger­spit­zen­ge­fühl zu beweisen. Nie­mandem ist an Voll­kon­trollen per se gelegen.