Er saß Sekunden lang am Tor­pfosten, kaute mecha­nisch sein Kau­gummi, der Blick ging ins Leere. Dann liefen seine Mit­spieler auf ihn zu und auch Rudi Völler umarmte ihn. Doch Oliver Kahn war in diesem Moment sehr weit ent­fernt von den trös­tenden Worten seine Mit­spieler. Schließ­lich war er es gewesen, der das Spiel für die deut­sche Elf ver­loren hatte. Weil ihm der ver­ma­le­deite Schuss von Rivaldo vor die Brust gesprungen war und seine Hände ins Leere gegriffen hatten, genug Zeit für Ronaldo, her­bei­zu­sprinten und abzu­stauben. Da half es auch nichts, dass alle Welt hin­terher wort­reich ver­si­cherte, erst seine Paraden hätten Völ­lers Elf ins Finale gebracht. Ins Finale ja, aber eben auch um den Pokal.

Yoko­hama wird die große Nie­der­lage des Oliver Kahn bleiben. Nicht nur wegen des Patzers. Son­dern auch, weil er, der große Ver­lierer, die Zuschauer nicht mit­leiden ließ. Andere, die das Tor ver­fehlten oder große Spiele ver­loren, litten öffent­lich, Gazza heulte, Baggio trau­erte, Sou­th­gate ver­grub das Gesicht in den Händen. Oliver Kahn hin­gegen verzog keine Miene. Ich hätte mir einen tra­gi­schen Zusam­men­bruch gewünscht“, sagte Night­talker Harald Schmidt später. Das hätte Größe gehabt.“ Oliver Kahn kaute nur Kau­gummi. Ein fast tra­gi­sches Schicksal. Denn obwohl der Münchner seit Jahren der aner­kannt einer der welt­besten Keeper ist, obwohl sein Stel­lungs­spiel vor­züg­lich und seine Paraden atem­be­rau­bend sind, wird man ihn später wohl nicht in einem Atemzug mit den ganz großen Tor­wart-Legenden nennen. Weil dazu mehr gehört als nur tolle Reflexe und toll­kühne Flug­ein­lagen.
 
Es ist schon eine beson­dere Geschichte mit dem Tor­hüter. Er ist anders als seine Mit­spieler, das sagen schon die Regeln. Der Tor­wart muss sich in der Farbe der Sport­klei­dung von den anderen Spie­lern, vom Schieds­richter und dessen Assis­tenten unter­scheiden“, heißt es in der Regel 4. Er darf den Ball in die Hand nehmen und er bewegt sich nur im Not­fall aus seinem Sech­zehn­meter-Karree hinaus. Und Horst Bosetzky, der Krimi-Autor, hat das ganze Elend des Tor­hü­ters bündig zusam­men­ge­fasst: Der Tor­wart soll etwas ver­hin­dern und zwar nicht etwas ganz Belie­biges, son­dern das Schönste. Dass er rein­geht. Der Ball.“

Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fuß­balltor“

Es hat also etwas Destruk­tives an sich, das Dasein als Tor­hüter, etwas zutiefst Depri­mie­rendes. Oder um mit Fritz Hack zu spre­chen: Der Tor­hüter ist der ein­zige Spieler einer Mann­schaft, der ein Treffen ver­lieren kann. Er kann es aber nie­mals durch eigene Anstren­gungen gewinnen.“ Dies zu wissen und den­noch im Tor zu stehen, eint die Keeper von der Kreis­klasse bis zur Bun­des­liga und bestä­tigt das Vor­ur­teil: Dass Tor-
hüter beson­ders sind. Dem­entspre­chend wurden die Keeper bereits in den Kin­der­jahren des Fuß­balls heiß ver­ehrt. Toll­kühne Zer­be­russe wie Natio­nal­keeper Heiner Stuhl­fauth vom 1. FC Nürn­berg genossen in den Zwan­ziger Jahren heiße Ver­eh­rung. Und den Gas­sen­hauer Der Theodor, der Theodor, der steht bei uns im Fuß­balltor“ kannte jedes Kind und sang mit: Wie der Schuss auch fällt, der Theodor, der hält.“

Und obwohl die Fuß­ball­an­hänger in Deutsch­land nur wenig erfuhren über die Gescheh­nisse in anderen euro­päi­schen Ligen, drang als­bald die Kunde von einem Keeper nach Deutsch­land, der dem Ver­nehmen nach schiere Wun­der­dinge voll­brachte. Kat­zen­haft tauchte er in die Ecken und schien Arme überall zu haben. Sein Name: Ricardo Zamora.

Das Netz ist die Nie­der­lage

Die Bewun­de­rung für den spa­ni­schen Aus­nah­me­keeper färbte auch auf auf die hie­sigen Tor­hüter ab, die damals noch aus­nahmslos mit bloßen Händen und nackten Knien über harte Plätze hech­teten. Und spä­tes­tens, als die Radio­sender Her­bert Zim­mer­manns ent­fes­selten Berner Schrei Toni, du bist ein Fuß­ball­gott“ in die Wohn­zimmer und Gast­stuben der Repu­blik trugen, war der Blick des Publi­kums geschärft für die ganz beson­dere Rolle des Tor­hü­ters, der letzten Instanz im Fuß­ball. Denn hinter dem Tor­wart ist nur noch das Netz, und das Netz ist die Nie­der­lage. Nichts Grö­ßeres für einen Tor­wart als ein Sieg zu Null, ein Sieg mit drei Gegen­toren ist kein Sieg. Nicht für einen Tor­wart jeden­falls, weil er weiß, was die Fans denken. Dass er näm­lich zumin­dest das zweite Tor hätte haben müssen. Und das erste Tor war eben­falls nicht unhaltbar. Dieses Wissen macht Tor­hüter oft einsam.

Petar Raden­kovic landet am Haupt­bahnhof in Mün­chen

Ein Blick in die Bun­des­liga-Geschichte för­dert sie dann auch dut­zend­weise zu Tage: Merk­wür­dige, abson­der­liche, exzen­tri­sche Tor­hüter. Das begann bereits beim Jugo­slawen Petar Raden­kovic, der 1961 ohne einen Pfennig in der Tasche in Mün­chen gelandet war, mit der vagen Hoff­nung auf einen Ver­trag beim FC Bayern Mün­chen. Zwei Jahre später hielt Raden­kovic für den Lokal­ri­valen den Kasten sauber und machte bei 1860 Mün­chen schnell klar, dass er sich künftig kei­nes­wegs in das enge Sech­zehn­meter-Kor­sett des Straf­raums zwängen lassen wollte und turnte fortan munter in der Nähe der Mit­telinie herum. Ein Novum in der Bun­des­liga. Draußen auf der Trai­ner­bank starb der­weil der gestresste Coach Max Merkel tau­send Tode.

Der Popu­la­rität Raden­kovic’ tat das Genörgel von der Bank keinen Abbruch und als­bald sang der vom Jour­na­listen Hans Schie­fele auf Radi“ getaufte Keeper einen schmis­sigen Song im Drei­vier­tel­takt: Bin i Radi – bin König“, sang kurze Zeit später halb Deutsch­land, bis in die Top Ten schaffte es der ein­gän­gige Refrain. Und auch wenn es die Nach­fol­ge­single mit dem nicht weniger ein­gän­gigen Titel Radi und Radies­chen“ nicht bis in die Höhen der Charts schaffte, so war doch ein Rol­len­mo­dell für schnelle Popu­la­rität geschaffen.

Die Katze von Anzing im baby­blauen Pull­over

Raden­kovic’ Kon­kur­rent Sepp Maier per­fek­tio­nierte dieses Modell später. Stets angetan mit baby­blauem Pull­over und Tor­wart­hosen bis zum Knie, wurde Maier, die selbst ernannte Katze von Anzing“ zu einem der ersten Pop­stars der Bun­des­liga. Natür­lich war der Münchner vor allem ein guter Tor­wart, dar­über hinaus aber gewann er die Sym­pa­thien durch die Leich­tig­keit seiner Auf­tritte. Ob er nun zum Ver­gnügen des Publkums nach einem ver­irrten Erpel hech­tete, kur­zer­hand auf den Ball stieg, um nach dem Schieds­richter Aus­schau zu halten oder im Kin­der­pro­gramm der ARD einen Tor­wart­kurs mit Sepp Maier“ abhielt, stets gab Maier den Son­nyboy, den Enter­tainer zwi­schen den Pfosten.

Fast ging dabei unter, dass Maier bis­weilen auch sehr knurrig werden konnte, dann näm­lich wenn er mal wieder hatte hinter sich greifen müssen. Dann gif­tete er näm­lich: Gegen Maier erzielte Tore sind immer unhaltbar!“ Waren sie natür­lich, sonst hätten ihn die Leser des Teen­ager-Blat­tes­wohl Bravo“ kaum 1975 zum popu­lärsten Sportler gewählt. Die Zuschauer liebten ihn, weil in seinem Spiel wenig zu spüren war, vom bis­weilen unmensch­li­chen Druck, der auf Tor­hü­tern lastet. Bei einem Tor­wart kann jeder Fehler unbarm­herzig bestraft werden“, sagt Maier selbst.

Und in der Tat balan­cieren Keeper auf einem schmalen Grat zwi­schen Tri­umph und Ver­sagen. Ein ein­ziger Fehler kann eine Nie­der­lage bedeuten und zehn Glanz­pa­raden zuvor sind völlig wertlos. Das unter­scheidet den Tor­wart vom Stürmer, der zehnmal stüm­per­haft neben den Ball treten kann und nur ein ein­ziges Mal treffen muss, um zum Helden des Abends zu werden. Manche Keeper haben diesen Druck nicht aus­ge­halten und galten Zeit ihrer Kar­riere als unsi­chere Kan­to­nisten. Der Frank­furter Jürgen Pahl etwa, der im Spiel gegen Werder Bremen einen ganz harm­losen Abwurf zum Mann­schafts­kol­legen Fal­ken­mayer plante, sich den Ball aber mit einer ele­ganten Sei­ten­dre­hung und unter dem Gelächter der Zuschauer ins eigene Netz warf. Und Olli Isoaho, der fin­ni­sche Keeper von Arminia Bie­le­feld, der als erster Keeper in der Bun­des­liga-Geschichte in einer Halb­zeit zehn Tore kas­sierte und im denk­wür­digen Spiel bei Borussia Dort­mund im Straf­raum her­um­irrte, als suche er ver­zwei­felt eine her­un­ter­ge­fal­lene Kon­takt­linse. Schließ­lich der kurz­fris­tige HSV-Tor­wart Mladen Pra­lija aus Jugo­sla­wien, dem eine 0:6‑Niederlage bei Bayern Mün­chen das Genick brach, denn Pra­lija wusste bei min­des­tens vier von sechs Gegen­toren ganz offen­kundig nicht, wo der Ball ist, geschweige denn wo sich das eigene Tor befindet.

Andere behielten hin­gegen die Nerven: Oliver Reck wurde durch die Kar­riere in nahezu allen Sta­dien auf­grund seiner ver­meint­lich zitt­riger Hand als Pannen-Olli“ geschmäht und been­dete seine Kar­riere doch als respek­tierter Klas­se­keeper auf Schalke.

Wüte­riche wie Harald Schu­ma­cher beherrschten die Tore

Spä­tes­tens mit dem Rück­tritts Maiers nach einem Auto­un­fall war die Zeit der ulkigen Para­dies­vögel im Tor vorbei. Statt­dessen beherrschten fortan die Kau­gummi kau­enden Wüte­riche vom Schlage eines Harald Schu­ma­cher die Tore. Nicht ganz zufällig wurde Anfang der Acht­ziger ein Sport­foto preis­ge­krönt, auf dem sich Schu­ma­cher und Schieds­richter Auge in Auge gegen­über­stehen und so grimmig ans­tieren, als ginge es gleich hinaus auf die Dorf­straße zum Duell mit glit­zernden Pis­tolen.
 
Sicher, Schu­ma­cher war ein Exzen­triker und somit im gewisser Weise ein typi­scher Tor­wart, aber er eta­blierte vor allem rüpel­hafte Manieren, lächelte nicht auf dem Spiel­feld und fast zwangs­läufig kom­men­tierte er nach seinem Body­check gegen den her­an­stür­menden Fran­zosen Bat­tiston im WM-Halb­fi­nale 1982 die Ver­let­zungen: Sagt ihm, ich zahle seine Jacket­kronen.“ Seinen kon­ge­nialen Wider­part fand Schu­ma­cher in Uli Stein, ein mani­scher Ego­zen­triker auch er und mit unfehl­barem Gespür für den rich­tigen Moment, einen Streit anzu­fangen. Aus Mexiko fuhr 1986 heim, nachdem er den Kaiser und Team­chef nicht ganz abwegig einen Sup­pen­kaspar“ genannt hatte, und der dama­lige Bayern-Spieler Jürgen Weg­mann hätte besser nicht gegrinst, nach seinem Tor gegen den HSV im Supercup. Darauf hin kas­sierte Weg­mann näm­lich einen Hieb vom Keeper Stein direkt auf die Zwölf. Das Lächeln hat er nicht aus­ge­halten“, sagte später sein Bio­graph.

Doch so rau­beinig sich Stein und Schu­ma­cher auch gaben, sie waren beein­dru­ckende Tor­hüter und über viele Jahre kon­kur­renzlos. Sie beherrschten ihr Hand­werk. Das ist nicht selbst­ver­ständ­lich, zumin­dest wenn man Oliver Kahn glauben darf. Der hat näm­lich beob­achtet, dass sich viele seiner Kol­legen gar nicht mehr richtig nach den Bällen werfen. Allen­falls zu Seite lassen sie sich fallen, wie ein Tipp­kick-Tor­wart nach dem Knopf-druck. Sekunden lang in der Luft hin­gegen, auf dem Weg ins Kreuzeck, schwebt nur noch selten jemand.

Andere hin­gegen erprobten das Gegen­teil. Andy Köpke etwa, der vom Pech ver­folgte Keeper aus Nürn­berg, flog gerne einmal spek­ta­kulär durch die Gegend und boxte Bälle knapp über die Latte, die man auch ohne spek­ta­ku­läre Flug­ein­lage fangen hätte können, wie Kol­legen hinter vor­ge­hal­tener Hand höhnten. Aber Phi­lo­so­phien über das Tor­wart­spiel gibt es viele, das musste eines Tages – feine Ironie – Toni Schu­ma­cher erfahren, den der neue Chef­coach bei Bayer 04, Klaus Augen­thaler, kurz­fristig feu­erte. Schu­ma­cher war der Ansicht gewesen, es könne Tor­hü­tern nicht schaden, zweimal am Tag zu trai­nieren. Augen­thaler fand, das muss nicht sein.

Ich wusste, ich treff den Ball oder ich bekomme Schwie­rig­keiten.“

Im Jahr 2007 beherr­schen nüch­terne Ver­treter ihrer Zunft die Tore. Robert Enke in Han­nover, Raphael Schäfer in Nürn­berg, Timo Hil­de­brand beim VfB Stutt­gart hätten auch beim Cas­ting für den Kre­dit­be­rater der ört­li­chen Kreis­spar­kasse durchaus Chancen, da gelten selbst die Tar­zan­haf­tig­keit des Bre­mers Tim Wiese und der mit­unter unge­stüme Frank Rost als ver­gleichs­weise aus­ge­fallen. Die neue Sach­lich­keit hat Einzug gehalten und undenkbar wären heute die Ein­lagen eines Sepp Maier.

Eher noch könnte das Acht­ziger-Revival den Rüpel wieder zurück ins Tor beför­dern. Frank Rost, der Neu-Ham­burger, der in dunklen Sekunden durchaus dem Rocky-Gegen­spieler und Sowjet-Böse­wicht Dolph Lundgren ähnelt. Und eben Tim Wiese, der die Kno­chen­grät­sche bereits pas­sabel beherrscht. Der sagte einst nach seiner ein­ge­sprungen Attacke gegen Kölns Voronin: Ich wusste, ich treff den Ball oder ich bekomme Schwie­rig­keiten.“

Eine unge­mein weise Erkenntnis, und es emp­fiehlt sich, dazu einen anderen Experten zu Wort kommen zu lassen. Es ist noch selten ein ver­nünf­tiger Satz aus dem Mund eines Tor­hü­ters gekommen.“ Das hat Franz Becken­bauer gesagt. Der war bekannt­lich kein Tor­hüter, son­dern Libero. Die sind auch beson­ders. Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein andermal erzählt werden.

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Elf­me­ter­held Daniel Klewer im Inter­view www​.11freunde​.de/​b​u​n​d​e​s​l​i​g​e​n​/​19521