Alle Mann an Deck, alles hört auf mein Kom­mando. Selten hatten die Mit­spieler ihren jungen Schluss­mann so forsch erlebt. Aber als die Motor­yacht mit dem Team des VfB Olden­burg aus dem Hafen im nie­der­län­di­schen Sneek ablegte, bestand kein Zweifel mehr, wer in den nächsten Tagen an Bord den Ton angeben würde: Hans-Jörg Butt.



Eine spek­ta­ku­läre Regio­nal­liga-Saison 1995/96 hatte der VfB soeben als Meister abge­schlossen. Bevor in den Rele­ga­ti­ons­spielen gegen Tennis Borussia Berlin der Auf­stieg in die zweite Liga per­fekt gemacht werden sollte, hatten sich die Nie­der­sachsen fünf Par­ty­tage auf den Kanälen des Ijs­sel­meeres red­lich ver­dient. Und weil er zuhause eine solide See­tüch­tig­keit erlernt hatte, navi­gierte nun der 21-jäh­rige Keeper sein Team so zuver­lässig und ver­ant­wor­tungs­be­wusst durch die Grachten, wie er zuvor seine Abwehr durch 34 Liga­spiele diri­giert hatte.

Doch ein Tor­wart­leben folgt nun mal der Gesetz­mä­ßig­keit, dass das Unheil meis­tens dann ein­trifft, wenn es nicht erwartet wird. Die Idylle hielt also nicht lange an. Nach einige Tagen manö­vrierte Boots­mann Butt die Yacht für ein lockeres Trai­nings­spiel ans Ufer, um sich dabei prompt eine drei­fache Bän­der­ruptur inklu­sive eines Risses des Syn­des­mo­se­bandes zuzu­ziehen. Keine zwei Wochen vor den schweren Auf­stiegs­spielen. Die Ehre des See­manns aber ver­langt, dass der Kapitän das sin­kende Schiff als letzter ver­lässt. Butt biss auf die Zähne, spielte beide Par­tien – ban­da­giert und schmerz­ge­stillt – über die volle Zeit und fei­erte mit dem VfB Olden­burg den glück­li­chen Auf­stieg.

Jörg war heiß wie Frit­ten­fett“

Sein dama­liger Trainer, Hubert Hüring, sagt: Tor­hüter seiner Klasse wollen immer gewinnen, immer spielen. Jörg war heiß wie Frit­ten­fett.“ Weil der Job einem Keeper aber zwangs­läufig abver­langt, nach dem Hin­fallen wieder auf­zu­stehen, um im nächsten Augen­blick wieder hin­zu­fallen, begab es sich, dass Butt und die eben noch aus­ge­lassen fei­ernde Mann­schaft in der Folge fast die gesamte Zweit­li­ga­saison auf einem Abstiegs­platz ver­brachten. Der junge Tor­wart, der nebenbei in Voll­zeit arbei­tete und seine Aus­bil­dung zum Groß­han­dels­kauf­mann abschloss, konnte die Form der Vor­saison nicht kon­ser­vieren – und wurde nach dem 19. Spieltag von Hüring auf die Bank gesetzt. Er schmollte, gab sich unein­sichtig. Warum erin­nerte sich keiner mehr an seine Opfer­be­reit­schaft in den Wochen des Auf­stiegs?

Mit seinem Coach sprach er nur noch das Nötigste – und als Felix Magath, damals Trainer in Ham­burg, anfragte, ob er zum Sommer als dritter Tor­wart zum HSV kommen wolle, wech­selte er in die Han­se­stadt und in eine unsi­chere Zukunft. Dort stieg er zu einem der bedeu­tendsten deut­schen Keeper der Mill­en­nium-Jahre auf. Rück­bli­ckend sagt der Olden­burger: Ich habe ver­sucht, mir die Wut, die ich emp­fand, zunutze zu machen.“ 

Dieser Blick auf die Ach­ter­bahn­fahrt der Gefühle in den frühen Jahren ist eine Blau­pause für Butts inzwi­schen 14 Jahre andau­ernde Pro­fi­kar­riere. Eine Lauf­bahn, die auch heute noch im Loop zwi­schen Euphorie und Schei­tern oszil­liert, zwi­schen Hin­fallen und Auf­stehen. Ein Natur­ge­setz, das den inzwi­schen 35-Jäh­rigen tief geprägt und nun, im Spät­herbst, zwi­schen die Pfosten des FC Bayern Mün­chen geführt hat.

Dabei unter­schrieb der drei­ma­lige Natio­nal­spieler im Sommer 2008 beim Rekord­meister unter der scharfen Auf­lage, klaglos und geräuscharm ein Dasein als Nummer zwei hinter dem hoch­ge­lobten Kahn-Nach­folger Michael Ren­sing zu fristen. Nicht unbe­dingt die Ide­al­vor­stel­lung von einem Kar­rie­re­aus­klang für einen, der über 330 Bun­des­li­ga­spiele auf dem Buckel hat, ein Cham­pions League-Finale spielte, mit 26 Elf­me­ter­tref­fern als tor­ge­fähr­lichster Keeper in die Annalen der höchsten deut­schen Spiel­klasse ein­ging und einst sogar als Ver­treter von Oliver Kahn und Jens Leh­mann zur WM 2002 nach Asien reiste. 

Das Bayern-Manage­ment befasste sich schon länger mit der Nach­fol­ge­re­ge­lung für Oliver Kahn. Ein internes Stel­len­an­gebot wurde ab 2007 in Bera­ter­kreisen gestreut: Der Klub benö­tige einen loyalen Back-up, der den Kar­rie­re­start des Tor­wart-Thron­fol­gers Ren­sing im Stile eines Elder Sta­tesman kata­ly­siere, ohne dabei selbst Macht­an­sprüche zu stellen. In der engeren Aus­wahl stand neben Butt auch Simon Jent­zsch, der beim VfL Wolfs­burg von Felix Magath aus­sor­tiert worden war.

Klaus Augen­thaler, der sowohl Butt in Lever­kusen, als auch Jent­zsch aus seiner Zeit als Trainer bei den Wölfen kannte, wurde von Uli Hoeneß zu seiner Mei­nung befragt – und ten­dierte klar zu dem Olden­burger. Augen­thaler sagt: Jörg Butt ist ein ruhiger Zeit­ge­nosse, der macht keinen Ärger und bringt zuver­lässig Leis­tung.“ 

Ab dem Moment seines Dienst­an­trittes an der Säbener Straße im Sommer 2008, ließ Butt denn auch keine Zweifel an seiner Loya­lität gegen­über der flip­pigen, mit­unter zu Selbst­über­schät­zung nei­genden Nummer eins auf­kommen. Im Gegen­teil, er fiel so wenig auf, dass FCB-Tor­war­trainer Walter Jung­hans mit­unter suchen musste, um den Ersatz­mann irgendwo in der hin­tersten Ecke des Trai­nings­platzes zu ent­de­cken, wo Butt still und leise sein Pro­gramm abspulte. Jung­hans sagt: In den ersten Trai­nings­ein­heiten nahm man ihn kaum wahr.“

Ich bin eher der Typ Natur­wis­sen­schaftler“

Was treibt einen Mann von seinem Format, sich frei­willig in diese Form von Alters­teil­zeit zu begeben? Zumal ihm vor seinem Wechsel nach Mün­chen auch Ange­bote mit ein­ge­bauter Stamm­platz­ga­rantie von Erst­li­gisten aus Spa­nien, Eng­land und Ita­lien vor­lagen. Die Gründe haben viel mit Butts Eigen­wahr­neh­mung zu tun. Er sagt: Ich bin eher der Typ Natur­wis­sen­schaftler.“ Sein Abitur baute er auf einem tech­ni­schen Gym­na­sium. Butt kennt das Gesetz von der Träg­heit der Masse – und er beherrscht die hohe Kunst der Mathe­matik. Für einen Mann mit seiner Erfah­rung gehört es wohl eher zum kleinen Ein­mal­eins, sich aus­zu­rechnen, wie viele Mög­lich­keiten ihm dieses ver­meint­lich chan­cen­lose Enga­ge­ment beim FC Bayern bot. Die Aus­gangs­po­si­tion war klar: Ich kam als Nummer zwei. Aber ich wusste auch, dass es eine sehr lange Saison wird – und ich zwangs­läufig meine Chance bekomme.“ 
Die Rolle des Mannes, der aus dem Halb­dunkel kommt, war für ihn nicht neu. Schon nach seinem Wechsel zum HSV 1997 stand er eigent­lich auf ver­lo­renem Posten. Der neue Trainer, Frank Pagels­dorf, ging in die Sai­son­vor­be­rei­tung mit Butt als Nummer drei. Aber wer nichts hat, hat auch nichts zu ver­lieren – und in dieser druck­losen Situa­tion funk­tio­nierte der junge, ambi­tio­nierte Tor­hüter wie ein Uhr­werk. Im Trai­ning lie­ferte er Best­leis­tungen ab, erar­bei­tete sich nach und nach das Ver­trauen der Mit­spieler. Hinzu kam, dass Pagels­dorf die Macht­ver­hält­nisse im Team neu gewichten wollte.

Ein Bau­ern­opfer sollte dabei die HSV-Legende Richard Golz werden. Am ersten Spieltag stand urplötz­lich Hans-Jörg Butt im Tor – und der Youngster recht­fer­tigte das Ver­trauen, abge­sehen von einer kurzen Schwä­che­pe­riode im Winter, bis zum Ende der Spielzeit.„Der Junge frisst sich durch“, sagt Klaus Topp­möller, später Butts Trainer in Lever­kusen.

Still und unmerk­lich wie Kor­ro­sion befiel er wie einst in Ham­burg auch die hoch­tra­benden Pläne des Michael Ren­sing. Wäh­rend dieser im eisigen Wasser der Bun­des­liga ver­zwei­felt ver­suchte, an der Ober­fläche zu schwimmen, trai­nierte Butt wie es sein Arbeit­geber von ihm erwar­tete: zuverlässig,emotionslos und stets in freund­li­cher Abstim­mung mit dem per Hoeneß-Dekret über­ge­ord­neten Kol­legen. Und in der Gewiss­heit, dass das Klima beim Rekord­meister gerade auf der signi­fi­kanten Tor­hü­ter­po­si­tion für einen Neu­ling schnell unan­ge­nehm werden kann. Butt hat die Situa­tion von Anfang an kühl ana­ly­siert: Die Bayern haben auch des­halb Erfolg, weil hier der Druck am größten ist. In einem Team wie diesem ist der Kredit schnell auf­ge­braucht. Schon wenn man mal zwei, drei Tage im Trai­ning seine Leis­tung nicht bringt, gibt es Feuer.“ Und Ren­sing wurde schneller heiß, als ihm lieb sein konnte. 

Ein wei­teres Plus: Der Nie­der­sachse kennt auch den Gegen­schnitt. Denn so kühl wie Pagels­dorf 1997 den ver­dienten Richard Golz in Ham­burg abser­vierte, so kalt ereilte dieses Schicksal im Februar 2007 auch Butt selbst in Lever­kusen. Ein Kreis schloss sich. Unstrittig war, dass René Adler dort lang­fristig in Butts Fuß­stapfen treten sollte. Doch solange Klaus Augen­thaler als Coach bei Bayer 04 das Sagen hatte, ließ er keine Zweifel an seiner Loya­lität zu Butt auf­kommen. Als aber 2005 Michael Skibbe begann, den Kader zu moder­ni­sieren, geriet zuneh­mend auch der Tor­wart in die Kritik. Schon seit Bayer im Früh­jahr 2002 im Finale des DFB-Pokals, im Schluss­spurt der Meis­ter­schaft und im Cham­pions League-End­spiel gegen Real Madrid dreimal in Folge den Kür­zeren gezogen hatte, eilte Butt im Rhein­land der Ruf des Flie­gen­fän­gers voraus. Zumal ihm immer wieder auch mal spek­ta­ku­läre Pannen unter­liefen, wie etwa im April 2004, als er mit einem Foul­elf­meter zum 3:1 auf Schalke für die Vor­ent­schei­dung sorgte, aber vor lauter Jubel vergaß, recht­zeitig wieder zurück in seinem Tor zu sein. Mike Hanke gelang es der­weil direkt vom Anstoß­kreis per Bogen­lampe zum 2:3 ein­zu­schießen.

Das Murren der Kri­tiker, denen es bei Butts kom­mu­ni­ka­ti­ons­armem Tor­wart­spiel auch an Extro­ver­tiert­heit man­gelte, wurde lauter und es kam, wie es kommen musste: Als Butt am 10. Februar 2007 im Heim­spiel gegen Ein­tracht Frank­furt nach einer Not­bremse Rot sah, war seine Zeit bei Bayer 04 Geschichte. Die anschlie­ßende Sperre nahm der Trai­ner­stab zum Anlass, den abruf­be­reiten Adler im Tor zu eta­blieren.

Wenn es über­haupt einen Moment in Butts Bio­grafie gibt, der einem Bruch gleich­kommt und nach psy­cho­lo­gi­scher Auf­ar­bei­tung ver­langt, dann dieser. Ich wusste, dass der Verein über meinen Nach­folger nach­denkt – und es war klar, dass es René Adler eines Tages wird. Aber, nachdem ich 150 Spiele am Stück gemacht hatte, mich wegen eines Spiels auf die Bank zu setzen, emp­fand ich als unge­recht“, gönnt er sich einen sel­tenen Moment der Emo­tion. Aber Butt wäre nicht Butt, wenn er nicht im nächsten Satz schon wieder rational schluss­fol­gern würde: Aber ich sehe es positiv: Ohne diese Situa­tion würde ich jetzt wohl nicht bei Bayern spielen.“ Jede Situa­tion ver­dient für ihn eine ange­mes­sene, sach­liche Bewer­tung. Jede These besitzt bekannt­lich eine Anti­these. Und so schlug sich schon zu Olden­burger Zeiten sein Trainer Hüring öfter vor den Kopf, weil Butt auch ver­meint­lich ein­deu­tige Situa­tionen im Sinne des Ange­klagten zu beur­teilen ver­suchte. Als VfB-Stürmer Thomas Goch im Derby gegen den SV Meppen in der Nach­spiel­zeit beim Stande von 1:1 einmal frei vor dem Tor ste­hend eine Groß­chance vergab, weil er lieber selbst drauf­hielt, als einem besser pos­tierten Mit­spieler den Ball vor­zu­legen, beschwich­tigte Butt seinen kurz vorm Kol­laps ste­henden Coach: Immerhin hat Goch sich die Chance selbst erar­beitet.“ 

Den ana­ly­ti­schen Blick und das Ver­ständnis für die Mit­spieler kul­ti­viert er fast über die Maßen. Es ist kein Fall akten­kundig, in dem sich Jörg Butt öffent­lich über einen Kol­legen beschwert hat. Klaus Augen­thaler sagt: Wenn etwas schief läuft, sucht er zuerst immer die Schuld bei sich.“ Intern zeigte er sich schwer gekränkt, als ihn der HSV 2001 nach Lever­kusen ziehen ließ, ohne ein seriöses Gegen­an­gebot zu machen. Als der Wechsel schon wäh­rend der Saison bekannt wurde, erschienen in Bou­le­vard­zei­tungen plötz­lich Gehalts­in­terna, die offen­sicht­lich aus dem Klub­prä­si­dium ihren Weg in die Öffent­lich­keit gefunden hatten. Der Keeper, der auch wegen seiner 19 Elf­me­ter­tore, die er in vier Jahren in Ham­burg erzielt hatte, bei den Fans („Butt­butt­butt“) zur Kult­figur avan­ciert war, fiel in Ungnade, galt fortan als Raff­zahn“ und wurde fast uneh­ren­haft ent­lassen. Sein HSV-Zim­mer­nachbar Martin Groth erin­nert sich: Es hat schwer an ihm genagt, und es hat das Ver­trauen zum Verein zer­stört. Aber Jörg hat nie die Öffent­lich­keit für seine Belange benutzt, hat nie einen Hype um sich gemacht. Selbst in diesem Fall hat er seinem Frust nur privat Luft gemacht.“ Dis­kre­tion bis an die Grenzen der Selbst­zer­flei­schung, mehr als unty­pisch im von Exzen­tri­kern durch­setzten Gewerbe der Bun­des­liga-Tor­hüter.

Wie sehr dieses Maß an Zurück­hal­tung auch Rück­schlüsse auf seine Qua­li­täten auf dem Feld zulässt, hängt von der Per­spek­tive ab: Klaus Topp­möller beschei­nigt Butt zwar, mit seinem sach­li­chen Spiel stets eine beru­hi­gende Wir­kung auf seine Mit­spieler gehabt zu haben. Aber mit­unter hätte ich mir von ihm auch mehr Forsch­heit und Dynamik gewünscht“. Dabei ist es kei­nes­wegs so, dass Butt klare Ansagen scheut. Schon als Jung­spund in Olden­burg sind von ihm Gar­di­nen­pre­digten auch an weitaus ältere Team­kol­legen über­lie­fert, die sich auf dem Platz zu wenig enga­gierten. In Lever­kusen machte Butt regel­mäßig dem phleg­ma­ti­schen Dimitar Ber­batov Beine. Butt: Weil er vom Poten­tial her eigent­lich ständig Welt­fuß­baller werden müsste, aber oft zu wenig aus seinen Mög­lich­keiten machte.“

Es sind die Maß­stäbe des Erfolges, mit denen Butt in sol­chen internen Kon­fron­ta­tionen argu­men­tiert. Als ihn ein Jour­na­list vor Jahren einmal fragte, ob es denn nichts gäbe, was ihn so richtig aus der Ruhe brächte, ant­wor­tete Butt: Doch – Gegen­tore.“ Immerhin. Wohl­tuend hebt sich der Nord­deut­sche mit seiner ruhigen Art vom Gros seiner jungen Kol­legen ab. Als schäu­mender Dampf­plau­derer eignet sich der kühle Blonde ebenso wenig wie als schräger Spaß­vogel der Marke Sepp Maier. Wäh­rend Oliver Kahn mit Sätzen wie Wir brau­chen Eier, EIER!“ seinen Platz in den Fuß­ball-Alma­na­chen eher in Schlag­zei­len­form mani­fes­tiert hat, ist Butt dies sub­tiler gelungen. Als er in der Saison 1999/00 nach seinem neunten Elf­me­tertor gefragt wurde, ob er die Tor­jä­ger­krone anpeile, sprach er: Ich ver­suche alles, aber Bier­hoff, Preetz und Kirsten treffen ein­fach öfter.“

Butt hat seine nord­deut­sche Distan­ziert­heit auch zum Prinzip für seinem Beruf erhoben. Er glaubt, dass zu viel Nähe zu einem Trainer sich nach­teilig auf die Kar­riere eines Kee­pers aus­wirkt, weil immer die Gefahr besteht, dass der Spieler nicht mehr allein unter Leis­tungs­kri­te­rien bewertet würde, son­dern in Hin­blick auf seine Pfründe. Butt sagt: Ein Tor­wart ist für seine Bilanz letzt­lich immer selbst zuständig. Ver­trauen ist keine Ein­bahn­straße. Wenn ein Tor­wart zur Nummer eins gemacht wird, muss er dieses Ver­trauen auch immer wieder recht­fer­tigen.“

Dabei scheint Hans-Jörg Butt das ent­schei­dende Quänt­chen Selbst­be­wusst­sein, wel­ches einen guten Tor­wart mit der Aura des Unbe­zwing­baren aus­stattet, zu fehlen. Ehe­ma­lige Übungs­leiter loben ihn für gute Reflexe, für eine extreme Sprung­kraft, seine Fähig­keit zur Anti­zi­pa­tion und auch für sein großes Können als Feld­spieler. Aber Klaus Augen­thaler, der in jedem seiner 74 Bun­des­li­ga­spiele als Bayer-Coach auf ihn ver­traute, sagt: Sein Pro­blem war, dass er seine Fähig­keiten nicht immer im Spiel umsetzen konnte. So kam es vor, dass beim Raus­laufen kurz­fristig sein Selbst­ver­trauen stockte.“ 

Auf­stehen, hin­fallen, auf­stehen, hin­fallen

Das Jahr 2007 sollte zum Tief­punkt werden. Nach der Aus­mus­te­rung in Lever­kusen ent­schied sich der gede­mü­tigte Keeper für ein Angebot von Ben­fica Lis­sabon. Nach zehn Jahren Bun­des­liga wollte er zu neuen Ufern auf­bre­chen, neue Per­spek­tiven auf das Leben gewinnen. Ben­ficas Stamm­tor­hüter Quim hatte eine üble Saison gespielt, der für seine Zuver­läs­sig­keit gerühmte Butt sollte wieder Sicher­heit in die wan­kende Abwehr bringen. Doch der Wechsel stand von Beginn an unter einem schlechten Stern. Im Prä­si­dium gab es Gerangel, wäh­rend der Saison wech­selte dreimal der Trainer. Butt, der erst zwei Wochen später in die Vor­be­rei­tung ein­stieg, saß am ersten Spieltag auf der Bank. Quim, sti­mu­liert durch den ange­fachten Kon­kur­renz­kampf, lief par­allel zu großer Form auf. Den­noch ver­suchte der Deut­sche, das Beste aus seiner Situa­tion zu machen. Nach einer Dekade im Dau­er­stress der Bun­des­liga mit ins­ge­samt 48 Spielen in der Cham­pions League, bekam er in Por­tugal end­lich wieder Gele­gen­heit, kon­zen­triert und in Ruhe an seinen Defi­ziten zu feilen. Er sagt: Oft bin ich nach dem Trai­ning noch draußen geblieben, habe gezielt an meiner Straf­raum­be­herr­schung oder an meinem linken Fuß gear­beitet.“

Als sich im März 2008 die Anzei­chen mehrten, dass Trainer José Antonio Camacho ihn in die Startelf holen würde, trat der Coach völlig über­ra­schend von seinem Amt zurück. Das Ben­fica-Pro­jekt war geschei­tert. Auf­stehen, hin­fallen, auf­stehen, hin­fallen. Butt setzte sich mit dem Spie­ler­be­rater Jörg Neb­lung in Ver­bin­dung, der schon seinen Transfer nach Lis­sabon ein­ge­fä­delt hatte, und begann, neue Ange­bote zu son­dieren. Neb­lung, dessen popu­lärster Klient Robert Enke ist, hatte schon 2007 mit dem Gedanken gespielt, Jörg Butt zu den Bayern zu ver­mit­teln. Sein Plan bestand darin, den Olden­burger als Nummer zwei hinter Oliver Kahn zu instal­lieren, wenn Michael Ren­sing gleich­zeitig an einen Bun­des­li­gisten aus dem unteren Tabel­len­drittel aus­ge­liehen worden wäre, um dort Spiel­praxis zu sam­meln. Aber der Bay­ern­vor­stand zog es vor, Ren­sing zu behalten und ent­schied sich des­halb zunächst gegen eine Ver­pflich­tung von Jörg“, so Neb­lung.

Ein Jahr später hatte er mehr Erfolg bei der Ver­mitt­lung. Den­noch standen die Chancen auf eine Rück­kehr ins Bun­des­li­gator denkbar schlecht: Denn in der Ära Klins­mann wurde die Causa Ren­sing“ fast zum Poli­tikum. Wäh­rend der Trainer eigent­lich ergeb­nis­offen dem Kon­kur­renz­kampf seiner Tor­hüter gegen­über stand – machte der Vor­stand es zur Chef­sache, dass der Youngster um jeden Preis als neuer Stamm­tor­hüter zu eta­blieren sei. Erst als Klins­mann nach der 5:1‑Klatsche im April 2009 gegen den VfL Wolfs­burg selbst schon mit dem Rücken zur Wand stand, ver­suchte er mit dem Tor­wart­wechsel unmit­telbar vor dem Cham­pions League-Vier­tel­fi­nale gegen den FC Bar­ce­lona einen letzten, ver­zwei­felten Neu­start. 

Unauf­ge­regt hatte Butt in den Wochen und Monaten zuvor auf einen mög­li­chen Ein­satz hin­ge­ar­beitet. Mit der Über­zeu­gung eines Mannes, der das Bun­des­li­ga­ge­schäft besser kennt, als 90 Pro­zent aller noch aktiven Spieler, hatte er wie ein Schläfer still auf den Moment seiner Mobil­ma­chung gewartet. Er hatte nicht einmal auf­ge­muckt, als ihm, ent­gegen der eigent­li­chen Abma­chung, auch in den Spielen des DFB-Pokals die Bühne des Bay­ern­tors ver­schlossen blieb. Neb­lung erklärt, wieso: Da Ren­sing derart in der Schuss­bahn der Medien stand, wurde nach meinen Kennt­nissen beschlossen, dass er alle Spiele macht.“ Es nutzte alles nichts, das Talent konnte die hohen Erwar­tungen nicht erfüllen. Butts Geduld zahlte sich am Ende aus.

Sein alter Buddy, Markus Groth, bringt das bit­ter­süße Kom­plott des Tor­wart-Methu­sa­lems auf den Punkt: Der Jörg ist in Mün­chen nicht Nummer eins geworden, weil er sich rein­ge­sab­belt hat, son­dern weil er kon­ti­nu­ier­lich Leis­tung gebracht hat.“ Die Kunst zu Warten ist Teil des Berufes. Denn für einen Tor­wart, der 90 Minuten im Brenn­punkt steht, ist es leicht, sich aus­zu­zeichnen. Die wahre Qua­lität aber zeigt sich erst, wenn er 89 Minuten auf einen Schuss wartet und dann in der ent­schei­denden Sekunde eine Welt­klas­se­leis­tung ablie­fert.

Butts Under­state­ment hat aus dem gefal­lenen Helden wieder einen Hoff­nungs­träger gemacht. Einen, der gebraucht wird. So wie die Erfolge von Trainer-Oldies wie Jupp Heynckes oder Felix Magath alle Theo­rien wider­legen, die besagen, die Tra­di­tio­na­listen haben aus­ge­dient und ohne moderne Leis­tungs­dia­gnostik ginge nichts mehr, beweist Jörg Butt, dass man es mit dem Mut, sich noch einmal hinten anzu­stellen, ins Tor eines Rekord­meis­ters schaffen kann, statt über ein revo­lu­tio­näres Spiel oder die Meriten, die Experten einem anheften. Seine Demut geht vielen Kol­legen ab. Doch er weiß, dass das nächste Schei­tern nicht lange auf sich warten lässt: Mit 35 kann er nur noch von Spiel zu Spiel denken – gerade bei Bayern ist alles ständig im Fluss.

Aber Butt hat sich seine Unab­hän­gig­keit bewahrt und genießt den Augen­blick. Mit Blick auf das gegen­wär­tige Happy End, sagt er: Ich frage mich, ob es auch in zehn Jahren noch so viele Profis mit weit über 300 Bun­des­li­ga­spielen gibt. Denn ich stelle fest, dass viele junge Spieler heute sehr schnell zufrieden sind.“

An wen er dabei denkt, sagt Hans-Jörg Butt nicht.