Hin­weis: Dieser Text erschien erst­mals in 11FREUNDE #116. Das Heft ist bei uns im Shop erhält­lich. 

Uwe Bar­dick kann gerade noch auf die Uhr gucken und sich wun­dern, was ihn in dieser milden Spät­som­mer­nacht in den Arm gesto­chen hat. Wäh­rend er über­legt, ob ein Mücken­stich wirk­lich so schmerz­haft sein kann, schläft er wieder ein. Es ist die Nacht des 10. Sep­tember 1986, irgend­wann zwi­schen zwei und drei Uhr. Am Morgen erwacht der zweite Keeper des 1. FC Mag­de­burg mit einem ange­schwol­lenen Ellen­bogen. Er sucht Mann­schafts­arzt Dr. Hans-Werner Wall­stab auf. Als dieser eine Schleim­beu­tel­ent­zün­dung im Ellen­bogen dia­gnos­ti­ziert, nickt Uwe Bar­dick. Die Spieler ver­trauen Wall­stab, er ist seit Ewig­keiten im Verein und war sogar schon dabei, als der FCM 1974 den Euro­pa­pokal der Pokal­sieger gewann. Ent­zün­dungs­för­dernde Flüs­sig­keit raus und ent­zün­dungs­hem­mende Flüs­sig­keit rein“, sagt der Arzt jovial und drückt die Spritze runter. Uwe Bar­dick lächelt. Er ahnt nicht, dass er nach dieser Injek­tion nie wieder so Fuß­ball spielen wird wie zuvor.


Erst elf Jahre später begann Uwe Bar­dick die Zusam­men­hänge zu ver­stehen. Sein Schwager hatte ihn über­redet, bei der Gauck-Behörde Ein­sicht in seine Stasi-Akten zu bean­tragen. Auch wenn Bar­dick das eigent­lich nicht wollte. Er hatte doch seit einigen Jahren einen guten Job bei der Stadt Essen und lebte mit seiner Frau und seinem Sohn in einem beschei­denen, aber idyl­li­schen Rei­hen­haus. Doch nun, im Juli 1997, lagen die ersten Doku­mente einer Akte zur Ope­ra­tiven Per­so­nen­kon­trolle“ vor ihm, die mit Tren­nung“ über­schrieben war und in der Sätze standen wie: Der IMS Hans Stock wurde durch mich tele­fo­nisch davon infor­miert, dass er die abge­spro­chenen Maß­nahmen bzw. Ein­fluss­nahmen gegen den B. (…) durch­führen soll“. Wäh­rend Bar­dick das las, spulten sich die Sep­tem­ber­tage 1986 vor seinem inneren Auge ab. Ihm däm­merte, dass die Stasi ihn mona­te­lang beschattet hatte. Mit jeder Seite, jedem Satz setzte sich das Bild seines Lebens neu zusammen wie ein rie­siges Puzzle. Schnell wurde klar, dass Hans Stock der Tarn­name von Mann­schafts­arzt Hans-Werner Wall­stab war und die Stasi einen Zweit­schlüssel zu seiner Woh­nung besessen hatte. Doch was bedeu­tete B‑Maßnahme“? Wer war IM Boll­mann? Und was hatte sein Cousin mit der Sache zu tun?

Eine Spin­nerei wird zum Ver­hängnis

Bis heute bean­tragt Bar­dick alle zwei Jahre neue Akten, ver­sucht, die kryp­ti­sche Sprache der Doku­mente zu ent­schlüs­seln, deco­diert wei­tere Tarn­namen und stellt Ver­mu­tungen über geschwärzte Pas­sagen an. Doch es fehlen ihm immer noch etliche Puz­zle­teile, warum es zum Stich in der Nacht des 10. Sep­tember 1986 kam. Alles begann mit einem Gespräch im August 1986. Sein Mann­schafts­ka­merad Rein­hard Rother war zu Gast. Die beiden schauten West­fern­sehen, das Aktu­elle Sport­studio, und sie stellten sich vor, auch mal dort zu sitzen und von Dieter Kürten oder Harry Valé­rien zu ihren großen Erfolgen befragt zu werden. Einige Tage später besuchte Bar­dick seine Mutter und erzählte ihr davon, ver­si­cherte aber zugleich, sie nie­mals alleine zu lassen. Seine Tante war auch da. Sie wollte an jenem Abend die Ver­si­che­rungs­bei­träge kas­sieren und schnappte Gesprächs­fetzen auf: Fuß­ball, Westen, Flucht. Das war doch eine Spin­nerei von zwei Zwan­zig­jäh­rigen“, sagt Bar­dick heute. Ich fand vieles in der DDR nicht gut, aber war im Grunde total unpo­li­tisch. Und bestimmt hatte ich nie vor zu fliehen.“

IM Boll­mann“, Bar­dicks staats­treuer Cousin

Doch Bar­dicks Tante hatte die Signal­wörter gehört und tratschte munter drauf los. Viel­leicht über­trieb sie in gesel­liger Runde ein biss­chen, viel­leicht wollte sie die Fuß­baller tat­säch­lich ans Messer lie­fern – heute lässt sich das nicht mehr auf­klären. Aller­dings, das geht aus Bar­dicks Stasi-Akten hervor, hatte auch der Sohn der Tante die Ohren gespitzt, Bar­dicks Cousin. Er refe­rierte über das Gehörte staats­treu bei der Stasi und wurde dar­aufhin als einer von fünf Inof­fi­zi­ellen Mit­ar­bei­tern auf Bar­dick und Rother ange­setzt. Sein Tarn­name: IM Boll­mann“.

In den fol­genden Wochen sah Bar­dick Männer in langen schweren Män­teln durch seine Straße gehen, einige befragten die Nach­barn, andere blickten ver­meint­lich teil­nahmslos in der Gegend umher. Eines Abends standen sie bei seinen Eltern an der Tür. Ich habe sofort an die Gestapo gedacht“, sagt Bar­dick. Sie for­derten meine Mutter auf, den Raum zu ver­lassen und setzten sich jeweils im 90-Grad-Winkel zu mir. So konnte der eine meine Mimik ana­ly­sieren, wäh­rend der andere mit mir sprach. Ein typi­sches Verhör.“

Die Aus­sagen des B. erscheinen glaub­haft“

Bar­dick ging nicht davon aus, dass die Männer sei­net­wegen gekommen waren, denn sie spra­chen von einem Mann, der sich bei einem Aus­wärts­spiel ins Nicht­so­zia­lis­ti­sche Wirt­schafts­ge­biet“ (NSW) absetzen wollte. Er ver­mu­tete, dass es um Rein­hard Rother gehe. Er bestritt die Vor­würfe und erklärte sogar, dass er kürz­lich mit seiner Mutter zwar über seinen Traum gespro­chen habe, Gast im Sport­studio zu sein, eine Repu­blik­flucht für ihn aber nie in Frage komme. In seiner Akte wird ver­merkt: Die Aus­sagen des B. erscheinen glaub­haft.“

Doch die Stasi war vor­sichtig geworden. Wenige Monate zuvor hatte sich Dres­dens Frank Lipp­mann bei einem Euro­pa­cup­spiel in Uer­dingen abge­setzt. Mit dem im Verhör ange­spro­chenen Aus­wärts­spiel im NSW war die Euro­pa­po­kal­partie bei Ath­letic Bilbao am 17. Sep­tember 1986 gemeint. Vorher war Bar­dick mit der Mann­schaft bereits mehr­mals im Westen gewesen. Bei einem Spiel in Saar­brü­cken hatte ein ehe­ma­liger DDR-Fuß­baller in der Kabine gestanden und sich mit den Worten ver­ab­schiedet: Wir sehen uns in Bilbao.“ Bei einem Inter­toto-Cup-Spiel in St. Gallen hatten sich Spieler des FCM mit ehe­ma­ligen DDR-Bür­gern bei einem Ein­kaufs­bummel unter­halten, etwa mit einer männ­li­chen Person in Beglei­tung seiner Frau“. So jeden­falls steht es im Bericht über ein Treffen von Stasi-Haupt­mann Werner Thet­mann mit Mag­de­burgs Mann­schafts­arzt Hans-Werner Wall­stab am Morgen des 9. Sep­tember 1986.