Von der Rote-Bete-Fabrik bis hin nach Wem­bley ist es ein weiter, langer Weg, aber Rickie Lam­bert nimmt die letzten Meter kraft­voll und ent­schlossen. Zwei satte Schritte, er steigt hoch und steht kurz auf einem Podest aus Luft, dreht den Körper wie eine Schraube in die Flug­bahn des Eck­balls und köpft mit seiner ersten Ball­be­rüh­rung ein. Eng­land Drei, Schott­land Zwei. Wem­bley tobt, it’s a fairy tale“, jauchzt der Kom­men­tator und irgendwo auf den Rängen liegen sich Lam­berts Eltern in den Armen und weinen ein wenig. Unten rennt ihr Junge über den Platz, reißt die Arme hoch, lacht und schreit und scheint nicht so recht zu wissen, wohin mit sich. In diesem Moment ist die Rote-Bete-Fabrik ganz weit weg.

Aus­sor­tiert bei seinem Her­zens­klub FC Liver­pool

Zwölf Jahre zuvor ist Rickie Lam­bert eigent­lich schon geschei­tert, und das gleich mehr­fach. Als 15-Jäh­riger wird er beim FC Liver­pool aus­sor­tiert, er sei schlicht nicht gut genug, heißt es. Alltag für die Jugend­coa­ches. Das Ende der Welt für den gebür­tigen Liver­pooler, der an den Wochen­enden auf den Tri­bünen Anfields steht und jubelt. Schweren Her­zens ver­lässt er Liver­pool und wech­selt in den Nach­wuchs von Black­pool. Alles ist kleiner, weniger glit­zernd, ein Rück­schritt. Für manche mag sich das Prinzip aus­zahlen, einen Schritt zurück zu gehen, um zwei nach vorne zu machen. Für Lam­bert bleibt es zunächst nur das: Ein Schritt zurück. Zwar debü­tiert er 18-jährig in der ersten Mann­schaft, am Ende seiner drei Ein­wechs­lungen steht für den FC Black­pool aller­dings der Abstieg in die Vierte Liga. Hier unten, in den schwei­ßigen, schmut­zigen Tiefen des eng­li­schen Pro­fi­fuß­balls, glaubt selbst Black­pool nicht mehr an den Nach­wuchs­stürmer und löst den Ver­trag auf. Aus­sor­tiert im Hei­mat­team, aus­sor­tiert auch beim Viert­li­gisten, ein neuer Klub ist weit und breit nicht in Sicht – es wäre an der Zeit, auf­zu­geben und sich vom Fuß­ball zu ver­ab­schieden. Viel­leicht hatten die Trainer ja Recht?

Aber Rickie Lam­bert hält nicht viel vom Auf­geben. Ich dachte dar­über nach, was ich außer­halb des Fuß­balls machen könnte. Aber ich wollte nichts außer­halb des Fuß­balls machen.“ Das mag naiv klingen, Lam­berts Kampf­geist aber gibt ihm Recht. Nach über einem halben Jahr ohne Verein darf er bei Viert­li­gist Mac­cles­field Town mit­trai­nieren, eine 50.000-Seelen-Kleinstadt öst­lich von Liver­pool. Um sich die Fahrten zum Trai­ning leisten zu können, begibt sich Lam­bert auf Job­suche und landet in einer Rote-Bete-Fabrik in Sca­ris­brick. Fortan schraubt er halb­tags Deckel auf Kon­serven-Gläser, von den 20 Pfund, die er am Tag ver­dient, zahlt er den Sprit, um abends zum Trai­ning zu fahren. Fließ­band­ar­beit, um bei einem Viert­li­gisten mit­trai­nieren zu können? Wie lange kann man an einem Traum fest­halten, bis das Ein­ge­ständnis des Schei­terns unaus­weich­lich ist?

Immerhin wird Lam­bert Stamm­spieler. In der Saison 2001/2002 erzielt der mitt­ler­weile 19 alte Stürmer acht Tore in der Liga. Der Vierten Liga wohl­ge­merkt. Hoch­be­gabt sieht anders aus. In etwa so: Im selben Jahr schießt in Lam­berts Hei­mat­stadt ein gewisser Wayne Rooney als 16-Jäh­riger ein ful­mi­nantes Debüttor für den FC Everton und startet seine Welt­kar­riere. Für Lam­bert reicht es immerhin zu einem Wechsel in die Dritte Liga, in der ersten Saison für Stock­port County erzielt er zwei Tör­chen, in der zweiten zwölf, Stock­port steigt ab.

Das Who-is-Who der fuß­bal­le­ri­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit

So plät­schert seine Kar­riere dahin. Weit ent­fernt von der Pre­mier League, aber mitt­ler­weile wenigs­tens genauso weit ent­fernt von der Fließ­band­ar­beit in der Rote-Bete-Ver­ar­bei­tung. Es wäre eine von so vielen unter­klas­sigen Kar­rieren, Vierte Liga, Dritte Liga, hier ein paar Tore, dort mal ein Auf­stieg, manchmal ein Abstieg. Black­pool, Mac­cles­field, Stock­port, Roch­dale – Lam­berts Vita liest sich wie ein Who-is-Who der fuß­bal­le­ri­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit. Mil­lionen Fuß­baller auf der ganzen Welt fristen der­ar­tige Kar­rieren, aber bei dem Stürmer aus Liver­pool beginnt es, anders zu werden. Er wird besser. 

Lam­bert ist erst 23 Jahre jung aber was bedeutet dieses Wort noch, wenn man sich bereits fünf Jahre lang durch die unteren Ligen des eng­li­schen Fuß­balls geschuftet hat? All die Spiele in den Ley­tons oder Wrex­hams des Landes, der stete Holz­bank­mief der Kabinen. Es ist an der Zeit, durch­zu­starten. Lam­bert wech­selt zu Roch­dale und wird Tor­schüt­zen­könig der Vierten Liga. Er wech­selt zu Bristol, steigt auf und wird Tor­schüt­zen­könig der Dritten Liga. Ful­hams dama­liger Trainer, ein gewisser Roy Hodgson, hat die Mög­lich­keit, den Stürmer zu ver­pflichten, nimmt aber Abstand davon. Er sei sich unsi­cher gewesen, ob es der Stürmer aus der Dritten Liga auch in der Pre­mier League schaffen könne, wird Hodgson viele Jahre später als Natio­nal­trainer von Lam­bert sagen; und dass man im Fuß­ball oft in Kate­go­rien denke, die dem Ein­zelnen gegen­über nicht immer fair seien. Am Tag, an dem er Lam­bert für die Three Lions nomi­niert, ist dieser sehr müde. In der Nacht hat Lam­berts Frau das dritte Kind zur Welt gebracht, eine gesunde Tochter namens Bella Rose. Eine Fairy Tale? Ganz sicher.

Statt nach Fulham geht Lam­bert zu Sout­hampton, die Saints zahlen eine Mil­lion Pfund für den End­zwan­ziger und Lam­bert bleibt in der Dritten Liga. Zwar wollen die Saints, zuvor über Jahr­zehnte Dau­er­gast in der Pre­mier League, mög­lichst schnell wieder auf­steigen, mit zehn Punkten Abzug wegen finan­zi­eller Unre­gel­mä­ßig­keiten ist das aber nicht eben rea­lis­tisch. In Sout­hampton trifft Lam­bert auf Trainer Alan Pardew. Pardew ver­brachte einen Groß­teil seiner aktiven Kar­riere eben­falls in den unteren Ligen, er kennt die Mühle, in der sein neuer Stürmer steckt, erkennt aber auch das Poten­tial, das dieser mit­bringt. Zwar ist der Coach nur ein Jahr im Amt, die Zeit reicht aber, um seinem Zög­ling Beine zu machen. Ich war über­ge­wichtig und ach­tete nicht son­der­lich pro­fes­sio­nell auf meinen Körper“, so Lam­bert. Durch Pardew ändert sich das. Lam­bert kommt früher zum Trai­nings­zen­trum, schiebt Son­der­schichten, der über­durch­schnitt­liche Dritt­li­ga­stürmer, der er mitt­ler­weile geworden ist, legt noch einmal an Qua­lität zu. Im zweiten Jahr steigt Sout­hampton auf und schafft in der Fol­ge­saison den direkten Durch­marsch in die Pre­mier League. Die einst skep­ti­schen Fans tragen den erneuten Tor­schüt­zen­könig auf Händen über den Rasen des St. Mary’s Sta­dium und singen dabei das Lied, das sie die ganze Saison bereits gesungen haben und das sich nun bewahr­heitet hat: Rickie, Rickie, he’ll take us to the Pre­mier League, Rickie, Rickie.“

Ver­ständ­li­cher­weise ent­steht ein kleiner Hype um Lam­bert. Es ist eine klas­si­sche From Rags to Riches-Geschichte. Vom Tel­ler­wä­scher zum Mil­lionär, vom Fließ­band­ar­beiter zum Erst­li­ga­stürmer, eine Mär, die die Sehn­süchte all jener bedient, die Tel­ler­wä­scher und Fließ­band­ar­beiter geblieben sind. Derlei Sehn­süchte tun dop­pelt weh, wenn sie ent­täuscht werden. Lam­bert aber weiß mit dem Druck umzu­gehen. Er war schon so oft so weit unten, was heißt da schon Druck? Jetzt spielt er in der Pre­mier League, auf dem Rücken die 7, die Nummer von Klub­le­gende Matt Le Tis­sier, in den Ohren den Chant der Fans oder viel­leicht auch das Kna­cken der Rote-Bete-Glä­ser­de­ckel. Im Auf­takt­match gegen die Mil­lio­nen­truppe von Man­chester City kommt er von der Bank und mar­kiert den zwi­schen­zeit­li­chen Aus­gleich. Es folgen vier­zehn wei­tere Sai­son­tore, Sout­hampton hält die Klasse und Lam­bert ist plötz­lich der beste eng­li­sche Tor­jäger der Liga. Er ist ange­kommen. In der Pre­mier League. In dem Leben, das eigent­lich für ihn vor­ge­sehen ist. Oder, was wahr­schein­li­cher gewesen wäre, eigent­lich nicht.

Wie ein Junge, der ein neues Spiel­zeug bekommen hat“

Knapp einen Monat nach seinem Sieg­treffer gegen Schott­land darf Lam­bert wieder für Eng­land ran, diesmal von Beginn an. Es sind wich­tige Spiele für die Three Lions, in denen es um nichts weniger geht als die WM-Qua­li­fi­ka­tion. Gegen Mol­da­wien trifft er erneut, zwei wei­tere Tore legt er auf. Die Presse jubelt, Lam­berts Augen glänzen wie die eines Jungen, der ein neues Spiel­zeug bekommen hat“, so Hodgson. Gibt es das? Die Never-Ending-Fairy-Tale? Ein Mär­chen, das nicht nur wahr, son­dern immer schöner wird?

Wenige Tage später zeigen die Eng­länder Nerven, im Qua­li­fi­ka­ti­ons­spiel gegen die Ukraine reicht es nur zum 0:0, womit die Qua­li­fi­ka­tion wei­terhin offen ist. Lam­bert spielt durch, ist aber unauf­fällig, so wie viele seiner Kol­legen. Ein wenig mär­chen­haftes Spiel aber die Presse bleibt mild, noch hat Lam­bert den Bonus seiner Geschichte. Doch wird noch Platz für ihn sein, wenn seine ver­letzten Kon­kur­renten wieder fit sind? Wenn er im nächsten Spiel wieder blass bleibt. Wenn die erste Krise in der Liga kommt? Ab wann ist er wieder der Dritt­li­ga­stürmer und nicht mehr der spät­zün­dende Rising Star, der sich durch­kämpfen musste?

A hell of a journey“ sei das gewesen, sagte Lam­bert nach seinem Tor gegen Schott­land. Wenn das mein ein­ziger Moment im Natio­nal­trikot war, dann hätte ich es mir schöner nicht wün­schen können“. Er strahlt dabei und man muss wieder an das Kind mit seinem neuen Spiel­zeug denken. Es war sicher­lich nicht das schönste Tor, das jemals in Wem­bley geschossen wurde, aber viel­leicht das mit dem längsten Anlauf. Ein Anlauf über zahl­lose Hürden, über Black­pool, Mac­cles­field, Stock­port und Roch­dale, über Kon­serven-Fabriken, Vierte, Dritte, Zweite Ligen, über zwölf lange Jahre und zwei satte Schritte. Ein Anlauf, der noch bis nach Bra­si­lien führen könnte oder gar in die Geschichts­bü­cher. Viel­leicht als Stamm­spieler, viel­leicht nur als Fuß­note in der Sta­tistik. Ein modernes Fuß­ball-Mär­chen ist es längst.