Seite 2: Fast wie ein mutiger Trendsetter

Bernd Schulz ist inzwi­schen gegangen. Zum Abschied sagt er noch etwas, was in den nächsten Tagen noch viele Dis­ku­tanten bemerken werden: Dass es der FIFA meist nur um den Kampf gegen Ras­sismus geht, aber nicht unbe­dingt für Akzep­tanz und Tole­ranz im all­ge­meinen.
 
Medi­en­rummel um Halil Ibrahim Din­cdag
 
Torsten Sie­bert von der Initia­tive Fuß­ball­fans gegen Homo­phobie“ erzählt, wie viele Inter­views Din­çdag in den 72 Stunden Berlin absol­vieren wird. ZDF und Sky waren schon da. Die Mor­gen­post, Hür­riyet und irgendein tür­ki­scher Fern­seh­sender, die taz, der Tages­spiegel und die Süd­deut­sche. Auf einmal kommen sie alle.“
 
Auch wenn das Inter­esse erst jetzt kommt, freut es Sie­bert natür­lich. Schließ­lich hat es andert­halb Jahre und vier Anläufe gebraucht, bis dieses ver­meint­lich kleine Freund­schafts­spiel statt­finden konnte. Einen arbeits­losen, ledigen, jungen Türken nach Deutsch­land ein­reisen zu lassen, schien lange unmög­lich.
 
Doch irgend­wann habe es eben doch geklappt, und dann ging alles sehr schnell. Anfang April 2014 ist Din­çdag zum ersten Mal in seinem Leben im Aus­land. Vor allem die Ber­liner Presse emp­fing ihn gerne. Viel­leicht weil sie es leid war, von gesichts­losen Kämpfen für mehr Men­sch­rechte, Gerech­tig­keit und Aner­ken­nung in der Türkei zu berichten. Din­çdag gibt diesem Kampf für mehr Gerech­tig­keit gerne sein Gesicht, aber letzten Endes will er ein­fach nur wieder als Schieds­richter arbeiten dürfen, Men­schen­rechte hin oder her.

» Galerie: Mit Halil Din­çdag durch Berlin
 
Nach den Spielen in Sotchi, dem Coming-out Thomas Hitzl­sper­gers Anfang des Jahres und diversen ame­ri­ka­ni­schen Col­le­ge­sport­lern, die kurz vor Beginn ihrer echten Pro­fi­kar­riere den Schritt zum Coming-out wagten, wirkt Din­çdag fast wie ein mutiger Trend­setter, der 2009 schon dar­über spre­chen wollte, dass auch Sportler homo­se­xuell sein könnten.
 
Doch die Türkei ist nicht gleich der Rest der Welt. Denn wäh­rend in diesem Spiel Lini­en­richter mit Regen­bo­gen­flaggen arbeiten und kan­tige Fuß­baller mit dem Logo des deut­schen Lesben- und Schwu­len­ver­bands (LSVD) auf der Brust Tore schießen, darf Din­cdag in seinem Hei­mat­land nichts. Er darf nicht arbeiten, nicht einmal als Tel­ler­wä­scher, er ist uneh­ren­haft aus dem Militär ent­lassen worden, und die mediale Auf­merk­sam­keit hat ihm zu zwei­fel­haftem Ruf ver­holfen. Man kennt ihn in Istanbul, die Stadt, in die er flüchten musste, als die Mord­dro­hungen und Anfein­dungen in Trabzon zu viel wurden. Auch wenn er die erste Zeit in Istanbul obdachlos war, ist er inzwi­schen nicht mehr ganz allein. Eine Bezie­hung hat er bis heute aller­dings noch nie geführt.

Soll ich sagen, dass es in Deutsch­land nicht viel besser ist?“
 
Es ist Halb­zeit am Platz von Tür­ki­y­em­spor II in Berlin-Kreuz­berg, und die Luft ist voll von selbst­ge­drehten Ziga­retten, Sucuk und Glit­zer­kon­fetti. Es steht 3:0 für Tennis Borussia und die Men­schen sind zufrieden. Unter ihnen sind auch Chris­tian und Johannes, beide pas­sio­nierte TeBe-Fans. Sie erklären, warum sie Din­çdag unter­stützen und was das Beson­dere an der TeBe-Fan­kultur ist. Es gehe bei ihnen viel um Men­schen­rechte, Fair­ness, Tole­ranz und auch Nazis. Es gehe aber auch um das Fee­ling am Platz“, und das sollte poli­tisch ange­nehm“ sein. Wenn Hete­ro­se­xu­elle von Hete­ro­se­xu­ellen gepfiffen werden, und Hete­ro­se­xu­elle dabei zugu­cken und dann Schwuchtel schreien, wenn sie unzu­frieden sind, dann ist das vor allen Dingen erst mal scheiße.“
 
Wenn Homo­phobie auch in Deutsch­land gegen­wärtig ist, warum dann jemanden aus der Türkei ein­laden, um ein Zei­chen zu setzen? Jörg Rei­nert, Geschäfts­führer des LSVD und Auf­sichts­rats­mit­glied von Tür­ki­y­em­spor, grinst. Soll ich jetzt sagen, dass es in Deutsch­land nicht viel besser ist? Dass wir genauso wenige offen homo­se­xu­elle Sportler haben? Klar haben wir unsere eigenen Pro­bleme, aber der Unter­schied ist, dass die Sportler hier wenigs­tens vor dem Gesetz schwul sein dürften.“
 
Später am Abend erscheinen die ersten Zei­tungs- und TV-Berichte. Dort wird von Geset­zes­ver­stößen in der Türkei berichtet und vom tür­ki­schen Schieds­richter, der in seinem Land nicht arbeiten darf, weil er homo­se­xuell ist. In einem zwei­mi­nü­tigen heute“-Bericht kann man auch die deut­schen Zuschauer sehen, die den armen tür­ki­schen Mann und die Zustände in seinem Land bemit­leiden.
 
Halil Ibrahim Din­çdag ist aber kein Mit­leids­opfer. Er muss nicht an die Zustände in der Türkei erin­nert werden, die kennt er. Er ist ein berufs­tä­tiger Mann gewesen, doch er darf das nicht mehr sein. Der Unter­schied zu all den nicht offen lebenden Homo­se­xu­ellen ist, dass Din­çdag sein Coming-out in einem Land hatte, in dem nicht einmal annä­hernd die glei­chen Rechte wie in Deutsch­land herr­schen. Das ver­dient zunächst einmal Respekt – und nicht Mit­leid.

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Mit Mit­leid kann der Schieds­richter sowieso nichts anfangen. Er gibt sich hier nicht als gebro­chener Mann. Er will diese Tage genießen. Seinen Gesprächs­partner schaut er in die Augen, er scherzt mit ihnen, lacht mit ihnen, nimmt sie manchmal in den Arm, und die ehren­amt­liche Über­set­zerin Elvan Aktürk, selbst Spie­lerin bei Tür­ki­y­em­spor und ange­hende Abitu­ri­entin, triezt und piekt er am lau­fenden Band 
 
Einen Tag später, 9. April, findet im Abge­ord­ne­ten­haus von Bündnis 90/​Die Grünen der jähr­liche Regen­bo­gen­emp­fang statt. Din­çdag steht hier zwi­schen den Schwes­tern der Per­pe­tu­ellen Indul­genz“, einer welt­weit agie­renden Gemein­schaft von Men­schen aller sexu­ellen Ori­en­tie­rungen, Iden­ti­fi­ka­tionen und Geschlechter. Sacha König von Fuß­ball­fans gegen Homo­phobie“ und Chris­tian Rudolph vom LSVD emp­fangen ihn. Rudolph hat sich wie­der­holt dafür ein­ge­setzt, dass Din­çdag nach Deutsch­land kommen kann. Nun holt er schnell Bier für alle und Tee für Din­çdag. Er trinkt keinen Alkohol, nicht aus reli­giösen Gründen, auch wenn er stark gläu­biger Moslem ist, son­dern eher aus gesund­heit­li­chen – er ist ja immer noch Sportler.