Seite 3: Der Kampf gegen die Mächtigen

Auch die ehe­ma­lige Grünen-Vor­sit­zende Claudia Roth ist gekommen. Sie spricht von Empa­thie, der Todes­strafe für Homo­se­xu­elle und wie tief sie berührt sei, dass Halil Ibrahim Din­çdag heute da ist, um die Türkei zu reprä­sen­tieren. Nicht Erdogan, son­dern er sei die Türkei. Din­çdag hört seinen Namen und blickt auf. Claudia Roth nennt ihn einen Helden.
 
Schließ­lich ist die Türkei immer noch ein Land, in dem die häu­figste Todes­ur­sache für Homo­se­xu­elle Mord ist – und dabei nicht selten durch die eigenen Eltern. Es ist des­halb umso bewun­derns­werter, dass Din­çdag den Rück­halt seiner Familie hat. Dann erzählt er von seinem Traum­spiel, Bes­iktas gegen Fener­bahçe, das Istan­buler Derby, ein volles Sta­dion, und er als Leiter der Partie. Auch Real Madrid gegen den FC Bar­ce­lona wäre toll. Einmal im Ber­nabeu oder Camp Nou auf­laufen – das wäre das Größte.
 
Einen Tag später, 10. April, im Tris­teza“ in Berlin-Neu­kölln. Die Kneipe ver­steht sich selbst als ein Teil linker und außer­par­la­men­ta­ri­scher Infra­struktur. Ihr Trink­geld spendet sie an eman­zi­pa­to­ri­sche Pro­jekte. Es gibt Bier für 1,60 Euro, und an einem Zeit­schrif­ten­halter jede Menge Bro­schüren, Fan­zines und Flyer von linken Initia­tiven. Hier soll nun am letzten Abend von Din­ç­dags Berlin-Reise eine Podi­ums­dis­kus­sion statt­finden.
 
Din­çdag kämpft gegen den Fuß­ball­ver­band
 
Din­çdag erzählt in der Kneipe, dass es in einem Land, in dem die Natio­nal­hymne vor jedem Liga­spiel gespielt wird, nicht ein­fach sei, sich mit Fuß­ball­funk­tio­nären anzu­legen. Der Schieds­richter tat es den­noch und ver­klagte kur­zer­hand den Fuß­ball­ver­band TFF. Dieser hatte nach Sich­tung der Mili­tär­un­ter­lagen eine offi­zi­elle Erklä­rung für Din­ç­dags Ent­las­sung aus­ge­geben. Darin hieß es, er sei nicht fit“ und ohnehin ein unbe­gabter Unpar­tei­ischer gewesen.

» Galerie: Mit Halil Din­çdag durch Berlin
 
Din­ç­dags erster Anwalt wurde vom Ver­band der Schieds­richter gestellt, sein zweiter von der Bür­ger­rechts­or­ga­ni­sa­tion LAMBDA. Inzwi­schen suchen die Anwälte ihn auf, weil sie frei­willig an dem Fall arbeiten möchten. Sie wit­tern eine Jahr­hun­dert­ent­schei­dung. Din­çdag geht es aber nicht um Ruhm, er erwartet eine ange­mes­sene Ent­schä­di­gung für seinen zer­störten Ruf und sein zer­störtes Leben. Er hätte kein Pro­blem damit, bis zum Euro­päi­schen Gerichtshof zu gehen.

Das ist ein Clown, und ein schlechter noch dazu“
 
Din­çdag wird auch auf das bekannte You­tube-Film­chen von Clésio Moreira dos Santos ange­spro­chen. Zum ersten Mal in diesen Tagen ver­dun­kelt sich seine Miene. Er kenne das Video, sagt er, doch er ver­stehe es nicht. Das ist nicht Homo­se­xua­lität. Das ist ein Clown, und ein schlechter noch dazu. Das ist beschä­mend.“
 
Er erfährt, dass die Figur unter anderem auf dem Schieds­richter Jorge José Emi­liano dos Santos basiert, der 1995 an AIDS starb. Was die Sache nicht besser macht. Dieser Mensch würde es sich nicht trauen, so etwas zu spielen, wenn seine soge­nannten Vor­bilder in der Nähe wären“, sagt Din­çdag.
 
Wenige Minuten später beginnt die Podi­ums­dis­kus­sion, und wäh­rend Din­çdag ein Gu-ten A‑bend“ in das Mikro lacht, stößt ein Mann an den Tisch seiner Freunde und fragt, was denn da heute Abend ver­an­staltet wird. Keine Ahnung, irgendwie Schwule in der Türkei. Aber wen interessiert’s?“