Es fehlten nur ein paar Zen­ti­meter.

Viel­leicht hätten sie alles ver­än­dert. Viel­leicht hätte Wal­demar Aure­liano de Oli­veira Filho, kurz: Mazinho, den 12. Sep­tember 1992 zu seinem beson­deren Tag erklärt – zu dem Tag, an dem sich alles zum Guten wen­dete.

Der FC Bayern traf damals in der zweiten Runde des DFB-Pokals auf Borussia Dort­mund. Wal­demar Aure­liano de Oli­veira Filho, kurz: Mazinho, machte im West­fa­len­sta­dion eines seiner besten Spiele. In der 58. Minute schoss er die Bayern mit 2:1 in Füh­rung, und er war drauf und dran der Held des Spiels zu werden.
 
Doch sechs Minuten vor Ende der Partie glich Ste­phane Cha­puisat aus. Es ging in die Ver­län­ge­rung und dann ins Elf­me­ter­schießen.
 
Die ersten drei Schützen trafen auf beiden Seiten. Dann war Mazinho an der Reihe. Das Trikot hing ihm aus der Hose, er strich sich über die Nase, dann lief er an und setzte den Ball an den rechten Außen­pfosten. Stefan Klos ballte die Faust, der Rasen vibrierte im Jubel der BVB-Fans, und Mazinho trot­tete aus dem Straf­raum wie ein getre­tener Hund. Noch einmal strich er sich über seine Nase, dann zog er das Trikot übers Gesicht, das war’s. Der FC Bayern war aus­ge­schieden – und Mazinho erzielte bis 1995, bis zum Ende seiner Bun­des­li­ga­zeit, nur noch zwei Tore.

Die Bayern-Bosse in Bra­si­lien

Dabei hatte die Geschichte viel­ver­spre­chend begonnen. Im Früh­jahr 1991 hatte sich eine Bayern-Dele­ga­tion, ange­führt von Manager Uli Hoeneß, Trainer Jupp Heynckes und Co-Trainer Egon Coordes, auf den Weg nach Süd­ame­rika gemacht. Ihr Ziel war es, für den Rekord­meister den ersten Bra­si­lianer zu finden. Einen Super­star, der alles am Ball kann, der ein Spiel diri­giert, der Kraft und Aus­dauer hat, der mas­sive Abwehr­ar­beit leistet oder Tore schießt, einer, der die Men­schen ver­zau­bert. Einen wie Tita oder Jorginho.
 
Die drei Männer kehrten zurück mit Ber­nardo Fer­nandes da Silva und Wal­demar Aure­liano de Oli­veira Filho, kurz: Ber­nardo und Mazinho. Eigent­lich wollten sie nur Mazinho ver­pflichten, doch da stellten sich Berater und Agenten quer. Die beiden Bra­si­lianer gab es nur im Dop­pel­pack.

Der könnte auf der Stra­ßen­bahn schlafen“
 
Für Ber­nardo war die Sache in Mün­chen schon gelaufen, da war er gerade mal ein paar Tage im Trai­ning. Bild“-Pistolero Max Merkel schrieb über den schmäch­tigen Spieler: Der könnte auf der Stra­ßen­bahn schlafen – wenn er nicht so abste­hende Ohren hätte.“
 
Mit der Mann­schaft lief es nicht besser: Einmal ging es auf eine gemein­same Isar-Floß­fahrt. Egon Coordes ermahnte seine Spieler keinen Scha­ber­nack mit den Neuen zu treiben. Die Bayern-Stars nickten. Doch keine zwei Minuten nachdem sie abge­legt hatten, stieß Klaus Augen­thaler Ber­nardo ins Wasser. Cro­co­diles!“, schrie Augen­thaler, Cro­co­diles!“ – und Ber­nardo schwamm um sein Leben. Drei Monate und vier Spiele später ging er zurück nach Bra­si­lien. Heute heißt es, er sei ein netter Junge gewesen und konnte gut Gitarre spielen.

Mazinho war zunächst die erhoffte Ver­stär­kung. Gleich bei seinem Debüt, am 14. August 1991, traf er in der 89. Minute zum 1:0‑Sieg gegen For­tuna Düs­sel­dorf. Doch danach folgten viele Wochen ohne Tore, man sah Mazinho in tra­di­tio­nellen Leder­hosen, Mazinho in tra­di­tio­nellen Blu­men­hemden, Mazinho mit tra­di­tio­nellen Kopf­be­de­ckungen.

Mazinho war aus dem beschau­li­chen Bra­ganca im bay­ri­schen Dau­er­kar­neval gelandet – er schien das alles nicht so richtig zu ver­stehen. Auch nicht, dass die Jour­na­listen ständig davon schrieben, er müsse nun end­lich mal etwas zurück­zahlen. Am 12. Sep­tember 1992 wollte er es gerne, doch er konnte es nicht. Erst viel später, in Japan bei den Kashima Ant­lers, trumpfte er groß auf. Da machte er in einer Saison mal 35 Tore. Und er ver­wan­delte pro­blemlos jeden Elf­meter.

Nun werde ich angreifen!“

Tat­säch­lich hätte sich die Geschichte sogar noch nach dem Dort­mund-Spiel zum Guten wenden können. Im Sommer 1994 hatte Gio­vanni Tra­pat­toni näm­lich Adolfo Valencia den Lauf­pass gegeben, und Mazinho, der die letzten Monate auf Leih­basis beim bra­si­lia­ni­schen SC Inter­na­cional und den Bayern-Ama­teuren ver­bracht hatte, trat vor die Geschäfts­stelle an der Säbener Straße und sagte: Nun werde ich angreifen! Tra­pat­toni setzt auf mich!“

Plötz­lich war alles wieder erleuchtet, und Mazinho glaubte an eine gol­dene Zukunft in Deutsch­land. Voller Stolz erzählte er, dass er sich wieder häus­lich in Mün­chen ein­richten wollte, er plane den Bau einer Villa, und berich­tete davon, dass seine Frau Claudia und die Söhne Mikael und Bryan sich freuten, am 15. Sep­tember aus São Paulo nach Deutsch­land zurück­zu­kehren.
 
Sie kamen tat­säch­lich, doch das Haus war nicht fertig, und eine Woche nach ihrer Ankunft machte der Stürmer sein letztes Spiel im Trikot des FC Bayern. Gegen 1860 Mün­chen wurde er nach 34 Minuten aus­ge­wech­selt. Wenige Tage zuvor war sein Nach­folger vor­ge­stellt worden. Auch er trat an der Säbener Straße vor die Mikro­fone. Er sagte: Das hier ist toll! Das hier ist meine Welt!“ Er war auch ein Super­star. Er kam aus Frank­reich. Sein Name: Jean-Pierre Papin.