November 2011, Ham­burg: Deutsch­land schlägt Hol­land mit 3:0, Mesut Özil, Miroslav Klose und Thomas Müller ver­zü­cken die Zuschauer mit wun­der­schönem One-Touch-Fuß­ball, Jogi Löw gilt als min­des­tens bester Trainer aller Zeiten, die Ära-Lahm-Schweini-Alle-Mann-Happy geht auf ihre Blüte zu – und die Län­der­spiel­kar­riere von Ryan Babel ist end­gültig vor die Wand gefahren. Nach der Bla­mage gegen die alten Intim-Feinde aus Deutsch­land, Babel erlebt sie 90 Minuten lang aus nächster Nähe auf dem Platz, wird er in Hol­land und für Hol­land keine Rolle mehr spielen. Fast sechs Jahre lang.

Über Ryan Babel, mitt­ler­weile 33 Jahre alt und optisch so nah dran an einem Erd­beer­lut­scher wie nie zuvor, gibt es uner­schöpf­lich viele Anek­doten. Die meisten sind etwas skurril, die wenigsten son­der­lich schmei­chel­haft für ihn. Als Liver­pool-Spieler ver­brei­tete er via Twitter nach einer Nie­der­lage gegen Man­chester United einst eine Foto­mon­tage, die Schieds­richter Howard Webb im United-Trikot zeigte. Und zahlte dafür 12.000 Euro Strafe.

Als Al-Ain-Spieler in den Emi­raten, ein paar Jahre später, wurden Babels Team­kol­legen und Babel selbst von den anschei­nend nicht rundum zufrie­denen Zuschauern mit San­dalen beworfen. Eine traf Babel an der Schulter, so dass dieser aus­tickte und zurück­warf. Danach wurde gegen ihn demons­triert. Als Bes­iktas-Spieler kom­men­tierte er bei Insta­gram erst ver­gan­genes Jahr die süf­fi­sante Frage eines Fans, ob er im Ver­trags­poker wieder, wie früher schon auf Sta­tion in Kas­im­pasa, die unan­stän­dige Summe von 200.000 Euro monat­lich ver­langen würde, mit einer Gegen­frage. Ob er mal wieder bei der Mutter des Fans vor­bei­schauen solle?

Ich spielte über­haupt keine Rolle mehr“

Mit fünf Jahren kam Babel, als eine Boeing 747 in seinem Wohn­block abstürzte, bei­nahe ums Leben. Die Maschine ver­fehlte ihn nur um wenige Meter. Als junger Profi-Fuß­baller nahm er Songs auf, in denen er unter anderem dar­über rappte, dass er der Liver­pool-Star sei, den die Schlampen lieben“. Und. Und. Und.

Die eigent­liche Geschichte über Ryan Babel ist aber eine andere. Sie hört sich zunächst mal lang­weilig an. Großes Talent. Kom­mender Welt­star. Hype. Wechsel ins Aus­land. Durch­bruch gelingt nicht. Kar­riere gerät ins Sto­cken. Kar­riere ver­sandet. Ich war 26 Jahre alt“, erzählte Babel kürz­lich dem nie­der­län­di­schen Fuß­ball­ma­gazin Voetbal Inside“, und musste fest­stellen: Ich spielte über­haupt keine Rolle mehr.“

Damals, mit 26 Jahren, im Jahr 2012, hatte Babel schon einiges hinter sich. Er war als gefei­ertes Ajax-Talent Natio­nal­spieler geworden, für knapp 18 Mil­lionen Euro zu Liver­pool gewech­selt, dann, um Schwung zu holen, nach Hof­fen­heim und von dort zurück zu Ajax gezogen. Nach einem ordent­li­chen Jahr in der Heimat setzte er seinen Agenten darauf an, ihm einen guten Klub zu finden.

Ich wollte zu Tot­tenham, Aston Villa, Dort­mund, Schalke oder Lever­kusen. Irgendwas in der Grö­ßen­ord­nung. Aber keiner der Klubs hatte Inter­esse. Es war wie ein Schlag ins Gesicht für mich.“ Statt bei einem ambi­tio­nierten Klub in einer ambi­tio­nierten Liga noch mal durch­zu­starten, ließ es Babel mit Mitte 20 austru­deln. Wechsel in die Türkei, Wechsel in die Ver­ei­nigten Ara­bi­schen Emi­rate. Allein der Kohle wegen, wie er schon bei der Unter­schrift erzählte.

Tief­punkt. Noch tie­ferer Tief­punkt. Was nor­ma­ler­weise auch der Moment wäre, an dem Geschichten dieser Art enden. Bloß: Ryan Babel war nicht klein­zu­kriegen. Nach dem San­da­len­wurf und der Degra­die­rung in die zweite Mann­schaft von Al-Ain bekam er eine Chance bei La Coruna in der spa­ni­schen Liga. Und nutzte sie. Wes­halb Bes­iktas zuschlug. Wo er plötz­lich wieder Fans für sich begeis­tern konnte.

Nur bekam davon bei ihm in der Heimat kaum wer etwas mit. Was vor allem, so denkt Babel heute, mit einer Sache zu tun hat: Sta­tis­tiken. In der Ajax-Jugend ging es nicht darum, wer die Tore schoss. Man musste gut spielen, die Mit­spieler besser machen, dann waren die Trainer zufrieden. Irgend­wann fingen aber alle an, auf Sta­tis­tiken zu achten. Und Typen, die in der Ere­di­visie 20 Tore erzielten, bekamen plötz­lich sehr viel Auf­merk­sam­keit. Ich selber war aber ein Flü­gel­spieler der alten Schule. Ich lie­ferte keine groß­ar­tigen Zahlen.“

Ich hatte keine Ahnung, wie das gehen soll“

Sein Spiel­stil, sagt Babel, sei ihm auch schon zu seiner Zeit in Liver­pool zum Ver­hängnis geworden. Ich wollte immer nur die Linie runter dampfen. Und in Hol­land, im 4−3−3, musste ich nie weiter zurück als bis zur Mit­tel­linie.“ In Liver­pool, unter Rafael Benitez, sei er im 4−4−2 dann auf einmal Mit­tel­feld­spieler gewesen. Plötz­lich musste ich ver­tei­digen. Ich hatte keine Ahnung, wie das gehen soll. Hätte mir Benitez vor dem Wechsel gesagt: Wir suchen einen Spieler, der zwei­stellig trifft und der ver­tei­digen kann, wäre ich in Ams­terdam geblieben.“

Doch Benitez holte ihn, und Babel war ein paar Jahre später, mit Ende 20, nicht wie pro­phe­zeit ein Welt­star, son­dern ein eher wenig beach­teter Fuß­baller bei Bes­iktas Istanbul. Und wäre das ver­mut­lich noch heute, wenn nicht irgend­wann Dick Advo­caat den Bes­iktas-Rivalen Fener­bahce Istanbul über­nommen und sich dar­aufhin näher mit der tür­ki­schen Liga beschäf­tigt hätte. Als Advo­caat später zum nie­der­län­di­schen Natio­nal­trainer beför­dert wurde, erin­nerte er sich an Babel, den Old-School-Flü­gel­stürmer. So dass Babel gegen Weiß­russ­land, am 07.10.2017, fast 71 Monate nach seinem letzten Län­der­spiel, plötz­lich wieder für Hol­land auf dem Platz stand.

Seitdem ist er als Stamm­spieler einer der Gründe dafür, dass Hol­land mit breiter Brust zur EM fährt. Und ist, weil er sich im Zuge des Ver­trags­po­kers – natür­lich, weil Babel – mit Bes­iktas in die Wolle bekam, nach einer kurzen Leihe zum FC Fulham und einem Inter­mezzo bei Gala­ta­saray in diesem Winter wieder mal bei Ajax gelandet. Wo er mit seinen Qua­li­täten per­fekt in eine ohnehin gut funk­tio­nie­rende Mann­schaft passen könnte. Aber ob es wirk­lich klappt? Wer weiß. Viel­leicht ver­kracht er sich in ein paar Wochen auch mit Trainer Erik ten Hag. Ande­rer­seits kann man sich bei Ryan Babel auch eini­ger­maßen sicher sein: Wenn er fällt, dann auf die Füße.