HIN­WEIS: Diese Repor­tage erschien erst­mals in 11FREUNDE #113

Es ist alles gesagt. Vier Tage, bevor sich Martin Beng­tsson die Puls­adern auf­schneidet, stellt er sein Handy aus. Seiner Freundin in Stock­holm hatte er eigent­lich ver­spro­chen, recht­zeitig die Reiß­leine zu ziehen. Nur sie weiß um seine Depres­sionen. Wenn es nicht mehr geht, komm bitte heim!“, hatte sie beim letzten Tele­fonat gesagt. Nun aber irrt der 18-Jäh­rige über die Gänge von Inters Jugend­aka­demie Inte­rello, sieht eine Frau im Spiegel und hört flüs­ternde Stimmen, die es nicht gibt.

Dann wieder Mann­schafts­be­spre­chung und Trai­ning. Der junge Schwede spult sein Pro­gramm ab. Dass es ihm von Tag zu Tag schlechter geht, bemerkt nie­mand. Seine Mit­spieler haben ihn längst zum Son­der­ling abge­stem­pelt. Er hört seit Tagen in voller Laut­stärke den Song Days“ von David Bowie. Es gab in dem Lied ein Geheimnis, das ich her­aus­finden wollte“, sagt er heute.

Am Morgen, als Martin Beng­tsson sterben will, sind seine Mann­schafts­ka­me­raden bereits beim Früh­stück. Er macht sein Bett, zieht die Decke so glatt, als würde ein Offi­zier hinter ihm stehen. Auf seinem MP3-Player läuft immer noch Days“. Bowie singt: Don’t know what to do.“ Doch er weiß jetzt, was zu tun ist. Er geht ins Bade­zimmer und greift nach der Rasier­klinge.

Fuß­ball ist doch besser als Drogen, Ziga­retten, Alkohol“

Ein Foto aus Kin­der­tagen zeigt Martin Beng­tsson im Trikot des AC Mai­land. Die Augen schauen wach, neu­gierig und ein wenig zu rou­ti­niert für einen Acht­jäh­rigen. Das ist doch schi­zo­phren“, sagt er heute, ich ver­göt­terte Milan – und unter­schrieb später bei Inter.“ Beng­tsson wächst in Örebro auf, einem Städt­chen 200 Kilo­meter west­lich von Stock­holm. Ein Mit­tel­klasse-Appart­ment. Eine mittel-klasse Gegend. Ein kleiner Junge auf dem Sofa. Wäh­rend sich die schwe­di­sche Natio­nal­mann­schaft im Sommer 1994 bei der Welt­meis­ter­schaft in den USA bis ins Halb­fi­nale spielt, klebt der Acht­jäh­rige am Fern­seh­gerät. Weil Beng­tsson auch so sein möchte wie Tomas Brolin, tritt er sofort nach der WM in den lokalen Fuß­ball­klub IK Stu­rehov ein.

Dort stehen am Spiel­feld­rand die Eltern der anderen Kinder und weisen ihre Zög­linge zurecht, nur Beng­ts­sons Vater ist nicht da. Er ist Künstler und Musiker und in jenen Jahren oft unter­wegs. Seine Mutter arbeitet in Örebro als Mana­gerin von Tanz­gruppen. Fuß­ball ist doch besser als Drogen, Ziga­retten, Alkohol“, sagen sie, und besser, als Künstler zu werden.“ Doch ihr Sohn ent­wi­ckelt einen Ehr­geiz, der ihm heute Angst macht. Nachdem Beng­tsson eine Doku­men­ta­tion über die Ajax-Aka­demie gesehen hat, fragt er sich: Was nützen mir die gol­denen Füße, wenn sie nicht wie Maschinen funk­tio­nieren?“

Er ist gerade mal zwölf Jahre alt, als er seine Ernäh­rung umstellt, weil er sich über­ge­wichtig und schwer­fällig fühlt. Nach jedem Abend­brot ent­leert er seinen Magen im nächsten Wald­stück. Er trai­niert fünfmal am Tag, spielt barfuß auf der Straße. Ronaldo soll es genauso gemacht haben, das hat Beng­tsson irgendwo im Fern­sehen gesehen.

Gesund­heit­lich geht es ihm von Tag zu Tag schlechter, und er bekommt Zweifel an dem Ziel Fuß­ball­profi. Doch dann klopft Erst­li­gist Örebro SK an. Plötz­lich geht alles ganz schnell, Beng­tsson debü­tiert mit 16 Jahren in der höchsten schwe­di­schen Spiel­klasse. Es blieb keine Zeit, um nach links oder rechts zu schauen.“