Sie sollten doch längst wieder zuhause sein. Das hatten ihnen die Gene­räle ver­spro­chen, als im August der Krieg begann. Doch seit November ent­wi­ckelte sich der Kon­flikt zwi­schen dem Deut­schen Reich und den alli­ierten West­mächten zu einem erbit­terten Stel­lungs­krieg. Die Front zwi­schen dem flan­dri­schen Ypern und dem fran­zö­si­schen Riche­bourg war in der Advents­zeit 1914 zur Hölle auf Erden geworden. In den Schüt­zen­gräben starben in den ersten Monaten mehr als eine halbe Mil­lion Sol­daten im Kugel­hagel der Maschi­nen­ge­wehre.

Am 24. Dezember aber kehrte urplötz­lich Ruhe an der Front­linie ein. Der Krieg machte einen Moment Pause. In der hei­ligen Nacht erschien es selbst den Tod­feinden als unpas­send, das sinn­lose Töten fort­zu­setzen. Irgendwo stimmte ein deut­scher Soldat Stille Nacht“ an, wor­aufhin die Briten in den gegen­über­lie­genden Gräben Applaus spen­deten und das­selbe Lied in ihrer Sprache zu singen begannen. Und für einen Moment fla­ckerte Mensch­lich­keit auf an diesem unwirt­li­chen Ort.

Der Feind plant einen Angriff. Seid wachsam!“

Die deut­schen Sol­daten an der Linie zwi­schen Fre­lin­ghien und Hou­plines ent­zün­deten Kerzen und stellten sie auf die Wälle ihrer Schüt­zen­gräben. Kilo­me­ter­weit zog sich eine Lich­ter­kette, wo noch kurz zuvor die Gewehr­mün­dungen geglüht hatten. Doch das bri­ti­sche Ober­kom­mando in St. Omer warnte: Der Feind plant einen Angriff. Seid wachsam!“ Die Scot­tish Seaf­orth High­lan­ders eröff­neten aus Angst, in eine Falle zu tappen, vor­sorg­lich das Feuer auf die selt­same Illu­mi­na­tion. Nichts pas­sierte. Die Deut­schen schossen nicht zurück. Die Schotten hörten sie statt­dessen leise plau­dern und singen. Inmitten der sich tür­menden Lei­chen kam für einen Augen­blick besinn­liche Stim­mung auf.

Tau­sende deut­sche Wehr­pflich­tige hatten wegen der fami­liären Ver­flech­tungen von Kaiser Wil­helm II. mit dem eng­li­schen Königs­haus vor Aus­bruch des Krieges in Groß­bri­tan­nien gejobbt, Eng­lisch war im Deut­schen Reich Fremd­sprache Nummer eins. Durch die Enge in den moras­tigen Gräben, oft lagen die geg­ne­ri­schen Ver­bände nur wenige Meter von­ein­ander ent­fernt, konnten die Deut­schen ihren Wider­sa­chern nun sogar einen Weih­nachts­gruß in ihrer Mut­ter­sprache hin­über­rufen. Eine Schachtel Ziga­retten wech­selte die Seiten. In diesem Para­dies für Ratten sehnten sich viele nach mensch­li­cher Wärme. Über die Front­li­nien ent­sponnen sich all­mäh­lich nach­bar­schaft­liche Dia­loge.

Die Deut­schen hatten ein Bier­fass mit­ge­bracht, die Schotten Christmas Pud­ding 

Doch erst als der Nebel sich im Mor­gen­grauen des Weih­nachts­tages verzog, fassten beide Lager den Mut, sich im freien Feld zu treffen. In Abwe­sen­heit der Gene­ra­lität hatten Offi­ziere den Sol­daten erlaubt, in Klein­gruppen von drei bis vier Mann ihre Posten zu ver­lassen. Bereits um acht Uhr mor­gens aber stellte ein schot­ti­scher Haupt­mann mit Erschre­cken fest, dass sich auf dem Feld zwi­schen den Linien eine große Men­schen­menge gut­ge­launt unter­hielt. Die Schüt­zen­gräben waren für Stunden ver­waist. Ehren­ab­zei­chen wurden getauscht, die Deut­schen hatten ein Bier­fass mit­ge­bracht, die Schotten revan­chierten sich mit Christmas Pud­ding. 

Leut­nant Johannes Nie­mann vom 133. König­lich Säch­si­schen Infan­te­rie­re­gi­ment sah durch seinen Feld­ste­cher, dass ein schot­ti­scher Soldat einen Fuß­ball mit­ge­bracht hatte –einen echten Leder­ball. Der Boden war gefroren, nicht unbe­dingt die besten Bedin­gungen für ein kleines Match. Aber es dau­erte nicht lang, und die ersten begannen mit schüch­ternem Pass­spiel. Als Tor­pfosten dienten Mützen und Kappen. Der brü­chige Unter­grund sorgte dafür, dass viele Bälle nicht den Weg zum Mit­spieler fanden, son­dern immer wieder weit hinter der unge­fähren Feld­be­gren­zung lan­deten. Nie­mann stellte fest: Obwohl sie alle sehr müde sein mussten, spielten sie mit rie­sigem Enthu­si­asmus.“