Stefan Effen­berg, war die Nie­der­lage im Cham­pions-League-Finale 1999 die schlimmste Ihres Lebens?

Sport­lich gesehen bestimmt, denn in einem WM-Finale habe ich nie gestanden.



Hatten Sie wäh­rend der Partie eine Vor­ah­nung, dass es so dra­ma­tisch enden könnte?

Nein, denn wir haben gerade in diesem Spiel kaum etwas zuge­lassen. Natür­lich hätten wir nach Mario Bas­lers 1:0 ein Tor nach­legen müssen, die Chancen dafür hatten wir. Trotzdem war ich absolut sicher, dass in dem Spiel nichts mehr pas­siert.

Und dann fangen Sie in der Nach­spiel­zeit in kür­zester Zeit zwei Tore – und United geht als Sieger vom Platz.

So ist Fuß­ball. Als Spieler darfst du nie abschalten, bevor der Schiri abpfeift. Es war ein trau­ma­ti­scher Denk­zettel für uns alle. Eine Lehre, die wir alle aus diesem Finale für den Rest unser Kar­riere mit­nahmen.

Damals gehörten Spieler wie Michael Tarnat, Thorsten Fink, Carsten Jancker oder Thomas Linke zu Ihrem Final­team. Nicht gerade Namen, die man aus heu­tiger Sicht in einem Cham­pions League Finale erwartet.

Aber unsere Mann­schaft stand voll­kommen zu Recht dort! Wir haben in dieser Periode mit Man­chester und Madrid den Ton ange­geben. In Europa gab es kein wei­teres Spit­zen­team! Im Jahr darauf sind wir auch ins Halb­fi­nale gekommen, dann wieder ins End­spiel. Wir waren eine geschlos­sene, sehr starke Mann­schaft.

Sie galten als Kopf der Mann­schaft.

Lothar Mat­thäus, Oliver Kahn und ich – wir haben die ent­schei­denden Posi­tionen aus­ge­füllt und waren die­je­nigen, die den Ton angaben. Nichts­des­to­trotz haben wir jeden Ein­zelnen gebraucht. Jeder hat sich in den Dienst der Mann­schaft gestellt. Das war unsere große Stärke, und des­wegen waren wir so erfolg­reich.

Wie groß war der Druck, der in einem Cham­pions League Finale auf einem Leit­wolf wie Ihnen las­tete.

Es hielt sich gerade 1999 in Grenzen, denn es gab ja nicht wirk­lich viele Sorgen, die wir uns machen mussten. Wir standen nicht groß­artig unter Druck und wir brauchten auch kein Glück. Es war eher so, dass ManU Glück hatte, nicht das 2:0 zu fangen. Für uns lief anfangs alles so, wie wir es geplant hatten.

Wer war an dem Abend ihr Gegen­spieler?

Ich glaube, David Beckham. Fer­guson hatte ihn für den gesperrten Roy Keane ins zen­trale Mit­tel­feld beor­dert, und da lief er mir des Öfteren über den Weg. 

In der 80. Spiel­mi­nute musste Lothar Mat­thäus vom Platz, weil er aus­ge­powert war und sein Ober­schenkel schmerzte. Eine spiel­ent­schei­dende Szene.

Es war natür­lich unglück­lich, weil er ein extrem wich­tiger Spieler in der Abwehr war. Ich habe, als er run­ter­ging, auch einen Moment gedacht: Mein Gott, die zehn Minuten hät­test du auch noch durch­halten können.“ Aber ich muss ihn in Schutz nehmen: Was hätte die Presse ihm ange­kreidet, wenn er drauf geblieben und in einer ent­schei­denden Szene einen Fehler gemacht hätte, weil er ange­schlagen ist? Ich kann Sie beru­higen: Lothars Aus­wechs­lung war kei­nes­falls der Grund war, warum wir noch zwei Tore kas­sierten.

Wie kom­pen­siert man die Aus­wechs­lung eines sol­chen Spie­lers. Können Sie sich noch an Anwei­sungen erin­nern, die Sie auf dem Platz gegeben haben, nachdem Mat­thäus vom Platz war?

Ich habe den anderen zuge­rufen, dass sie ver­su­chen sollen, hinten jetzt noch mas­siver zu stehen und sich auf den einen oder anderen Konter zu beschränken. Unser Haupt­au­gen­merk lag darauf, dass wir defensiv sicher stehen und das Spiel über die Bühne bringen.

Alex Fer­guson brachte seine Super-Joker“ Ole Gunnar Sol­skjær und Teddy She­ringham ins Spiel.

Das hat mich nicht beson­ders beun­ru­higt. Wieso auch? Wir standen bis zu dem Zeit­punkt hinten sicher, und die Jungs hatten vorher auch Andy Cole und Dwight Yorke sehr gut im Griff.

Dann begann die Nach­spiel­zeit – und United traf zwei Mal. Wie haben Sie die 102 Sekunden bis zum K.o. erlebt?

Eigent­lich konnte nichts mehr pas­sieren. Aber bei einer Stan­dard­si­tua­tion wie diesem Eck­ball, wenn alle nochmal nach vorne kommen, auch Keeper Peter Schmei­chel, und alles ris­kieren, musst du natür­lich hell­wach sein. Ich will damit nicht sagen, dass wir nicht hell­wach waren, aber es lief ein­fach sehr unglück­lich.

Pier­luigi Col­lina soll vor der Ecke, die zum Aus­gleich führte, zu Michael Tarnat gesagt haben, dass er gleich danach abpfeift.

Das habe ich nicht gehört. Aber mein Gott, was will man heute sagen? Hätte er danach abge­pfiffen, wären wir in die Ver­län­ge­rung gegangen und dann… Es ist so pas­siert, wie es pas­siert ist. Col­lina war ein guter Schieds­richter.

Können Sie sich noch an den Moment des Abpfiffs erin­nern?

Oh Mann, das hat ver­dammt weh­getan. Da hätte ich lieber chan­cenlos 0:2 oder 0:3 ver­loren. Ich saß auf dem Rasen und dachte mir: Das kann nicht sein“. Jetzt gehst du an dem Pott vorbei, darfst ihn nicht anfassen und fliegst wieder nach Hause.

Was heute fest gere­gelt ist, war damals eine Pre­miere für die Ihr Team hin­terher auch den Fair-Play-Preis erhielt: Sie standen als Ver­lierer für den Sieger Spa­lier.

Kein schöner Moment, wie Sie sich vor­stellen können, denn ich war mit meinen Gedanken ganz woan­ders. Fair-Play hin oder her – in sol­chen Momenten hat man echt was Bes­seres zu tun, als Spa­lier zu stehen.

Woran dachten Sie in diesem Moment?

Ich dachte an die Rie­sen­chance, die wir vertan hatten, und dass wir nun wieder ein ver­dammt langes Jahr spielen mussten, um even­tuell wieder in so ein Finale zu kommen. Aber das wollte ich: Ich wollte Revanche und diesen Pokal gewinnen. Zwei Jahre später hat es dann ja auch geklappt.

Nach dem Spiel mussten Sie gemeinsam mit Ersatz­keeper Bernd Dreher zur Doping­probe. Und auf wen treffen Sie dabei? Aus­ge­rechnet auf die glück­li­chen Tor­schützen She­ringham und Sol­skjær. Ver­brü­de­rungs­szenen gab es da wohl keine, oder?

Naja, meine Gemüts­lage können Sie sich vor­stellen. Und dann kamen die beiden brutal spät, bestimmt 20 Minuten später als wir. Ich weiß ja nicht, wie die Reg­lungen damals waren, viel­leicht sollten wir nach­träg­lich nochmal ein Wie­der­ho­lungs­spiel anmahnen (lacht). Im Ernst: Es ver­setzte mir einen ordent­li­chen Stich, die beiden da im Freu­den­taumel zu erleben. Zumal sie in ihrer Kabine wohl auch schon ordent­lich auf den Sieg ange­stoßen hatten. Der Vor­teil daran war, dass es bei denen gut lief und sie schnell wieder weg waren.

Und Sie blieben zurück.

Ich habe ihnen vorher noch gra­tu­liert und gehofft, dass wir uns irgend­wann nochmal über den Weg laufen.

Bei Ihnen klappte es mit der Doping­probe ja nicht so flüssig wie bei den beiden Briten.

Nein, wir mussten noch gut zwei Stunden warten, bis wir die Doping­probe abge­geben hatten. Ich habe in einer Tour Wasser in mich rein­ge­schüttet, aber ich konnte ein­fach nicht. Ich war völlig leer und aus­ge­powert, dazu kam die Ver­ar­bei­tung des Spiels. Ich trank bestimmt vier Liter Wasser – und irgend­wann kam die Flüs­sig­keit dann oben raus, weil es unten nicht klappte.

Um die Sache zu beschleu­nigen, haben Sie sogar noch einen Ent­span­nungs­spa­zier­gang auf dem Rasen gemacht. Dort trafen Sie RTL-Mode­rator Gün­ther Jauch – über was haben Sie mit Ihm gespro­chen?

Wir haben über das Spiel gespro­chen und die Tat­sache, wie ver­rückt und unge­recht doch der Fuß­ball ist. Dann habe ich ihm noch gesagt: Ich hoffe, dass wir nochmal auf ManU treffen. Ich will Revanche!

Gehörten Sie nach dem Ban­kett im Hotel auch zu der Clique um Mario Basler, die den Nie­der­la­gen­frust mit einer Party kom­pen­sierte?

Vom Ban­kett habe ich wegen der ewig langen Doping­probe fast nichts mit­be­kommen. Ich bin dann mit Carsten Jancker und Alfred Eyrich von Adidas auf mein Zimmer gegangen und dort haben wir das Spiel ana­ly­siert. Als ich am nächsten Tag hörte, wie aus­ge­lassen manche an dem Abend noch gefeiert haben, hat mich das schon sehr gewun­dert. Jeder soll machen, was er für richtig hält, aber mit so einer exzes­siven Party hatte ich schon ein Pro­blem. Schließ­lich hatten wir ein paar Tage später ja noch das DFB-Pokal­fi­nale zu spielen.

Wann haben Sie geschlafen?

In so einer Nacht schläft man nicht viel, viel­leicht habe ich zwei, drei Stunden gedöst.

Haben sie das Finale von Bar­ce­lona im Anschluss mit Ottmar Hitz­feld nochmal ana­ly­siert?

Nein. Was will man bei so einem Spiel nach­be­reiten? Ich habe die Partie nie wieder gesehen. Mir reichte als Erkenntnis, dass wir durch die dra­ma­ti­sche Nie­der­lage moti­viert wurden, das Ziel Cham­pions League neu anzu­gehen. Für mich war die Nie­der­lage der Kick zu sagen: Wir haben eine gute Truppe, wir kommen da nochmal hin!