Die 90 Minuten seiner Mann­schaft quälten den älteren Herren im schwarzen Win­ter­mantel an der Sei­ten­linie des Stadio di Olim­pico sicht­lich. Mal stand er regungslos vor der Gäs­te­bank, mal ges­ti­ku­lierte er wild, als könne er so selbst wei­tere Gegen­tore seiner Mann­schaft ver­hin­dern. Doch es half alles nichts. Am Ende, das musste auch Claudio Ranieri, der ergraute Trainer der Gäste fest­stellen, stand es 5:1 für Lazio Rom. Für Ranieri, der mit Sam­pdoria Genua im Abstiegs­kampf steckt, eine herbe Nie­der­lage. Doch trotz der Sorgen um die sport­liche Situa­tion seiner Mann­schaft weckte das Spiel offenbar sen­ti­men­tale Erin­ne­rungen an erfolg­rei­chere Tage seiner Trai­ner­kar­riere. In den ver­gan­genen Jahren war das ita­lie­ni­sche Titel­rennen ob der Domi­nanz Juves eine »One Man Show«. Doch mit Lazio Rom mischt nun ein Verein im Kampf um den Scu­detto mit, der im Gegen­satz zur Kon­kur­renz aus Mai­land und Turin mit ein­fa­cheren Mittel kämpft – wie einst Ranieri selbst zu seiner Zeit bei Lei­cester City. Und so gestand der Mister in den Kata­komben des Sta­dions, dass ihn die Auf­tritte Lazios an seine eigene Geschichte erin­nerten: »Wenn die Laziali im März immer noch dort oben stehen, könnten sie das ita­lie­ni­sche Lei­cester werden.«

Denn mit dem Sieg gegen Sam­pdoria Genua am ver­gan­genen Wochen­ende und Inters Unent­schieden gegen Lecce ver­kürzten die Römer nicht nur den Abstand auf den Tabel­len­zweiten aus Mai­land (zwei Punkte), son­dern setzten auch eine beein­dru­ckende Sie­ges­serie fort. Seit dem Unent­schieden gegen Ata­lanta Ber­gamo Mitte Oktober hat Lazio keinen ein­zigen Punkt im Titel­rennen liegen lassen. Mit anderen Worten: Lazio hat die letzten elf Spiele gewonnen. Das ist nicht nur Klub-Rekord, son­dern bietet auch Anlass zum Träumen für die­je­nigen, die es in der Haupt­stadt Ita­liens mit den Blauen halten. Doch nicht nur die Fans scheinen in Anbe­tracht des Erfolgs eupho­ri­siert. Auch Trainer Simone Inz­aghi wagte nach Abpfiff der Partie eine Kampf­an­sage: »Ich glaube an den Scu­detto«, sagte er kurz, aber deut­lich. Der Traum von der ersten Meis­ter­schaft Lazios seit zwanzig Jahren, erscheint dieser Tage rea­lis­ti­scher als je zuvor.

Kon­stanz als Schlüssel des Erfolgs

Dass Inz­aghis Aus­sage kein spon­taner Gefühls­aus­bruch, son­dern wohl über­legt war, wird mit Blick auf seine bereits fast vier­jäh­rige Amts­zeit deut­lich. Kein anderer Trainer der Top-Vier-Ver­eine der aktu­ellen Serie-A-Saison arbeitet auch nur annä­hernd so lange mit seinem Team zusammen wie Inz­aghi. Kein anderer Trainer der Titel­an­wärter kennt seine Mann­schaft so gut wie der 43-jäh­rige. Und kein anderer Coach an der Sei­ten­linie eines Meis­ter­schafts­aspi­ranten dürfte seiner Mann­schaft daher so sehr ver­trauen wie Inz­aghi seinen Spie­lern ver­traut.

Wäh­rend die Kon­kur­renten aus Neapel, Turin, Mai­land sowie der Stadt­ri­vale in hoher Regel­mä­ßig­keit ihre Übungs­leiter aus­tauschten, eta­blierte Inz­aghi in aller Ruhe sein tak­ti­sches Grund­ge­rüst. Nach anfäng­li­chem Wechsel zwi­schen Vierer- und Drei­er­kette schickt der ehe­ma­lige Lazio-Stürmer seine Mann­schaft seit fast drei Jahren in einem 3 – 5‑2-System auf die Plätze Ita­liens. Auch eines der Gesichter des Erfolgs der Römer hält die posi­tive Ent­wick­lung Lazios vor allem für eine Folge der Kon­stanz auf dem Posten des Chef­trai­ners. Mit der Erfolgs­serie würde die Mann­schaft »die Früchte der langen Arbeit mit unserem Trainer« ernten, kon­sta­tierte Stürmer Ciro Immo­bile.

Dass Inz­aghi, der den Groß­teil seiner Spie­ler­kar­riere im Schatten seines älteren Bru­ders Pippo ver­brachte, nun über­haupt als erfolg­rei­cher Trainer eines Titel­an­wär­ters auf­tritt, ist dabei einem glück­li­chen Umstand geschuldet. Denn nachdem der heute 43-Jäh­rige im April 2016 inte­rims­weise das Amt an der Sei­ten­linie im Stadio di Olim­pico über­nommen hatte, ver­pflich­teten die Römer zur Saison 2016/17 Mar­celo Bielsa als neuen Chef­trainer.

Doch Bielsa wäre nicht Bielsa, wäre er neben seinem tak­ti­schen Genie nicht auch für seine Strei­tes­lust bekannt, die ihn nach nur zwei­tä­giger Amts­zeit auch sein Enga­ge­ment in der ita­lie­ni­schen Haupt­stadt kos­tete. Und so ver­pflich­teten die Römer kur­zer­hand den Mann, dessen Ver­trag sie Wochen zuvor noch aus­laufen ließen – Simone Inz­aghi. Wäh­rend Bielsa seinen Ver­trag kün­digte, nachdem der Verein keine Neu­zu­gänge bis zum Trai­nings­start prä­sen­tiert hatte, gab sich Inz­aghi mit dem zufrieden, was er vor­fand. Mehr noch: Der Ita­liener musste in seiner Amts­zeit die Abgänge von Leis­tungs­trä­gern wie Stefan de Vrij, Keita Balde und Filipe Anderson hin­nehmen.

Wohl­fühl­oase der Unvoll­endeten

Wäh­rend die Klubs aus Mai­land und Turin, aber auch die AS Roma stetig grö­ßere Trans­fer­aus­gaben unter ihren Jah­res­aus­gaben ver­zeichnen, ver­zichtet Lazio auf die ganz großen Trans­fers. Die Mann­schaft Inz­aghis, ist vor allem eines: ein gut har­mo­nie­render Haufen, in dem jeder seine Rolle kennt. Natür­lich pro­fi­tiert Inz­aghi von den Talenten von Roh­dia­mant Milin­kovic-Savic. Der junge Serbe ermög­licht es der Mann­schaft Inz­aghis mit seiner aus­ge­prägten Physis und seiner sau­beren Technik die Bälle im Zen­trum auch bei Geg­ner­druck zu halten und sich aus Druck­si­tua­tionen zu befreien. Nicht selten trägt der zen­trale Mit­tel­feld­spieler die Bälle in Kon­ter­si­tua­tion durch das geg­ne­ri­sche Mit­tel­feld. Doch Inz­aghi kann sich auch der Gelas­sen­heit seiner Rou­ti­niers wie Lucas Leiva, Stefan Radu und Marco Parolo erfreuen.

Und neben talen­tierten Jung­profis und alten Hau­degen wären da auch noch die, deren vor­ge­zeich­neter Weg einst ins Strau­cheln geriet. Denn Lazio scheint sich zu einer Wohl­fühl­oase für die­je­nigen ent­wi­ckelt zu haben, die bei ihren vor­he­rigen Sta­tion Pro­bleme damit hatten, ihr Können unter Beweis zu stellen. Neben Joa­quin Correa, der wäh­rend seiner Zeit in Sevilla munter zwi­schen der Stamm­for­ma­tion und der Bank der Anda­lu­sier wech­selte, zählt auch Felipe Cai­cedo, der einst über zig Leih­sta­tionen 2014 in der fuß­bal­le­ri­schen Bedeu­tungs­lo­sig­keit bei Al-Jazira lan­dete, zum Sturm­per­sonal der Laziali. Mit Luis Alberto kur­belt ein Mann das Offen­siv­spiel der Römer an, der einst über Bar­ce­lona und Sevilla mit großen Hoff­nungen zum FC Liver­pool nach Eng­land wech­selte, um sich im Anschluss daran auch bei zahl­rei­chen Leih­sta­tionen schwer damit schwer tat sein volles Poten­zial zu ent­falten. Und dann wäre da noch der Mann, der wie kein Zweiter für den Erfolg von Lazio steht und der in Deutsch­land lange Zeit als geschei­tert galt – Ciro Immo­bile. Einst wech­selte Immo­bile für großes Geld in den Ruhr­pott. Für Immo­bile ange­sichts der Sprach­schwie­rig­keiten und seines ersten Ver­eins­wech­sels ein wohl leid­volles Inter­mezzo. Doch auch in Sevilla konnte der Ita­liener nicht an die Leis­tungen anknüpfen, mit denen er sich im Trikot des FC Turin in die Notiz­bü­cher der großen Klubs gespielt hatte.

Einige Jahre später hat sich der Ita­liener im Schatten Ronaldos und Lukakus zu einem der treff­si­chersten Tor­jäger Europas ent­wi­ckelt. Seit seinem Wechsel zu Lazio Rom hat der 29-Jäh­rige 112 Tore in 159 Spiele erzielt und 30 Treffer auf­ge­legt. Damit war der Stürmer durch­schnitt­lich in bei­nahe jedem seiner Spiele an einem Tor direkt betei­ligt. Alleine in dieser Saison traf der Ex-Dort­munder in 19 Par­tien 23 Mal.

Und so erin­nert nicht nur die Geschichte Ciro Immo­biles ein wenig an die Erfolgs­strähne Jamie Vardys, son­dern auch die Kad­er­kon­stel­la­tion Lazios an die Lei­ces­ters. Denn neben hoch ver­an­lagten Tech­ni­kern wie etwa Riyad Mahrez und Über­ra­schungen wie N´Golo Kante, sorgten auch Rou­ti­niers wie Wes Morgan und Robert Huth in der Meis­ter­saison für ein bunte Mischung an unter­schied­li­chen Spie­ler­typen in den Reihen der Foxes. Und wäh­rend auch Inz­aghi in den ver­gan­genen Jahren nicht dafür bekannt geworden ist, der Ver­eins­füh­rungen bei Neu­ver­pflich­tungen die Pis­tole auf die Brust zu setzen, erfreuten sich auch Lei­ces­ters Ver­ant­wort­liche an Ranieris Genüg­sam­keit.

Doch um ein zweites Wunder im Titel­rennen mit den ganz Großen zu schaffen, werden die kom­menden Wochen und die Par­tien gegen die eins­tigen Top­mann­schaften Ita­liens von ent­schei­dender Bedeu­tung sein. Denn ehe die Laziali am kom­menden Sonntag im Derby gegen die AS Roma antreten werden, duel­lieren die Laziali sich zunächst am heu­tigen Abend im Pokal mit der SSC Neapel. Und wenn Anfang Februar das wie­der­erstarkte Inter im di Olim­pico gas­tiert, werden die Mannen in hell­blau mög­li­cher­weise die Chance bekommen, am direkten Kon­kur­renten vorbei zu ziehen und Juventus Turin noch näher auf die Pelle zu rücken. Noch ist dies nur ein Traum, ebenso wie er es für die Spieler Lei­cester Citys 2016 gewesen war. Doch nach Wochen einer ein­zig­ar­tigen Erfolgs­welle mussten sie auch auf der Insel fest­stellen, dass sich selbst die kühnsten Träume rea­li­sieren lassen.