Herr Albeck, ein Spieler aus ihren Reihen, Loris Karius, hat vor kurzem ein Angebot von Man­chester City ange­nommen. Hatten Sie damals über­haupt Chancen, den Spieler zu halten?

Wir können Spieler bei uns erst ab dem 16. Lebens­jahr ver­trag­lich binden. Das wissen die Eng­länder, und des­wegen gehen die genau auf diese Alters­stufe los. Wir können ledig­lich För­der­ver­träge abwi­ckeln, also von 16 bis zur A‑Jugend und dann noch einmal zwei Jahre. Anders können wir die Spieler ver­trag­lich nicht binden. Wir haben mit der DFL dar­über schon einmal gespro­chen, dass wir da eine 4+1‑Regelung (4 Jahre Jugend + 1 Jahr Anschluss) haben wollen, um unsere Spieler vor Abwer­bungs­ver­su­chen zu schützen. Im Fall Karius lagen unser Angebot und das von Man­chester City dann soweit aus­ein­ander, dass Karius‚ Vater gesagt hat: Auch wenn das schief geht, hat er nach drei Jahren Ver­trag schon ein Ein­fa­mi­li­en­haus dastehen. Das ist abge­hoben, aber in Eng­land an der Tages­ord­nung.



Gab es so etwas wie eine Auf­wands­ent­schä­di­gung?

Ja. Wir haben den Spieler jah­re­lang auf­ge­baut, er hat bei uns in der Jugend­aka­demie gewohnt. Es gibt eine FIFA-Regel, dass eine Auf­wands­ent­schä­di­gung gezahlt werden muss. Diese hängt davon ab, wie lange der Spieler schon aus­ge­bildet worden ist und ob der Spieler schon Län­der­spiele bestritten hat. Dieser Betrag ist aber Spiel­geld für die Eng­länder. Das, was wir in die Aus­bil­dung inves­tiert haben, kriegen wir nie mehr zurück.

Sollte es bei diesem Abwerben von jungen Spie­lern viel­leicht Alters- oder Gehalts­grenzen geben?


Defi­nitiv. Man sollte beides limi­tieren.

Manche spre­chen davon, dass es eine gute Erfah­rung für die jungen Spieler ist, ins Aus­land zu wech­seln. Andere warnen davor, dass die Spieler an dem schnellen Ruhm zer­bre­chen könnten. Wie stehen Sie dazu?

Das ist ambi­va­lent. Man ist da hin- und her­ge­rissen. Aus­lands­er­fah­rungen erwei­tern sicher­lich den Hori­zont. Für die Per­sön­lich­keits­bil­dung ist es ein wich­tiger Schritt. Es hat viele posi­tive Dinge. Aller­dings wachsen die Spieler dann meist ziem­lich iso­liert heran; um den Ein­zelnen wird sich nicht so intensiv geküm­mert. Es schei­tern viele daran, dass sie keinen Anschluss haben. Aber das ist auch abhängig von der jewei­ligen Per­sön­lich­keits­struktur.

Man rühmt immer die enge Ver­zah­nung von Jugend‑, Ama­teur- und Jugend­be­reich in Eng­land. Wie ver­hält es sich denn in Deutsch­land?

Auch bei uns trai­nieren alle Mann­schaften auf dem selben Trai­nings­center. Da ist es auch mög­lich, dass jemand mal rüber­wech­selt. Aber wir reden da nicht groß­artig drüber. Junge Spieler werden hier auch für ihre Leis­tungen belohnt. Tobias Rühle von der U19 ist auch mit ins Trai­nings­lager der Profis gereist.

Dann gibt es noch zwei eng­li­sche Modelle: die Reser­ve­liga und die Leih­ge­schäfte bzw. das Parken junger Talente in Farm­teams. Kann das in Deutsch­land Schule machen?

Wir vom VfB halten davon gar nichts. Unsere Zweite spielt in der dritten Liga, dort müssen sich die jungen Spieler gegen aus­ge­buffte, rou­ti­nierte Profis behaupten. Die Spieler treten schon in der gesamten Jugend gegen Gleich­alt­rige an. In den zweiten Mann­schaften kann man da noch sehr viel lernen. Wenn aber wie bei anderen Ver­einen der Sprung zwi­schen den Ligen zwi­schen erster und zweiter Mann­schaft zu groß ist, müsste man sich mit dieser Idee aus­ein­an­der­setzen. Das Aus­leihen von Spie­lern ist ein ganz schlechtes Modell. Man hat die Spieler nicht mehr im eigenen Haus; da ist die Ver­zah­nung doch über­haupt nicht mehr mög­lich. Die Ver­eine sind doch gar nicht mehr fle­xibel, Spieler hoch­zu­ziehen, weil sie sich an Ver­trags­lauf­zeiten halten müssen. So wie es jetzt ist, halten wir es für die ideale Talent­för­de­rung in Deutsch­land.

Da gibt es natür­lich den Ein­wand, dass Spieler, die aus­ge­liehen werden, bei anderen Ver­einen wenigs­tens zu Spiel­praxis kommen.

Aber das ist doch bei uns auch mög­lich. Spieler, die in der Ersten nicht zum Zug kommen, können zu der Zweiten oder wieder zur U19 gehen. Das sind alle Optionen inner­halb eines Ver­eins.

Es gab eine Zeit, da sind viele junge Spieler auf die Insel gewech­selt. Nun sind viele zurück­ge­kommen. Wird dann jetzt auch ein Umdenken statt­finden oder werden die jungen Talente weiter nach Eng­land gehen?

Diese nega­tiven Bei­spiele bringen die Eltern und Kinder zum Nach­denken. Aber die Eng­länder haben durch die ver­trag­li­chen und finan­zi­ellen Mög­lich­keiten einen exor­bi­tanten Vor­teil. Als 16-Jäh­riger schon so viel Geld im Jahr zu ver­dienen, da kann jeder schwach werden.