Seite 2: „Ich hatte wirklich Angst vor der Heidenheimisierung der Bundesliga“

Seine Liebe zum Fuß­ball hat offenbar auch Max Eberl wie­der­ge­funden. Es heißt, er will ab Dezember für RB Leipzig arbeiten. Doch Borussia Mön­chen­glad­bach, von dem sich Eberl im Winter unter Tränen ver­ab­schiedet hat, will den lau­fenden Arbeits­ver­trag nicht auf­lösen. Was sagt man dazu?
Er hat ja gesagt, er wolle mit Fuß­ball nichts mehr zu tun haben. Dann bliebe er sich mit einem Enga­ge­ment bei Red Bull immerhin treu. Spaß bei­seite: die Reak­tionen einiger Leute, die nun behaupten, Max Eberl hätte sich die men­talen Pro­bleme nur aus­ge­dacht, sind fürch­ter­lich ekel­haft. Men­tale Krank­heiten, Ver­stim­mungen und Stö­rungen laufen nicht immer gleich ab, natür­lich kann er auch in dieser kurzen Zeit schon eine Form von Hei­lung erfahren haben. Viel­leicht gehört ein neues Enga­ge­ment sogar zum Hei­lungs­pro­zess dazu. Wer weiß das schon? Als Mensch freue ich mich doch erst mal, dass es da einer geschafft hat, wieder sein Leben zu leben.

Und als Fan?
Als Fan sehe ich das etwas dif­fe­ren­zierter, aber trotzdem emo­tional. Ich bin ehr­lich: Ich bin ent­täuscht und hätte nie gedacht, dass er aus­ge­rechnet da hin­gehen möchte. Selbst­re­dend möchte er als Fuß­ball­funk­tionär – das ist nun mal sein Beruf – bestimmt auch mal andere, finan­zi­elle Gege­ben­heiten vor­finden und damit grö­ßere Chancen auf einen Titel haben. Aber meiner sehr fuß­ball­ro­man­ti­schen Mei­nung nach zählen Titel mit diesem Kon­strukt doch eher wenig. Wie hoch waren denn Aner­ken­nung und Pres­tige nach dem Leip­ziger Pokal­sieg? Da hat doch nie­mand gesagt: Wow, wie habt ihr das denn geschafft? Respekt!“ Natür­lich machen die auch einen super Job, keine Frage. Die wissen, was sie mit dem Geld tun. Das ist ja immer noch RB und nicht RBB. Aber Erfolge von Leipzig sind doch auch irgendwie total egal und erwartbar zugleich. Seit dem Auf­stieg 2017 sind sie immer unter den Top 10 gewesen. Wel­cher Auf­steiger schafft das denn bitte unter nor­malen Vor­aus­set­zungen? Dass sie gegen die Glasgow Ran­gers in der Europa League raus­ge­flogen sind, war doch die viel grö­ßere Über­ra­schung als es ein spä­terer Titel­ge­winn je gewesen wäre.

„Das ist Urlaub vom modernen Fußball“ Die Tommi-Schmitt-Kolumne (7)

Was bleibt von der Saison 2020/21? Und freut sich Tommi Schmitt auf die EM? Hier erklärt er, was ihm im Fuß­ball noch wirk­lich wichtig ist.

Ver­mut­lich stimmt das.
Ach, ich befinde mich halt in der Situa­tion, in der ein Mann, den ich wie kaum jemand anderen in diesem Geschäft ver­ehre, zu einem Kon­strukt gehen möchte, das ich nie­mals akzep­tieren werde. Wie soll es mir da schon gehen? Es ist seine Ent­schei­dung. Aber noch ist ja nichts fix.

Aber selbst wenn Eberl zu Leipzig ginge: Die Bayern sind doch eh unbe­siegbar, oder? Wie kann die elfte Meis­ter­schaft in Folge ver­hin­dert werden?
An dieser Dis­kus­sion kann ich mich gar nicht betei­ligen, weil es mir ziem­lich egal ist. Wenn es nach mir geht, können die die nächsten 20 Jahre auf dem Rat­haus­balkon feiern“. Die Schale hat mich nie so richtig inter­es­siert. Ein Traum von der Meis­ter­schaft war nie der Grund, warum ich Fuß­ballfan geworden bin. Als ich Glad­ba­cher wurde, stand die Mög­lich­keit, dass wir mal Meister werden könnten, über­haupt nicht auf der Karte.

Was inter­es­siert Sie denn?
Na, die klei­neren Geschichten und Momente! Bre­mens Sieg in Dort­mund. Union Berlin mau­sert sich zum Spit­zen­team. Frei­burg spielt in der Europa League. Jamal Musiala. Mario Götze ist zurück. Der Wun­der­knabe Ole Werner. José Mour­inho, der im Halb­fi­nale der Con­fe­rence League vor Freude weint. Grät­schen von Ita­kura. Wie macht sich Steffen Baum­gart inter­na­tional? Mat­thias Ginter ist wieder zuhause. Wann ist das Come­back von Flo­rian Wirtz? Arnd Zeigler. Schalke ist wieder da. Aus­wärts­fahrten. Trifft Modeste in Dort­mund? Wel­cher Verein holt Marco Rose? Fan­ge­sänge, Derbys, Cho­reo­gra­phien, Skan­dale. Um 2 Uhr mor­gens betrunken mit einem Döner in der Hand die Sport­studio-Wie­der­ho­lung in 3sat gucken. Das sind Dinge, die mich inter­es­sieren. Und die geschehen nicht auf dem Meis­ter­balkon oder am 34. Spieltag, son­dern eher an einem reg­ne­ri­schen Tag im Februar.

Inso­fern ist es doch umso schöner, dass in Werder Bremen und Schalke 04 wieder zwei Tra­di­ti­ons­ver­eine zurück sind, oder?
Ja! Und es macht den Abstiegs­kampf viel inter­es­santer, und das ist gar nicht despek­tier­lich gemeint. Wenn Bochum auf Schalke trifft, bekommen wir viel­leicht ein Abstiegs­kampf-Duell, das ist doch fan­tas­tisch. Aber ich hoffe inständig, dass beide die Klasse halten. Denn bei allem Respekt: In den ver­gan­genen Jahren hatte ich wirk­lich Angst vor der Hei­den­hei­mi­sie­rung der Bun­des­liga. Wir brau­chen diesen Glanz der alten Tra­di­ti­ons­ver­eine. Das macht doch alles schöner.