Seite 3: „Ronaldo mit Nobby Dickel im Tretboot auf dem Phönixsee. Toll!“

Lassen Sie uns über Trans­fers reden! Schmerzt es Sie, dass Cris­tiano Ronaldo nun doch nicht für den BVB spielt?
(Lacht.) Ach, das wäre super gewesen. Cris­tiano Ronaldo im Café Extra­blatt auf der Klep­ping­straße. Oder mit Nobby Dickel im Tret­boot auf dem Phö­nixsee. Toll!

Aber wäre das für das Mann­schafts­ge­füge nicht schlecht gewesen?
Ach, ich weiß nicht. Wenn es irgendwo geklappt hätte, dann in Dort­mund. Der Verein ist sehr groß, aber hat trotzdem viele junge, ent­wick­lungs­fä­hige Spieler, die schon ver­standen hätten, dass es eben Ronaldo ist, der da eine Extra­wurst bekommt. Da sagt ja nicht der Marius Wolf: Der Cris­tiano soll nicht auf meinem Platz sitzen!“ oder Warum schießt der jetzt die Elf­meter?“. Die hätten doch alle mit ihm befreundet sein wollen. Schlimmer und gefähr­li­cher für ein Mann­schafts­ge­füge ist es, wenn ein junger Spieler kommt und auf den Thron gehoben wird. Als Paul Pogba 2016 für 105 Mil­lionen zu Man­chester gewech­selt ist, war es für José Mour­inho ver­mut­lich schwie­riger, die Mann­schaft im Gleich­ge­wicht zu halten. Ich glaube nicht, dass – wie im Falle Ronaldo – arri­vierte, ältere Spieler, die weiter ehr­geizig sind, Pro­bleme bekommen, wenn sie etwas anders behan­delt werden als der Rest des Teams.

Statt­dessen wird Cris­tiano Ronaldo nun in Man­chester bleiben. Schauen Sie auch immer wieder mit einem wei­nenden Auge nach Old Traf­ford und beob­achten den Nie­der­gang eines Ver­eins?
Ja, eine absurde Ent­wick­lung. Wenn mir vor vier Jahren jemand gesagt hätte, dass Cris­tiano Ronaldo mal in einem Verein mit Jadon Sancho im Sturm spielt, hätte ich Mit­leid mit den euro­päi­schen Abwehr­reihen bekommen. Aber Fuß­ball ist Kopf­sache und nicht planbar. Auch im umge­kehrten Fall: Jetzt haben sie schließ­lich in einem furiosen Spiel gegen den FC Liver­pool gewonnen und jeweils aus­wärts in Sout­hampton und Lei­cester – plötz­lich ist wieder Auf­bruchs­stim­mung da, plötz­lich ist Man­U­nited Fünfter. Was ich zum Thema Man­chester aber auch sagen will…

… ja?
Dieses Online-Mob­bing gegen Harry Maguire finde ich ent­setz­lich. Das ist immer noch ein Mensch, der da auf dem Platz steht. Immer dieses raus­ge­rülpste Gerede: Ach, der kriegt doch genug Schmer­zens­geld dafür!“ Als ob das in so einem Moment irgendwas zählt. Der hat bei jedem Trainer gespielt – ob für Eng­land, Hull, Lei­cester oder jetzt in Man­chester. Und das wird er nicht ohne Grund getan haben. Dieses Spieler-als-Pro­jek­ti­ons­fläche-nutzen für die eigene Unzu­frie­den­heit, das ist sehr unan­ge­nehm. Wir reden hier von jungen Men­schen. Egal, ob die Schotter auf dem Konto haben oder nicht.

WM-Trikot? Viel­leicht wollen sie sich the­ma­tisch in die Katar-WM ein­fügen.“

Ein anderes Thema: Die Tri­kots der deut­schen Natio­nal­mann­schaft für die WM in Katar sind ab sofort im Handel. Na, das dürfte Ihre mora­li­schen Bedenken doch über Bord geworfen und den inneren WM-Zug ange­worfen haben, oder?
Ich bin noch nicht über­zeugt. Viel­leicht muss ich mich noch dran gewöhnen. Fürs erste sehen die Dinger so aus wie diese Akti­ons­shirts, die ich im Netto beim Kauf von drei Kisten Bit­burger bekomme. Ich will nicht wie ein alter reak­tio­närer Sack mit Hun­de­foto im Face­book-Profil klingen, aber: Ich wün­sche mir mal wieder eine grö­ßere Deutsch­land­fahne auf dem Trikot. Die waren immer so schön! Die geschwun­gene Fahne bei der WM 1990. Der Poncho von 1994. Und die geraden Linien bei der WM in Frank­reich. Das fehlt mir irgendwie. Viel­leicht wollen sie sich aber auch ein­fach mit dem schwarzen Trau­er­flor auf dem Heim­trikot und dem blut­roten Aus­wärts­trikot the­ma­tisch in die Katar-WM ein­fügen.

Cards of Qatar

Gestor­bene Migranten als Sam­mel­karten

Weil Sie gerade so enga­giert spre­chen: Können Sie sich eigent­lich für Tri­kots begeis­tern?
Ich sammle die! Ich habe herr­liche Tri­kots und das große Glück, dass mir manchmal Spieler welche zuschi­cken, weil die wissen, wie sehr ich die liebe. Kürz­lich kam Post von Inter Mai­land: Robin Gosens hatte mir ein Trikot zukommen lassen. Oder ein Paket von der Stam­ford Bridge – Kai Havertz. Julian Weigl – Lis­sabon und so weiter und so fort. Da kriege ich Gän­se­haut. Ich habe viel zu viele Tri­kots – und diese Lei­den­schaft wird ver­mut­lich nie­mals enden.

Haben Sie ein Lieb­lings­trikot? Eins, das Sie nie­mals anziehen, weil es Ihnen so wert­voll ist?
Ich besitze ein match­worn-Trikot von Tony Jantschke, das wäre aber Blas­phemie, wenn ich es mir ein­fach über­ziehen würde. Er ist immerhin der Fuß­ball­gott. Neben Fabian Her­bers, klar.

Natür­lich.
… jetzt kommen die Erin­ne­rungen hoch. Ich habe auch ein Schweden-Trikot mit Freddie Ljung­berg. Und eines vom AC Parma mit Hide­toshi-Nakata-Flock. Ein Law­rence-Aidoo-Trikot, ein Sean-Dundee-Deutsch­land-Trikot. Joggen gehe ich immer im Chris­tofer-Hei­meroth-Tor­wart­trikot. Im Fit­ness­studio trage ich Mac­cabi Netanja mit Tim Heu­bach hinten drauf. Ich besitze so herr­li­chen Quatsch. Mitt­ler­weile gehe ich im Urlaub gerne in den jewei­ligen Fan­shop des Ortes und kaufe mir das Tri­kots jenes Spie­lers, der bisher die wenigsten Ein­sätze hatte. Ich denke, das ist in ein paar Jahren lus­tiger als ein Leib­chen der Top­spieler. Die stinken halt völlig ab gegen das getra­gene Mar­cell-Jansen-Glad­bach-Trikot mit der Nummer 41 aus dem Jahr 2004, das ich besitze. Damals war er noch Ergän­zungs­spieler, bevor ihn Dick Advo­caat in die erste Mann­schaft geholt hat.

Und jetzt ist Jansen HSV-Prä­si­dent.
Ist das nicht ver­rückt? Der Beginn dieser ganzen Kar­riere hängt in meinem Schrank. Shoo­ting­star in Glad­bach, Wechsel zu den Bayern, Deut­scher Meister, zweimal WM-Dritter, jetzt HSV-Prä­si­dent. Und mit dem Trikot hat es ange­fangen. Das sind doch die tollen Geschichten. Die Geschichten, wegen derer ich Fuß­ballfan geworden bin. Und das ist eben schöner als jede Meis­ter­schaft.