Sascha Düerkop, Sie können jede Woche Traum­tore von Zlatan Ibra­hi­movic oder Cris­tiano Ronaldo bestaunen. Was reizt Sie an Spielen zwi­schen Rapa Nui und Kur­di­stan oder Tamil Eelam und Nord­zy­pern?
Wir ver­gessen oft, dass überall auf der Welt orga­ni­siert Fuß­ball gespielt wird, dabei ist eine beacht­liche Anzahl an Nationen kein Fifa-Mit­glied. Ich habe mich oft gefragt, warum man diesen Mann­schaften keine Chance gibt. Sie sollten sich völlig los­ge­löst von poli­ti­schen Dis­kus­sionen prä­sen­tieren können.
 
Am ConIFA World Cham­pi­onship“, der im Juni 2014 in Östersund/​Schweden statt­findet, nehmen Teams aus nicht aner­kannten Nationen statt. Trotzdem geht es nur um Fuß­ball?
Ich traue mir kein Urteil über den Zypern-Kon­flikt oder die Pro­bleme in der West­sa­hara zu. Doch darum soll es bei unserem Tur­nier auch gar nicht gehen. Viel­mehr bekommen die Teams die Mög­lich­keit, ihr Land und ihre Kultur zu prä­sen­tieren – und natür­lich ihren Fuß­ball. Ich finde es jeden­falls sehr wichtig, dass man auch in Darfur oder Rapa Nui stolz auf eine eigene Fuß­ball­mann­schaft sein kann.
 
Wie gut kennen Sie denn die Mann­schaften aus Darfur oder Rapa Nui?
Ich kenne natür­lich nicht jeden Spieler, den­noch habe ich einen ganz guten Über­blick.
 
Wer ist Favorit?
Kur­di­stan, ganz klar. Die Mann­schaft setzt sich vor­nehm­lich aus ira­ki­schen Natio­nal­spie­lern zusammen.
 
Wer ist Ihr Spieler-Geheim­tipp?
Viel­leicht Panus­hanth Kulent­hiran. Tech­nisch einer der besten Spieler. Er läuft für Tamil Eelam auf und hat kurio­ser­weise mal beim AS Rom gespielt – aller­dings ist er dort nie zum Ein­satz gekommen.
 
Wie ist die Qua­lität der Teams?
Teams wie Okzi­ta­nien oder Kur­di­stan könnten in der deut­schen Regio­nal­liga oder sogar in der 3. Liga mit­halten. Manchmal sind die Spiele sogar richtig gut. Zum Bei­spiel habe ich mal ein Spiel zwi­schen Okzi­ta­nien und Tamil Eelam gesehen, das 5:0 endete. Famoser Angriffs­fuß­ball mit tollen Toren.
 
Das Finale des Viva World Cups“, eines anderen Nicht-Fifa-Tur­niers, endete 21:1 für Lapp­land gegen Monaco.
Klar, so was kommt auch vor. Es gibt Mann­schaften, etwa Darfur United, die vom Niveau eher in der deut­schen Bezirks­liga spielen würden. Doch das ist kein Wunder, denn die haben bis vor kurzem noch nie mit Schuhen geschweige denn auf einem Rasen­platz Fuß­ball gespielt (das Foto zeigt einen Fuß­ball­platz in El Fasher / Darfur, d. Red.).
 
Ein Team wie Tamil Eelam ist über die ganze Welt ver­streut. Es gibt Spieler in Deutsch­land, Kanada, Eng­land, Ita­lien, Schweiz und Frank­reich. Wie bereitet sich so ein Team auf das Tur­nier vor?
Ähn­lich wie eine pro­fes­sio­nelle Natio­nalelf. Die Spieler kommen zusammen und trai­nieren. Vor dem ConIFA World Cham­pi­onship“ werden sie eine zwei­wö­chige Tour durch Deutsch­land machen und vier Test­spiele bestreiten. Unter anderem gegen die neu gegrün­dete Natio­nalelf der Franken.
 
Die Spieler sind aller­dings in keiner Pro­fi­liga aktiv. Woher weiß der tami­li­sche Natio­nal­trainer über­haupt, wen er nomi­niert?
Es gibt einmal im Jahr eine Art Cas­ting in Kanada, das von einem Welt­ju­gend­ver­band orga­ni­siert wird. Der Natio­nal­trainer fliegt dann rüber und sichtet zahl­reiche poten­zi­elle Natio­nal­spieler. Es gibt also selbst bei einem Team wie Tamil Eelam eine relativ pro­fes­sio­nelle Struktur – wobei die finan­zi­ellen Mittel natür­lich gering sind.
 
Wie finan­zieren sich die Teams?
Bei den meisten steckt ein Geld­geber dahinter. In Kur­di­stan etwa die Regie­rung von Ira­kisch-Kur­di­stan. Bei den Tamilen ist es die Global Tamil Youth Orga­ni­sa­tion“. Leider hat nicht jedes Team Geld­geber. Die Mann­schaft von Rapa Nui von den Oster­in­seln muss ver­mut­lich das Tur­nier absagen, da sie den Flug nach Schweden nicht bezahlen kann.

Wie sind Sie eigent­lich Fan des Nicht-Fifa-Fuß­balls geworden?
Ich bin Tri­kot­sammler. Irgend­wann hatte ich über 140 Tri­kots von Fifa-Natio­nal­mann­schaften zusammen. Also machte ich mich auf die Suche nach einer neuen Her­aus­for­de­rung. Ich tele­fo­nierte die Ver­bände von San­sibar oder Okzi­ta­nien ab. Einmal trug ich bei einem Vor­trag ein Trikot von Tamil Eelam und ein Tamile im Publikum konnte es kaum fassen, dass sich jemand für sein Team inter­es­siert. Über die Jahre habe ich zahl­reiche Kon­takte gesam­melt – und war irgend­wann mit­ten­drin in dieser Szene.
 
Wie­viele Leute gehören denn zu dieser Szene?
Welt­weit nicht mehr 500.
 
Und die ver­teilen sich dann auf zahl­reiche Kleinst­ver­bände und Mini-World-Cups?
Es gab in der Ver­gan­gen­heit einige Tur­niere, die ein­malig aus­ge­tragen worden. Zum Bei­spiel den erwähnten Viva World Cup“, den ELF Cup“ oder den Fifi Wild Cup“. Letz­tere waren aller­dings ein­ma­lige Tur­niere. Wir wollen hin­gegen alle zwei Jahre den ConIFA World Cham­pi­onship“ mit 16 Teams aus­tragen. In den unge­raden Jahren gibt es außerdem eine inter­kon­ti­nen­tale Meis­ter­schaft.
 
Wie hat die Fifa auf Ihren Ver­band reagiert?
Wir haben sie direkt nach der Grün­dung im Juni dieses Jahres kon­tak­tiert. Sie schrieben zurück, dass sie unsere Arbeit gut­heißen. Aller­dings ist man vor Pro­blemen nicht gefeit. So dürfen wir unser Tur­nier etwa nicht WM“ oder Welt­meis­ter­schaft“ nennen, da dieser Begriff von der Fifa geschützt ist.
 
Es gab bereits Tur­niere, bei denen plötz­lich TV-Stars wie Oliver Pocher oder Elton als Team­chefs agierten..
Leider.
 
Wieso leider?
Es ist ein Draht­seilakt. Einer­seits wollen wir authen­tisch bleiben, ande­rer­seits sind wir natür­lich auf Öffent­lich­keit ange­wiesen. Inso­fern hilft es uns natür­lich immens, wenn jemand wie Oliver Pocher die Natio­nal­mann­schaft von San­sibar trai­niert. Die Sache wird dadurch auf eine pro­fes­sio­nelle Ebene gehoben, die Spon­soren melden sich und viele Medien berichten dar­über. Ande­rer­seits bekommt die ganze Sache dadurch auch einen Witz-Cha­rakter, der unserem Ansatz nicht gerecht wird. Die ConIFA ist jeden­falls kein Gag.
 
Und was ist mit einem Team wie der Repu­blik St. Pauli“, die vor zwei Jahren beim Fifi World Cup“ teil­ge­nommen hat?
Wir haben zwar keinen expli­ziten Para­gra­phen, der die Auf­nahme sol­cher Spaß­teams ver­bietet, den­noch wollen wir darauf achten, dass bei uns nur Mann­schaften mit einem seriösen Hin­ter­grund mit­ma­chen. Ein Exe­ku­tiv­ko­mitee über­prüft jeden­falls die Anträge – auch um Teams wie Kur­di­stan oder Nord­zy­pern ein authen­ti­sches und halb­wegs pro­fes­sio­nelles Umfeld zu bieten.
 
Haben Sie denn schon Anträge abge­lehnt?
Momentan sind wir froh über jedes Inter­esse. Spaß-Teams haben sich sowieso noch nicht gemeldet. Aller­dings haben wir einen Antrag von Pada­nien abge­lehnt, da diese eng mit der Lega Nord ver­ban­delt waren. Da sie jetzt die Ver­bin­dungen gekappt haben, wird ihr Antrag neu ver­han­delt.
 
Herr Düerkop, der ConIFA World Cham­pi­onship“ findet wenige Tage vor der Fifa-WM in Bra­si­lien statt. Was können wir erwarten?
Sehr viel schönen Fuß­ball in einer sonst fuß­ball­freien Zeit. Die Fans sehen ein kom­plettes Tur­nier in zehn Tagen. Alle Spiele finden in der schmu­cken Jämt­kraft-Arena in Öster­sund statt, die 6000 Zuschauern Platz bietet. Beson­ders freuen wir uns, dass das schwe­di­sche Fern­sehen das Tur­nier über­tragen wird. Wir arbeiten außerdem an einer Mög­lich­keit, die Spiele im Internet zu über­tragen. Zudem haben wir eine Halle ange­mietet, in dem sich die Länder prä­sen­tieren können. Das ist eine Art Expo und unter­streicht das inter­na­tio­nale Flair des Tur­niers.


Mehr Infor­ma­tionen zum Tur­nier und zur ConIFA auf www​.conifa​.org