Jon Darch, seit Jahren monieren Fuß­ball­fans die schlechte Stim­mung in eng­li­schen Sta­dien. Wie ist es denn wirk­lich? 
Jon Darch: Die Kri­tiker haben recht, die Stim­mung ist mit­unter erbärm­lich. Die Ein­tritts­preise sind exor­bi­tant hoch und es gibt keine Steh­plätze mehr. Fans der alten Schule gucken die Spiele also vor­nehm­lich in den Pubs. Roy Keane sagte einmal, die Leute auf den Rängen seien nur noch damit beschäf­tigt, ihre Scampis zu fut­tern und in ihren VIP-Logen gut aus­zu­sehen. Das klingt viel­leicht ein wenig über­trieben, aber kom­plett aus der Luft gegriffen ist es nicht.

Sie kämpfen seit län­gerer Zeit für die Wie­der­ein­füh­rung der Steh­plätze in eng­li­schen Sta­dien. Wird sich dadurch die Stim­mung bes­sern?
Jon Darch: Ich hoffe es. Wobei ich viel­leicht gleich am Anfang klar stellen sollte, dass ich kein Gegner von Sitz­plätzen bin. Doch ich glaube, dass jeder Fan im Sta­dion die Wahl haben sollte, wie er Fuß­ball gucken möchte. Das Stehen sollte dabei ein Option sein. Nicht nur, weil ich mir dadurch eine bes­sere Stim­mung erhoffe. 

Son­dern? 
Jon Darch: Ich gebe Ihnen mal ein Bei­spiel: Aus­wärts­fans stehen häufig das gesamte Spiel hin­durch, 90 Minuten vor ihren Sitzen.… 

…was sie nicht dürfen.
Jon Darch: Eine Grau­zone. Im ent­spre­chenden Gesetz heißt es, dass man das Spiel im Sitz­platz­be­reich ver­folgen muss. Was man dort tut, ob man sitzt oder steht, ist nicht beschrieben. Wenn also ein älterer Anhänger seinen Klub, sagen wir Man­chester United, zum FC Arsenal begleiten will, bekommt er nur Karten für den Gäs­te­be­reich. Dort wird er zwangs­weise stehen, weil er sonst nichts sieht. Was pas­siert also? Fans, denen das Stehen schwer­fällt, kaufen sich heut­zu­tage keine Tickets für Aus­wärts­spiele.

Sie sind seit Mai 2011 mit der Safe Stan­ding Road­show“ in Eng­land unter­wegs. Erklären Sie uns: Was ist das?
Jon Darch: Darf ich ein wenig aus­holen? 

Bitte. 
Jon Darch: Lange Zeit waren eng­li­sche Fuß­ball­an­hänger ziem­lich igno­rant, was andere Fan­kul­turen anging. Man hat nur auf sich geschaut. Zur WM 2006 hat sich das geän­dert, mit einem Mal rückte Deutsch­land in den Fokus. In den deut­schen Sta­dien sahen die Eng­länder eine wirk­lich leb­hafte Fan­kultur. Bunte Kurven, laute Sup­porter, Cho­re­gra­phien, Gesänge. Und man sah Steh­platz­be­reiche, die über­haupt nichts mit dem gemein hatten, was man bis dahin in Eng­land dar­unter ver­stand. 

In Eng­land waren Steh­plätze seit 1989 eng mit der Hills­bo­rough-Sta­di­on­ka­ta­strophe ver­knüpft. 
Jon Darch: Lord Taylor, der 1989 von der Regie­rung und FA mit der Auf­ar­bei­tung von Hills­bo­rough beauf­tragt wurde, sprach damals zahl­reiche Emp­feh­lungen aus. Im Fokus stand dabei die Umstel­lung auf reine Sitz­platz­sta­dien. Steh­plätze waren fortanstig­ma­ti­siert, sie waren das Böse schlechthin. Da spielte es keine Rolle, dass es im Hills­bo­rough-Sta­dion nicht wegen Steh­plätzen son­dern auf­grund der Über­fül­lung und des schlechten Sta­di­on­ma­nage­ments zur Kata­strophe kam. Die Emp­feh­lungen wurden damals also falsch inter­pre­tiert. Lord Taylor selbst hatte gesagt, dass Steh­plätze müssen nicht per se gefähr­lich sein müssen.

Sie stützen Ihre These auf den Erfah­rungen in Deutsch­land? 
Jon Darch: Richtig. In deut­schen Sta­dien gibt es seit einigen Jahren aus­klapp­bare Vario-Seats, etwa in Hof­fen­heim oder Stutt­gart. Diese Plätze sind durch­num­me­riert und lassen sich je nach Wett­be­werb als Sitz- oder Steh­plätze benutzen. Im Gegen­satz zu klas­si­schen Steh­ter­assen gibt es hier alle zwei Reihen eine Stange, eine Art Wel­len­bre­cher. Ich habe im Mai 2011 von der Firma, die diese Vario-Seats für die neue Arena in Stutt­gart pro­du­ziert hat, ein Aus­stel­lungs­stück bekommen. 

Ein Aus­stel­lungs­stück? 
Jon Darch: Man gab mir fünf Stufen mit­samt vier Vario-Seats und einem kleinen Auf­gang. In Ein­zel­teile zer­legt passt das wun­derbar in einen kleinen Trans­porter. Mit diesem fahre ich von Klub zu Klub. Vor Ort baue ich dieses Stück dann zusammen, so dass die Ver­ant­wort­li­chen und Fan­klubs es testen können. So bekommen sie ein Gefühl für diese sichere Art des Ste­hens. Im Grunde ist es eine mobile Aus­stel­lung zum Mit­ma­chen. Eine Road­show.

Die Klubs laden Sie ein?
Jon Darch: Die Initia­tive geht oft von den Fans der jewei­ligen Ver­eine aus. Im Gegen­satz zu früher ist es heute nicht mehr so, dass sie mit ihrem Anliegen bei den Ver­ant­wort­li­chen auf taube Ohren stoßen. Die Ver­eine wissen ja selbst, dass die Stim­mung im Sta­dion schlecht ist. Haben Sie mal ein Arsenal-Spiel im Emi­rates Sta­dium geschaut? Dort kommt man sich ja vor wie in der Oper. 

Beim FC Arsenal soll es ein Komitee geben, dass sich mit dem Pro­blem beschäf­tigt.
Jon Darch: Nicht unge­wöhn­lich. Viele Klubs dis­ku­tieren aus­giebig über mög­liche Maß­nahmen gegen die schlechte Stim­mung. Aller­dings pas­siert das zumeist hinter ver­schlos­senen Türen, schließ­lich gilt immer noch die alte Formel: Steh­plätze gleichevil

Immerhin prüft Aston-Villa-Geschäfts­führer Paul Faulkner momentan, wie sich Steh­plätze im Villa Park wie­der­ein­führen lassen. 
Jon Darch: Das ist groß­artig für uns, denn dadurch bekommt die Initia­tive eine Öffent­lich­keit. Erst wenn die Ver­ant­wort­li­chen in anderen Klubs, die Regie­rung und die FA für diese Idee sen­si­bi­li­siert sind, kann über eine Geset­zes­än­de­rung dis­ku­tiert werden. 

Wie sind die Reak­tionen der anderen Klubs? 
Jon Darch: Das muss ich leider ver­trau­lich behan­deln. Ich kann Ihnen nur sagen, dass sich 15 Klubs aus der Pre­mier League und der Cham­pi­onship positiv zu den Ideen des Safe Stan­ding geäu­ßert haben. Und bei Celtic Glasgow haben sie im Herbst 2011 über die Optionen beraten. Es wird noch in diesem Jahr Vario-Seats geben. 

Ohne eine Geset­zes­än­de­rung? 
Jon Darch: Nein, in Schott­land gab es das Sitz­platz­ge­setz nie. Es wurde aber nach Hills­bo­rough auf der ganzen Insel prak­ti­ziert. 

Mal Hand aufs Herz: Wie hoch sind denn über­haupt die Erfolgs­aus­sichten? Die Klubs müssen doch befürchten, dass ihnen bei einer Wie­der­ein­füh­rung der Steh­plätze Unmengen an Ein­tritts­gel­dern durch die Lappen gehen. 
Jon Darch: Im Gegen­teil. Es ist eine Win-win-Situa­tion. Zum einen wird ja nur ein kleiner Teil in Steh­plätze umge­wan­delt. Wir denken da an 10 bis 15 Pro­zent des Sta­dions. Außerdem stehen auf dem Raum, den ein aus­ge­klappter Sitz ein­nimmt, immer zwei Per­sonen. Nehmen wir mal an, ein gewöhn­li­ches Sitz­platz­ti­cket kos­tete bisher 70 Euro, so kann der Klub sogar seine Ein­nahmen mit Steh­plätzen erhöhen, wenn er eine Karte für 40 Euro anbietet. Ich weiß, das klingt für deut­sche Ver­hält­nisse astro­no­misch, aber diese Preis­ent­wick­lung ist leider schwer auf­zu­halten. Wissen Sie eigent­lich, wie hoch die Preis­emp­feh­lung von Lord Taylor heute wäre? Die Infla­tion ein­ge­rechnet.

Nein. 
Jon Darch: Sieben Pfund. Der FC Arsenal hat ein­fach eine Null dran­ge­hängt. 

Glauben Sie denn, dass die Wie­der­ein­füh­rung der Steh­plätze einen Wandel der Fan­kultur mit sich bringen wird? 
Jon Darch: Die gute alte Zeit, als ein Sta­di­on­be­such für Men­schen aus allen sozialen Schichten mög­lich war, ist sicher­lich vorbei. Daran wird, so traurig es ist, auch die Wie­der­ein­füh­rung der Steh­plätze wenig ändern. Den­noch hoffe ich, dass einige Fans von früher den Weg zurück ins Sta­dien finden, wenn sie wissen, dass sie dort wie früher sup­porten können.

Sie sind Fan von Bristol City. Welche Erin­ne­rungen haben Sie denn an frühe Besuche im Ashton Gate?
Jon Darch: Mein Vater nahm mich 1968 erst­mals mit, wir saßen. Wenige Jahre später durfte ich erst­mals mit Freunden zum Spiel, es war sofort klar, dass wir auf die Steh­platz­tri­büne gehen. Es war eine Art Abna­be­lung von den Alten, zu den Eltern, den Auto­ri­täten. Die Gesänge, der Geruch, die Men­schen, alles war mit einem Mal anders. Der Steh­platz­be­reich war unser Raum, er war unser großes Aben­teuer.