Wer sich als Urlauber auf Mal­lorca durch­setzen will, braucht nicht nur eine gut funk­tio­nie­rende Leber, son­dern vor allem einen gut funk­tio­nie­renden Wecker. Dieser sollte bes­ten­falls zwi­schen 6 und 7 Uhr am Morgen klin­geln und daran erin­nern, noch das Hand­tuch auf einer Strand­liege zu dra­pieren, um diese für den Rest des Tages vor eben jenen zu reser­vieren, die nicht wissen, wie man sich als Urlauber auf Mal­lorca durch­setzt.

Wer sich als arbeits­loser Trainer ins Gespräch bringen will, hat ver­schie­dene Mög­lich­keiten. Er kann sich zufällig im Sta­dion sichten lassen, was zwangs­läufig in eine leicht hys­te­ri­schen Läuft da was mit Trainer X?“-Nachlese mündet. Oder er tritt gleich am Sonn­tag­morgen in der Sport1-Sen­dung Dop­pel­pass“ auf, was wie­derum einer Quasi-Bewer­bung gleich­kommt, selbst wenn der Trainer den poten­zi­ellen neuen Arbeit­geber nur am Rande erwähnt. Zum Reser­vieren bedarf es übri­gens auch hier einer Art Hand­tuch, genauer: einem recht­zei­tigen Anruf der Sekre­tärin des Bera­ters bei einem Prak­ti­kanten eines Mit­ar­bei­ters von Jörg Won­torra. Oder anders­herum.

Und auch hier kommt es auf das rich­tige Timing an. Es wäre natür­lich pie­tätlos schon nach zwei Nie­der­lagen eines Trai­ners auf der Matte zu stehen. Indes wäre es zu spät, erst nach acht Spielen ohne Sieg anzu­fragen. Dann kann man schnell in der Schub­lade Tritt­brett­fahrer landen, denn es werden mit Sicher­heit bereits andere Trainer gehan­delt, die sich lange schon in Sta­dien von Kameras ein­fangen lassen. Etwa Peter Neururer und Michael Front­zeck. Oder Bernd Schuster.

Dieser Bernd Schuster hat nun scheinbar alles richtig gemacht. Er ist im Gespräch beim HSV, der nach fünf Spielen mit nur einem Punkt auf dem 18. Tabel­len­platz steht. Die Ham­burger Medien schrieben unlängst: Warum darf Michael Oen­ning bleiben?“ Das fragten sich ges­tern auch die Dis­ku­tanten im Dop­pel­pass“. Sie ver­packten das nur ein biss­chen umständ­li­cher.

Schuster: Natür­lich muss man offen sein.“

Bernd Schuster zum Bei­spiel sagte recht wenig zu dem Thema, und wenn, blieb er all­ge­mein: Natür­lich muss man offen sein.“ Dann erzählte er, wie er sich als poten­zi­eller Lab­badia-Nach­folger vor über einem Jahr mit dem dama­ligen Vor­stands­chef Bernd Hoff­mann getroffen hatte. Die Ham­burger ver­pflich­teten aller­dings Armin Veh. Schuster freute das trotzdem, schließ­lich sei Veh ein alter Kumpel aus Augs­burger Tagen.

Wäh­rend der ehe­ma­lige Real-Trainer also ein biss­chen von jenem und diesem berich­tete, flim­merte im Hin­ter­grund mal das Gesicht von Michael Oen­ning, mal das HSV-Wappen über einen Bild­schirm. Mario Basler sagte noch etwas, Jörg Won­torra auch und schließ­lich wieder Bernd Schuster: Für einen Trainer ohne Job ist Deutsch­land immer ein Thema. Spa­nien aller­dings auch.“

Die Zei­tungen titeln: Bernd Schuster bietet sich an.“

Deutsch­land, Spa­nien – das klang gewollt unver­bind­lich, man spricht eben nicht nicht schlecht über Kol­legen. Und den­noch war dank der Insze­nie­rung am Ende alles klar, die Bot­schaft wurde ein wenig ver­klau­su­liert, es wurde ein biss­chen zu den rele­vanten Fragen genickt, das Gesicht war wieder prä­sent, das mediale Echo schon hörbar.

Heute ist es dann auch lesbar. Die Bild“-Zeitung schreibt: Bernd Schuster bewirbt sich beim HSV.“ Und die Ham­burger Mor­gen­post“ zieht nach: Bernd Schuster bietet sich an.“ Rich­tige Zeit, rich­tiger Ort, wieder im kol­lek­tiven Gedächtnis, an der Außen­alster, am Hafen, in Stel­lingen, in den U‑Bahnen, der Pom­mes­bude. Bernd Schuster, seit gefühlten 30 Jahren im Aus­land tätig, wurde über Nacht der ver­dammte talk of town. Er ist nun vor allem eines: ein Trainer auf Job­suche, der, sollte es mit Ham­burg nichts werden, auch sich im sich bald dre­henden Trai­ner­ka­rus­sell schon mal einen Platz reser­viert hat.

Nun ist dieser Mecha­nismus nichts Neues, und doch fas­zi­niert er immer wieder, wie ein­fach er in Gang gerät. Man ist glatt geneigt, sich auch mal irgendwo anzu­bieten. Als Mit­tel­stürmer beim HSV. Als Astro­naut bei der NASA. Oder als König eines Kari­bik­staates. Man muss nur der Erste sein, der das Hand­tuch dra­piert.