Jugend­liche machen manchmal dumme Sachen. Und weil das so ist, gibt es Musik von Scooter, Pla­teau­schuhe von Buf­falo, Bier­bongs und einen Tanz­stil namens Jums­pstyle. Jugend­liche sind so. Sie machen das, um ihre Eltern mit ihren extremen Aus­wüchsen der Frei­zeit­ge­stal­tung zu scho­cken. Das ist der Reiz der Pubertät. Die Rebel­lion im Kleinen.

Auch ich war ein dummer Jugend­li­cher. Obwohl in jenem süd­nie­der­säch­si­schen Land­strich, in dem ich auf­wachsen durfte, schon das Schwänzen des ört­li­chen Schüt­zen­festes eine Welle der Auf­ruhr aus­lösen konnte, wollte ich am ganz großen Rad drehen: Ich rasierte mir eine Glatze. Eine Schnaps­idee – leider ohne Schnaps. 

Wo sind nur all die hüb­schen Mäd­chen hin?

Es war ein Sonn­tag­morgen und als ich nach getaner Arbeit mit Scher­kamm und Nass­ra­sierer in den Spiegel sah, hielt ich mich für so rebel­lisch wie Ché Gue­vara, Andreas Baader und Bart Simpson zugleich. Wenn ich heute Fotos aus dieser Zeit sehe, merke ich, was ich da eigent­lich ange­stellt hatte. Mein Gesicht war bereits von den ersten Son­nen­strahlen gebräunt, doch die Kopf­haut blieb weiß wie der Po eines Albi­noäff­chens. Binnen Minuten hatte ich aus einem ver­ruchten Dorf­schön­ling einen wan­delnden Penis geschoren. Die kom­menden Tage waren ein Spieß­ru­ten­lauf. Die hüb­schen Mäd­chen, die mir sonst immer kess zuge­wunken hatten, die mich nervös im Eis­café anlä­chelten, die für mich die prot­zenden Ten­nis­jungs aus der Nach­bar­schaft igno­rierten, sahen nun beschämt weg. Meine Eltern spra­chen nur das Nötigste mit mir und meine Freunde, denen sogar das Abrülpsen des Alpha­bets nicht zu blöd war, lachten mich laut­hals aus. Es waren dunkle und ein­same Wochen. Eine Zeit, die ich in die hin­ter­letzte Ecke meiner Vita ver­drängen wollte. Das funk­tio­niert sehr gut, bis zum gest­rigen Abend.

Das wusche­lige Kraus­haar war ein sanftes Zei­chen der Hoff­nung

In einem Gefühl der Trost­lo­sig­keit ließ sich Glad­bachs Abwehr­b­ra­si­lianer Dante im Früh­jahr ein leicht­sin­niges Ver­spre­chen abringen. Seine Mann­schaft lag hoff­nungslos abge­schlagen auf dem letzten Tabel­len­platz und Dante posaunte: Wenn wir drin bleiben, dann schneide ich mir meine Haare ab.“ Allein dieses Zitat zeigt, wie hoff­nungslos Borussia Mön­chen­glad­bach noch vor wenigen Wochen war. Dante ohne seinen Afro? Das käme einem Frevel gleich, war das Haupt­haar des 28-Jäh­rigen doch das Schönste, was die Liga seit dem Abgang von Mike Wer­ners legen­därem Vokuhila gesehen hatte. Das wusche­lige Kraus­haar wurde zur Stil-Mess­latte des deut­schen Pro­fi­fuß­balls. Kein Gel, keine Föhn­welle, kein Haar­band, kein gott­ver­dammter Iro­ke­sen­schnitt, nein, einzig die schlichte Natur­krause des Schlakses aus Sal­vador da Bahia war der Beweis, dass man keine her­aus­ra­gender Fuß­baller sein muss, um zum Vor­bild für Jung und Alt zu werden. 

Dantes Schopf blitzte aus dem weich­ge­spülten, hell­g­rellen, dumm­di­dumm Ligaalltag wie ein sanftes Zei­chen der Hoff­nung auf bes­sere, weil weniger auf­ge­ta­ckelte Zeiten. Und in gewisser Weise diente seine Frisur als Schutz­schild der kri­sen­ge­schüt­telten Foh­lenelf, denn selbst nach der hef­tigsten Nie­der­lage mochte man dem grin­senden Side­show-Bob nicht böse sein. Bleib positiv, das wird schon werden“, jenes Dogma der Love, Peace and Hap­pines-Bewe­gung schien sein fluffiger Haar­helm immerzu zu flüs­tern. Manche sagten gar, Dante trage sein Haar nur des­wegen so hoch­ge­schossen, um daran erin­nert zu werden, dass noch etwas über ihm ist. Wie ein lockiger Hei­li­gen­schein umgab den bein­harten Ver­tei­diger seine Haar­pracht. Kurzum: Er war der hüb­scheste Kerl der Liga. Einer, dem die Mäd­chen kess hin­terher winkten, den sie auf ein Eis treffen wollten. Dante war der Dorf­schön­ling unter all den Golf I fah­renden Prolls.

Die Rebel­lion von der Cas­troper Straße

Nun hat Borussia Mön­chen­glad­bach den Klas­sen­er­halt tat­säch­lich geschafft und im trost­losen Rund des halb­leeren Ruhr­sta­dions ließ Dante seine Mit­spieler tat­säch­lich über sein Haar her­fallen. Anschlie­ßend tollte er eupho­risch über den Rasen, ver­spritze Kalt­schale, grinste bis über beide Ohren. Es schien, als ahne er nicht, was er da getan hatte. Als ich die Bilder sah, stieg ein Gemisch aus Wut und Tränen in mir auf. Dantes Haar­in­ferno ist ein Schock, die Rebel­lion von der Cas­troper Straße macht betroffen.

Was bleibt, ist die Som­mer­pause und damit die Hoff­nung, dass es dem Ver­tei­diger beim nächsten Blick in den Spiegel wie Locken von den Augen fällt: Er sieht aus wie ein Penis, den es im wohl­ver­dienten Urlaub wieder zu ver­de­cken gilt. Alles andere wäre nun wirk­lich pubertär.