Wenn sich Schieds­rich­terin Sara Persson in der letzten Woche strikt an die Regu­la­rien im Profi-Fuß­ball gehalten hätte, wäre Chelsea-Star Samantha Kerr gegen Juventus Turin ver­mut­lich wegen einer Tät­lich­keit vom Platz geflogen. Doch die Schwedin bewies gegen­über der Angrei­ferin glück­li­cher­weise Fin­ger­spit­zen­ge­fühl und zeigte ihr ledig­lich Gelb.

Denn Kerr hatte wäh­rend einer Spiel­un­ter­bre­chung nicht eine Gegen­spie­lerin mit einem rabiaten Tack­ling zu Boden beför­dert, son­dern einen ver­meint­li­chen Fan. Der wollte kurz vor Schluss ein paar Sel­fies mit den Spie­le­rinnen knipsen und schlen­derte ent­spannt über den Platz – auch, weil die Sicher­heits­kräfte an diesem Abend nur halb­her­zige Ver­suche unter­nahmen, den Stö­ren­fried ein­zu­fangen. Also sprang Samantha Kerr in die Bre­sche und sorgte mit einem satten Body­check letzt­lich dafür, dass die Partie schnell fort­ge­setzt werden konnte.

Im Regel­fall haben Flitzer bei sol­chen Stör­ak­tionen min­des­tens mit einem Ermitt­lungs­ver­fahren sei­tens der Polizei und einer saf­tigen Geld­strafe zu rechnen. Doch jetzt kam heraus, dass der Mann vom Chelsea-Spiel wohl keine recht­li­chen Kon­se­quenzen zu befürchten hat. Und das hat mit einer bemer­kens­werten Geset­zes­lücke zu tun.

Ver­passte Anpas­sung führt zu zwei­erlei Maß

Seit 1991 gibt es in Eng­land den Foot­ball Offences Act, dessen Ziel es ist, Hoo­li­ga­nismus im Fuß­ball ein­zu­dämmen. Dort ist unter anderem fest­ge­halten, dass Per­sonen sich strafbar machen, wenn sie bei bestimmten Fuß­ball­spielen das Feld ohne gesetz­liche Befugnis oder recht­mä­ßige Ent­schul­di­gung betreten. Die For­mu­lie­rung bestimmte Fuß­ball­spiele“ (im Eng­li­schen desi­gnated Matches“) sorgt nach Kerrs Body­check nun für reich­lich Auf­re­gung. Denn offen­sicht­lich wurde das Gesetz im fuß­bal­le­risch eigent­lich eman­zi­pierten Eng­land noch nicht ange­passt. In die Kate­gorie desi­gnated matches“ fallen näm­lich sämt­liche Profi-Par­tien aus dem eng­li­schen Män­ner­fuß­ball. Spiele aus der Women’s Super League und dem FA Women’s Cup zählen aber nicht dazu.

Erklären lässt sich dieser gesetz­liche Fauxpas maximal mit dem gesell­schaft­lich nied­rigen Stel­len­wert, den der Frau­en­fuß­ball in Groß­bri­tan­nien noch Ende des letzten Jahr­hun­derts besaß. Als der Foot­ball Offences Act ver­öf­fent­licht wurde, steckte der pro­fes­sio­na­li­sierte Frau­en­fuß­ball noch in den Kin­der­schuhen. Denn obwohl der Women’s FA Cup bereits 1971 das erste Mal aus­ge­tragen wurde, ging die FA Women’s Pre­mier League, der Vor­gänger der 2011 gegrün­deten FA Women’s Super League, erst 1992 an den Start. Liga­spiele im Frau­en­fuß­ball konnten im Gesetz damals also noch nicht berück­sich­tigt werden, der FA Cup der Frauen wurde wie­derum als nicht rele­vant genug ein­ge­stuft. Die mehr als 40.000 Gäste beim Finale des Wett­be­werbs Anfang Dezember zeigen, dass diese Ein­schät­zung längst über­holt ist.

Wir müssen an die Sicher­heit der Spie­le­rinnen denken“

Emma Hayes

Für den umge­checkten Flitzer wie­derum wird die ver­al­tete Gesetz­ge­bung aus dem Foot­ball Offences Act zum Schlupf­loch. Zwar herrscht all­ge­mein noch etwas Ver­wir­rung, weil es sich bei besagtem Match um eine Cham­pions-League-Partie und nicht um eine Liga- oder Pokal-Spiel han­delte, doch sind sich die Ver­ant­wort­li­chen bei der Polizei sicher: Der Flitzer hat sich rein recht­lich nicht strafbar gemacht.

Chel­seas Trai­nerin Emma Hayes zeigte sich dies­be­züg­lich besorgt. Wir müssen an die Sicher­heit der Spie­le­rinnen denken“, for­derte die 47-Jäh­rige. Der Frau­en­fuß­ball wächst weiter und die Spie­le­rinnen sind immer gefragter. Dieser Vor­fall sollte uns vor Augen führen, dass die Sta­dien und Ordner das Wohl­ergehen unserer Spie­le­rinnen immer an erster Stelle setzen müssen. Meh­rere Mit­glieder des bri­ti­schen Par­la­ments haben sich des­halb bereits für eine Geset­zes­än­de­rung aus­ge­spro­chen, um die Spie­le­rinnen künftig vor Flit­zern zu schützen. Denn wäh­rend der Flitzer beim letzten Auf­tritt von Chelsea harmlos agierte, laden die man­gelnden Sicher­heits­vor­keh­rungen und die undurch­sich­tige Rechts­lage mög­li­cher­weise gefähr­li­chere Stö­ren­friede zum Nach­ahmen ein. Das soll künftig ver­mieden werden – und ist sicher­lich auch im Sinne von Samantha Kerr.