Jens Nowotny, Sie sind auf dem Weg nach Man­chester. Erfolgt Ihr Come­back direkt auf höchster inter­na­tio­naler Etage?
Nein, ich habe ein­fach eine Ein­la­dung vom Verein bekommen, um das Spiel vor Ort ver­folgen zu dürfen.

Ehr­lich gesagt, ver­wun­dert uns Ihre Nähe zum Ex-Verein. Im Jahr 2005 befanden Sie sich mit Bayer Lever­kusen auf­grund einer gefor­derten Lohn­fort­zah­lung sogar im Rechts­streit. Was ist seitdem pas­siert?
Durch meine Tätig­keit als Spie­ler­be­rater kommt man auto­ma­tisch wieder mit den Ver­ant­wort­li­chen des Ver­eins in Kon­takt. Sicher­lich gibt es – auch von meiner Seite – den Wunsch noch einmal über gewisse Dinge zu reden. Aber ich wohne hier im Umkreis von Lever­kusen, stehe mit dem Klub in Kon­takt und freue mich auf das Spiel in Man­chester.

In einem Inter­view sagten Sie, dass dem Verein eine Person wie Reiner Cal­mund fehle. Er hätte damals den Men­schen erst den Kopf abge­rissen und anschlie­ßend sach­lich über die Pro­bleme gespro­chen. Hat Bayer 04 eine Füh­rungs­person?
Das ist ein bestän­diges Pro­blem des Ver­eins. Echte Typen, abge­sehen von Calli, fehlen dem Verein seit jeher. Auch meine Genera­tion galt als zu brav, lieb und har­mo­nie­süchtig. Das Gesicht der Mann­schaft hat sich nicht ver­än­dert und Laut­spre­cher sucht man ver­ge­bens. Die sport­liche Qua­lität muss dar­unter ja nicht leiden. Trotzdem ver­misse ich emo­tio­nale Prä­senz eines Reiner Cal­mund, der dem Team auch mal das berüch­tigte Feuer unter den HIn­tern hielt.

Dieses Feuer scheint mit Blick auf die Vor-Saison aber auch gar nicht not­wendig gewesen sein, oder?
Aber trotzdem hat Lever­kusen ein Image-Pro­blem! In der ver­gan­genen Cham­pions-League-Saison hatten wir einen lokalen Medi­en­an­teil, der ein Drittel des 1. FC Köln dar­stellte. Die Sog­wir­kung dieses Zweit­li­gisten ist hier in der Rhein-Region unwahr­schein­lich groß und wird auf abseh­bare Zeit auch gar nicht zu ändern sein. Aber in unserem kleinen Drittel ver­misse ich eben die Emo­tionen und das Profil. Die Medien berichten durchweg nüch­tern über Bayer Lever­kusen, weil die Typen fehlen.

Wie bewerten Sie hinter diesem Hin­ter­grund die Natio­nal­mann­schafts-Absage von Stefan Kieß­ling?
Das geht dir doch auf den Keks! Man trai­niert und spielt gut, trotzdem scheint es nicht zu rei­chen. In Ste­fans Fall ist es sogar noch krasser. Er ist Tor­schüt­zen­könig geworden und trifft auch zum Sai­son­start wieder. Er spielt über­ra­gend.

Scheut Kieß­ling viel­leicht nur den Kon­kur­renz­kampf?
Jeder will in der Natio­nal­mann­schaft spielen. Und jeder Stürmer will mit dem Adler auf der Brust Tore schießen, auch Stefan. Aber für ihn ist das eine ner­vige Situa­tion, weil sich die Medien alleine auf das Ver­hältnis zwi­schen ihm und Joa­chim Löw kon­zen­trieren. Sie fragen nach nichts anderem und suchen nach nega­tiven Schlag­zeilen. Ich kann Ste­fans Reak­tion nach­voll­ziehen.

Das Bild des Ewigen Zweiten“ scheint sich jeden­falls in die Köpfe der Fans ein­ge­brannt zu haben.
Absolut. Wir sind 2002 dreimal zweiter Sieger geworden. Doch wie viele Bun­des­li­ga­mann­schaften haben ähn­liche Erfolge in den ver­gan­genen Jahren ver­bu­chen können? Nur ganz wenige. Diese fünf Vize­meis­ter­schaften seit 1997 sollten uns stolz machen.

2002 rissen Sie sich im Halb­final-Rück­spiel gegen Man­chester United das Kreuz­band. Welche Erin­ne­rungen haben Sie an die ent­schei­denden Spiele im Vize-Jahr?
Vor allem das Gefühl von Ohn­macht auf der Tri­büne. Wir hatten her­vor­ra­gende Leis­tungen gebracht, Man­chester United gran­dios zwei Unent­schieden abge­rungen und standen zurecht vor der Chance das Triple zu holen. Ich könnte diese Gefühle jetzt pathe­tisch aus­schmü­cken, aber ich habe schon damals ver­sucht mög­lichst emo­ti­onslos die Spiele zu ver­folgen.
Trainer Klaus Topp­möller bot in diesen wich­tigen Wochen mehr­mals ange­schla­gene Spieler auf. War das im Rück­blick der ent­schei­dende Fehler?
Aus gesund­heit­li­cher Sicht war das selbst­ver­ständ­lich falsch. Aber mir war immer bewusst, dass das zu unserem Job gehört. Wenn der Trainer der Mei­nung ist, dass ich der Mann­schaft aktuell helfe, dann bin ich dazu ver­pflichtet. (Jens Nowotny ließ sich zu diesem Zeit­punkt regel­mäßig fit­spritzen d.Red.) Das war meine Ein­stel­lung.

Zoltan Sebe­scen spielte, trotz eines Menis­kus­risses, eben­falls im Halb­fi­nale gegen Man­chester. War das reines Pflicht­be­wusst­sein?
Zol­tans Fall war tra­gisch. Er war viel schlimmer dran als die Team­kol­legen und hat sich für den Verein auf­ge­op­fert. Zoltan ist auf­grund dieser Spiele Sport­in­va­lide geworden. Das ist nicht zu recht­fer­tigen.

Welche Gedanken hatten Sie, als Mario Götze in diesem Jahr nach zwölf Minuten im Cham­pions-League-Halb­fi­nale gegen Real Madrid den Platz ver­ließ?
Bei einem Kreuz­band­riss, wie bei mir, liegen die Fakten klar auf der Hand. Du kannst ja gar nicht wei­ter­laufen. Eine Ver­let­zung an der Mus­ku­latur ist hin­gegen viel schwie­riger ein­zu­schätzen. Dann ist man ver­un­si­chert und weiß nicht, ob man der Mann­schaft noch helfen kann. Das war sicher­lich eine ganz schwie­rige Ent­schei­dung für ihn, die er zum Wohl des Teams richtig getroffen hat.

Sie sind selbst als Spie­ler­be­rater tätig. Was hätten Sie Mario Götze in diesem Moment geraten?
Wenn der Trainer davon über­zeugt ist, dass ein ange­schla­gener Spieler spielen könnte und dieser nicht spielen will, kann das üble Kon­se­quenzen nach sich ziehen. Denn, so hart das klingen mag, fast jeder Fuß­baller ist ersetzbar. Ich kann nur raten, auf die Gesund­heit zu achten. Aber was bringt die Gesund­heit, wenn man anschlie­ßend nicht mehr vom Trainer berück­sich­tigt wird?

Ob der Spieler auf­laufen muss oder nicht, hängt also von seinem Stan­ding in der Mann­schaft ab?
Jeder muss sich fragen, was er zu opfern bereit ist.

Lassen Sie uns noch kurz über das heu­tige Spiel spre­chen. Könnte Lever­kusen erst­mals in der Ver­eins­ge­schichte gegen Man­chester United gewinnen?
Das ist Kaf­fee­satz­le­serei, aber die große Zeit von Man­chester scheint vorbei zu sein. Lever­kusen sollte mit breiter Brust auf die Insel reisen. Die Punkte muss man dort nicht mehr mit der Post hin­schi­cken.

Wie wichtig ist eigent­lich das erste Spiel in der Cham­pions League?
Natür­lich kann sich in diesem Zwei­wo­chen­ryhtmus kein eigen­stän­diger Lauf wie bei einer Welt­meis­ter­schaft ent­wi­ckeln. Doch spä­tes­tens nach dem dritten Spieltag schaut jede Mann­schaft auf die Tabelle, und dann können Punkte aus Old Traf­ford enorm beru­higen.

Was trauen Sie der Mann­schaft im inter­na­tio­nalen Geschäft zu?
Ähn­liche Erfolgs­ge­schichten wie der FC Bayern und Borussia Dort­mund zu schreiben, wird nicht ein­fach. Dafür ist der Kader in der Breite noch nicht stark genug. Zumin­dest ver­spürt in Lever­kusen nie­mand Erfolgs­druck, denn die Medien berichten ja sowieso lieber über den FC. (lacht)