Was die Men­schen wohl einmal von Philipp Lahm denken werden, wenn dessen Kar­riere längst vorbei ist? Wenn die letzten Pässe geschlagen sind, die letzten Grät­schen abge­leistet, das letzte nette Inter­view gegeben ist? Klar, man wird sich an Philipp Lahm erin­nern. Viel­leicht wird man sagen: Der Lahm, das war ein super Außen­ver­tei­diger, einer der besten Europas, sehr fair, immer nett, der hatte sich immer unter Kon­trolle. Und dann werden die Men­schen viel­leicht fest­stellen, dass Philipp Lahm, der groß­ar­tige Fuß­baller, eigent­lich ein ziem­lich lang­wei­liger Typ war. Dass, immerhin, kann man dem Ex-Fuß­baller Axel Kruse nicht vor­werfen: Dass es lang­weilig mit ihm war.

Axel Kruse, der als Stürmer bei Hansa Ros­tock, Hertha BSC, VfB Stutt­gart, FC Basel und Ein­tracht Frank­furt sein Geld ver­diente, ist schon immer anders gewesen. Dabei war das gar nicht vor­ge­sehen in seinem Leben. Axel Kruse war 19, als ihn die Staats­si­cher­heit, der Geheim­dienst der DDR, zum Anders­sein zwang. Ihn, das etwas groß­mäu­lige Talent von Hansa Ros­tock, 1986 mit einem gelben Wart­burg vom Trai­nings­ge­lände abholte und danach stun­den­lang ver­hörte. Ob er plane, die Deut­sche Demo­kra­ti­sche Repu­blik zu ver­lassen? Ob er etwa vor­habe, ins Aus­land zu fliehen? Dorthin, wo die bösen Men­schen wohnen. Nein!“, rief der junge Fuß­baller immer wieder, doch als ihn die grauen Männer von der Stasi end­lich wieder frei ließen, da hatte er plötz­lich genau den Plan im Kopf, den man ihm Stunden zuvor ohne Beweise hatte unter­ju­beln wollen: Bloß weg hier, aus einem Land, das seine Nach­wuchs­ta­lente nicht etwa för­derte und hofierte, son­dern – wenn den Mäch­tigen danach war – zer­mürbte und zer­malmte. Als mich die Stasi-Männer wieder ent­ließen“, sagt Axel Kruse heute, da war ich von einem Moment auf den anderen erwachsen.“ Da war aus dem ganz nor­malen jungen Sportler Axel Kruse, der etwas andere Fuß­ball­spieler geworden.

Berlin? Fand ich geil.“

Drei Jahre plante Kruse seine Flucht, dann ent­wischte er seinem Land wäh­rend einer Kopen­hagen-Reise mit Hansa Ros­tock. Drei Jahre, um aus einem ange­passten DDR-Jugend­li­chen einen selbst­stän­digen jungen Mann mit klaren Vor­stel­lungen vom Leben zu formen. In der Bun­des­liga wollte er spielen, also setzte er sich nur einen Tag nach seiner Flucht im Sommer 1989 in ein Flug­zeug und über­flog das Land, in dem fie­ber­haft nach ihm gefahndet wurde. Das Ziel: West-Berlin. Hatte er keine Angst? Nö“, sagt Kruse, Berlin fand ich geil, da wollte ich hin.“

Heute ist Axel Kruse noch immer in Berlin. Er leitet eine Pro­duk­ti­ons­firma, ist Fuß­ball-Experte und als Hertha vor wenigen Wochen in die Bun­des­liga auf­stieg, da hat er mit seinem Sohn, einem glü­henden Hertha-Fan, die Nacht zum Tag gemacht. Fuß­ball­spieler ist Kruse schon seit 13 Jahren nicht mehr. Er war ein guter Stürmer, manche sagen: ein sehr guter. Ein Wild­pferd, dessen Energie ganze Abwehr­reihen durch­stoßen konnte. Aber dass ihm noch heute die Men­schen in Nürn­berg, Stutt­gart oder Mün­chen aner­ken­nend auf die Schul­tern klopfen, hat nichts damit zu tun, dass er einst ganz pas­sabel gegen den Ball treten konnte. Der Fuß­baller Axel Kruse war nie wie der Fuß­baller Philipp Lahm. Wäh­rend Philipp Lahm immer die Kon­trolle behält, hatte sich Axel Kruse häufig nicht im Griff. Wenn er getreten wurde, dann hielt er nicht das andere Schien­bein hin. Dann trat er zurück. Und wenn ihm der Schieds­richter einen Elf­meter ver­wei­gerte, dann frass er seinen Ärger nicht in sich hinein, dann brüllte er dem Unpar­tei­ischen seinen glü­henden Schmerz über die ver­meint­liche Unge­rech­tig­keit ins Gesicht, dass der vor Schreck über den Rasen pur­zelte. So geschehen am 23. August 1993, Stutt­gart gegen Kai­sers­lau­tern, zweite Halb­zeit. Weil Schieds­richter Hans-Joa­chim Osmers nicht auf Hand­elf­meter für den VfB ent­scheiden wollte, tickte der Neu-Stutt­garter aus. Wie der Oster­hase“, sei Osmers über den Rasen gekul­lert, sagt Kruse. Heute kann er dar­über lachen. Damals zeigte ihm der Schieds­richter die Rote Karte, das DFB-Sport­ge­richt ver­hängte eine Sperre von zehn Spielen. Das war Rekord. Über Nacht wurde aus dem Repu­blik­flücht­ling Kruse das Arsch­loch der Nation.

Axel Kruse hat sehr viel leiden müssen für das Anders­sein. Er trat und brüllte, gab den Jour­na­listen freche Ant­worten und wenn er Zeit hatte, ging er zum Box­trai­ning mit Gra­ciano Roc­chi­giani, damals das andere Arsch­loch der Nation. Und weil er so war wie er war, traten ihn die Gegen­spieler noch härter, sperrten ihn die Sport­ge­richte noch länger und ver­brei­teten die Jour­na­listen noch düm­mere Geschichten über ihn. Schon vor dem Fall Osmers hatte der ZDF-Mann Thomas Wark wäh­rend einer Live-Über­tra­gung spe­ku­liert, der Kruse“ habe in Ros­tock meh­rere Pferd­chen laufen“. Der stür­mende Gro­bian, der Boxfan, der vor­laute Ossi als frei­schaf­fender Zuhälter? Eine Wahn­sinns­ge­schichte. Nur leider falsch. Und eine Ruf­schä­di­gung son­der­glei­chen. Kein Wunder, dass Axel Kruse irgend­wann keinen Bock mehr hatte. Die Rote Karte von Schiri Osmers war erst ein Wochen­ende alt, da bot der Stürmer seinem neuen Trainer den Rück­tritt an. Kruses Glück, dass der Chris­toph Daum hieß und selber den Stempel des durch­ge­knallten Außen­sei­ters ver­passt bekommen hatte. Dem See­len­ver­wandten riet Daum: Hör auf zu jam­mern, ist bald ver­gessen.“

Er war das Arsch­loch der Nation – heute lieben ihn die Men­schen

Doch ver­gessen haben die Men­schen solche Storys natür­lich nicht. Dafür sind sie viel zu gut. Heute, so viele Jahre nach seinem Kar­rie­re­ende, spürt Kruse die Aus­wir­kung des Man­tels der Geschichte, der doch so viel ver­klärt, aber auch die Augen öffnet. Dafür, dass ein Arsch­loch der Nation so viel inter­es­santer und span­nender ist, als der nächste Hoch­be­gabte mit dem Benehmen eines kleinen Lords. Axel Kruse, das sagen die Men­schen heute, hat immer alles gegeben. Auf und neben dem Platz. Eine ehr­liche Haut mit einer großen, aber sym­pa­thi­schen Schnauze. Einer, der das Herz noch auf dem rechten Fleck trug und trägt. Der aus der DDR floh, die Bun­des­liga zu erobern ver­suchte und dabei häu­figer auf die Fresse fiel, als aufs Sie­ger­po­dest zu steigen. Ein Fuß­baller, der eine Geschichte zu erzählen hat. Seine Geschichte.

In der neuen Aus­gabe von 11FREUNDE hat er das getan.