Es dauert ja immer ein biss­chen. Bis der Nebel des Sai­son­be­ginns sich sich ver­zogen hat und Struk­turen erkennbar werden. Sieg – Nie­der­lage – Sieg – Unent­schieden. Die Saison von Borussia Dort­mund begann, wie Spiel­zeiten von Vor­jahres-Über­ra­schungs­meis­tern beginnen: mit Schwung, der schnell gebremst wurde, und einer anschlie­ßenden Berg- und Tal­fahrt.

Das 1:2 gegen Hertha am fünften Spieltag schien dann noch eine wei­tere Ten­denz offen­zu­legen: dass die Mann­schaft abhängig geworden war von Mario Götze. Nachdem der am vierten Spieltag in Lever­kusen Rot gesehen hatte, wurde eine ide­en­lose und wenig pass­si­chere Borussia im eigenen Sta­dion aus­ge­kon­tert, an einem Spieltag, an dem der FC Bayern Mün­chen 7:0 gegen den SC Frei­burg gewann.
Und das von Hertha! Dort­mund ohne Götze nur Grütze“, titelte am Fol­getag die Bild am Sonntag“. Es war die Zeit, da BVB-Fans sich ernst­haft Sorgen machen durften. Um Borussia. Um Götze. Um die Zukunft.

Nach dem Hertha-Spiel verlor der BVB kein Spiel mehr

Das viel­leicht Ein­zig­ar­tige, Unglaub­lichste an der Titel­ver­tei­di­gung des BVB ist, wie absolut sie diese Moment­auf­nahme kon­ter­ka­riert. Nicht nur, dass die Borussia wenig später eine Serie von 26 Spielen ohne Nie­der­lage star­tete und zu Hause über­haupt nicht mehr verlor. Sie tat dies auch, obwohl Mario Götze vom 17. bis zum 32. Spieltag fehlte.

Dabei steht die Saison auch sinn­bild­lich dafür, dass es im Fuß­ball noch so sehr die Fähig­keiten sein können, die über Sieg oder Nie­der­lage, Meis­ter­schaft oder Abstieg ent­scheiden. Für Fans erzählt sich die Geschichte einer Saison über ein­zelne, als schick­sal­haft emp­fun­dene Momente. Über Augen­blicke, in denen eine Spiel­zeit ihren Cha­rakter erkennen lässt; die ver­meint­lich dar­über ent­scheiden, ob eine Mann­schaft nach dem fünften Spieltag von Platz acht ins Boden­lose fällt, oder von Platz elf nach vorn stürmt.

Für die Borussia ergibt die Folge dieser Momente in dieser Liga-Saison die Geschichte eines nahezu zau­be­ri­schen Gelin­gens: Vom späten Siegtor am siebten Spieltag gegen Mainz über den schwie­rigen 1:0‑Sieg im Rück­spiel gegen Hertha bis zu den Schluss­mi­nuten des Heim­spiels gegen Bayern Mün­chen am 30. Spieltag. Das Hätte“ war in dieser Saison ein glück­li­cher Begleiter des BVB, Aus­druck eines sanften Gru­selns ob dessen, was ver­meint­lich mög­lich gewesen wäre – bei weniger Schlacht­en­glück, einer ungüns­tigen Dynamik.

Heute wird Michael Preetz ver­achtet. Damals liebten sie ihn

Man kann diesen schaurig-schönen Grusel noch opti­mieren: etwa, indem man Hertha-Fans dabei zuhört, wie sie heute voller Ver­ach­tung über Michael Preetz reden. Damals war er wie Markus Babbel ihre Licht­ge­stalt der Sai­son­früh­phase. Eine span­nende Frage: Wäre dieser Rückweg in den Zweifel unter Umständen auch für die Sicht der Fans auf den BVB mög­lich gewesen? Man kann sie sich zumin­dest vor­stellen – die Stimmen in den Kneipen, die Kloppo einen Trainer ohne Kri­sen­kom­pe­tenz nennen; Sport­di­rektor Zorc das blinde Huhn, das nach Kagawa wieder nur fuß­lahme Voll­pfosten wie Gün­dogan und Perisic ein­kauft.

Man kann der­ar­tige Gedanken maximal unnötig finden. Man kann sie aber auch ein­fach zulassen. Viel­leicht hilft die Dank­bar­keit, die sie her­vor­bringen, wenn der nächste Sai­son­be­ginn ähn­lich durch­wachsen wird wie dieser. Viel­leicht sogar, wenn die nächste Saison durch­wachsen bleibt. Die Saison 2011/2012 war mehr noch als ihre Vor­gän­gerin das abso­lute Glück. Das Glück, für dessen Emp­finden es essen­ziell war, einmal zu Hause zu ver­lieren. Am fünften Spieltag. Als Meister. Gegen einen Auf­steiger. Und dann nie wieder.