Leute in meinem Bekann­ten­kreis treibt der­zeit vor allem eine Frage um: Wann geht die Bun­des­li­ga­saison 2019/20 end­lich weiter? Wie von der DFL erhofft bereits am 9. Mai oder doch erst ein, zwei Wochen später? Als sei das nur eine Frage des Wol­lens, ein Pro­blem, das sich ganz simpel mit einem Datum und einem beherzten Basta aus der Welt schaffen ließe. Dabei sollte doch allen, die sich ansatz­weise mit Corona beschäf­tigt haben, klar sein, dass man einem tod­brin­genden Virus keine Dead­line setzen kann.

Als Bürger frage ich mich, ob es ein gutes Signal wäre, an diesem Punkt in der Krise aus­ge­rechnet dem Mil­li­ar­den­busi­ness Pro­fi­fuß­ball eine Extra­wurst zu braten, wäh­rend viele Men­schen im Kultur‑, Han­dels- und Dienst­lei­tungs­sektor ihre Geschäft der­zeit nicht betreiben dürfen. Als Fuß­ball­jour­na­list hin­gegen würde ich von der Wie­der­auf­nahme des Spiel­be­triebs pro­fi­tieren, weil nach wochen­langem Kri­sen­modus wohl bei vielen ein drin­gendes Bedürfnis nach Unter­hal­tung und Gesprächs­themen abseits von Corona besteht.

Aus diesem Blick­winkel sollte es mich froh stimmen, dass die DFL ein 40-sei­tiges Kon­zept­pa­pier bei der Task­force Sportmedizin/​Sonderspielbetrieb“ in Auf­trag gegeben hat – ange­führt von Tim Meyer, dem Vor­sit­zenden der Medi­zi­ni­schen Kom­mis­sion des DFB – das detail­liert Hand­lungs­emp­feh­lungen gibt, die bei der Wie­der­auf­nahme des Spiel­be­triebs im Sta­dion“ zu befolgen wären.

Die Rede ist von 20 000 Corona-Tests für 82 Par­tien

In diesem Ent­wurf wird bei­spiels­weise gere­gelt, dass die Teams zeit­lich ent­kop­pelt im Sta­dion ein­treffen müssen. Wel­cher Abstand vor und nach Par­tien im Spie­ler­tunnel ein­ge­halten werden muss. Welche Sitz­ord­nung für Spieler im Mann­schafts­hotel besteht („zwei Meter von­ein­ander ent­fernt“). Dass es kein Shake­hands bei der Platz­wahl geben darf, dass alle Türen im Sta­di­on­be­reich offen stehen müssen und Pres­se­kon­fe­renzen nur vir­tuell statt­finden. Im Sta­dion dürfen sich rund um die Spiele nur maximal 300 Per­sonen auf­halten und jeder Akteur wird vor Spielen und im Trai­ning auf Fieber oder andere Krank­heits­sym­ptome hin unter­sucht. Zudem sollen alle Betei­ligten regel­mä­ßigen Tests unter­zogen werden. Die Rede ist von 20 000 Coro­na­tests, die um die ver­blei­benden 82 Sai­son­spiele an den Profis und den Trai­ner­stäben vor­ge­nommen werden sollen.

Ein detail­lierter Plan, mit dem die DFL in dieser Woche in die Ver­hand­lung mit der Politik und den Behörden geht, um schnellst­mög­lich den Ball wieder rollen zu lassen und die TV-Gelder abzu­si­chern. Das Argu­ment des Liga-Dach­ver­bands: Wenn nicht wieder gekickt wird, wird es die Bun­des­liga, wie wir sie kennen, nicht mehr geben. Denn gut ein Drittel der Pro­fi­ver­eine hat die zu erwar­tenden Tran­chen aus der Fern­seh­ver­mark­tung bereits an Inves­toren ver­pfändet. Bleiben die Gelder aus, wanken die Klubs schon im Sommer in die Insol­venz. Keine schöne Vor­stel­lung. Ande­rer­seits: Auch dem Wirt meiner Stamm­kneipe, dem schnu­cke­ligen Hotel an der Ecke, dem Sänger meiner Lieb­lings­band und vielen freien Autoren steht das Wasser bis zum Hals. Und nicht etwa, weil sie über beide Ohren Ver­bind­lich­keiten auf­ge­nommen und auf einen nie ver­sie­genden Geld­fluss spe­ku­liert haben, son­dern weil sie der­zeit keine Ein­künfte haben und sich fragen, wie sie mit­tel­fristig ihre lau­fenden Kosten decken sollen.

Die Bun­des­liga hat eine Vor­bild­funk­tion

DFL-Chef Chris­tian Sei­fert hat am Don­nerstag den Maß­nah­men­ka­talog mit den Worten vor­stellt: Ich sitze heute hier als Ver­treter eines Unter­neh­mens, das zurück­kehren möchte und früher oder später auch wieder zur Arbeit muss.“ Was er dabei nicht erwähnte: Dass es sich um ein Unter­nehmen han­delt, wel­ches durch sein aus­ge­klü­geltes Lizen­zie­rungs­pro­ze­dere zumin­dest in Teil­be­rei­chen (sprich: bei etli­chen Gesell­schaf­tern) auch höchst kri­sen­an­fällig ist. Da wird die Zahl der VIP-Logen gere­gelt, der Kom­fort für Schieds­richter und die Lux-Zahl des Flut­lichts, doch die Klubs auch zu ver­gat­tern, ange­sichts spru­delnder Mil­lionen Geld für schlechte Zeiten anzu­sparen, um in einer Krise ein paar Monate unbe­schadet über­brü­cken zu können, wurde offenbar ver­säumt. Außerdem über­sieht Sei­fert, dass er als Geschäfts­führer des Dach­ver­bands nicht nur für die Gewinn­ma­xi­mie­rung der Pro­fi­klubs ver­ant­wort­lich zeichnet, son­dern als Top-Funk­tionär im Auge haben sollte, dass der Fuß­ball als Volks­kultur seiner Vor­bild­funk­tion gerecht wird.

Kurz: Wenn die DFL mit ihrem Kon­zept­pa­pier nun Druck auf die Politik und die Behörden ausübt, den Bun­des­liga-Spiel­be­trieb wieder zuzu­lassen, ist es zwin­gend, dass dieser Durch­füh­rungs­plan auf allen Ebenen trag­fähig und was­ser­dicht ist. Denn die Liga wäre der Test­ballon für viele kul­tu­relle Ver­an­stal­tungen – und damit der Lak­mus­test, ob eine all­mäh­liche Rück­kehr zur Nor­ma­lität und zu einer Form von gesell­schaft­li­chen Leben mit­tel­fristig über­haupt vor­stellbar wäre. Anders gesagt: Sollte es bei den Geis­ter­spielen zu einer Pan­nen­serie kommen – wie bei­spiels­weise nach der Ein­füh­rung des VAR – nähme nicht nur das Unter­nehmen Bun­des­liga schweren Schaden, son­dern der Fuß­ball ins­ge­samt, vom Glaub­wür­dig­keits­ver­lust der poli­ti­schen und medi­zi­ni­schen Ent­scheider in dieser ohnehin fra­gilen Situa­tion, in der die Rufe nach Locke­rung stetig lauter werden, ganz zu schweigen. Was für ein fatales Signal wäre es, wenn das Expe­ri­ment zur Locke­rung aus­ge­rechnet im medial bis in die hin­tersten Ecken durch­leuch­teten Fuß­ball­ge­schäft schief liefe?