Das ewige Vermächtnis eines jüdischen Roma-Fans

Alberto aus Auschwitz

Am vergangenen Samstag starb Alberto Sed. Der 90-Jährige war glühender Anhänger der AS Rom. Und Jude. Sein Engagement gegen den Hass war legendär. 

Screenshot YouTube/AS Roma

Alberto Sed hatte es zeit seines Lebens nie fertiggebracht, ein Baby im Arm zu halten – nicht einmal bei seinen eigenen Kindern. Viel zu traumatisiert war der gebürtige Römer vom Anblick jener SS-Wachleute, die jüdische Säuglinge wie Bälle in die Luft geworfen hatten, um Tontaubenschießen zu üben. Das war während Albertos Zeit im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, dem der italienische Jude im Frühjahr 1945 auf wundersame Weise entkommen konnte.

Ursprünglich hatte Alberto ganz andere Pläne gehabt, als im fernen Auschwitz hinter Stacheldraht zu hocken und auf den Todesbefehl zu warten: »Wären die Rassengesetze nicht gewesen, wäre ich ein besserer Spieler geworden als du«, sagte er einmal bei einem Treffen mit der AS-Rom-Ikone Francesco Totti. Alberto, der bis zuletzt die Vorkriegs-Elf seiner geliebten Roma mit geschlossenen Augen runter beten konnte, war in der Jugend ein ziemlich guter Kicker gewesen. Aber er war Jude, und Juden durften zu jener Zeit keine Karriere machen. Juden durften nicht einmal leben.

Nun ist auch Alberto gestorben. Friedlich. Im hohen Alter von 90 Jahren. Mit ihm ist ein großer Mahner gegen Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung und Hass gegangen. Doch Albertos Geschichte und seine Erzählungen werden bleiben, als ewiges Vermächtnis – auch wenn er selbst 50 Jahre gebraucht hat, um den Horror von Auschwitz so weit zu verarbeiten, dass er darüber sprechen konnte. Zu Schülern. Zu Studenten. Und zu den Fußball-Fans in jener Stadt, in der Lazio-Ultras den Roma-Tifosi folgendes Spruchband entgegenhielten: »Auschwitz ist eure Heimat, die Öfen sind eure Häuser.« So geschehen im Jahr 1998.

Sein Blick war gütig und gnädig, niemals hasserfüllt

Was Auschwitz wirklich war, wusste kaum jemand so genau wie Alberto Sed. Am 21. März 1944, dem Tag seiner Verhaftung, war »Albertino« gerade mal 15 Jahre jung. Die italienische Polizei hatte ihn aufgegriffen und in ein nahes Sammellager verschleppt – Alberto, seine drei Schwestern Angelica, Fatina und Emma sowie Mama Enrica. Später wurden sie alle nach Auschwitz-Birkenau deportiert, von wo lediglich Alberto und Fatina 1945 zurückkehren sollten.

Spätestens in den 1990er-Jahren, als der Neo-Faschismus in Italien eine erste Blüte erlebte, spürte Alberto Sed, dass es Zeit war, das eigene schmerzvolle Schweigen zu beenden. Und er begann zu sprechen. Als Mahnung und als Warnung. Er redete in Gemeindesälen und auf Theaterbühnen, in Klassenzimmern und auf Sportplätzen. Und seine Zuhörer blickten frontal in das Gesicht eines leibhaftigen Opfers. Albertos Blick aber war gütig und gnädig. Niemals hasserfüllt.

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