Seite 2: „Hirn und Herz Argentiniens“

Dahin­gegen fiel Mascherano im Spiel der Kata­lanen auf, denn Carles Puyol fehlte häufig ver­letzt und Gerard Piqué und Sergio Bus­quets sind nicht unbe­dingt für ihre Fähig­keiten beim Grät­schen bekannt geworden. Anders Javier Mascherano. Er sprach selbst über eine Zeit vor der Grät­sche und einer Zeit danach. Gemeint ist das Tack­ling aus der 87. Minute im Cham­pions-League-Ach­tel­fi­nal­rück­spiel der Saison 2010/11. Bar­ce­lona führte 3:1 und wäre somit nach einer 1:2‑Hinspiel-Niederlage eine Runde weiter. Doch nach einem fatalen Ball­ver­lust von Adriano war Nicklas Bendtner drauf und dran den FC Arsenal doch noch ins Vier­tel­fi­nale zu schießen. Mascherano grätschte dazwi­schen. Klar, die Ball­an­nahme von Bendtner war alles andere als per­fekt, doch Mascherano bewer­tete die Situa­tion blitz­schnell und erkannte seine Chance. Er grätschte den Ball zur Seite, sodass ihn Tor­wart Victor Valdes auf­nehmen konnte. Bar­ce­lona gewann 3:1 und zog in die nächste Runde ein, um später den Wett­be­werb zu gewinnen. Gefei­erter Mann war nach dem Spiel den­noch nicht der kleine Chef, son­dern wie fast immer bei Barca der Flo, Lionel Messi.

Ein Chef, der selbst anpackt

Ohne Glück wäre es ver­mut­lich gar nicht zu dieser Ret­tungs­ak­tion gekommen, doch eine Fuß­ball-Weis­heit besagt: Immer Glück ist Können. Und so über­rascht es nicht, dass auch Mascherano in der argen­ti­ni­schen Natio­nal­mann­schaft mehr als nur einer von zehn Zuschauern von Lionel Messi war. 2014 führte der Weg der Albice­leste bis ins Finale. Die Mann­schaft wursch­telte sich mit knappen Siegen durch das Tur­nier und benö­tigte zweimal die Ver­län­ge­rung, um über­haupt soweit zu kommen. Dass es im Halb­fi­nale gegen die Nie­der­lande einen Nach­schlag gab, ist nicht zuletzt Javier Mascherano zu ver­danken. Als Mit­tel­feld­spieler ein­ge­setzt ver­hin­derte er aber­mals kurz vor dem Ablauf der 90 Minuten einen geg­ne­ri­schen Ein­schuss. Wie im deut­schen Finale in Wem­bley lief Arjen Robben auf den Tor­wart zu bis Mascherano grätschte. Er blockte den Schuss mit einer ein­ge­sprun­genen Grät­sche und wälzte sich danach am Boden. Nicht jubelnd, son­dern vor Schmerzen. Ein Krampf. Er machte weiter, obwohl er bereits in der ersten Halb­zeit mit dem Kopf eines Nie­der­län­ders zusam­men­ge­stoßen war und länger behan­delt werden musste. Er spielte über die volle Distanz. So wie jedes seiner 20 WM-Spiele, bei denen er auf dem Platz stand. Der erste auf dem Platz und der letzte, der ihn wieder ver­ließ, Chef-Sache eben. Kein Schlips- und Anzug-Träger, son­dern einer, der die Ärmel hoch­krem­pelt. Ein Chef, der mit gutem Bei­spiel voran geht und keine lauten Töne spuckt.

Wollte man Argen­ti­nien bei diesem Tur­nier bezwingen, musste man das Hirn und Herz Argen­ti­niens“ Javier Mascherano bezwingen. So kam es wie es kommen musste: Im Finale flankte Andre Schürrle auf Mario Götze. Deutsch­land wurde Welt­meister. Was dieses Tor mit Javier Mascherano zu tun hat? Schürrle ver­mied durch seine Flanke einen Zwei­kampf mit Mascherano, der schon zu einer seiner Grät­schen ansetzte. Der flache Pass auf den kleinen Götze musste schließ­lich ver­hin­dert werden. Eine hohe Flanke sollten die groß­ge­wach­senen Martín Demi­chelis und Eze­quiel Garay her­un­ter­pflü­cken. Beson­dere Spiele werden durch beson­dere Momente ent­schieden. Diesen Moment kre­ierten Schürrle und Götze und so bleibt Mascherano der ganz große Titel mit Argen­ti­nien ver­wehrt. Die deut­schen Spieler lagen sich in den Armen, jubelten an der Sei­ten­linie, wo er noch immer am Boden lag. Argen­ti­nien besiegt, die Mann­schaft ver­zwei­felt, Mascherano erschöpft. Die große Kar­riere blieb unge­krönt. Nach dem Spiel ver­sam­melte sich die Albice­leste im Mit­tel­kreis. Die Gewinner trös­teten die Ver­lierer und im Fokus stand einmal mehr Lionel Messi, dem fast alle Deut­schen Trost spen­deten. Von den hun­derten Kameras im Sta­dion nahezu unge­achtet nahm Mascherano seine Medaille ent­gegen.