Seite 3: Ein junger Augenzeuge

Davon war 1966 aller­dings noch nichts zu sehen, und nicht bloß wegen des Nebels. Zwar waren die Ajax-Außen­ver­tei­diger – der spä­tere Schalker Wim Suur­bier und Theo van Dui­ven­bode – recht unter­neh­mungs­lustig, aber noch tauschten die Ams­ter­damer nicht ständig die Posi­tionen. Das mussten sie auch nicht, denn es ging ein­fa­cher: In der 76. Minute zir­kelte Groot einen Frei­stoß in den Winkel. 5:0. Die Film­auf­nahmen zeigen, wie Liver­pools Rechts­außen Ian Cal­laghan ein­fach nur die Hände in die Hüften stemmte und fas­sungslos auf das Tor blickte, hinter dem sich mitt­ler­weile Dut­zende Fans ver­sam­melt hatten, um besser – oder über­haupt etwas – sehen zu können.

Einer der Fans im Sta­dion war ein 15-jäh­riger Schüler namens Louis van Gaal. Aller­dings stand er nicht hinter dem Tor, son­dern hatte sich schnell den viel­leicht besten Platz über­haupt gesi­chert: einen Sitz, von dem aus er gute Sicht auf den Monitor des Fern­seh­kom­men­ta­tors hatte. So sah er, wie Liver­pool nach einer Ecke in der Nach­spiel­zeit durch Chris Lawler noch auf 1:5 ver­kürzen konnte. Als Spieler sollte es van Gaal bei Ajax nie wirk­lich weit bringen, doch als Trainer ist sein Name untrennbar ver­bunden mit der zweiten ganz großen Phase des Klubs: den neun­ziger Jahren, als man den drei Meis­ter­po­kalen von 1971 – 73 einen vierten hin­zu­fügte.

Das war für mich der Beweis, dass wir inter­na­tio­nales Niveau besaßen.“

Rinus Michels über das Rückspiel in Liverpool

Der Grund­stein zu all diesen euro­päi­schen Erfolgen wurde im Nebel von Ams­terdam gelegt, in einem Spiel, das Cruyff lange als seine Lieb­lings­partie bezeich­nete. Aller­dings war selbst Michels damals noch leicht skep­tisch, welche Klasse sein Team wirk­lich hatte. Shankly jeden­falls haute mächtig auf die Pauke. Sie haben mich nicht beson­ders beein­druckt“, sagte er über Ajax nach dem Spiel. Sie hatten Glück. Nächste Woche in Liver­pool schlagen wir sie 7:0.“ Es ist durchaus mög­lich, dass er das wirk­lich glaubte, schließ­lich hielt er sein Team immer für das beste der Welt. Ver­mut­lich aber sollten diese Worte vor allem Zweifel beim Gegner nähren. Hatten die Umstände Ajax begüns­tigt? Wäre das Spiel ohne den Nebel ganz anders gelaufen? Michels sagte später: Wegen der Wit­te­rungs­be­din­gungen hätte es durchaus sein können, dass dieses erste Spiel nur ein Zufall war.“

Die Spieler sangen: Shankly kann die Koffer packen!“

Er wählte den Kon­junktiv, weil das Rück­spiel am 14. Dezember 1966 in Liver­pool das Gegen­teil bewies. Nur in der Anfangs­phase mussten die Gäste ein wenig zit­tern, dann hatten sie das Spiel bald so im Griff wie zuvor die Partie in Ams­terdam. Erst kurz vor Ende gelang Roger Hunt der 2:2‑Ausgleichstreffer, der eine wei­tere Nie­der­lage des eng­li­schen Meis­ters ver­hin­derte. Auch so war es ein großer Erfolg für diese unbe­kannten Hol­länder, die in der Kabine eksta­tisch sangen: Shankly kann die Koffer packen!“ Michels sagte Jahre später über diesen Tag: Es war für mich ein wich­tiger Moment, denn nun wurden wir in Europa aner­kannt und respek­tiert. Ich hatte noch nie so eine Hektik erlebt wie beim Rück­spiel in Liver­pool – trotzdem holten wir ein 2:2 und hatten kaum Pro­bleme. Das war für mich der Beweis, dass wir inter­na­tio­nales Niveau besaßen.“

Noch fehlten Ajax einige Klei­nig­keiten. So schied man im Vier­tel­fi­nale gegen das damals starke Dukla Prag aus, weil Frits Soe­te­kouw in der 87. Minute ein Eigentor unter­lief. Es war eine unglück­liche Aktion des Ver­tei­di­gers, aber Michels konnte gna­denlos sein. Er nahm Soe­te­kouw aus dem Team und machte Velibor Vasović zum neuen Abwehr­chef. Mit dem Jugo­slawen auf der Libe­ro­po­si­tion sollte Ajax einige Jahre später das Ver­spre­chen ein­lösen, das der Klub seinen Fans in 90 Minuten in Ams­terdam gemacht hatte, die als de Mist­weds­trijd“ in die Klub­ge­schichte ein­gingen – als das Nebel­spiel.