Seite 2: Skandal um Cruyff

Doch Keizer ver­passte das Spiel gegen Liver­pool, weil er sich am Vortag im Trai­ning ver­letzt hatte. Für ihn brachte Michels den jungen Cees de Wolf. Es war erst sein viertes Spiel für Ajax, und es sollte sein letztes bleiben. Trotzdem schrieb de Wolf seinen Namen in die Geschichts­bü­cher, denn nach kaum drei Minuten sprang er am langen Pfosten höher als sein Gegen­spieler und köpfte eine Flanke von Henk Groot zum 1:0 ein. Es war so neblig im Sta­dion“, sagte de Wolf viele Jahre später, dass nur die Men­schen direkt hinter dem Tor meinen Treffer gesehen haben.“ Das war wohl nicht über­trieben. Der Ajax-Fan Karel Gabler erzählte dem Autor David Winner, dass nicht mal der Mann, der die Anzei­ge­tafel bediente, dem Geschehen folgen konnte: Als wir ihm sagten, dass Ajax das nächste Tor geschossen hätte, rief er zurück: Erzählt mir hier keine Geschichten, Jungs!‘“

Doch es war kein Witz. In der 16. Minute ließ Swart drei Eng­länder stehen, als wären sie Hüt­chen auf dem Trai­nings­platz, und spielte den Ball in den Lauf von Nuninga. Der Stürmer schei­terte an Keeper Tommy Law­rence, doch Cruyff schob den Abpraller aus acht Metern ins ver­waiste Tor. Der Schütze war erst 19 Jahre alt, und hatte trotzdem schon für einen Skandal gesorgt. Einen Monat vorher hatte ihn Schieds­richter Rudi Glöckner vom Platz gestellt – aus­ge­rechnet in Cru­yffs erstem Län­der­spiel. Es war das erste Mal über­haupt, dass ein nie­der­län­di­scher Natio­nal­spieler des Feldes ver­wiesen worden war, wes­halb der Ver­band Cruyff für ein ganzes Jahr sperrte. (In seiner Auto­bio­grafie nannte Cruyff Glöckner einen Ost­deut­schen, der einmal in der Woche das Sagen hatte und ansonsten in der DDR nicht den Mund auf­ma­chen durfte“.)

Ent­setzte Liver­pooler Fans

Besagtes Län­der­spiel, gegen die CSSR, hatte eben­falls im Olym­pia­sta­dion statt­ge­funden. Die Ams­ter­damer Fans waren so erbost über den Platz­ver­weis für ihren Lokal­helden gewesen, dass sie Fla­schen auf den Rasen warfen. Nach dem Abpfiff stürmte das Publikum das Feld und wollte Glöckner an den Kragen. Des­wegen galten für die Liver­pool-Partie strenge Sicher­heits­vor­keh­rungen, so waren die Zuschau­er­ränge sogar mit Sta­chel­draht umzäunt. In der 38. Minute hätte auch der fast nicht mehr aus­ge­reicht, die Massen zu halten: Nach einem Gesto­chere im Straf­raum pfef­ferte Nuninga den Ball aus sechs Metern in die Maschen. Danach stürmte der Favorit aus Eng­land, in dessen Kader drei Spieler standen, die im Sommer Welt­meister geworden waren, wütend nach vorne. Doch Shankly ahnte, dass es jetzt um etwas anders ging: Mitten im Spiel lief ich auf den Rasen und sagte zu Willie [Ste­venson] und Geoff [Strong]: Es gibt noch ein Rück­spiel! Sorgt erst mal dafür, dass wir keinen mehr rein­kriegen.‘ Dann ging ich wieder runter. Es war so neblig, dass der Schieds­richter mich über­haupt nicht sah.“

Doch der eng­li­sche Meister, der eigent­lich aus­ge­zogen war, um den wich­tigsten Euro­pacup end­lich auf die Insel zu holen, konnte wei­teres Unheil nicht mal bis zur Pause abwenden. Drei Minuten vor dem Halb­zeit­pfiff drückte Nuninga ein Zuspiel von Swaart zum 4:0 über die Linie. Die 1.500 Fans, die Liver­pool auf den Kon­ti­nent begleitet hatten, waren fas­sungslos. Die Ams­ter­damer drehten der­weil schier durch. Trotz Sta­chel­draht rannten auf einmal Kinder auf den Rasen und hüpften zwi­schen den jubelnden Ajax-Spie­lern hin und her.

Nuninga, der Dop­pel­tor­schütze, ist heute nicht mehr allen Fans ein Begriff (oder wird mit Dick Naninga ver­wech­selt, der im WM-Finale 1978 für Hol­land traf). Dabei blieb der tech­nisch starke Stürmer ein wich­tiger Spieler für Ajax, bis die Hol­länder das Finale um den Euro­pacup der Lan­des­meister 1969 gegen den AC Mai­land mit 1:4 ver­loren. Danach sor­tierte Michels einige ältere Spieler aus und gab lauf­starken, fle­xi­bleren Leuten wie Gerrie Mühren den Vorzug. Im April 1970 schließ­lich nahm der Trainer noch eine wei­tere ent­schei­dende Ver­än­de­rung vor. Nach einem 3:3 gegen den Rivalen Feye­noord ent­schied sich Michels, das 4−3−3 zu über­nehmen, das Ernst Happel in Rot­terdam ein­ge­führt hatte. Es war die Grund­lage für den Totaal­voetbal“, mit dem Ajax und die Natio­nalelf bald die Fuß­ball­welt begeis­tern sollten.