Der 5. April 1992, ein warmer Sonn­tag­nach­mittag in der argen­ti­ni­schen Stadt La Plata, es tobt der 113. Clá­sico zwi­schen den Stadt­ri­valen Gim­nasia y Esgrima und Estu­di­antes de la Plata. Siebter Spieltag, 0:0, die zweite Halb­zeit läuft bereits. Ein lang­wei­liges Derby – bis zur 54. Minute.

Ich brauche dich heute“, hatte Gim­nasia-Trainer Gre­gorio Peréz vor dem Aus­wärts­spiel zu seinem Mit­tel­stürmer José Battle Per­domo Tei­xeira gesagt. Der Uru­gu­ayer fühlt sich nicht hun­dert­pro­zentig fit, läuft aber trotzdem auf. Jetzt steht er 35 Meter vom geg­ne­ri­schen Tor ent­fernt, direkter Frei­stoß, vor ihm eine dichte Mauer aus sechs Gegen­spie­lern. Das Estadio Jorge Luis Hirschi erhebt sich, die Fan­ge­sänge schwellen an, beson­ders in Block 57, die Anhänger von Gim­nasia rie­chen wohl, dass etwas in der Luft liegt.

Dann explo­diert Block 57

José Per­domo ist ein Veteran, hat bereits in Ita­lien mit dem FC Genua und in Spa­nien mit Betis Sevilla einige Derbys bestritten. Ich wusste aber, dass in diesem Clá­sico noch viel mehr Lei­den­schaft steckt“, wird er später El Grá­fico“ sagen.
Orts­zeit 17.10 Uhr, Per­domo steht weit vor der Mauer, drei Schritte Anlauf, dann ein strammer Schuss mit rechts. Der Ball hebt sich über Per­domos Gegen­spieler, senkt sich spät und schlägt keine zwei Sekunden später neben dem ver­dutzten Estu­di­antes-Keeper Arturo Mar­celo Yorno im unteren rechten Eck ein.

In diesem Moment explo­diert Block 57, explo­diert das Sta­dion, der Jubel der Fans ist ohren­be­täu­bend, sie umarmen sich, brüllen gemeinsam ihre Freude heraus. Ein blau-weißes Fah­nen­meer, Per­domo läuft bis zum Mit­tel­kreis, umarmt erst seinen Trainer, danach wird er von seinen Mit­spie­lern gefeiert. Dann sah ich auf, und die Fans sprangen alle gleich­zeitig auf und ab, so dass sich die Tri­büne unter ihnen bog. Ich bekomme heute noch Gän­se­haut, wenn ich daran denke.“

El Lobo“, wie Gim­nasia auch genannt wird, gewinnt das Spiel dank Per­domos Treffer mit 0:1. Keine der wei­teren 12 Par­tien geht ver­loren, die Qua­li­fi­ka­tion für die Copa Libertadores ist per­fekt. Was Per­domo zu diesem Zeit­punkt noch nicht weiß: Er hat gerade das Tor seines Lebens geschossen. Und trägt ab diesem Tag einen Spitz­namen, den Fans, nicht nur von Gim­nasia, auch heute noch ehr­fürchtig aus­spre­chen. Das Erbeben“.

Denn zeit­gleich zu Per­domos Tor ver­zeichnet der Seis­mo­graph des Astro­no­mi­schen Obser­va­to­riums der Natio­nalen Uni­ver­sität La Plata eine Erd­be­we­gung mit einer Stärke von mehr als Sechs auf der Rich­ter­skala. Die Wis­sen­schaftler sind zunächst ratlos, finden dann aber eine schier unfass­bare Erklä­rung: der Jubel der Gim­nasia-Fans über Per­domos Sieg­treffer im Derby war derart fre­ne­tisch, dass die Vibra­tionen ein kleines Erd­beben aus­ge­löst haben.

Alle haben die Aus­schläge gesehen!“

Nicht nur das Sta­dion bebt an diesem Tag, son­dern auch die Stadt La Plata. Nora Sab­bione, damals Lei­terin der Seis­mo­lo­gi­schen Sta­tion, sagte Jahre später dem Online-Portal Olé“: Tech­nisch gesehen war das eigent­lich unmög­lich, aber alle, die an diesem Tag in der Sta­tion waren, haben die Aus­schläge gesehen.“ In 120 Län­dern wird der Erd­stoß ver­zeichnet, der US-ame­ri­ka­ni­sche Fern­seh­sender CNN bringt als Bestä­ti­gung ein Video von dem Treffer.

Per­domo nimmt es locker und feiert sein Tor nach dem Spiel mit seiner Frau und seinen Kin­dern: Wir sind dann gemeinsam essen gegangen und haben ange­stoßen, das war sehr schön“. Seine wei­tere Kar­riere ver­läuft, wie auch schon vorher, ver­hält­nis­mäßig unspek­ta­kulär. 1994 beendet er seine Pro­fi­lauf­bahn bei dem Club, wo sie auch begann: Peñarol de Mon­te­video.

Per­domo, heute 47 Jahre alt, wird immer noch auf sein Erd­be­bentor ange­spro­chen. Obwohl er bereits 1987 mit Peñarol die Copa Libertadores gewonnen hatte und zwi­schen 1987 – 90 27 Spiele für die Natio­nal­mann­schaft Uru­guays bestritt, mar­kiert dieser Moment zwei­fellos den Glanz­punkt seiner Lauf­bahn. Zum 20. Jah­restag des Erd­be­ben­tores war Per­domo in diesem April noch einmal in vielen latein­ame­ri­ka­ni­schen Medien.

Über das wich­tigste Tor seiner Kar­riere sagt er: Der Ver­ant­wort­liche für solche Frei­stöße war eigent­lich mein Mit­spieler Odrio­zola. Doch an diesem Tag bat ich ihn um den Ball. Ich hätte nie­mals gedacht, dass so etwas pas­sieren könnte. Es war ein­fach unglaub­lich.“