Wenn Shef­field United das eng­li­sche Schalke ist, darf man Jamie Vardy von Lei­cester City getrost den angel­säch­si­schen Kevin Groß­kreutz nennen. Als der 32-jäh­rige Vardy am Niko­laustag das späte 2:1‑Siegtor in Shef­field erzielt hatte, fei­erte er offen­sicht­lich weit mehr als nur“ drei Punkte: Unter gera­dezu eksta­ti­schem Freu­den­ge­brüll rannte der Ex-Natio­nal­stürmer auf und davon und grätschte demons­trativ die nächst­ge­le­gene Eck­fahne um. Dazu muss man wissen: Vardy ist seit frü­hester Kind­heit Fan von Shef­field Wed­nesday. Und soeben hatte er dem tau­melnden Lokal­ri­valen einen fuß­bal­le­ri­schen Leber­haken ver­passt. Einen wei­teren schweren Wir­kungs­treffer auf dem bit­teren Weg zum Premier-League‑K.o. von Shef­field United.

Bis heute, ziem­lich genau einen Monat später, hat sich wenig geän­dert an der beklem­menden Lage der Blades“ (Klingen). Außer, dass sie noch viel aus­sichts­loser geworden ist. Das Team von Trainer Chris Wilder ist nach wie vor klares Schluss­licht und wartet weiter auf den ersten Sai­son­sieg. Zuletzt setzte es eine ver­diente 0:2‑Pleite bei Crystal Palace. Ganze zwei Punkte aus den ersten 17 Liga­spielen bedeuten Pre­mier-League-All­zeit-Minus­re­kord. Der Rück­stand auf den Platz überm Strich beträgt bereits zwölf Punkte. Und die Distanz könnte noch größer sein, denn die Kon­kur­renz hat teil­weise zwei Spiele weniger absol­viert. Wir befinden uns zwei­fels­frei in einer sehr schwie­rigen Situa­tion“, sagt Wilder. Aber wir werden nicht auf­geben.“ Worte, die auf­rüt­teln sollen, und doch eher betroffen machen.

Schwin­del­erre­gender Höhen­flug

Dabei blickt Shef­field United auf einen schwin­del­erre­genden Höhen­flug zurück: Da war zunächst der über­ra­schende Direkt­auf­stieg 2019, vor Giganten wie Leeds United oder Aston Villa. Dann die bei­nahe ver­ges­sene Saison 2019/20 in der Pre­mier League: Platz sieben nach der Hin­runde, punkt­gleich mit dem Sechsten Tot­tenham. Auch sonst gab es erschre­ckend viele Par­al­lelen zu Schalke, das 2018 noch Vize­meister und Mitte der ver­gan­genen Spiel­zeit immerhin Tabel­len­fünfter war (punkt­gleich mit dem Vierten Dort­mund): eine auf Umschalt­mo­mente aus­ge­rich­tete Spiel­an­lage etwa. Und eine ziem­lich sat­tel­feste Defen­sive. Shef­field kas­sierte in der ver­gan­genen Saison nur 39 Treffer (so wenige wie kein Auf­steiger zuvor). In der Abschluss­ta­belle lan­dete man auf Rang neun und träumte ins­ge­heim von mehr. Eine fahr­läs­sige Fehl­ein­schät­zung.

Im Sommer musste der Klub zwei, drei Abgänge von Stamm­spie­lern hin­nehmen, aber das schien ver­schmerzbar. Im Gegenzug kamen hoch­ka­rä­tige Neu­ein­käufe wie Mit­tel­stürmer Rhian Brewster (für 26 Mil­lionen Euro Ablöse vom FC Liver­pool), Eng­lands U21-Natio­nal­tor­wart Aaron Rams­dale (für 20 Mil­lionen aus Bour­ne­mouth) oder der frü­here Rasen­ball­sportler Oliver Burke (für 6,5 Mil­lionen von West Brom­wich Albion). Doch das Star-Trio, zusammen über 50 Mil­lionen schwer, hielt nicht mal ansatz­weise, was man sich von ihm ver­spro­chen hatte: Brewster ist noch ohne Tor­be­tei­li­gung in der Liga, Rams­dale gilt als Unsi­cher­heits­faktor, und Burke absol­vierte form­be­dingt ganze zehn von 17 PL-Spielen.

Over-Per­former mit unkon­ven­tio­nellen Stra­te­gien

Im Prinzip erleidet Shef­field United gerade das klas­si­sche Schicksal eines Over-Per­for­mers: Du beginnst zu denken, das alles von allein läuft, und du lässt nach. Dann fällst du auf Nor­mal­form zurück, aber normal“ wird plötz­lich als Krise gedeutet, und Krisen ver­ur­sa­chen Panik. Panik wie­derum lässt dich alles ver­lieren – die Nerven und die Spiele. Zumal der tak­ti­sche Code von Chris Wilder bereits im Laufe der ver­gan­genen Spiel­zeit dechif­friert worden war. Uniteds Coach setzt gern auf über­lap­pende Innen­ver­tei­diger“: Seine Abwehr­re­cken sollen sich in bestimmten Umschalt­mo­menten ins Angriffs­spiel ein­schalten – über die Außen­bahnen. Eine unkon­ven­tio­nelle Stra­tegie, die geg­ne­ri­sche Defen­siv­reihen lange vor Rätsel stellte. Doch der Über­ra­schungs­ef­fekt ist ver­pufft. Dafür ist Shef­field United selbst unge­heuer anfällig für Konter-Tore – eine wei­tere Par­al­lele zu den Lei­dens­ge­nossen aus Gel­sen­kir­chen.

Hinzu kam eine Reihe von bit­teren Ver­let­zungen, Sperren, internen Que­relen und öffent­li­chen Skan­dalen: Vor zwei Tagen schrot­tete Shef­fields Stürmer Lys Mousset (in dieser Saison noch torlos) seinen oran­ge­far­benen Lam­bor­ghini auf offener Land­straße. Unglücks­ur­sache laut Polizei: über­höhte Geschwin­dig­keit. Die Ret­tung für die Blades“ soll nun durchs Fenster kommen – durchs Trans­fer­fenster, um genau zu sein. Chris Wilder will ein­kaufen. Die ent­spre­chende Liste mit Namen habe ich bereits wei­ter­ge­reicht“, verrät der 53-Jäh­rige dem Nach­rich­ten­portal York­shire Live. Die Ange­le­gen­heit wird jetzt eine Etage höher behan­delt.“ Wilder nennt zwar keine Namen, doch sein erklärter Wunschein­kauf soll Jesse Lin­gard sein, 28-jäh­riger Edel­re­ser­vist von Man­chester United. Ich will Spieler haben, die uns sofort wei­ter­helfen“, betont der Coach. Und wenn dadurch jemand seinen Stamm­platz ver­liert, ist es an ihm zu sagen: Jetzt kämpfe ich mich zurück!“

Nur einer muss wohl nicht um seinen Status fürchten: Wilder selbst. Der Klub – und spä­tes­tens hier enden die Par­al­lelen zu Schalke – hält bis­lang eisern an seinem Trainer fest. Lang­fristig könnte sich das aus­zahlen.