Seite 4: „Vergüenza Mundial“ – weltweite Schande

Über die Ränge laufen Wellen von Gerüchten. Boca will nicht spielen, aber FIFA-Prä­si­dent Gianni Infan­tino, so heißt es, besteht wegen der Fern­seh­ver­träge auf einem bal­digen Anpfiff – obwohl ein Boca-Spieler gerade auf dem Weg ins Kran­ken­haus ist und seine Kol­legen trau­ma­ti­siert in der Kabine hocken. Als die Ent­schei­dung fällt, das Spiel an diesem Tag nicht anzupfeifen, gibt es keine Durch­sage. Die Fans werden von Freunden infor­miert, dann ver­lassen sie das Estadio Monu­mental. An einigen Stellen kommt es zu Aus­ein­an­der­set­zungen zwi­schen Fans und Polizei. Ver­ein­zelt sollen River-Anhänger auch ver­sucht haben, Zuschauer aus­zu­rauben, um an deren Karten zu kommen. Doch die große Masse der Fans geht ein­fach nur ent­täuscht und ruhig nach Hause. In Europa wird man berichten, dass das Sta­di­onum­feld einem Kriegs­ge­biet gleicht. Der Kicker“ spricht gar vom rechts­freien Raum Buenos Aires“, aber das ist alles maßlos über­trieben.

Doch was nun? Nach der Absage hieß es zuerst, dass das Spiel am Fol­getag aus­ge­tragen werden sollte, viel­leicht in einem anderen Sta­dion, weil die Stadt als Eigen­tü­merin das Estadio Monu­mental aus Sicher­heits­gründen schließen würde. Doch auch dies war nur ein Gerücht. Chaos pur in Buenos Aires. Und Fragen. Wel­cher Sicher­heits­be­amte kam auf die Idee, den Mann­schaftsbus durch eine Horde River­Fans zu leiten? Hatte das etwas mit den Haus­durch­su­chungen zu tun? Wollten die Barras einen sol­chen Zwi­schen­fall pro­vo­zieren, um ihre Macht zu demons­trieren? Viele Ver­schwö­rungs­theo­rien wurden in den Zei­tungen dis­ku­tiert, doch sicher ist allein dies: Argen­ti­nien hat vor den Augen der Welt ver­sagt. Olé“ traf mit dem Titel Ver­güenza Mun­dial“ – welt­weite Schande – den Nerv der meisten Argen­ti­nier. Als die Ent­schei­dung gefällt wurde, das Finale am 9. Dezember in Madrid aus­zu­tragen, machte schnell der bit­tere Witz die Runde, dass die Copa Libertadores de Ame­rica, der Pokal der Befreier Süd­ame­rikas, nun zum Copa Con­quis­ta­dores de Ame­rica geworden war, dem Cup der Eroberer.

Ein Armuts­zeugnis für die CON­MEBOL

Der 24. November 2018 pro­du­zierte nur Ver­lierer. River wurde um seinen Heim­vor­teil gebracht, musste 70 000 Fans unver­rich­teter Dinge nach Hause schi­cken und durfte nur 5000 Anhän­gern eine Karte für das Spiel in Madrid ver­kaufen. Boca hin­gegen war dem Spott des Landes aus­ge­setzt, weil man sich wei­gerte zu spielen – wie River Plate 2015. Die CON­MEBOL stellte sich ein Armuts­zeugnis aus, als sie das Finale ins Aus­land ver­kaufte.

Vor allem aber haben die Fuß­ball­fans ver­loren. Eine ganze Nation freute sich auf ein Fest und bekam einen Exzess. Dass das fuß­ball­ver­rück­teste Land der Welt nicht in der Lage ist, ein Fuß­ball­spiel aus­zu­richten, wird Folgen haben, die noch nicht abzu­sehen sind. Das längste Finale der Welt“ endete am 9. Dezember um 23.02 Uhr Madrider Orts­zeit mit einem 3:1‑Sieg für River Plate, natür­lich nach Ver­län­ge­rung. Aber viel­leicht ist es immer noch nicht vorbei.