Seite 2: Der „11. September des argentinischen Fußballs“

Die Boca-River-Riva­lität ist fast so alt wie der argen­ti­ni­sche Pro­fi­fuß­ball selbst. Unzäh­lige Legenden ranken sich um das Derby, doch in den letzten Jahren sorgte vor allem das Spiel mit dem Gas Pimi­enta – Pfef­fer­spray – für Schlag­zeilen, das Rück­spiel im Ach­tel­fi­nale der Copa Libertadores 2015. Das Hin­spiel hatte River Plate daheim 1:0 gewonnen, aus­wärts ging es mit einem 0:0 in die Pause. Als River 15 Minuten später im Spie­ler­tunnel stand, schaffte es angeb­lich ein Boca-Fan, ein Gemisch aus Trä­nengas und Pfef­fer­spray hin­ein­zu­sprühen, so dass vielen River-Spie­lern die Augen brannten. Sie wei­gerten sich wei­ter­zu­spielen. Mehr als eine Stunde lang wurde dis­ku­tiert, ehe der Schieds­richter das Spiel abbrach. Die CON­MEBOL, der süd­ame­ri­ka­ni­sche Fuß­ball­ver­band, ent­schied schnell: End­stand 0:0, Geld­strafe für Boca. River war nach nur 135 Minuten Fuß­ball weiter und gewann am Ende sogar die dritte Copa Libertadores der Ver­eins­ge­schichte.

Natür­lich glaubte bei Boca nie­mand, dass die Gegner so beein­träch­tigt waren, dass sie nicht mehr spielen konnten. Viele Fans sahen den Ruf der River-Spieler als Gal­lina bestä­tigt, als Feig­linge. Sich nicht zu stellen und ein Spiel am Grünen Tisch gewinnen zu wollen? Das macht man nicht in Argen­ti­nien, so tobte die große Anhän­ger­schaft von Boca.

Sogar der G20-Gipfel rückt in den Hin­ter­grund

Vor diesem Hin­ter­grund zogen Boca und River Ende Oktober ins Finale der Copa Libertadores 2018 ein. Zum ersten Mal in der 58-jäh­rigen Geschichte des bedeu­tendsten Wett­be­werbs im süd­ame­ri­ka­ni­schen Ver­eins­fuß­ball. In den K.-o.-Runden oder Grup­pen­spielen hatten die Rivalen schon gegen­ein­ander gespielt, aber nie­mals im Finale. Von da an gab es kein anderes Thema mehr in Argen­ti­nien. Sogar der G20-Gipfel in Buenos Aires geriet in den Hin­ter­grund. Aller­dings sorgten die kom­plexen Vor­be­rei­tungen auf eben jenes Wirt­schafts­treffen in Ver­bin­dung mit bemer­kens­werter orga­ni­sa­to­ri­scher Inkom­pe­tenz dafür, dass der Termin für die erste Partie nahezu im Stun­den­takt ver­schoben wurde. Erst nach langem Hin und Her stand fest: Bocas Heim­spiel sollte am Samstag, den 10. November, ange­pfiffen werden, obwohl es sehr unüb­lich ist, die End­spiele an einem Wochen­ende abzu­halten.

Auch Petrus passte dieser Termin nicht. Pünkt­lich zum Mit­tag­essen ver­wan­delten enorme Regen­fälle Buenos Aires in ein Fluss­delta. Die Partie wurde auf den fol­genden Tag ver­schoben und endete 2:2. Es war die Art von Begeg­nung, für die man das Prä­dikat intensiv“ erfunden hat – jedes Lauf­duell im Voll­sprint, kein Zwei­kampf, bei dem irgend­je­mand zurückzog, ein Unent­schieden als gerechtes Ergebnis. Da die Aus­wärts­to­re­regel in den End­spielen nicht zählt, war klar: Mehr Finale geht jetzt wirk­lich nicht mehr. Des­halb titelte die täg­liche Sport­zei­tung Olé“ am Tag des Rück­spiels: Desde hoy ya nada será igual“ – ab heute wird nichts sein, wie es vorher war. Sie sollte Recht behalten. Viele Sport­jour­na­listen in Argen­ti­nien nennen den Tag inzwi­schen den 11. Sep­tember des argen­ti­ni­schen Fuß­balls“.