Unun­ter­bro­chen hatten sie seinen Namen gerufen, und nun end­lich, in der 72. Minute, scheint Tele San­tana sie erhört zu haben. Arthur Antunes Coimbra, den sie alle nur Zico nennen, steht an der Außen­linie. Bange Blicke. Dann die Hoff­nung. Denn wer, wenn nicht er, kann die Selecao, diese spie­le­risch beste Genera­tion seit der bra­si­lia­ni­schen Welt­meis­ter­mann­schaft von 1970, ins Halb­fi­nale und dann zum Titel schießen? Wer, wenn nicht der weiße Pelé?



Zico klatscht Müller ab, und 50.000 Mexi­kaner und 10.000 Bra­si­lianer im Estadio Jalisco de Gua­da­la­jara bre­chen in fre­ne­ti­schen Jubel aus. Eine Minute später treibt Branco den Ball durchs Mit­tel­feld, ein Pass auf Zico, eine kurze Dre­hung, im Augen­winkel Branco, der indessen 40 Meter von der Mit­tel­linie in Rich­tung Straf­raum in Rie­sen­schritten über­brückt hat, noch mal ein kurzer Blick, dann dieser Steil­pass, der die Defen­sive Frank­reichs wie Papp­fi­guren aus­sehen lässt. In ihren Augen das blanke Ent­setzen, Joel Bats eilt aus seinem Kasten, Branco ist schneller, spit­zelt den Ball am Tor­wart vorbei – und fällt. Schieds­richter Ioan Igna zeigt sofort auf den Punkt.

Hitze und Höhe sind für uns Gold wert“, hatte Socrates vor dem Spiel gesagt, für die Euro­päer sind sie der Ruin.“

Pla­tini spielt wie ein nasser Hund

Und bis­weilen sah es in der ersten Halb­zeit so aus, als behalte der weise Bra­si­lianer Recht. Michel Pla­tini schleppte sich über den Rasen wie ein nasser Hund, wäh­rend Angriffe der Selecao wie Flut­wellen auf das Tor von Bats rollten. Sie hatten nach einer mäßigen Vor­runde end­lich ihre Form gefunden und kom­bi­nierten nun, wie man es von ihnen erwartet hatte: ele­gant, unbändig – ihre Welt lag damals nicht nur einen Maus­klick, son­dern min­des­tens dreimal um die Welt ent­fernt. Alleine die Namen: Branco, Alemao, Elzo, der schnelle Müller, Sco­rates. Und natür­lich Careca, der in der 17. Minute das ver­diente 1:0 erzielte.

Die Fran­zosen sahen schon vor dem Anstoß abge­kämpft aus wie Mara­thon­läufer vor ihren letzten Metern. Doch wenn­gleich die Luft immer dünner wurde, waren sie nach dem Rück­stand hell­wach, denn Henri Michel durch­dachte das Spiel fortan wie eine Schach­partie. Frank­reichs Trainer schickte Thierry Tus­seau auf die linke Seite, um den agilen Müller abzu­blo­cken, Manuel Amoros hin­gegen auf rechts, um mehr Druck zu ent­fa­chen. Die Equipe stemmte sich mit aller Kraft gegen die dro­hende Nie­der­lage, und vier Minuten vor der Halb­zeit fiel tat­säch­lich das 1:1 – durch Pla­tini. Henri Michel sagte später: Dass er wenig gelaufen ist, war mir egal. Auch ein müder Pla­tini ist wichtig für die Mann­schaft.“

Nach dem Aus­gleich schien die Hitze ver­gessen: Die Spieler schoben ihre Stutzen nach unten, zogen ihre Hemden aus der Hose, die Haare wehten beim Laufen, und von den Voll­bärten tropfte der Schweiß kas­ka­den­artig auf den Rasen. Es ging auf und ab. Müller setzte einen Ball an den Pfosten, Careca traf beim Kopf­ball nur die Latte, Tigana schei­terte frei­ste­hend vor Carlos. Im direkten Gegenzug ver­ei­telte Bats einen Fern­schuss von Junior.
In dieser 73. Minute beten sie auf den Tri­bünen. Von der Seite kommt Socrates, der Kin­der­arzt aus Belém, und flüs­tert Zico etwas ins Ohr. Ich wollte nicht“, sagt Zico später, aber Socrates hat mich geschickt und mir die Ecke gesagt.“ Es ist die fal­sche. Bats taucht ab und faustet den Ball zur Seite.

Das Spiel rennt. Und rennt und rennt

Trost bekommt der, für den sie auf den Rängen schon ein Hel­den­po­dest deko­riert hatten, von Michel Pla­tini. Er klopft Zico auf die Schulter. Doch es bleibt keine Zeit für Sen­ti­men­ta­li­täten, denn das Spiel rennt, rennt, rennt. Bis in die Ver­län­ge­rung. Michel Pla­tini steht der­weil nur noch im Mit­tel­kreis und wartet auf Zuspiele. Kurz vor Ende der Partie ist es dann soweit. Mit letzter Kraft schiebt der Spiel­ma­cher einen Pass auf Bruno Bel­lone, der alleine auf Carlos zuläuft. Bel­lone ist noch frisch, er ist erst seit wenigen Minuten im Spiel und kommt nun in einem Tempo auf Carlos zuge­rannt, dass diesem nichts übrig bleibt, als seinen Ober­körper vor den Fran­zosen zu stellen. Bel­lone gerät ins Strau­cheln und stol­pert dem Ball hin­terher. Aber: Er lässt sich nicht fallen.

Und so bleibt die Pfeife von Igna stumm. Die fran­zö­si­schen Fern­seh­kom­men­ta­toren sind außer sich: Skandal!“ Es geht ins Elf­me­ter­schießen. Socrates ist Bra­si­liens erster Schütze, er wählt die linke Ecke, aus dem Stand. Bats hält. Dafür trifft Zico, doch auch Bel­lone, dessen Elf­meter vom Pfosten an den Kopf von Carlos ins Tor prallt. Beim Stand von 3:3 ist Pla­tini an der Reihe. Trifft er, ist Frank­reich mit einem Bein im Halb­fi­nale. Der alte Mann müht sich zum Punkt – und zim­mert den Ball über das Tor. Eine Gefühl­sach­ter­bahn son­der­glei­chen. Denn auch der nächste Schütze, Júlio César, schei­tert. Es hängt nun an Luis Fernández. Er steht wie der Henker an der Guil­lo­tine – und er voll­endet ohne Gnade.

In Bra­si­lien erleiden in jenen Sekunden sechs Leute einen Herz­in­farkt, ein Anhänger wird nach einer abfäl­ligen Bemer­kung über die Selecao erschossen, und ein anderer Fan ver­sucht, sich mit einem Bauch­schuss das Leben zu nehmen – er wird später durch eine Ope­ra­tion gerettet.

Diese Mann­schaft ist tot. Es gibt sie nicht mehr.“

Für Bra­si­lien bedeu­tete die Nie­der­lage ein noch grö­ßeres Trauma als das vor­zei­tige Aus 1982. Die Mann­schaft schied nicht nur aus, ohne ver­loren zu haben, sie wusste zudem, dass sie so nie wieder zusam­men­spielen würde. Sie würde aus­ein­an­der­fallen, ohne einen Titel errungen zu haben. Das ist das Ende einer ganzen Spiel­er­ge­nera­tion“, stam­melte der wei­nende Zico nach dem Spiel. Und Socrates, dessen apa­thi­sche Blicke sich im Nichts ver­irrten, fügte hinzu: Diese Mann­schaft ist tot. Es gibt sie nicht mehr.“