Alles passt per­fekt. Der Zeit­punkt, die Zahlen, das Echo. Der DFB ver­öf­fent­lichte am Diens­tag­nach­mittag das Ergebnis einer reprä­sen­ta­tiven Umfrage, nach der sich 84,4 Pro­zent der Befragten gegen Pyro­technik aus­spre­chen. Zudem for­dern 79,5 Pro­zent eine harte Bestra­fung bei Miss­ach­tung ent­spre­chender Ver­bote. Wie in Stein gemei­ßelt stehen diese Zahlen nun in jeder Tages­zei­tung zwi­schen Malente und Kon­stanz. Kopf­ni­cken der Funk­tio­näre. Befremden bei den Ultras. Der Gegen­wind ist so hart wie lange nicht. Er hat nun eine kon­krete Stärke: 84,4.


Bereits ver­gan­genes Jahr hatten DFL und DFB die Gespräche um ein mög­liche Lega­li­sie­rung von Pyro­technik für beendet erklärt. Danach gerieten die Ver­bands­funk­tio­näre aller­dings in die Kritik, als Details aus einem vom DFB-Prä­si­dium in Auf­trag gege­benen Gut­achten publik wurden. Diese besagten näm­lich, dass Pyro­technik unter bestimmten Vor­aus­set­zungen durchaus erlaubt sei. Der Kam­pagne Pyro­technik lega­li­sieren“ war es damals gelungen, Ein­blicke in dieses Gut­achten zu bekommen und es recht­lich aus­werten zu lassen.

Jede Gegen­po­si­tion benö­tigt nur eine Ant­wort: 84,4 Pro­zent

Nun haben sich die Posi­tionen ver­schoben. Und das drei Tage vor dem großen Fan­kon­gress in Berlin, bei dem auch DFB-Sicher­heits­chef Hen­drik Große-Lefert anwe­send sein wird und viele Fans die Hoff­nung hatten, kon­struktiv über Pyro dis­ku­tieren zu können. Große-Lefert ist außerdem am Sams­tag­abend gemeinsam mit Jonas Gabler (Buch­autor, u.a. Die Ultras“), Chris­tian Heidel (Manager FSV Mainz 05) und Philipp Mark­hardt („ProFans“-Sprecher) Gast im ZDF-Sport­studio. Er hat dort nun eine für das Gros der Öffent­lich­keit unum­stöß­liche Argu­men­ta­ti­ons­grund­lage. Jede Gegen­po­si­tion benö­tigt nur eine Ant­wort: 84,4 Pro­zent.

Bedeutet diese Zahl das Ende der Feu­er­stange? DFL-Geschäfts­führer Holger Hie­ro­nymus sagte, dass man nicht mehr über Pyro­technik ver­han­deln werde“. Er sagte auch: Die an Deut­lich­keit kaum zu über­bie­tende Mei­nung der Fans unter­stützt die kon­se­quente Hal­tung von DFB und DFL. Der gefähr­liche Ein­satz von Pyro­technik ist nicht, wie immer wieder behauptet, ein Bestand­teil der Fan­kultur.“

Die Grenzen zwi­schen Gewalt und Pyro waren ver­wischt

Doch wie aus­sa­ge­kräftig ist diese Umfrage über­haupt? Sie wurde durch­ge­führt, als die öffent­liche Hys­terie um Pyro­technik so groß war wie selten zuvor, im Dezember 2011, also wenige Wochen nach dem Pokal­spiel Borussia Dort­mund gegen Dynamo Dresden. Nach dieser Partie waren die Grenzen zwi­schen Gewalt und Pyro kom­plett ver­wischt. Alles war eins geworden. Pyro war Gewalt. Gewalt war Pyro. Die Umfrage hätte zu einem anderen Zeit­punkt sicher­lich ein anderes Ergebnis erzielt. So wie auch die Frage Ist Chris­tian Wulff der rich­tige Bun­des­prä­si­dent?“ Mitte 2011 noch ein anderes Ergebnis her­vor­ge­rufen haben dürfte.

DFB und die DFL for­mu­lieren unklar

Zwei­tens muss man fragen: Wie reprä­sen­tativ ist diese Umfrage? Der DFB infor­miert, er habe die Umfrage vom Mei­nungs­for­schungs­in­stitut tns-infra­test unter 2000 Bun­des­bür­gern durch­ge­führt“, davon seien 960 an Fuß­ball inter­es­siert gewesen. Die Fragen wurden tele­fo­nisch gestellt. Sie lau­teten:

1.
Das Abbrennen von Pyro­technik (z.B. Ben­ga­li­sche Feuer) in deut­schen Sta­dien ist der­zeit ver­boten. Ist dieses Verbot richtig?

2.
Das Abbrennen von Pyro­technik im Sta­dion ist gefähr­lich, schadet dem Fuß­ball und sollte daher hart bestraft werden?

Die eine Frage wird sug­gestiv gestellt, die andere ist eigent­lich gar keine Frage, son­dern eine Behaup­tung mit Frag­zei­chen. Auch erscheint es seltsam, warum nur 960 Fuß­ball­in­ter­es­sierte befragt wurden. Und was heißt das über­haupt heute, wo nahezu jeder irgendwie schon mal Schland-Fan oder WM-Fan war: An Fuß­ball inter­es­siert. Letzt­lich sollte man keine vor­schnellen Schlüsse ziehen, den­noch kann man monieren, dass DFB und die DFL auf ihren Web­seiten dfb​.de und bun​des​liga​.de die Chance vertan haben, solche Unklar­heiten von vorn­herein aus­zu­schließen.

DFB räumt Fehler in der Pyro-Debatte ein

Man kann zu Pyro­technik stehen, wie man will. Doch die Umfrage erscheint gerade heute wie der Ver­such, kurz vor dem medial beglei­teten Fan­kon­gress wieder die Luft­ho­heit zu gewinnen. Noch dazu, wenn der DFB Fehler in der Pyro-Debatte ein­räumt. Der DFB-Fan­be­auf­tragte Gerald von Gor­rissen sagt etwa, dass durch per­sön­liche Aus­sagen han­delnder Per­sonen teil­weise Erwar­tungen geweckt worden seien, die nicht ein­zu­halten waren“. Das klingt wie ein Zuge­ständnis, doch eigent­lich grüßt hier ein Sieger mit dem Vic­tory-Zei­chen. Die andere Hand reicht er jovial von oben nach unten.