Seite 2: Kann Pragmatiker Allegri helfen?

Neben dem Trai­ner­posten stehen noch wei­tere Posi­tionen auf der Kippe. Der Ver­trag von Sport­di­rektor Para­tici läuft am Sai­son­ende aus, eine Ver­län­ge­rung erscheint aktuell unwahr­schein­lich. Ihm wird seit dem Abschied seines frü­heren Part­ners Giu­seppe Marotta zu Inter nicht nur man­gelndes Geschick bei Spie­ler­ver­pflich­tungen vor­ge­worfen, er soll auch in den Skandal um den Sprach­test zur Ein­bür­ge­rung des dama­ligen Trans­fer­ziels Luis Suarez im ver­gan­genen Sommer invol­viert gewesen sein.

Nicht nur die Zukunft von Trainer und Sport­di­rektor ist offen, auch der Prä­si­dent selbst sitzt nicht mehr ganz so fest im Sattel. Vor kurzem noch galt Agnelli als überaus erfolg­rei­cher Prä­si­dent, in dessen Amts­zeit unter anderem der Bau eines ver­eins­ei­genen Sta­dions, die deut­lich gestei­gerte inter­na­tio­nale Sicht­bar­keit sowie 18 gewon­nene Titel fielen. Dar­über hinaus stand er der Euro­pean Club Asso­cia­tion (ECA) vor und war an allen wich­tigen inter­na­tio­nalen Ent­schei­dungen betei­ligt. Doch seit seinem vor­erst geschei­terten Vor­stoß zur Super League und dem plötz­li­chen Rück­tritt als ECA-Vor­stand ist Agnellis Ruf geschwächt. UEFA-Prä­si­dent Ceferin bezeich­nete ihn öffent­lich als Lügner und machte deut­lich, er sei per­sön­lich von ihm schwer ent­täuscht. Auch die Wut anderer Serie-A-Ver­eine über das Vor­pre­schen von Juve, Milan und Inter war groß; Urbano Cairo, Prä­si­dent des Lokal­ri­valen Torino FC, nannte Agnelli gar Judas“. Laut Gazzetta dello Sport“ könnte Agnelli Ende 2021 zu einem anderen im Fami­li­en­be­sitz befind­li­chen Unter­nehmen wech­seln und der Geschäfts­mann Ales­sandro Nasi, ein Cousin Agnellis, die Prä­si­dent­schaft über­nehmen. Auch über eine Rück­kehr von Klub-Legende Ales­sandro Del Piero als Vize­prä­si­dent wird spe­ku­liert.

Dem Kader fehlt es an Krea­ti­vität und Struktur

Abge­sehen von all diesen mög­li­chen Ver­än­de­rungen bräuchte vor allem der Kader drin­gend fri­schen Wind. An Super­star Cris­tiano Ronaldo scheiden sich die Geister. Einer­seits ist er der mit Abstand beste Tor­schütze, ande­rer­seits brachte er seit seiner Ankunft 2018 nicht den schon ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang ersehnten inter­na­tio­nalen Titel. Trenn dich von Ronaldo, er hemmt die Ent­wick­lung der Mann­schaft“, soll Allegri kurz vor seinem Abschied 2019 seinem Prä­si­denten geraten haben. Im Mit­tel­feld man­gelt es an Krea­ti­vität und Struktur, der Ex-Schalker Weston McKennie ist einer der wenigen Licht­blicke. Eben­falls offen ist die Zukunft der in Ita­lien Sena­tori“ genannten Füh­rungs­spieler, die jah­re­lang maß­geb­lich für den Erfolg und die Men­ta­lität Juves standen. Ersatz­tor­hüter Gian­luigi Buffon erwägt offenbar trotz seiner 43 Jahre einen Wechsel zu einem Verein, bei dem er noch einmal die Nummer eins sein könnte und der 36-jäh­rige Kapitän Giorgio Chiel­lini wartet bisher ver­geb­lich auf eine Ver­trags­ver­län­ge­rung. Aller­dings würden bei einer Rück­kehr Alle­gris die Karten ver­mut­lich neu gemischt.

Eine Rück­kehr des Prag­ma­ti­kers aus Livorno wäre auch das Ein­ge­ständnis eines Irr­tums. Unter Allegri agierte Juve zwar oft erfolg­reich, aber selten spek­ta­kulär. Schönen Fuß­ball sollte zunächst Mau­rizio Sarri nach Turin bringen. Der gewann 2020 zwar die Meis­ter­schaft, frem­delte aber spürbar mit dem Juve-Ambi­ente – und von schönem Fuß­ball war eben­falls selten etwas zu sehen. Auch Pirlo pro­pa­giert einen offen­siven, auf Ball­be­sitz aus­ge­rich­teten Spiel­stil, bisher stimmten jedoch weder die Ergeb­nisse noch die Spiel­weise. Allegri hält wenig von sol­chen Dis­kus­sionen. Zu viele Mann­schaften hätten ver­sucht, das Modell des Ball­be­sitz-Fuß­balls von Guar­diolas FC Bar­ce­lona zu kopieren, äußerte er 2019 in einem Inter­view mit dem Cor­riere della Sera“. Dabei sei Fuß­ball doch eigent­lich ein­fach. Es gehe darum, Spiele zu gewinnen, um nichts anderes. Oft wurde Juves Spiel­stil unter Allegri von den eigenen Fans kri­ti­siert, inzwi­schen wün­schen ihn sich viele zurück. Ver­kör­perte er doch das vom lang­jäh­rigen Prä­si­denten Giam­piero Boni­perti geprägte Klub­motto: Gewinnen ist nicht wichtig. Es ist das Ein­zige, was zählt.“