Seite 3: Die Stars heißen jetzt Kane, Dier oder Vardy

Durch die Erfolge in der Qua­li­fi­ka­tion strahlte bald wieder ein Hauch von Gla­mour vom Jersey mit den drei Löwen ab. Hodg­sons Husa­ren­stil wuchs den Leuten derart ans Herz, dass der Coach, bevor er seinen vor­läu­figen EM-Kader berief, ernste Pro­bleme hatte, der Öffent­lich­keit zu ver­mit­teln, dass es fahr­lässig sei, mit weniger als sieben Defen­siv­spie­lern nach Frank­reich zu fahren.

Denn wäh­rend in der eng­li­schen Abwehr eher solide Hand­werker ihren Dienst ver­richten, stellen die Akteure im Angriff jeder für sich Natur­ge­walten dar: Tot­ten­hams Mit­tel­stürmer Harry Kane trifft aus jeder erdenk­li­chen Lage und wurde Tor­schüt­zen­könig der Pre­mier League. Die 1,88-Meter-Kante geht keinem Zwei­kampf aus dem Weg. Zudem weicht Kanes Geschichte wohl­tuend von der eines ange­passten Jung­mil­lio­na­rios ab: Bevor der 22-Jäh­rige 2014 an der White Hart Lane durch­star­tete, fris­tete er lange ein Dasein als Leih­spieler bei Leyton Orient, Mill­wall, Nor­wich und Lei­cester.

Kanes kon­ge­niale Partner und Zuspieler sind Eric Dier, 22, und Shoo­ting­star Dele Alli, 20. Letz­terer wurde von den Pre­mier-League-Spie­lern zum New­comer der Saison gewählt. Seine Ball­fer­tig­keit, mit der er Gegner alt aus­sehen lässt, brachte ihm bei Team­kol­legen den Spitz­namen Del­s­troyer“ ein. Obwohl Alli noch kein Jahr Stamm­spieler in der Pre­mier League ist, mel­dete zuletzt sogar Real Madrid Inter­esse an ihm an.

Eine Gar­di­nen­pre­digt für den Mann der Stunde

Die ein­ge­spielte Angriff­sachse der Spurs könnte Raheem Ster­ling ergänzen, der im letzten Sommer für 62,5 Mil­lionen Euro vom FC Liver­pool zu Man­chester City wech­selte. Das Tempo des 20-Jäh­rigen ist atem­be­rau­bend. Wenn er fit ist, kann er sowohl aus dem Rück­raum, im Angriffs­zen­trum oder über den linken Flügel Durch­schlags­kraft ent­falten. Aller­dings hatte Ster­ling zuletzt Leis­ten­pro­bleme, wes­halb abzu­warten bleibt, auf wel­chem Leis­tungs­ni­veau er sich in Frank­reich prä­sen­tiert.

Der Mann der Stunde in dieser jun­gen­hafte Offen­sive jedoch ist Jamie Vardy. Der Lad aus Shef­field erfüllt prak­tisch alle Kli­schees als eng­li­scher Sehn­suchts­spieler. Obwohl der Stürmer von Lei­cester City mit 29 Jahren schon fast aufs Ren­ten­alter zusteuert, ver­sprüht er den tes­to­ste­ron­ge­schwän­gerten Charme eines Col­lege-Jungen. Bis vor vier Jahren kickte der gelernte Car­bon­faser-Tech­niker noch in der siebten Liga. Als er 2012 für eine Mil­lion Pfund nach Lei­cester kam, wusste er anfangs nichts mit sich anzu­fangen.

An man­chen Tagen lief er betrunken beim Trai­ning auf, bis ihn der Sohn des Klub­chefs, Aiya­watt Sriv­ad­dha­n­aprabha, zur Seite nahm und ihn zur Rede stellte: Jamie, wir haben in dich inves­tiert, meinst du nicht, es wäre klug, dass du ver­suchst, uns etwas zurück­zu­geben?“ Der Legende nach öff­nete ihm die Gar­di­nen­pre­digt die Augen.

Der beste Abend meiner Kar­riere“

Sriv­ad­dha­n­aprabha sagt, danach sei Vardy nicht mehr der­selbe gewesen. Er gab das Trinken auf und trai­nierte wie ein Ber­serker. Die Lei­cester-Fans zollen seinem eins­tigen Lebens­stil den­noch bis in die Gegen­wart Tribut, wenn sie singen: Jamie Vardy’s having a party, bring your vodka and your charlie. („Charlie“ = Kokain“). In ihm paart sich die Unbe­küm­mert­heit eines Youngs­ters mit der kalten Schnauze des Stra­ßen­fuß­bal­lers. Selten sah die deut­sche Abwehr in der jün­geren Zeit so lächer­lich aus wie bei Vardys Test­spieltor Ende März, das er aus vollem Lauf mit der Hacke erzielte.

Nach dem 3:2‑Sieg in Berlin sagte Roy Hodgson selbst­be­wusst: Der beste Abend meiner Kar­riere für mich? Ja, warum eigent­lich nicht.“ Dabei hätte er es belassen können. Ein Aus­wärts­sieg gegen Welt­meister Deutsch­land spricht eigent­lich für sich. Den­noch setzte der Coach hinzu: Die besten Momente für uns kommen aber erst noch.“