Um 17.16 Uhr reichte der Platz im Spiel zwi­schen Borussia Mön­chen­glad­bach und Borussia Dort­mund zum Sai­son­fi­nale gerade noch für einen Tor­schützen. Dann traf Chris­tian Kulik in der 90. Minute – zum 12:0 (6:0) für Glad­bach. Wenig später pfiff Schieds­richter Fer­di­nand Biwersi (Blies­rans­bach) ab. Der BVB war wohl der Mei­nung, dass er sich auf einer Kaf­fee­fahrt oder einem Betriebs­aus­flug befindet. Es wäre für den deut­schen Fuß­ball unvor­stellbar gewesen, wenn wir Meister geworden wären. Dieser Titel wäre sehr anrü­chig gewesen. Heute möchte ich sagen, dass es Gott sei dank nicht pas­siert ist“, sagt Wolf­gang Kleff, der damals im Tor des Titel­ver­tei­di­gers stand.



Dieser Bun­des­li­ga­re­kord ist auch nach exakt 30 Jahren kaum fassbar und sorgt bei allen Betei­ligten noch heute für Kopf­schüt­teln. Von Schie­bung und Absprache war die Rede. Das Resultat führte zur Ent­las­sung von BVB-Coach Otto Reh­hagel, der sich lange den Spott-Namen Torhagel“ gefallen lassen musste. Dort­munds Tor­hüter Peter End­rulat kam zu zwei­fel­haftem Ruhm und möchte nicht mehr über diesen grau­en­haften Tag öffent­lich spre­chen. Er war nicht alleine der Sün­den­bock. Wenn ich im Dort­munder Tor gestanden hätte, wäre mir der Kragen geplatzt, und ich hätte dem einen oder anderen Spieler in den Hin­tern getreten. Mit Ruhe und Anstand war das nicht zu ertragen“, erklärt Kleff.

Vor dem Sai­son­fi­nale stand der 1. FC Köln an der Tabel­len­spitze mit der deut­lich bes­seren Tor­dif­fe­renz (+40) vor dem rhei­ni­schen Rivalen (+30). Die Geiß­böcke mussten in Ham­burg beim FC St. Pauli antreten. Wir haben gedacht: Was ist denn da los? Letzt­end­lich wäre alles andere ein Skandal gewesen. Gott sei dank ist alles richtig gelaufen“, sagt Kölns Rekord­tor­schütze Hannes Löhr zu den kaum fass­baren Nach­richten, die via Radio aus Düs­sel­dorf in die Kölner Ohren drangen.

Nach 13 Minuten stand es durch einen Dop­pel­pack von Jupp Heynckes und dem Treffer von Carsten Nielsen bereits 3:0 für die Mann­schaft von Trainer Udo Lattek, zur Halb­zeit durch wei­tere Tore von Calle del´Haye, erneut Heynckes und Hacki Wimmer 6:0. Die Kölner führten im Volks­park­sta­dion zur glei­chen Zeit gerade Mal 1:0 durch Heinz Flohe beim FC St. Pauli. Hannes Löhr war damals bereits Manager des FC und hatte mit einem Trick das Spiel in die HSV-Arena ver­legen lassen. Angeb­lich lagen 25.000 Kar­ten­wün­sche aus Köln vor, zuviel für ein Spiel am Mill­erntor. Tat­säch­lich waren viel­leicht 2000 Kölner in der Han­se­stadt.

Es war empö­rend, was da abge­laufen war“


Heynckes, Nielsen und Del´Haye schraubten das Ergebnis bis zur 66. Minute auf 9:0. Da führte der FC 2:0 durch Yasu­hiko Oku­dera. Der Vor­sprung war auf drei Tore zusam­men­ge­schmolzen. Kölns Coach Hennes Weis­weiler trieb seine Spieler mit wilden Hand­be­we­gungen weiter an. Flohe, Bernd Cull­mann und Oku­dera machten den Kölner Meis­ter­titel per­fekt, Heynckes mit seinem fünften Tor, Ewald Lienen und Kulik den Bun­des­li­ga­re­kord. Es war empö­rend, was da abge­laufen war“, sagt Kölns dama­liges Tor­wart-Ass Toni Schu­ma­cher. FC-Tor­jäger Dieter Müller, heute Prä­si­dent von Kickers Offen­bach, erin­nert sich an die Zurufe von der Sei­ten­linie. 8:0, 9:0, 10:0. Wir waren froh, das wir am Ende noch den Titel holten.“

Wolf­gang Bulle“ Weber konnte an diesem Tag vor lauter Ner­vo­sität seiner Arbeit als Scout für Weis­weiler gar nicht nach­gehen: Ich sollte ein Spiel in Wup­pertal beob­achten. Ich habe mich aber ins Auto gesetzt und bin von einer Ohn­macht in die nächste gefallen. Es wäre der schlimmste Skandal im deut­schen Fuß­ball gewesen. Wir sollten froh sein, dass es nicht so gekommen ist.“


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