Seite 2: Eine Analogie des Schreckens

So lei­den­schaft­lich und furios Nedved auf dem Platz agierte, so leise, fast schüch­tern war er abseits davon. Dass er 2003, vor Kory­phäen wie Thierry Henry und Paolo Mal­dini, zu Europas Fuß­baller des Jahres“ gewählt wurde, war ihm bei­nahe pein­lich.

Und als er vor der EM 2004 zu den beson­deren Stärken der tsche­chi­schen Mann­schaft befragt wurde, ant­wor­tete er allen Ernstes: Dass wir keine Stars haben.“ Dies, wohl­ge­merkt, zu einem Zeit­punkt, als Nedved mit Lazio und Juventus bereits zahl­reiche Titel gewonnen hatte, von der per­sön­li­chen Ehrung als Europas Bester ganz abge­sehen.

Eines der besten Spiele der Fuß­ball­ge­schichte

Ich bin ohnehin nicht der große Sport­pa­triot, und die deut­sche Mann­schaft von 2004 war keine, der man irgend­eine Träne nach­weinen müsste. Als die Euro­pa­meis­ter­schaft in Por­tugal begann, da gönnte ich den Pokal den Tsche­chen im All­ge­meinen und Nedved im Beson­deren. Und ich wurde nicht ent­täuscht, allein das 3:2 im zweiten Grup­pen­spiel gegen die damals ehr­furcht­ein­flö­ßend starken Nie­der­länder war nicht weniger als eines der besten Spiele der Fuß­ball­ge­schichte (wer das nicht glaubt, möge sich noch mal einen Zusam­men­schnitt der spek­ta­ku­lärsten Szenen auf You­tube ansehen).

Dass die Geschichte dann nicht mit einem Pavel Nedved endet, der den EM-Pokal in den Abend­himmel von Lis­sabon stemmt, son­dern mit einem, der trä­nen­über­strömt mit dem Schicksal hadert, das ist, nun ja, Pech. Was die Sache für ihn beson­ders bitter machte, war eine gewisse Ana­logie des Schre­ckens. Schon das Cham­pions-League-Finale ein Jahr zuvor hatte Nedved ver­passt, weil er sich im zweiten Halb­fi­nal­spiel gegen Real Madrid eine Gelb­sperre ein­han­delte. Ohne seinen Mit­tel­feld­star verlor Juventus das End­spiel gegen den AC Mai­land im Elf­me­ter­schießen.