In unserem aktu­ellen 11FREUNDE-Spe­zial beschäf­tigen wir uns mit Die Zehn – Magier und Denker des Spiels“. Die Aus­gabe ist online bestellbar und am Kiosk eures Ver­trauens erhält­lich. »>

Was von der EM 2004 in Erin­ne­rung bleibt? König Otto, na klar. Fran­cesco Tottis Spu­ck­at­tacke gegen Chris­tian Poulsen viel­leicht. Die Debüts von Cris­tiano Ronaldo und Wayne Rooney. Und natür­lich das schmach­volle deut­sche Vor­runden-Aus (nein, die WM im letzten Sommer hat dies­be­züg­lich kein Allein­stel­lungs­merkmal).

Mein emo­tio­nalster Moment des dama­ligen Tur­niers in Por­tugal ist jedoch ein anderer: Pavel Nedved, wie er wäh­rend des Halb­fi­nal­spiels zwi­schen Tsche­chien und Grie­chen­land wei­nend auf der Ersatz­bank sitzt. Raus aus dem Spiel mit einer üblen Knie­ver­let­zung, so kurz vor dem Errei­chen des großen Ziels.

Eine Kar­riere, die heute kaum mög­lich wäre

Der Schock über den Ver­lust ihres besten Spie­lers saß den Tsche­chen derart tief in den Kno­chen, dass die beste Mann­schaft jener EM die Partie gegen die Grie­chen verlor, die dann im Anschluss tat­säch­lich Euro­pa­meister wurden. Man mag Otto Reh­hagel für seine abge­brühte Defen­siv­taktik rühmen, mit der er sein Team zu einer der aber­wit­zigsten Sen­sa­tionen der Fuß­ball­ge­schichte führte – abzüg­lich der kleinen Ein­schrän­kung, dass dieser Tri­umph ohne den Knie­schaden des tsche­chi­schen Spiel­ma­chers wahr­schein­lich nie statt­ge­funden hätte.

2004 befand sich Pavel Nedved, obwohl bereits knapp 32 Jahre alt, auf dem Zenit seines Schaf­fens. Was auch damit zu tun hatte, dass der Mann, den sie wegen seiner wehenden blonden Mähne Das Pferd“ nannten, die Sache behutsam angehen konnte. Eine Kar­riere wie seine wäre heute, wo Talente bereits als Jugend­liche von Groß­klubs gecastet und im Zweifel ver­heizt werden, kaum mög­lich.

Ein Hybrid-Spieler

Der aus dem tsche­chi­schen Teil des Vogt­landes stam­mende Nedved hin­gegen spielte im geschützten Biotop der hei­mi­schen Liga, bis er 24 Jahre alt war – und selbst da, bei Sparta Prag, hatte er nicht sofort einen Stamm­platz. Als er 1996 nach Ita­lien zu Lazio wech­selte, war Nedved jedoch ein nahezu kom­pletter Mit­tel­feld­spieler. Das hatte er nicht zuletzt bei der EM 1996 bewiesen, als er seinen Teil dazu bei­trug, dass die Tsche­chen erst im Finale an der deut­schen Mann­schaft und dem Golden Goal eines gewissen Oliver Bier­hoff schei­terten.

In den fol­genden Jahren prägte er mit seinem unver­wech­sel­baren Stil die Serie A. Der wegen seiner nach­läs­sigen Frisur stets leicht unaus­ge­schlafen wir­kende Nedved war lauf­stark, ein­satz­freudig, mit­rei­ßend, aber auch spiel­in­tel­li­gent und ein echter Stra­tege. Nicht zu ver­gessen: Er hatte einen Schuss wie ein Pferd, und zwar mit beiden Füßen. Egal ob er zen­tral oder links spielte, Nedved war stets der Takt­geber seiner Mann­schaft, inso­fern auf jeden Fall ein Zehner, aber eben kein lupen­reiner, son­dern eine Art Hybrid aus Zehner, Achter und Sechser. Mit anderen Worten: Der Mann war viel­leicht der erste moderne All­round-Fuß­baller.

So lei­den­schaft­lich und furios Nedved auf dem Platz agierte, so leise, fast schüch­tern war er abseits davon. Dass er 2003, vor Kory­phäen wie Thierry Henry und Paolo Mal­dini, zu Europas Fuß­baller des Jahres“ gewählt wurde, war ihm bei­nahe pein­lich.

Und als er vor der EM 2004 zu den beson­deren Stärken der tsche­chi­schen Mann­schaft befragt wurde, ant­wor­tete er allen Ernstes: Dass wir keine Stars haben.“ Dies, wohl­ge­merkt, zu einem Zeit­punkt, als Nedved mit Lazio und Juventus bereits zahl­reiche Titel gewonnen hatte, von der per­sön­li­chen Ehrung als Europas Bester ganz abge­sehen.

Eines der besten Spiele der Fuß­ball­ge­schichte

Ich bin ohnehin nicht der große Sport­pa­triot, und die deut­sche Mann­schaft von 2004 war keine, der man irgend­eine Träne nach­weinen müsste. Als die Euro­pa­meis­ter­schaft in Por­tugal begann, da gönnte ich den Pokal den Tsche­chen im All­ge­meinen und Nedved im Beson­deren. Und ich wurde nicht ent­täuscht, allein das 3:2 im zweiten Grup­pen­spiel gegen die damals ehr­furcht­ein­flö­ßend starken Nie­der­länder war nicht weniger als eines der besten Spiele der Fuß­ball­ge­schichte (wer das nicht glaubt, möge sich noch mal einen Zusam­men­schnitt der spek­ta­ku­lärsten Szenen auf You­tube ansehen).

Dass die Geschichte dann nicht mit einem Pavel Nedved endet, der den EM-Pokal in den Abend­himmel von Lis­sabon stemmt, son­dern mit einem, der trä­nen­über­strömt mit dem Schicksal hadert, das ist, nun ja, Pech. Was die Sache für ihn beson­ders bitter machte, war eine gewisse Ana­logie des Schre­ckens. Schon das Cham­pions-League-Finale ein Jahr zuvor hatte Nedved ver­passt, weil er sich im zweiten Halb­fi­nal­spiel gegen Real Madrid eine Gelb­sperre ein­han­delte. Ohne seinen Mit­tel­feld­star verlor Juventus das End­spiel gegen den AC Mai­land im Elf­me­ter­schießen.