Natur­gemäß ereilt einen ein großer Schreck immer dann, wenn man nicht damit rechnet. Als ich ges­tern mit einem Kol­legen auf dem Weg in die Mit­tags­pause war, sackte vor uns auf dem Gehweg ein älterer Herr zusammen. Wir erschraken, halfen ihm auf und stützten ihn zu einer Bank, wo wir mit ihm war­teten, bis der Kran­ken­wagen kam. Er sei Dia­be­tiker, sagte er, nichts Schlimmes, nur manchmal pas­siere so etwas eben.

In den Minuten, die wir auf den Kran­ken­wagen war­teten, saß der Mann neben mir auf der Bank, wirkte fahrig und unsor­tiert und wir small­talkten ein wenig. Über seine Krank­heit, die ihn gerade auf dem Gehweg abge­grätscht hatte. Über das Leben, das unfair geworden sei mit dem Alter. Das Wetter, das ja jetzt besser werden würde. Er fragte, was wir machen und wir erzählten von 11FREUNDE. Ich fragte, ob er Fuß­ballfan sei, und er ant­wor­tete Mh“. Wohl nicht sein Thema, dachte ich, und das Gespräch pau­sierte, als sich plötz­lich der Himmel ver­dun­kelte und er mit einer unge­wohnt tiefen, keh­ligen Stimme unver­mit­telt Die ver­lieren heute, 1:2“ sagte. Seine Augen ver­drehten sich dabei und er hatte Schaum vor dem Mund. Wir erschau­derten.

Sollte ich auf Malaga setzen?

Ok, das mit der Stimme stimmt nicht. Und das mit dem Ver­dun­keln und den Augen eigent­lich auch nicht. Alles andere aber schon. Der Kran­ken­wagen kam, wir ver­ab­schie­deten uns, wünschten alles Gute und gingen unserer Wege. Ich über­legte, ob ich ein paar Euro auf Malaga setzen sollte. Aber ich wette ja eigent­lich gar nicht. Und an Orakel und Eso-Kram glaubte ich auch nicht. Oder?

Seltsam war es auf jeden Fall. Und manchmal pas­sieren solche Dinge. Ein Kraken aus Ober­hausen sagt alle Spiele der deut­schen Natio­nal­mann­schaft richtig voraus. Arie van Lent ver­stei­gert seine Schuhe, trifft nicht mehr, muss seine alten Schuhe wieder auf­treiben und ist prompt wieder erfolg­reich. Zufall? Wer weiß. Also viel­leicht doch ein paar Euro auf Malaga? Mh“, hätte der alte Mann gesagt. Ich ging zurück zur Redak­tion.

Abends dann sollte ich das Spiel tickern. Kol­lege Raack brachte Bier mit, die Stim­mung war gut, nur der BVB schien davon nichts mit­be­kommen zu haben. Die Dort­munder wirkten ebenso fahrig und unsor­tiert wie der alte Mann auf der Bank. Malaga, der Außen­seiter, ging in Füh­rung, Dort­mund glich aus, Malaga ant­wor­tete mit dem 2:1 in der Schluss­phase. Ver­dammt, dachte ich. Er hat’s gewusst. Er hatte eine Ein­ge­bung. Ein alter Mann, der sich nur so Mh“ für Fuß­ball inter­es­siert, ver­liert das Bewusst­sein und sagt mir anschlie­ßend unge­fragt das Ergebnis vorher. Und ich hatte nicht daran geglaubt, ich Spießer. Ich biss gedank­lich in meinen Laptop vor Ärger. Ich würde nie wieder ein sol­ches Zei­chen miss­achten. Ich würde glauben, und alten Män­nern, die abwe­gige Ergeb­nisse pro­phe­zeien, nicht mehr mit Skepsis begegnen.

Erst Krake Paul, dann Arie van Lent, jetzt dieser alte Mann

Als ich gerade kurz davor war, dem Fuß­ball­gott abzu­schwören und inner­lich die ersten heid­ni­schen Rituale exer­zierte, schlug der Sport zurück. Reus und San­tana drehten das wahr­schein­lich ver­rück­teste Spiel des Jahres in der Nach­spiel­zeit und ganz Dort­mund, ach, ganz Fuß­ball­deutsch­land stand Kopf. Raack und ich eska­lierten und als ich mich beru­higt und die Tore in der Wie­der­ho­lung gesehen hatte, merkte ich, dass sie der beste Beweis waren, dass im Fuß­ball immer noch der Zufall die Hosen anhat. Hohe Bälle, Abpraller, Gesto­cher und zwei Tore in 69 Sekunden. Kein Orakel der Welt hätte das vor­her­sehen können. Nicht Krake Paul, nicht Arie van Lent und auch nicht der alte Mann, von dem ich hoffte, dass er das Spiel hatte sehen können. Nicht als Gegen­be­weis für seine Ora­kelei, mit der er uns so ver­stört hatte. Ein­fach, weil er selbst als neben­säch­lich inter­es­sierter Beob­achter seine helle Freude an diesem Spiel gehabt hätte.