Wer hätte das gedacht? Zum ersten Mal seit November 2016 spielt der FC Bayern gegen Borussia Dort­mund, ohne dass die Online-Redak­teure den Text aus jenem Herbst wieder her­vor­kramen und aktua­li­sieren, in dem sich dieser Autor dar­über beschwert, dass die Partie der Klas­siker“ sein soll. Oder noch schlimmer: der deut­sche Clá­sico.

Woran man mal wieder sieht, dass die hippen jungen Leute, die diese Web­seite fleißig mit Inhalt füllen, ihre Hand am Puls des Zeit­geistes haben. Sogar der Pay-TV-Sender, der im Vor­feld der Partie nor­ma­ler­weise so tut, als sei dieses Spiel min­des­tens die Ent­schei­dungs­schlacht um Mit­tel­erde, hat sich in den letzten Tagen auf­fällig unauf­fällig ver­halten. Wenn Wonder Woman“ strin­genter beworben wird als der baye­risch-west­fä­li­sche Klas­sen­kampf, spä­tes­tens dann ist allen klar: Diesmal geht’s um nix.

Hitz­feld gegen Lattek

Natür­lich nur ver­gleichs­weise. Klar geht es immer noch um drei Punkte – aber eben nicht mehr um sechs plus die begin­nende Welt­herr­schaft, wie das sonst der Fall ist. Nimmt man die kurze Phase der schwarz-gelben Göt­ter­däm­me­rung heraus, also die letzte Saison unter Jürgen Klopp, dann ist das Spiel heute Abend die erste mehr oder wenig nor­male Bun­des­li­ga­partie der beiden Teams seit Februar 2009. Und selbst in jenem klopp­schen Annus hor­ri­bilis, als Dort­mund noch tief im Februar der Abstieg drohte, war das Spiel ja immer noch etwas Beson­deres, näm­lich Kloppo gegen Pep.

Heute dann also der net­teste Bayern-Trainer seit Ottmar Hitz­feld gegen den inte­rims­mä­ßigsten Dort­mund-Coach seit Udo Lattek. Und natür­lich die Sechs-Titel-Men­ta­li­täts­monster gegen eine punk­tuell ver­stärkte U21-Elf, die mehr als ein Dut­zend Punkte dahinter auf Rang fünf liegt. Das kann nicht mal Sky als echtes Top­spiel ver­kaufen, dann lieber eine flie­gende Ama­zone, die gegen eine Art mensch­li­ches Sams kämpft.

Dabei gibt es gerade heute Abend eine ganze Menge inter­es­santer, fri­scher Sei­ten­stränge in einer Sei­fen­oper, die etwas in die Jahre gekommen ist und deren Span­nungs­bögen seit geraumer Zeit ziem­lich flach geworden sind. Da wäre zum Bei­spiel der besagte Inte­rims­trainer mit dem treu­her­zigen Blick, der vor kaum sechs Jahren noch 11FREUNDE-Redak­teure durch Istanbul chauf­fierte. Wenn Edin Terzić näm­lich in einigen Stunden den größten Coup seiner bis­he­rigen Trai­ner­lauf­bahn landen sollte, dann findet man sich in Dort­mund end­gültig mit sehr kom­plexen Per­so­nal­fragen kon­fron­tiert.